Ägypten 1991/92

von
Michael Pophal
Uwe Mechtold

++ In Gedenken an Uwe (2001) ++

>> Google Maps <<


Fast ein halbes Jahr hat es gedauert, um alle Vorbereitungen für die große Reise zu treffen und die Planungen abzuschließen. Die Ausrüstung zusammen zustellen und dann alles auch zu beschaffen, hat uns etliche Besuche bei der Firma Hein Gericke und eine Fahrt zum Expeditionsausrüster Därr nach München gekostet. Bedanken müssen wir uns bei Doc Thümmler, Michels Hausarzt, der uns großzügig mit wichtigen Arzneimitteln versorgt hat, bei Ingrid Croner für die alten Gurkenkanister, die uns als Wasserbehälter gute Dienste geleistet haben, bei Walter Zopf, der uns mit Benzinkanistern ausgestattet hat, bei Angie Nagel und Silke Donder, die sich in Bonn die Hacken nach unseren Visa für Ägypten und Libyen abgelaufen haben und bei Miri und Yossi Kolonimos, die uns so großzügig im Kibbuz Beit Keshet aufgenommen und bewirtet haben. Zu großem Dank verpflichtet sind wir unseren Motorradstiefeln, die uns des öfteren bei schweren Stürzen die Knöchel zusammengehalten haben. Ein großes Kompliment an die Firma Honda für ihre unverwüstlichen Maschinen. Vielen Dank auch an unsere Eltern und sonstige Personen, die uns nahe stehen, dass sie uns trotz erheblicher Bedenken moralisch unterstützt haben und uns den Abschied nicht all zu schwer gemacht haben. Dem neutralen Leser dieses Reiseberichts sei gesagt, dass viele Bemerkungen über die farbigen Bewohner Nordafrikas aus dem Affekt gefallen sind und deshalb entsprechend milde beurteilt werden sollten. Allein die Reisenden, die schon in Ägypten gewesen sind, können verstehen, wie die Aufdringlichkeit, die fatale Hilfsbereitschaft und das "Laissez faire" der Einheimischen den Besucher eines anderen Kulturkreises in den Wahnsinn treiben können. Grundsätzlich distanzieren wir uns von jeglichen rassistischen Einstellungen.

Die Autoren.
Israelkarte und Ägyptenkarte


Freitag 30.Oktober 1992 Von Ingolstadt nach Bozen

Mit Heulen und Zähneklappern von Mama Pophal beim morgendlichen Abschied
beginnt unsere Fahrt zum schwarzen Kontinent und für unsere Eltern beginnen
"schwarze" Zeiten. Eingepackt in die Regenkombis brechen wir gegen 11 Uhr auf und machen die erste Pause am Irschenberg. Mit maximal 100 km/h ziehen wir unsere Bahn, da das Fahrverhalten unserer schwer beladenen Hondas erst ausgetestet werden muss. Auf der Brenner-Landstraße, an schneebedeckten Alpen vorbei, düsen wir zur Europabrücke und die Sonne lacht dabei. Vor der italienischen Grenze werden alle Kanister vollgetankt und weiter geht`s nach Bozen. Nach einer nervigen Zimmersuche bei Regen und Dunkelheit, bekommen wir eine super Privatsuite bei Familie Pellegrin mit Garage für die Motos. Abends gesellen wir uns noch etwas zu den netten Wirtsleuten und drei Kulmbacher Mädels und erzählen fiebrig von der Reiseroute, die wir vor uns haben.
- 470 km / 470 km -

Samstag 31.Oktober 1992 Regenetappe nach Ancona

Ausgeschlafen und gut gefrühstückt machen wir uns weiter Richtung Süden. Es regnet ununterbrochen und so durchqueren wir unsere erste Furt bereits 50 km vor Ancona: mit 70 Sachen brechen wir in eine überflutete Biegung der Landstraße, wobei uns angesichts dieser Wassermassen fast das Herz stehen bleibt. Doch das ist kein Problem für unsere grobstolligen Sandreifen. Die entsetzten Leute am Straßenrand bleiben in einer großen Gischtwolke zurück. Nach insgesamt 950 km Regenmarathonmit gelegentlichen Trockenabschnitten kommen wir völlig entnervt und geschafft am Hafen von Ancona an. Die wenigen Formalitäten sind schnell erledigt und wir schiffen uns auf der IONIAN GALAXY ein. Die feuchten Metallplanken der Fähre werden Uwe zum Verhängnis: an der Rampe zum Oberdeck rutscht er weg und gleitet samt Moped auf der Fußraste wieder nach unten, verbogen! Gegen 21 Uhr stechen wir in See. Wir genießen die laue Seeluft an Deck, auch wenn der Schiffsdiesel uns ständig in die Nüstern wabbert. Zum Schlafen ziehen wir allerdings den Fernsehraum vor.
Mit einem durchschnittlichen Benzinverbrauch von 5l/100km, mit all dem Gepäck, können wir sehr zufrieden sein.
- 480 km / 950 km -

Sonntag 01.November 1992 Auf See Richtung Patras

Gegen 8 Uhr frühstücken wir Gummibrötchen mit einigen anderen grausigen Zutaten. Es ist reichlich Verkehr auf dem Meer. Ständig überholen wir und werden überholt. Fähren, Frachter und Containerschiffe und sogar ein Aufklärungsflugzeug, das seine Neugier befriedigt. Interessante Bekanntschaften geschlossen haben wir mit zwei Schweizer Krankenschwestern, die sich auf dem Pelopones die Füße wundlaufen wollen und einem britischen Charityhelfer, der für Nahrungsmittel-und Arzneitransporte nach Bulgarien verantwortlich ist. Die Luft wird mit jeder Seemeile wärmer und versetzt uns langsam wieder in den Sommer zurück. Nach einem kurzen Anlegen auf Korfu und Igoumenitsa richten wir unser Nachtlager heute auf offenem Deck, um wenigstens einmal der gebuchten Deckpassage genüge zu tun.

Montag 02.November 1992 Von Patras nach Athen und wieder aufs Boot

Um 7 Uhr früh kommen wir in Patras an und müssen nun ca. 210 km auf der Autobahn nach Piräus überbrücken. Bei 29°C wühlen wir uns durch das Verkehrschaos von Athen. Die Fahrt wird zum Überlebenskampf: Autos überholen rechts und links, wo eben Platz ist.
Unser Dampfer namens Sea Wave von der POSEIDON LINE soll die nächsten dreieinhalb Tage unsere Heimat bzw. unser "Gefängnis" sein. Die Kabine dürfte ca. 2 mal 2,5 Meter haben und soll für vier Personen Platz bieten. Wir haben trotzdem noch Glück und müssen die Kabine nur zu dritt teilen. Ein Berliner ist noch mit eingezogen. Er ist stolzer Jude, studiert in Tel Aviv und will nun für immer in Israel leben. Die Sea Wave ist ein ziemlich alter Pott mit vielen Indonesiern als Besatzung. Was wir beim Einschiffen unter Deck an Dieselqualm geschluckt haben, dürfte für einen anständigen Lungenkrebs ausreichen. Nach Verlassen des Hafens werden die Wellen höher und die Höllenfahrt der Poseidon beginnt. Achterbahnfahren auf dem Meer! Der Kahn schlingert und schaukelt, dass es uns fast aus den Kojen wirft. Die Schläge, wenn das Boot aufs Wasser knallt, lassen Titanic-Stimmung aufkommen. An unserem Bullauge ziehen Wasserfontänen vorbei. Mit Schaukeln und Bruthitze in der Kabine verbringen wir unsere erste Nacht auf diesem Seelenverkäufer.
- 210 km / 1160 km -

Dienstag 03.November 1992 Langeweile auf hoher See

Irgendwann muss sich die See beruhigt haben, das Toben hat aufgehört. Gegen 10 Uhr rappeln wir uns auf und genießen an Deck die Sonne und den Ausblick auf das türkische Festland. Der Lorenz brettert und das Wasser ist glatt wie ein Kinderpo. Wir nutzen die Zeit: es wird Wäsche gewaschen und in der Kabine aufgehängt. Dann bietet sich ein Bild, das wir in diesem Urlaub noch öfter zu sehen bekommen sollten: das absolute Chaos im Raum, den wir bewohnen. Um die Mittagszeit machen wir Zwischenstop auf Rhodos und schippern dann weiter Richtung Zypern. Nachts stürmt und poltert es wieder.

Mittwoch 04.November 1992 Wir schippern nach Haifa

Früh um 9 Uhr hat es jetzt schon 25°C, als am Horizont die weißen Kalkfelsen von Zypern in Sicht kommen. Drei Stunden später befinden wir uns bereits auf Landgang in Limassol. Erstens haben wir keine Zyperndollar und zweitens ist es sehr heiß, deshalb sparen wir uns die Stadt und nutzen die Zeit zum Ernten von Orangen und Grapefruits. Endlich mit einsetzender Dämmerung legen wir wieder ab und kaum aus dem Hafen, schaukelt sich die Nussschale wieder ein. Noch zwölf Stunden müssen wir aushalten!

Donnerstag 05.November 1992 Über Haifa und Akko nach Kiriat Shemona

Früh morgens kommen wir in Haifa an und müssen uns einem eingehenden Interview der israelischen Grenzbehörden unterziehen. Ade SEA WAVE! Unsere Mopeds sind kaum noch zu halten, sie inhalieren die heiße Luft und setzen ihre Pirellis in Bewegung. In Akko machen wir halt und schauen uns eine der ältesten Hafenstädte der Welt an, den Markt und das Treiben in den Gassen. Bei 30°C fahren wir weiter Richtung Norden und direkt am Grenzzaun zwischen Israel und der Sicherheitszone zum Libanon entlang: keine Schüsse, keine Granaten! Wir genießen die herrlichen Ausblicke auf tiefe Schluchten und die grüne Hügellandschaft. Auf der Suche nach einem Schlafplatz erfahren wir, dass es hier im Norden keine Campingplätze gibt und dass die Übernachtungskosten in Kibbuzim und Hotels horrend sind. Nach längerem Suchen können wir eine Jugendherberge ausfindig machen für 25 NIS. Beim Versuch das Moped vor unserem Appartement abzustellen, legt Uwe sich zum zweiten Mal aufs Maul, allerdings ohne Folgen. Unser Benzinbrenner hat sich bei der heutigen Erstinbetriebnahme bereits zerlegt: das Drehrad aus Plastik ist gebrochen und Michel hat sich an diesem Wunderwerk Österreicher Brennertechnik die Griffel verbrannt. Vom Youth Hostel haben wir eine wunderschöne Aussicht auf das Lichtermeer von Kiriat Shemona und so sitzen wir bei heißem Tee noch eine Weile in der lauen Abendluft.
- 190 km / 1350 km -

Freitag 06.November 1992 Golanhöhen, See Genezareth und Oliver

Zeitig am Morgen fahren wir ins Tal hinab nach Kiriat Shemona. Während Michel in die Heimat faxt, trifft Uwe eine Jawa-Fahrerin. Sie ist von unseren Hondas ganz hin und weg und lädt uns auf einen Kaffee ein. Mark und Franne, wie unsere Gastgeber heißen, sind begeisterte Mopedfreaks und erzählen uns, dass man unsere Maschinen in Israel für ca. 50000 NIS verkaufen könnte, weil auf die wenigen importierten japanischen Motorräder sehr hohe Einfuhrzölle (150% !) gezahlt werden müssen. Sie wollen demnächst eine Honda-Vertretung eröffnen - die erste überhaupt in Israel - doch die Genehmigung lässt auf sich warten. Wir machen uns weiter und treffen des Weges überall auf bis an die Zähne bewaffnete Soldaten/innen, die hitch-hiken. Bei herrlichem Sonnenschein machen wir gegen Mittag auf den Golan-Höhen Pause, direkt an der syrischen Grenze unter den Augen und Ohren eines Lauschpostens auf einem Berg. Kurios finden wir die mit gelben Schildern gekennzeichneten Luftschutzröhren, die alle paar hundert Meter die Straße untertunneln und "shelter" bieten sollen, falls die Luft in dieser unsicheren Region mal wieder zu bleihaltig wird. An unserem Rastplatz hält plötzlich mit quietschenden Reifen ein Wagen und ein junger Mann in unserem Alter springt auf uns zu. In einem herzlichen Fränkisch begrüßt uns Oliver und stellt sich und seine Gastgeber vor. Er kommt aus Nürnberg, studiert wie wir an der Technischen Fakultät in Erlangen (man glaubt es kaum!) und macht hier ein Auslandspraktikum in einem Kibbuz namens Beit Keshet. Miri und Jossi, seine Gasteltern, laden uns auch gleich in den Kibbuz ein. Wir nehmen die Einladung an und wollen sie am Abend dort treffen. Kurz darauf setzen wir unsere Fahrt fort, die sehr bald zu einer orientierungslosen Irrfahrt wird. Nach einem stuntmäßigen Salto der Afrika Twin samt Fahrer in einen Dornbusch (nein, kein brennender !), kreist plötzlich ein Dutzend Geier über uns und wetzt die Schnäbel, um sich an Michels Überresten zu laben. Motorrad und Fahrer ist jedoch nichts weiter passiert, außer dass ein paar Dornen aus Michel zu entfernen sind. Zum Glück treffen wir kurz darauf auf einen sehr netten Israeli, der uns bei der Orientierung hilft und uns sogar seine Landkarte überlässt, mit deren Hilfe wir endlich zum See Genezareth finden. Wir baden im heiligen Nass, flicken einem Jungen sein Mofa wieder zusammen und versuchen auch auf dem Wasser zu wandeln, aber es klappt nur in Ufernähe. Nach der willkommenen Abkühlung geht`s zum Kibbuz, wo wir uns vor lauter Gastfreundlichkeit der Familie Kolonimos kaum retten können. Nachdem wir uns den Ranzen vollgeschlagen haben, gehen wir ins "Pub", eine Bude mit viel Lärm, schlechtem Bier und merkwürdigem Publikum. Mit Diskussionen über Israel, Gott und die Welt lassen wir den Tag ausklingen, derweil die Kojoten rund um den eingezäunten Kibbuz ihr schauerliches Abendgeheul erklingen lassen.
- 225 km / 1575 km -

Sabbat 07.November 1992 Über Jericho zum Toten Meer

Acht Uhr, aufi geht`s! Beim Aufrödeln legt sich Uwes Moped erst mal aufs Ohr, bevor es sich nach dem opulenten Mahl (Salami, Käse, Eier, Salat usw.), Proviantieren und Verabschieden in Bewegung setzt. Natürlich haben wir auch Brot eingesackt, das jedem Kibbuzbewohner (wie auch Milch und Obst) in schwindelerregender Menge kostenlos zur Verfügung steht. Nach Tiberias, einer Krokodilfarm, wo wir für 5 "Schenkel" die zukünftigen Nobelschuhe füttern dürfen, gelangen wir nach Jericho und machen dort erste Bekanntschaft mit Touristenneppern, die zu absolut überhöhten Preisen ihren Ramsch anbieten. Hier gilt nur Feilschen, bis der Händler mürbe ist. Einheimische und Ossis aus Marburg und Leipzig bewundern und umringen uns wie Außerirdische. Nach Essen und Fotos schießen fahren wir die Küste des Toten Meers entlang (400 m unter NN!) und müssen feststellen, dass es durch einen Grenzzaun nach Jordanien hin abgeriegelt ist. Nur vor En Gedi kommen wir endlich zu der einmaligen Gaudi, im Salzmeer zu baden. Auf dem Bauch schwimmend wird man unwillkürlich auf den Rücken gedreht. Der Auftrieb ist so groß, dass wir wie Korken im Wasser dümpeln. Für diese Nacht lassen wir uns hier nieder und genießen unseren Gemüseeintopf und ein Bundeswehr-Teextrakt übelster Sorte.
Der Mond scheint helle, das Feuer nicht. Militärstreifen schauen alle puuplang nach dem Rechten und jagen ein paar Leuchtkugeln übers Wasser Richtung Grenze. Abends um 20 Uhr hat es noch lauschige 25°C.
Getrübt werden all die schönen Eindrücke ein wenig durch den Plastikmüll, der vielerorts die Landschaft verziert.
- 202 km / 1777 km -

Sonntag 08.November 1992 Die Negev-Wüste

Zum Morgengrauen frühstücken wir, überlassen den Fliegen den Abwasch, verabschieden uns bei strahlender Sonne vom Toten Meer und fahren in die Berge nach Massada. Massada ist die Ruine einer alten Festungsanlage hoch oben auf einem Berg, die nur per Eselspfad oder Seilbahn erreicht werden kann. Berühmt wurde dieser Ort durch das jüdische Suizidkommando, welches sich durch hundertfachen Selbstmord dem Zugriff der römischen Belagerer entzog. Der hohe Fahrpreis und die Schilderungen von Touristen, die oben gewesen sind, bringen uns vom Aufstieg ab und wir genießen anderswo den herrlichen Ausblick auf die Salzebenen am Toten Meer. Um halb drei legen wir beim Römerfort Avdat eine Pause ein. Ein Stück weiter des Weges tut sich vor uns der gähnend tiefe Ramon-Krater auf. Ein riesiges Oval in Mitten der Negev-Wüste, umrandet von rotbraunen Sandsteinwänden, die die Hochebene bilden, auf der wir stehen. Auf der Weiterfahrt hinunter in den Krater hätten wir beinahe ein Rudel Steinböcke plattgewalzt, das aus dem Nichts über die Straße gerannt kommt, um in der steilen Bergwand schier zu verschwinden. Am Nachmittag finden wir unseren Schlafplatz, ein Wadi im Ramon-Krater. Wir sammeln Holz und beim Sonnenuntergang genießen wir die Lagerfeuerromantik mit Bratkartoffeln. Es weht ein kräftiger frischer Wind und so ist das Essen schon kalt, bevor es im Magen landet. Zudem hat Michel sich einen schönen Schnupfen gezüchtet und wir frösteln ganz anständig bei dem großen Temperaturgefälle innerhalb weniger Minuten,
nachdem die Sonne verschwunden ist. Jetzt sind wir sehr froh über unser wärmespendendes "Marlborofeuer". Des Nächtens fliegen Jets, Helikopter und merkwürdige Irrlichter über unsere Köpfe hinweg, die wahrscheinlich dieses ständig bedrohte Land bewachen sollen.
- 188 km / 1965 km -

Montag 09.November 1992 Der Grenzübertritt nach Ägypten

Um halb acht, bei Klapperkälte und zögerlichem Sonnenschein quälen wir uns aus den Schlafsäcken. Die erste Nacht in der Wüste haben wir gut überstanden. In Sand und Staub, umgeben von Sträuchern, dürren Büschen, vom Wasser zerfurchten Boden, fühlen wir uns wohl - endlich sind wir da, wovon wir viele Monate gesponnen haben. Michels Nase läuft davon, das Niesen unterm Helm macht riesigen Spaß! Noch am Vormittag erreichen wir Eilat. Der beliebte Badeort erfüllt unsere Erwartungen voll: ein Touristenkaff, wie es im Buche steht, deshalb verschwenden wir auch keine Zeit und widmen uns den Grenzformalitäten, um endlich ägyptischen Boden zu betreten. Nach fast dreistündigem Filzen und Kohleabdrücken (110,-DM pro Mann für die Ausreise aus Israel, Moto-Versicherung, Gebühren für dies und das, etc.) erreichen wir Taba in Ägypten. Besonders goldig sind die leuchtenden Augen der ägyptischen Zöllner, wie sie mehr aus Neugier unser gesamtes Gepäck in Augenschein und in die Griffel nehmen. Besonders unser Milchpulver hat es einem diensteifrigen "Drogenfahnder" angetan, der nur mit viel Mühe davon abgehalten werden kann, das kostbare weiße Pulver zu beschlagnahmen.
Faraun Island, ein kleines Inselchen mit Festung lassen wir links liegen und suchen einen Schlafplatz am Roten Meer, der auf der Karte als Fjord bezeichnet ist. Der Strand ist gesäumt vom Müll, der wahrscheinlich aus Eilat angespült wird. Mit arabischer Musik aus dem Michel-Mini-Weltempfänger, Vollmond bei angenehmen 25°C, Meeresrauschen und Linseneintopf lassen wir den Tag langsam ausklingen.
- 174 km / 2139 km -

Dienstag 10.November 1992 Camping in Nuweiba

Beim morgendlichen Geschirrspülen beobachten wir, wie die Rückenflossen von ca. 1 m langen Fischen durchs Wasser spielen, vielleicht auf der Jagd nach dem Tintenfisch, der sich beim Überschwimmen der vielen schwarzen Plastikteile selbst immer dunkel verfärbt. Bereits einige Kilometer vor Nuweiba stechen uns die Betonklötze in die Augen, die ganz offensichtlich für den Massentourismus aus dem Boden gestampft werden. Nach Teetrinken und dem Besuch einer deutschen Tauchbasis suchen wir einen Campingplatz und finden ihn in einem Beduinendorf. Für 10 Pfund bekommen wir eine Strohhütte mit Matten drin. Wir essen zu Mittag einen Fisch und buchen nach langem hin und her einen 3-tägigen Kameltrip in die Berge des Sinai. Beim Schnorcheln am hauseigenen Riff bewundern wir zum ersten mal die Vielfalt der Unterwasserwelt des Roten Meeres. Wir fühlen uns wie in einem großen Aquarium, umgeben von unzähligen großen, kleinen, bunten und unscheinbaren Fischen, Korallen und Pflanzen und leider auch von umhertreibendem Müll. Im Camp essen wir leckere Pfannkuchen mit Banane, Honig, Kokosflocken, Joghurt und Schokosauce, einfach genial. Nach einer kalten Dusche treffen wir deutsche "Taucherbeine", mit denen wir bis in die Nacht hinein plaudern. Sie empfehlen Dahab
als Tauchrevier.
- 55 km / 2194 km -

Mittwoch 11.November 1992 Cameltrip in die Bergwelt des Sinai

7.30 Uhr: Kamelblitzstart in die Wüste. Bergab müssen wir uns gewaltig am Sattel abstützen, um uns nicht die Juwelen abzuquetschen. Mittags steigen unsere Beduinen auf dornige Akazien, brechen mit Steinen trockenes Holz vom Baum und kneten Brotteig aus Wasser, Salz und Mehl. Der Brotteig wird ausgebreitet in die Glut gelegt und mit Holzkohle bedeckt. Dazu wird ein Muß aus frittierten Zwiebeln,Tomatenmark und Bohnen bereitet.
Ein Pärchen aus Neuseeland reist mit uns zum Canyon Freyä, der sehr nah mit dem Grand Canyon verwandt sein muß. Eine grandiose Schlucht tut sich vor uns auf. Den Abstieg in den Krater müssen wir zu Fuß bewältigen, da die Dromedare genug Schwierigkeiten haben, allein wohlbehalten den steilen Pfad hinunterzukommen. Drunten erwarten uns ein paar grüne Stauden, die ein salziges Wasserloch umranden. Während Mubarak Tee und Abendessen zubereitet, klettern wir mit Farhan zu verborgenen Wasserstellen, die mit Dattelpalmen gesäumt sind.

Donnerstag 12.November 1992 Coloured Canyon

Mit der Sonne aufstehen, Fladenbrot und dänischen Feta-Cheese, Tee und dann folgt ein schweißtreibender Fußmarsch durch die Hammada ohne Kamele, die das Folgende nicht bewältigen können: die Schlucht wird immer enger und an manchen Stellen ist der Durchschlupf nur noch schulterbreit; die Felswände aus Sandstein steigen immer weiter in die Höhe und über mannshohe Felsen kletternd und schwitzend bieten sich atemberaubende Eindrücke, wenn wir zum Himmel hoch sehen. Während Farhan die Dromedare einen Umweg führt, zeigt uns Mubarak den Weg durch dieses Canyonlabyrinth und geleitet uns so zum Coloured Canyon, wo der Sandstein Farben von weiß, rot, gelb bis blau und violett angenommen hat. Wie in sich verwundene Schlangen ziehen sich schwarze Streifen durch den roten Fels, der an manchen Stellen aussieht wie ein kunstvoller Marmorkuchen. Der Weg führt unter herabgestürzten Felsen hindurch über butterweichen Sand, der den schmalen meanderförmigen Gang bedeckt. Direkt neben uns steigt der vom Wasser rundgewaschene Fels senkrecht 30 Meter hoch. Das große Malheur ist nur, daß unser Film fast voll ist und wir einen Ersatzfilm vergessen haben! Kurz darauf klettern wir aus der Schlucht heraus und vor uns taucht Farhan mit den Kamelen auf. Eine kleine Echse fängt Fliegen, die sich am süßen Tee laben. Recht große Libellen gibt es auch in der Sinaiwüste, eine Wüstenmaus, ein Gecko, große Heuschrecken, Schlangen- und Fuchsspuren und ein paar zutrauliche Fliegen, die uns überall einen freudigen Empfang bereiten. Ein Stück Weiterreiten auf Kamelkosten bringt uns zu einem verdorrten Strauch, der mit Decken beworfen guten Schatten spendet. Wir dürfen uns in denselbigen legen, während unsere Beduinen aufkochen: Zwiebeln, Öl, Tomatenmark und Erbsen gekocht und selbstgebackenes Brot und einen Verdauungstee zum Schluß. Uwe führt fleißig das Tagebuch und der Rest schnarcht um die Wette. Plötzlich prescht ein Jeep heran, zwei Touri-Tussen hopsen kreischend aus dem Auto, knipsen unsere Bedus mit Kamelen, bis die Kameras glühen, rennen zurück in den Jeep und jagen davon. Zum Schlafplatz sind es nur noch wenige Kilometer und um vier geht dann die Sonne schon wieder schlafen. Um sechs ist es bereits dunkel wie im Bärenarsch. Wir genießen die unglaubliche Stille und das Abendmahl unter dem Sternenzelt.

Freitag 13.November 1992 Der dritte Tag auf dem Kamel

The same procedure as last day. Mittags muß eines der Kamele ambulant operiert werden, weil es sich in seiner unendlichen Gier einen Dorn in die Zunge gerammt hat. Für unsere Wüstenfreaks ist das kein großes Problem. Einer hält die Kamelrübe fest, sperrt sein Maul auf, der andere zieht die Zunge einen halben Meter raus und entfernt den Übeltäter. Unterwegs treffen wir wieder auf die Kiwis. Mit einer riskanten Kraxltour, allerdings ohne Camels, beschließen wir den dreitägigen Trip. Auf dem Rückritt können wir die "Jungs" sogar zu einem Galopp überreden, wobei die Juwelen ganz schön krachen! Am Nachmittag kommen wir endlich am Beduinencamp an und schenken den zwei Führern ein Taschenmesser. Sie können es wirklich brauchen: interessant zu wissen, wie sie die Konservendosen aufbekommen hätten ohne unser Taschenmesser zum Abschied. Abends müssen Pancake und Kebab dran glauben. Übrigens: unser Libyenvisum ist nur bis zum 22.11. gültig, d.h. wir müssen nach Kairo und Botschaften abklappern. Hoffentlich wird es verlängert.

Samstag 14.November 1992 Katharinenkloster, Wüstenhorror, Dahab

Um 6 Uhr Aufstehen und Aufrödeln der Mopeds, weil heute das Katarinenkloster angesagt ist. Eine einmalige Wüstenlandschaft aus Sand, Felsen und Beduinencamps bietet sich unseren Blicken. Das Kloster entpuppt sich als Touristenfalle, ist aber trotzdem sehenswert. Einen Sonnenaufgang bzw. Sonnenuntergang auf dem Mosesberg (wo Mose Gottes Gebote vor die Füße bekam) sparen wir uns angesichts der Schreckensberichte von Müll und Fäkalien ausstoßenden biblischen Reisegruppen, die choräleschmetternd den heiligen Berg hochjapsen, um oben ihr Seelenheil mit Psalmen zu ersingen. Im Kaff selbst bleibt die Frage nach Telefax und libyscher Botschaft in Kairo offen. Obwohl hier jeder Ägypter englisch zu können glaubt, versteht keiner dieser Trottel ein Wort - no problem! you understand Die Touristpolice ist genauso wenig zu gebrauchen, wie die Police selbst. Wir lunchen, tauschen 500 Märker und machen uns in brütender Mittagshitze weg, querfeldein zur Piste nach Dahab, die jedoch nach unserer Karte nicht zu finden ist. Glücklicherweise pickt uns nach längerer Irrfahrt im Wüstensand eine Militärpatrouile auf. Sie geleiteten uns wieder aus dem staubigen Terrain, wobei Uwe sich mit seiner Kiste erst nochmal flach macht. Bei diesem ersten "längeren" Kontakt mit der erbarmungslosen Wüste, die ständig versucht, unsere Maschinen in ihrem Sand aufzusaugen und uns viel Energie bei Sprüngen und anderen Stunts abverlangt, sind wir erstmal ziemlich gefrustet und gar nicht mehr so sicher, ob wir uns da nicht etwas übernommen haben. Wir fahren erleichtert durch die Rettung auf der Straße wieder zurück nach Nuweiba und weiter nach Dahab. Dahab ist ein "idylisches kleines Dörfchen", alles andere als sauber, ruhig und wenig Touristen. Die Tauchpreise variieren gewaltig und die schönen kleinen Holzhütten wie in Nuweiba gibt es hier auch nicht. Hier erinnert alles sehr stark an die Costa Brava in Spanien, überall Nepper und Schlepper.
- 250 km / 2444 km -

Sonntag 15.November 1992 Tauchen, Schnorcheln und Pennen

Die Unterkunft, die wir gestern abend nach langem Gezerre bezogen haben, ist zwar billig aber mindestens genauso schlecht. Es ähnelt mehr einem Brutkasten für Moskitofutter. Die Nacht über plagen uns unzählige Mücken, die Stiche sind nicht zu zählen. Michel wird es zu bunt (genauer blutrot!), er zieht aus und pennt am Strand in einer Liegekuhle. Am Morgen zählen wir die Opfer: über 20 erschlagene, z.T. vollgesaugte Moskitos kleben an Wand und Decke. Nach einem recht guten Pancake geht es zur Tauchbasis und dem ersten Tauchgang (50 US$). Michels Eindrücke: Einmalige Sicht; Fische bunt wie Gemälde, Barrakudas, Rotfeuerfische, Anemonenfische, Korallen etc., einfach phantastisch Die Essenspreise erlauben uns richtige Völlereien. Pizzas, Backwaren, Pancake, Tee, Cola, Gemüse, Fisch etc. Wir ziehen aus unserem 7 Pfund teuren Zimmer in ein 3 Pfund teures Loch um, das wir nur als Gepäcklager nutzen und pennen am Strand. Am Abend werden wir von einem Rudel Hunde umlagert, die offensichtlich ihre Einsamkeit mit uns teilen wollen.
- 35 km / 2479 km -

Montag 16.November 1992 Tauchen und Schnorcheln am Blue Hole

Zerstochen von Mücken erwachen wir am Strand und machen uns auf zum Frühstücks-Pancake. Die Fliegen pesten uns natürlich wieder wie jeden Morgen, was uns dazu veranlaßt, ein paar von ihnen zu Fußgängern zu machen. Um 9 Uhr geht's zum 3. Tauchgang. Inzwischen geht Uwe ins Pullman Hotel, um Geld zu tauschen, nach der libyschen Botschaft in Kairo zu fragen und etwas in der Sonne zu braten. Mittags treffen wir uns zum Essen und fahren dann gemeinsam zum Blue Hole: ein gigantisches, mit Korallen besetztes dunkles Loch, in dem die Taucher verschwinden. Fische in allen Farben, Papageifische und Kugelfische tummeln sich dort. Recht spät kommen wir ins "Hilton" zurück und gehen erstmal völlern: Somosa, Fruchtsalat und Sahlab. Prallvoll schlafen wir schon fast im Caf`e ein. Wir kaufen uns noch eine schlechte Sprite und wenig bessere Chips und fläzen uns an den Strand. Mitten in der Nacht werden wir unvermittelt aus den Träumen gerüttelt. Ein zahnloser Touristpolice-Trottel steht vor uns. Der Büttel rudert mit den Armen und stammelt ein unverständliches Englisch, deutet aufgeregt auf unsere Schuhe! Wir verstecken sie unter unseren Schlafsäcken und er gibt sich zufrieden und trollt sich. Dafür läßt der Wind nach und die Mücken suchen uns wieder heim.
- 40 km / 2519 km -

Dienstag 17.November 1992 Erste Bekanntschaften

Diesmal beginnen wir den Tag mit Sahlab und Omelette bzw. Pancake (öfter mal was Neues !). Uwe geht zum Pullman, Brief und Karten schreiben, nachmittags schnorchelt er am Hausriff: zwei Rotfeuerfische treiben schief im Wasser liegend und bewegen ihre federartigen Flossen nur, wenn sie gestört werden. Auf dem Weg zurück zum Ufer tut sich im flachen Wasser eine tiefe Ausbuchtung auf, in der sechs kleine Muränen umherschlängeln, bewacht von einem kofferähnlichen größeren Fisch. Wir lassen es jetzt jeden Abend mehr krachen: heute sind Pizza Margharita , fruit salad mit vanilla ice schon Standard, Sahlab natürlich auch. Der Abend ist zur Abwechslung mal ganz gesellig. Kennengelernt haben wir einen Lebenskünstler aus Kaschmir (Indien), der bei Geldnot mit Edelsteinen handelt, dort eine "filmfactory" besitzt und ansonsten als Jurist arbeitet. Er macht in Dahab gerade Tauchkurs - ein paar Tage seines dreijährigen Urlaubs. Die 6 Jahre Urlaub davor scheinen ihm auch nicht geschadet zu haben. Ein Pärchen aus Augsburg, sie Reiseleiterin und er angehender Tauchlehrer, stürzen uns mit ihren 7 Monaten Sharm el Sheikh vollends in die Identitätskrise: sollen wir wirklich mal in unserem Gesellschaftssystem mitmischen und es den Eltern gleichtun oder soll man sein Leben wirklich so gestalten, wie man es sich träumt? Eigentlich lebt man nur einmal, oder!? Arbeiten wenn es nötig ist und reisen, wenn man Lust dazu hat. Um 21 Uhr gibt es eine Diashow von der Unterwasserwelt hier im Golf: beeindruckende Bilder von Spanish Dancer, farbenprächtigen Riffbewohnern, Haien und anderen Raubfischen des Roten Meeres. Ein Sahlab rundet den Abend ab und dann sind wir Zeuge einer echten Rarität: auch für die Einheimischen kaum faßbar dringen ein paar Regentropfen zu uns durch. Aber auch sie bringen keine Abkühlung in dieser windstillen, stickigheißen und mückensurrenden Nacht. Um 23.30 Uhr haben wir noch stöhne und schwitze $28^o $C im Mondschatten.
- 17 km / 2536 km -

Mittwoch 18.November 1992 Doc Holchi

Gegen 1 Uhr werden wir vom Regen geweckt, der sich in Strömen über Dahab ergießt. Wir wechseln von unserem Schlafplatz am Strand in ein überdachtes Cafe. Der Mücken wegen sind wir bis oben hin zugeschnürt und schmoren im eigenen Saft. Am Morgen werden wir von den Bestien wieder übel gepeinigt, bis Uwe die Faxen dick hat und aufsteht. Während Michel sich beim Tauchen vergnügt, lernt Uwe beim Schnorcheln Holger kennen, einen jungen Arzt aus Deutschland. Jeden Tag gibt es neue Fische zu entdecken: einen blaugetüpfelten Rochen, der sich voll auf seinen stachelbewährten Schwanz verlassen kann, einen ultragiftigen Steinfisch, der seinem Namen alle Ehre macht und Muränen von rießig bis mittel über braun, grau und weiß und einen Zitterrochen, um den man ebenfalls am Besten einen großen Bogen schwimmt. Den Abend verbringen wir diesmal zu dritt, wobei wir intensiv Urlaubserfahrungen austauschen und Lebensauffassungen diskutieren.

Donnerstag 19.November 1992 Unterwasserfotos am Lighthouse

Unsere Freunde die Fliegen wecken uns auch heute zum letzten Tauchen bzw. Schnorcheln im Roten Meer. Michel geht mit seiner Tauchergruppe am "Canyon" ins Wasser, einem langgezogenen, 30 Meter tiefen Unterwasserkrater, der am Ende in eine kleine Höhle mündet, die nach oben führt und an dessen Wänden sich das blühende Leben abspielt. Außer einem Skorpionsfisch ist heute nichts besonderes zu entdecken, wenn man angesichts dieses Artenreichtums überhaupt so etwas behaupten darf. Glücklicherweise leiht uns am Nachmittag ein Österreicher seine Unterwasserkamera, mit welcher wir am Lighthouse einen ganzen 36er Film verschießen. Am Abend treffen wir Holchi im mondänen Pullman Village, wo wir uns von ihm zu einem ägyptischen Stella-Bier überreden lassen. Den überaus bequemen Strandliegen können wir nicht wiederstehen und so schlafen wir wenig später darauf ein. Doch wie sollte es anders sein: irgendwann rüttelt uns ein Pinguin wach und verlangt 10 LE pro Nase für die Benutzung der Liegestühle. Dummstellend und schulterzuckend verlassen wir das Terrain und genießen stattdessen wenig später bei einem Sahlab einen Stromausfall in Dahab, der die lärmende Touristenmeile in eine romantische ruhige Bucht am Roten Meer verwandelt.
- 6 km / 2544 km -

Freitag 20.November 1992 Durch Minenfelder nach Sharm el Sheik

Bei unerträglich schwüler Hitze verabschieden wir uns von Holchi und Dahab und machen uns auf, Richtung Sharm el Sheik, in die Spitze der Sinaihalbinsel. Auf halber Strecke verlassen wir die Asphaltstraße und nehmen eine Sandpiste zu den Mangroven. Das verrostete Wrackteil eines deutschen Frachters, das hoch auf dem Korallenriff thront, zeigt uns, daß wir richtig gefahren sind. Vor Entzücken bettet Uwe seinen Knöchel unter sein Motorrad. Auf dem Rücken liegend genießt er die sengende Hitze, während Michel ihn ausgräbt. Etwas später treffen wir auf einen Militärstützpunkt, dessen Soldaten uns aufgeregt fuchtelnd und zeternd zu sich herzitieren. Mit einem verklärten Lächeln auf den Lippen und einem seltsamen Gefühl von Wiedergeburt lauschen wir dem Offizier, der uns erklärt, wir befänden uns in einem sehr gefährlichen Gebiet, das noch mit vielen Minen und sonstigen brisanten Überbleibseln vom 6-Tage-Krieg verseucht ist. Ein kurzes Stück führt uns dann ein Jeep durch das Gebiet, bis er uns abhängt, als die Transalp zu spucken und zu klingeln anfängt und kein Gas mehr annimmt. Ach ja: kurz vorher hat Uwe mehrmahls den Wassersack verloren, doch ansonsten klappt heute alles ganz gut! Ein Schluck 80er Sprit hilft dem spotzenden Moped wieder auf die Reifen und weiter geht's durch das Minenfeld, über Stacheldraht hinweg nach Sharm el Sheik. Dort angekommen müssen wir erfahren, daß die Fähre nach Hurghada heute nicht und die nächsten Tage nur vielleicht verkehrt. Außerdem scheinen Motorräder noch nie transportiert worden zu sein. Die große Überfahrt soll ganze 165 LE pro Nase und Auspuff kosten. Die Stadt ansich ist ein häßliches Agglomerat aus vielen Touristenvillages. Der "günstige" Campingplatz oberhalb der City macht unverschämte 10 LE und 3 LE extra für eine elektrische Leuchte, auf die wir verzichten können. Aus zwei Wochen alten Israelipotaken brauen wir einen leckeren Gemüseeintopf und anschließend einen echten Kakao, bevor wir der Einladung des mückenfreien Zelts nicht mehr widerstehen können.
- 145 km / 2689 km -

Samstag 21.November 1992 Tauchen und Schnorcheln am Jackson Riff

Nach einer geruhsamen Nacht stehen wir zeitig auf, packen unsere Badesachen und frühstücken in der "Budenzeile" des Dorfes ein ölgetränktes Ful mit Felafel und Shai. Dann gehts zur Tauchschule und zum Boot, das uns zum Jackson Riff nahe der Insel Tiran bringt. Michel wird vom Geschaukel recht unwohl und sein Tauchgang wird mehr und mehr ein Kampf gegen den Sodbrand. Grandios ist das Gewimmel der Fischschwärme um die Korallenstöcke. Zwei große Wracks liegen hier in knietiefem Wasser auf dem Riff und hin und wieder ziehen riesige Frachter ihre Bahn durch die schmale Straße von Tiran. Die Strömung an dieser Stelle ist recht heftig und so hat jeder zu kämpfen, um nicht abgetrieben zu werden und das Boot wieder zu erreichen. Inzwischen hat der Bootsmotor seinen Geist aufgegeben, nachdem eine Sturmwarnung eingegangen ist. Doch ein nahegelegenes Ausflugsboot erbarmt sich unser und schleppt uns in den Hafen. Wir schlafen derweil auf dem Deck ein und ernten alle einen sehenswerten Sonnenbrand. Zurück in Sharm erfahren wir, daß eine Fähre nach Hurghada aufgrund stürmischer See vorerst nicht zu erwarten ist. Was tun? Nach langem Abwägen von Für und Wider beschließen wir, erst nach Kairo zu fahren und die libysche Botschaft aufzusuchen. Der räuberische Aufseher vom Safetyland-Camping verlangt noch einen ganzen Tagesbetrag von uns, doch er kann auf die Hälfte heruntergefeilscht werden. Bloß weg von diesem gräßlich' Fleck! So fahren wir in die hereinbrechende Nacht bis hinter El Tur, wo wir bei netten Fernfahrern unter ihrer windigen Hütte aus Stroh und Wellblech mitpennen dürfen.
- 120 km / 2809 km -

Sonntag 22.November 1992 Die Leiden des jungen Michel

In der Nacht sinkt die Temperatur auf 16°C, die Ägypter frieren ganz gewaltig und Michel bekommt die Rache der Pharaonen zu spüren: er muß etliche male raus und abreihern. Konsequenterweise begnügt er sich mit Aspirin und Immodium zum Frühstück, während Uwe sich an Tuna, Tomaten und Shai gütlich tut. Derweil Michel in der Wellblechhütte dahinsiecht, nutzt Uwe die Zeit, um El Tur zu erkunden: eine für ägyptische Verhältnisse ungewöhnliche Stadt mit vierspurigen Straßen, dreistöckigen Wohnblocks und sogar einer richtigen Klinik. Sehr wahrscheinlich alles von den Israelis erbaut, während ihres Aufenthaltes auf der Sinaihalbinsel. Ein starker Wind mit viel Sand im Schlepp und Michels Krankheit (Kopfweh, Dünnpfiff, Übelkeit und Erbrechen) zwingen uns, bei den netten Einheimischen zu bleiben. Die kleine "Hütte" bietet guten Schutz vor dem Wind, was sich auch unter sämtlichen Fliegen des Sinai herumgesprochen haben muß. Unsere Gastgeber sind sehr wißbegierig, testen sogar Jacken und Helme. Die Leute hier leben von einem 15 m tiefen Loch, in dem sich jeden Tag ein konstanter Wasserspiegel einstellt. Das kostbare Naß wird mit Tankwagen zu den großen Hotels in Sharm el Sheik gebracht. Mit vielen kleinen bewässerten Pflanzungen und Zäunen aus Palmwedeln versuchen sie das Vordringen des Wüstensandes aufzuhalten. Wir verbringen den ganzen Tag hier und auch die Nacht, die mit stürmischem Wind und nur 8°C im Freien ziemlich ungemütlich geworden wäre.

Montag 23.November 1992 Kilometerfressen Richtung Kairo

Mit der Sonne stehen hier alle auf, auch wenn nichts zu tun ist. Michel geht es relativ besser und so wollen wir heute versuchen weiterzufahren. Als kleines Dankeschön für die freundliche Unterbringung bekommt der Hausherr einen wärmenden Pulli von uns geschenkt. Das Fahren strengt an, bei vollem Gegenwind. Wir machen Pause in Abu Rudeis in sengender Mittagshitze, kaufen Wasser, Bananen und Coke für Michels Verdauung. Heute werden Kilometer gefressen, wegen der langweiligen öden Sandwüste und weil wir morgen in Kairo sein wollen, um neue Libyenvisa zu besorgen. Durch den Tunnel unter dem Suezkanal verlassen wir den Sinai, werfen einen kurzen Blick auf vorüberziehende Schiffe, die im Sand zu fahren scheinen, und lassen Suez hinter uns. Hundert Kilometer nach Suez geht die Sonne schlafen. Wir halten bei einer Sanitätsstation an der Autobahn und bekommen von einem freundlichen Herrn sofort das Krankenzimmer als Nachtstätte gerichtet. Wiedermal ein Beispiel der selbstlosen Hilfsbereitschaft in diesem Land, von der sich Deutschland einen gehörigen Happen abschneiden müßte.
- 295 km / 3104 km -

Dienstag 24.November 1992 Kairo und das ganz normale Chaos

Um halb vier in der Nacht lassen wir uns wecken, um rechtzeitig vor dem Einsetzen des großen Verkehrsgewühls in Kairo einzutreffen, doch Michel ist, von Krämpfen geschüttelt, noch nicht fahrtüchtig. Um acht Uhr fahren wir dann doch trotz Krämpfen und Schmerzen los und erreichen gegen Mittag den 18-Millionen-Moloch. Trotz nervenaufreibender Fragerei finden wir uns relativ gut zurecht in diesem Chaos. Michel wird von einem Bus gerammt und auf die Fahrbahn geschickt. Fluchend wird die Africa Twin wieder aufgerichtet und mit Hilfe von Passanten an den Straßenrand geschoben: Blinker und Kofferträger sind verbogen. Der Busfahrer hat das ganze Geschehen mit gelassenem Desinteresse verfolgt und Glück dabei gehabt, daß viele Fahrgäste zwischen ihm und dem aufgebrachten Motorradfahrer gestanden sind. Malesch, wird er sich gedacht haben. Kurz vor Zamalek geht Uwe mal wieder der Saft aus und wir sind gezwungen, auf der stark befahrenen Nilbrücke nachzutanken. Wenig später finden wir die libysche Botschaft und Michel verschwindet in ihrem Innern. Der Verkehr in dieser Stadt ist für unsere Verhältnisse unglaublich. Es scheint keinerlei Regeln zu geben und doch gibt es einen gewissen Verkehrsfluß, der beim Anlegen heimischer Verhaltensregeln bei diesen Automassen wohl schon längst zum Erliegen gekommen wäre. Gefahren wird, wo Platz dazu ist, Ampeln sind reiner Straßenschmuck und Hupen ist oberste Autofahrerpflicht. Das Visum für Libyen ist verweigert worden, weil die engstirnigen Araber am ägyptischen Einreisestempel erkannt haben, daß wir in Israel gewesen sein müssen. Basta! Der Schock sitzt tief und wir suchen erstmal eine günstige Unterkunft in der Nähe, in der Hoffnung, daß uns die deutsche Botschaft morgen weiterhelfen kann. Die Pension Zamalek kostet 30 LE pro Nase und bietet das nobelste Nachtlager seit Italien: Balkon, Parkettboden und Lampen, die wirklich gehen. Die Bäder sind ebenfalls 1a und werden sofort ausgiebig getestet. Fast alles funktioniert hier, kaum zu glauben. Auf dem Zimmer kochen wir Reis mit Chinapfannensoße und spargeln vorher eine Suppe. Morgen erwartet uns ein inclusives Frühstück.
- 120 km / 3224 km -

Mittwoch 25.November 1992 Das Mogamma, Sakara und Gizeh

Nach einem Frühstück mit Marmelade, Kräuterbutter, Käse und über einer Dieselflamme geröstetem Toast gehen wir zur deutschen Botschaft und bringen die Mühlen der Bürokratie in Gang: mit einem Empfehlungsschreiben der deutschen Botschaft im Mogamma-Gebäude ein neues und zugleich verlängertes Ägyptenvisum in den Ersatzreisepaß stempeln lassen, mit dem ein neues Libyenvisum zu beantragen ist. Vorher besuchen wir einen Arzt, der Michel ein paar Medikamente verschreibt und sein Leiden - Allah sei Dank - nur auf das "beautiful egyptian food" zurückführt. Gleich darauf stürzen wir uns in das riesige Kairoer Verwaltungsgebäude, welches jeder Beschreibung spottet: im Mogamma ist die gesamte zentrale Verwaltung für alle möglichen Angelegenheiten von Alexandria bis Abu Simbel untergebracht. Wir fühlen uns wie in einem riesigen Termitenhügel, in dem keiner weiß, was der andere tut. Es sind mindestens genausoviele uniformierte Bedienstete zu sehen, wie normale Bürger, wobei erstere sich auf den Verkauf von Getränken und Apetithappen spezialisiert haben. Nach langem Hin und Her verlassen wir fluchtartig diesen schrecklichen Ort und bauen uns erstmal mit Kebab und Milchshake wieder auf. Redlich verdient haben wir uns den Taxitrip nach Sakara und Gizeh. Wie ein Henker bricht der deutschsprechende Taxifahrer durch das allgegenwärtige Verkehrschaos: eine gute Bremse, laute Hupe und kräftig gasgeben sind sein Motto. Dabei erzählt er gelassen vom Leben in Kairo, während wir um unseres bangen. In Sakara schauen wir, belagert von Bakschischhaien, die Stufenpyramide von Djoser an und pfeifen dann gleich weiter zum Sonnenuntergang nach Gizeh. Dort bewundern wir die drei großen Pyramiden und die Dreistigkeit kleiner Zombis, die 40 LE für ein paar Kamelfotos abschöpfen wollen. Mißmutig lassen wir uns 6 Pfund abpressen und eilen dann weiter zur Sphinx, die wir in der Dämmerung gerade noch mitbekommen. Doch ein "friend" zeigt sie uns noch aus der Nähe, wofür er natürlich auch ein entsprechendes Bakschisch erwartet und ebenfalls enttäuscht die Nüstern bläht. Nach dem Besuch eines Papyrusladens führt uns die Nachtetappe der Rallye- Kairo zurück zu unserer Pension und der Sturzpilot wird mit 80 LE angemessen entlohnt. Morgen ist dann der Tag des "Showdown" in der libyschen Botschaft, wo es heißen wird: Libyen und Algerien oder nicht Libyen und nicht Algerien!

Donnerstag 26.November 1992 Der GAU

Gleich in der Früh holen wir für läppische 82 LE unsere Empfehlungsschreiben bei der deutschen Botschaft ab und tigern zu den Libyern. Da Michel schon bekannt ist, ist nun Uwe dran und verschwindet in der Höhle des Löwen. Kritisch und wachsam hört sich der Araber Uwes Anliegen an, läßt ihn Formulare ausfüllen und fragt nach Ort und Datum der Einreise, dem Fahrzeug und einem Freund mit Motorrad! Mit einem bangen Lächeln auf den Lippen läßt er Uwe stehen und warten, um ihm nach geschlagenen zwei Stunden mitzuteilen, daß wir ein Visum vielleicht in ein bis zwei Monaten bekommen könnten! Mit dieser Engstirnigkeit der Libyer fällt unser gesamter Urlaubsplan wie ein Kartenhaus zusammen. Libyen und Algerien fallen flach!? Das schlägt auf die Stimmung, besonders bei Michel, der sich schon auf ein Wiedersehn mit dem Hoggargebirge gefreut hat. Frustriert und voller Wut auf die blöden Libyer erkundigen wir uns am Bahnhof nach einer Zugreise nach Assuan mit den Mopeds: nach endlosem Suchen erfahren wir von der zuständigen Person, daß die Motorräder mit einem anderen Zug ankommen würden als wir. Das kommt nicht in die Tüte! Anschließend lassen wir uns zum Khan Kalili Bazar chauffieren und amüsieren uns im Getümmel an den krassen Gegensätzen zwischen arm und reich, die hier aufeinanderprallen. Nach ordentlicher Touristenmanier schwatzt man uns Parfumöl und einen Skarabäus auf und gegen 20 Uhr kehren wir in die Pension zurück, um über den Fortgang der Reiseroute nachzudenken und die Heimreise abzuchecken.

Freitag 27.November 1992 Über die Pyramiden in die libysche Wüste

Am Morgen klappern wir einige Reisebüros nach etwaigen Fährverbindungen Richtung Heimat ab und landen prompt wieder bei der überteuerten ADRIATICA, es gibt keine Alternative. Wir könnten also am 14. und 24. Dezember oder am 3. und 13. Januar heimschiffen. Am ägyptischen Museum werfen wir einen entsetzten Blick auf die Horden japanischer Kameraträger und lassen uns ins Hotel zurückbringen. Packen, Aufrödeln und los geht's hinaus aus Kairo zu den Pyramiden, die wir noch schnell bei Tag ablichten wollen und dann ab in die Wüste Richtung Oase Bahariya. Nach gut 100 Kilometern zwingt uns allerdings die untergehende Sonne zum Verweilen in einer Bauruine, wo es später reichlich Spaghetti mit Gemüßesoße und Sonnenuntergang gibt. Michel scheint es gar sehr zu pressieren und so unterschätzt er die Tücken des weichen Sandes und macht seine Africa Twin flach. Mit reichlich Bauholz läßt sich ein ordentliches Lagerfeuer entfachen, in dessen Schein wir unser Nachtlager errichten. Morgen wollen wir die Oase erreichen.
- 100 km / 3324 km -

Samstag 28.November 1992 Dünenfegen mit dem Motorrad

Schweinekalt weht es ins Gesicht, dem einzigen Körperteil, das aus dem Schlafsack herausschaut. Trotz den schützenden Wänden der Bauruine geht die sternenklare Nacht durch und durch. Nachdem das traditionelle Morgenwasser abgeschlagen ist, wird ein Feuer entfacht, um die Kälte aus den Knochen zu vertreiben. Müsli und heißer Kaba wecken die Lebensgeister. Bevor wir aufbrechen können, schaut ein LKW voller Soldaten an unserem Nachtlager vorbei und jeder nimmt für sich die Neugier ein. Die Sonne strahlt und der Wind bläst uns in die Seite, während wir unsere Bahn ziehen durch die öde Geröllwüste. Würden wir jetzt weg von der Straße und schnurstracks nach Westen fahren, kämen wir direkt nach Libyen, allerdings illegal und bei der nächsten Militärkontrolle wären wir reif für den Bunker! Mit Thunfischgemüse und Brot am Pistenrand vertreiben wir diese Gedanken, tanken ein wenig Sonne und Benzin in unsere treuen Zweiräder. Nach ungefähr 200 km fällt die Straße von der Hochebene hinab in eine weite Senke, die mit Felsresten und Sanddünen durchsetzt ist. Angesichts der Sandberge hält Michel nichts mehr auf dem Asphalt. Er schlägt einen Haken und fährt schnurstracks in die Dünen. Uwes Versuch endet vorerst mit einem eingebuddelten Hinterrad am Straßenrand, doch drei hilfsbereite Ägypter springen von einem haltenden LKW und befreien ihn aus seiner mißlichen Lage. Dann kommen beide in den unbeschreiblichen Genuß, über die Dünen zu pfeifen. Ein phantastisches Gefühl, so schwerelos über den Sand zu gleiten, wo man allein an den sich verändernden Konturen merkt, daß man eigentlich recht schnell über die Düne fegt. Immer Zug aufs Hinterrad und bloß nicht stehenbleiben, wenn man wieder mal in eine Weichsandstelle eintaucht, die das Vorderrad verschlingen will. Nachdem wir einen gähnenden Abgrund hinuntergebraust sind, brauchen wir eine kleine Ruhepause, um unsere Begeisterung in den Griff zu kriegen. Den Preis für diese Gaudi zahlt Uwe wenig später, als er sich bis zum Bodenblech in weichen Sand eingräbt: Gepäckabladen, Luftablassen und schweißtreibender Spateneinsatz sind notwendig, um die Transalp wieder flott zu machen. Es wird spät und fürs Erste reicht's - aber auch nur fürs Erste! Zurück auf die Straße und wenig später sind wir in einer Siedlung von Minenarbeitern, an dessen Eingang wir einen allgemeinen Obulus von 1 LE entrichten dürfen. Eine kurze Trinkpause in einer Schule nutzen wir zum Dattelnkaufen, machen uns aber angesichts der vielen geistig und körperlich Behinderten an diesem Ort bald wieder auf und davon. Kurz nach dieser seltsamen Siedlung schlagen wir unser Zelt hinter einem Hinkelstein in weichem Sand auf. Gestärkt mit Erbsensuppe schlafen wir dem neuen Tag entgegen.
- 263 km / 3587 km -

Sonntag 29.November 1992 Die Oase Bahariya und die Löffelprofis

Durch einen enormen Tauniederschlag ist das Zelt patschnaß geworden und so können wir erst gegen 9 Uhr aufbrechen. Nach kurzer Fahrzeit nehmen wir bereits den Steilabfall in die Oasenebene, die 150 m tiefer liegt als die übrige Wüste. Ein erster Abstecher führt uns in die Dattelpalmenhaine von El Hara, dem ersten Dorf der weit verteilten Oasensiedlungen. Im Nu sind wir umlagert von frechen Bälgern, die uns ständig betatschen und anbetteln. Schließlich vertreiben sie uns nach Agouz, wo wir die Piste nach Bir Matar einschlagen, einem Campingplatz mit Brunnen, der im "Tondok" empfohlen ist. Bei Speis und Trank bewundern wir das Wechselspiel von Sonne und Wolken am markanten Pyramidenberg und fahren anschließend in den Hauptort Bawiti. Auf einer Sandpiste, entlang blühender Felder, stoppen wir an einer riesigen Wasserlache, die nicht umfahren werden kann. Mit flauhem Gefühl im Magen bricht Uwe zuerst durchs Wasser und erreicht patschnaß das andere Ufer. Schnell die Kamera raus und Michel ablichten, wie er spritzend durch die Jauche prescht und dabei einen Schluck vom kühlen Naß abbekommt.Die Mopeds glänzen wie neu und wir stehen gut im Saft. Nach einer kurzen Trocknungspause erreichen wir Bawiti, wo wir sogleich von etlichen Plagegeistern nach einem "pen"angebettelt werden. Ein beredter "Touristenfreund" schwatzt uns an, lädt uns zu einem Bad in einer heißen Quelle ein und bietet uns eine Jeep-Tour in die Weiße Wüste an. Ashraf tut zwar ehrlich und rechtschaffen, scheint aber eher ein Raubritter zu sein, der sich auf Touristen spezialisiert hat. Mit dem Jeep pflügen wir zur Quelle und nehmen ein Bad im heißen Wasser, belagert von ansässigen Stechmücken, die dann auch ihren Tribut fordern. Im Sonnenuntergang ackern wir zurück durch Sumpf und Sand, über Stock und Stein zum Campingplatz, wo wir uns 25 LE für den "Freundschaftsdienst" abluchsen lassen. Es sind doch alle gleich! Aasgeier allesamt. Wir bleiben im staatlichen "Hotel" Bir Matar und nehmen den Kampf mit Heerscharen von Mücken auf, kochen Spaghetti Napoli und ein steckendickes Sahlab als Desert. Zum Tagesausklang zocken wir 66, bis der Strom abgeschaltet wird. Saustall!
- 60 km / 3647 km -

Montag 30.November 1992 Viele Halsabschneider

Die geflügelten Blutsauger müssen einen separaten Eingang in unser Zimmer haben, sodaß wir kaum zum Schlafen kommen. Am Morgen richten wir dafür ein grausames Massaker an, bei dem viel Blut fließt. Den Tag beginnen wir im Popular Resturent, wo uns Jeep-Touren für 400-900 LE angeboten werden. Wir schlemmen zwei Omelettes, Cokes und Tee für sage und schreib 12 LE! Blutiger Halsabschneider! Den Tag verbringen wir mit Warten auf neue Touristen, die wir für den Wüstentrip gewinnen wollen, um ihn billiger zu machen. Der Jeep soll 400 LE kosten! Achmed verführt uns zu einer Irrfahrt durch die Gärten der Oase und lädt uns zu Tee und Wasserpfeife zu sich nach Hause ein.
Am Abend schaut Max in Bir Matar vorbei und bietet uns einen Trip halb Straße halb Wüste an und meint: "Pay what you want". Zwei Japse fahren mit ihm für horrende 500 LE! Wir wollen morgen früh mit den Moped hinterherfahren. In Bawiti gibt es ein Hotel namens "Alpenblick", das demnächst mit neuem Anbau wiedereröffnet wird. An der einzigen Tankstelle im Ort können wir einen Rest 90-Oktan Sprit ergattern, der von der Ralley Paris-Dakar übrig geblieben ist. Wie beim Wein abfüllen saugt der Tankwart das Benzin mit einem Schlauch aus dem Faß, um es in unsere Mopeds zu lassen. Da er physikalischen Gesetzen nicht mächtig ist, schluckt er dabei mehr von dem kostbaren grünen Saft, als unsere Motorräder abbekommen. Den Chemieingenieuren dreht sich der Magen um! - 50 km / 3697 km -

Dienstag 01.Dezember 1992 Unsere Privatrallye über Stock und Stein

Um 8 Uhr holt uns Max mit den zwei Japanern ab. Bis alle Besorgungen erledigt sind, wird es 11 Uhr, bis wir endlich dem Jeep mit unseren "nackten" Enduros folgen können. Es geht durch die Oase, hinaus in eine herrliche Wüstenlandschaft, von der wir leider - wegen des atemberaubenden Tempos des Toyotas - kaum Fotos machen können. Er ist uns einfach zu schnell. Uwe legt sich gleich Anfangs in den Sand, kann das leere Moped aber alleine wieder hochbringen. So brechen wir mehr oder weniger hinter, neben oder vor dem Jeep her. Nur nicht in alte Spuren geraten, sonst schlingert die Kiste gewaltig! Ohne Pause geht es dahin. Nur wenn wir einmal stecken bleiben, gibt es eine kurze Verschnaufpause. Eine riesige Düne entschädigt kurz für die Strapazen. Volle Lotte preschen wir hoch und stürzen dann in den Abgrund, wie eine Achterbahn. Unbeschreiblich, nur zu erleben! Langsam geht das Gebrettere auf die Nerven. Wir sind sauer und gestreßt. Max verspricht langsamer zu fahren, tut aber nichts dergleichen. Die Beschaffenheit der Piste ist teilweise mörderisch. Scharfe, kantige Steine, Felsbrocken und butterweicher Sand. Wir legen prächtige Sprünge hin, bei denen Hände und Füße auf Biegefestigkeit getestet werden. Wir verlassen die Senke und kämpfen uns ein Sandfeld hoch auf ein Plateau. Dabei zeigt Michel auf der Africa Twin meisterhaft, wie Bullriding auf dem Motorrad aussieht. Wie ein Derwisch fliegt er übers Moped, die Beine mal rechts, mal links durch die Luft wirbelnd. Wie durch ein Wunder schafft er die Serie von kurzen, tiefen Bodenwellen, ohne daß es ihn abwirft. Nur sein Tankrucksack ist ihm bei dem Ritt um die Ohren geflogen. Wenig später rasten wir am Magic Spring, einem Quell, der mitten in der Wüste einer kleinen Anhöhe entspringt, die von drei Palmen eingerahmt wird. Diese Wasserstelle ist eine von sieben Quellen, die sich in einer Gerade über viele Kilometer bis tief in die libysche Wüste erstrecken. Nach einer kurzen Erfrischung sägen wir weiter durch den Sand in ein Wadi, wo Holz gesammelt wird. Noch ein paar Kilometer und wir sind an unserem Nachtlager in der Weißen Wüste. Wir essen Chickenschenkel, Brot und Shai, quatschen mit Max in die sternenklare Nacht und sinken irgendwann in den Sand zum Schlafen, gemotorrädert von 160 anstrengenden Wüstenkilometern.
- 160 km / 3857 km -

Mittwoch 02.Dezember 1992 Mit Hans-Georg nach Farafra

Wir wollen ohne Jeep weiterfahren und verabschieden Max mit den Japanern, doch der freundliche Halsabschneider verlangt 300 LE von uns! Erst spielt er den Kumpel mit "pay what you want" und jetzt will er uns schröpfen. Nach nervigem Diskutieren zieht er mit 200 Pfund f"ur uns beide davon. Wir lassen den Tag ruhig angehen, ruhen uns aus, flacken im warmen Sand und schießen Fotos von den bizarren Kalkskulpturen, in denen eingebackene Muscheln zu erkennen sind. Von einem Felsen aus ist das Auto der "Käseköppe" zu sehen, die wir in Bahariya kennengelernt haben. Gegen Mittag hören wir Motorengeräusche näherkommen und wenig später sägt eine BMW schlingernd durch den Sand an unserem Camp vorbei, unfähig anzuhalten. Dann hat er uns gefunden: Hans-Georg aus Marburg auf seiner wüstentauglichen BMW R 100 "Paris-Dakar". Er ist als Einzelkämpfer unterwegs auf total abgewetzten Pirellis (den gleichen wie wir!), das macht ihn sympathisch. Zum Mittagessen gibt es das erste selbstgebackene Glutbrot, das wir brüderlich teilen. Danach wird aufgerödelt, um ein Stück weiterzufahren und mehr von der Weißen Wüste zu sehen. Mit all dem Gepäck wieder auf dem Moped ist es ungleich schwerer im weichen Sand zu fahren. Uwe schmeißt es zweimal hintereinander und HG schafft es wegen seinen Slicks nur nach Anschieben, sich in Bewegung zu setzen. Schließlich erreichen wir die Hauptstraße und verlassen die Weiße Wüste Richtung Oase Farafra. Entlang der Strecke treffen wir auf einen Kontrollposten, der freundlich winkend sein Faß beiseite schiebt, als sollten wir gleich weiterfahren. Michel nimmt die Einladung an und fährt durch, ohne anzuhalten. Plötzlich reißt der Büttel seinen Karabiner von der Schulter und legt auf Michel an. Im gleichen Moment kommt Uwe neben ihm zum Stehen und kann den aufgebrachten Wachposten beruhigen. Nachdem das Mißverständnis geklärt ist und die Pässe kontrolliert sind, gibt es einen "pen" zur Versöhnung. In Farafra angekommen streiten wir mit dem Tankwart um die Farbe bzw. die Oktanzahl seines Benzins, essen einen Happen und fahren zur heißen Quelle außerhalb der Oase. Zum Sonnenuntergang lassen wir uns in die warmen Fluten gleiten und schlagen unsere Zelte außerhalb des Campingplatzes unweit der Quelle auf, was uns den Unmut des Campverwalters einbringt. Seine Warnungen vor Polizei und gefährlichen Terroristen können uns nur ein belustigtes Grinsen entlocken, da sein Strohcamp kaum sicherer ist als unsere Zeltwände. Ein kleines Lagerfeuer gegen die Moskitos und Tee gegen die kalte Nacht, die wie immer von vielen Wolken begleitet wird, die aber von der Morgensonne weggebrannt werden, bevor sie etwas Feuchtigkeit spenden können. Hans-Georg hat sich fürs Nächste uns angeschlossen und wir sind nicht unglücklich darüber, nicht zuletzt wegen seiner erlesenen Zitronen- und Apfeltees und eines vorzüglichen Müslis.
- 50 km / 3907 km -

Donnerstag 03.Dezember 1992 Unsere ganz private Düne

In der Früh nehmen wir ein warmes Bad (38°C), futtern Müsli und fahren dann nach Farafra zum zweiten Frühstück bei Hussein: Kochfleisch mit Salat, Nudeln und Bohnen und vorzüglicher kalter Karkade. Gegen Mittag verlassen wir die Oase mit 1 kg Mehl im Gepäck. Die Fahrt verläuft recht langweilig, bis uns nach dem Aufstieg auf eine Hochebene plötzlich eine Talsenke verschlingt, die die Aussicht über ein riesiges topfebenes Sandmeer freigibt. Wie aus dem Nichts erscheinen Luftspiegelungen und auch wieder mal ein Kontrollposten, der die Ausweise studieren will. Kurze Pause am angeschlossenen Resthouse, wo wir unter mißbilligenden Blicken unsere eigenen Happen verzehren und weiter zum Nachtlagersuchen in die Dünen. Bevor die Sonne schon wieder verschwindet, speisen wir angebrannte Sojapampe mit Potakenfrits und leckerem Apfeltee. Wir lagern am Fuße einer 30 m hohen Wanderdüne, die wir mit vollen Bäuchen mühevoll bezwingen, um aus luftiger Höhe den Sonnenuntergang über dem Sandmeer zu bewundern. Mitten in der Nacht werden wir von seltsamen Geräuschen geweckt: scharrende, tapsende und schnüffelnde Geräusche, die ihrer Lautstärke nach nur von einem großen Tier stammen können. Todesmutig stürzt Michel mit dem Bowiemesser bewaffnet aus dem Zelt, um sich dem Untier anzunehmen , doch dem Störenfried ist nicht beizukommen und auch die morgendliche Spurensuche bleibt erfolglos.
- 121 km / 4028 km -

Freitag 04.Dezember 1992 HGs Meistersturz und das Untier

Gegen 8 Uhr rappeln wir uns auf, besiegen den Schweinehund und trotzen der Morgenkälte. Kaba und Kekse, Müsli und Datteln motivieren, bevor der fettige Abwasch angegangen wird. Heute ist Freitag, bei den Negern und auch bei uns, d.h. die Mopeds bleiben heute kalt und wir machen uns auf der Düne einen heißen Ruhetag. Knallen uns in die Sonne, lesen, dösen und braten. Irgendwann treibt uns der Hunger Nudeln Sojanaise in die Bäuche und danach gibt es die schwer verdiente Siesta in der Mittagshitze. Wir erledigen gewisse notwendige Arbeiten, wie Ketten schmieren, Dreckkrusten entfernen und Ledersachen froschfetten. Irgendwann hat HG genug von unserer Schwärmerei vom Dünenfahren, steigt auf seine BMW und braust in die Dünen, um es selbst zu versuchen. Wir bleiben am Camp und vernehmen nach geraumer Zeit einen dumpfen Schlag, dem wir keine weitere Bedeutung zuschreiben. Hans-Georg bleibt eine verdächtig lange Zeit außer Sichtweite, doch nach bangen Minuten kommt er wieder zurück. Aus der Ferne scheint alles in Ordnung, doch am Lager angekommen zeigt sich die Bescherung: seine R 100 ist ziemlich demoliert! Wortlos und wutschnaubend steigt er ab und läßt sich erst nach gutem Zureden die Wahrheit entlocken: mit 80 Sachen (!) ist er über den Sand gebrochen, ins Schlingern geraten und hat sich dann im Freiflug samt Tank und Sitzbank von seiner sich überschlagenden Maschine verabschiedet. Nach der Landung im weichen Sand hat er die verstreuten Teile erst einsammeln und das Motorrad wieder zusammenbasteln müssen! Armaturen und Windschutz sind zerborsten, das Topcase und der Inhalt auf ein Drittel komprimiert. Angesichts seines ramponierten Mopeds und seiner getreuen Schilderung des Husarenrittes fällt es uns schwer, ernste Miene zu bewahren und nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Erst nachdem die Dunkelheit hereingebrochen ist, tritt der nächtliche Störenfried wieder auf die Bühne. Er ist mitten unter uns und doch nicht zu sehen. Er gräbt und buddelt, scharrt und kratzt und flitzt um unsere Beine herum: kein reißendes Untier, sondern nur eine süße kleine Wüstenmaus!

Samstag 05.Dezember 1992 Durch flirrende Hitze zur Oase Dhakla

Mit der Sonne stehen wir auf. Es ist bitterkalt. Aufrödeln und Abschied von unserer Düne gegen 9 Uhr. Beim Fahren ist es noch recht frisch und die Landschaft ist nicht sehr aufregend. Ungefähr 120 km fahren wir unter der Abrißkante einer Hochebene entlang Richtung Dhakla, bis wir eine erste Pause einlegen. Im Stand prügelt die Sonne auf uns nieder und da eine Orange unsere letzte Erfrischung ist, halten wir uns nicht lange auf. Kurz darauf wird die Strecke schöner: wir erreichen das erste Grün und die erste Siedlung der Oasenkette, wo es bis auf warmes Wasser nichts zu ernten gibt. Die Route führt uns nun durch eine sehr abwechslungsreiche Wüstenlandschaft, vorbei an Resten eines Hochplateaus aus schwarzbraunem Fels inmitten des goldgelben Sandes. Im Westen sind am Horizont schon die Ausläufer des großen Dünenmeeres zu sehen. Nachdem uns wieder mal zwei "Fässerrutscher" den Weg freigegeben haben, erreichen wir El Qasr, ein Oasenörtchen mit sehenswertem alten "Stadtkern" aus brüchigen Lehmhochbauten. Wir tuckern durch die engen Gassen und speisen zu Mittag Chicken, Beans, Reis und Brot für nur 7 LE pro Nase. Die Wasserreserven werden mit Baraka wieder aufgefüllt. Anschließend kraxeln wir für ein kleines Entgeld die enge, frisch gekalkte Wendeltreppe des neuen Minaretts hoch, von dem es einen prima Panoramablick über das Kaff und die umgebende Landschaft gibt. Dann führt uns die Straße weiter durch grüne Pflanzungen, wo die Wüste in fruchtbares Ackerland verwandelt worden ist. Es ist beeindruckend, was ein bisschen Wasser anrichten kann. Eine richtige Allee geleitet uns nach Mut, wo wir tüchtig Obst und Gemüse einsacken. Am Ortseingang finden wir eine warme Quelle, an der wir mit Verlaub des ansässigen Bauern unser Quartier aufschlagen. Als Gegenleistung erhält er ein VEB-Taschenmesser von uns, worüber er sich über Gebühr freut. Als ihm dann aber auch Michels Uhr gefällt, machen wir dem unverschämten Kerl Beine. Während wir die Quelle nutzen, um Wäsche zu waschen, läßt HG im Dorf seinen gebrochenen Kofferträger schweißen. Natürlich wird auch gebadet! Ein Feuer wird entfacht und schon wieder ist ein Tag vollbracht. - 195 km / 4223 km -

Sonntag 06.Dezember Über Dünenfelder nach El Kharga

Es ist Nikolaustag, doch in unseren Stiefeln ist nichts zu finden. Gut ausgeschlafen - im Heu, zwischen Mäusen und Ratten - können wir einen morgendlichen Plünderungsversuch vereiteln. Eine kleine Gestalt, die zwischen den Motorrädern herumstreicht, verschwindet in den Feldern. Marmelade und Honig auf dem zweiten, nach Beduinenmanier selbstgebackenen Brot. Weitere "Taschenmesserinteressenten" sprechen vergeblich bei uns vor. Wir machen uns weiter mit El Kharga als Tagesziel. Der Großteil der Strecke ist öde Wüstenei, bis 20 km vor der Oase, wo wir Zeugen werden, wie eine große Familie von Wanderdünen die Straße überquert und dabei rücksichtslos Strom- und Telefonmasten verschlingt. Wo die Bulldozer den Kampf gegen die Sandmassen aufgegeben haben, ist eine neue Straße einfach um die Düne herumgeteert worden. Wie vor (und nach) jeder Oase warten wieder ein paar Kontrollbüttel auf uns: Kennzeichen und Erlaubnis für das Moped überprüfen und weiter. Nach 190 km ist Kharga erreicht. Es ist ein ziemlich neuer, reizloser Ort ohne den Charme der anderen Oasen. Endlich bekommen wir wieder 90er Benzin für unsere Maschinen. Wir selbst bunkern einen ganzen Gockel mit Potaken, Brot und Reis mit zwei "Sport Cola" für umgerechnet peinliche DM 4,25. Da Bank und Touristoffice geschlossen sind, nutzen wir die Zeit und schauen uns die Ruinen des Hibistempels an, die noch recht deutlich von der künstlerischen Begabung der alten Ägypter zeugen. Ein freundlicher, alter Tempelknecht führt uns herum, lädt uns zu Shai und Shisha ein und zeigt uns einen Schlafplatz ein paar Schritte neben dem Tempel von Amun Ris, wo wir unsere Zelte aufschlagen können. Weiße Reiher gibt es hier wie Sand auf der Düne! Zu riesigen Scharen sammeln sie sich in den umliegenden Bäumen zum Schlafen. Laut Gerüchten gibt es hier eine Piste zum Nil, über die man die Fundamentalistenhochburgen Qena und Asiut umgehen kann. Nach dem Besuch der südlichsten Oase Baris wollen wir diesen Weg einschlagen. Der alte Tempelwächter gesellt sich zu unserem abendlichen Lagerfeuer dazu, trinkt Tee und Sahlab mit uns und läßt sich sein geschwollenes Knie behandeln. Etwas später dreht Hussein den Spieß um und lädt uns in seine Hütte zum Essen ein, das ein Junge aus dem Dorf bringt. Wir schlemmen Reis, die grünen Blätter eines Rettichgewächses, Datteln, Brot und saure Milch. Danach macht seine Wasserpfeife die Runde, bis wir drei zugedröhnt in einer Ecke dösen. Spät verabschieden wir uns taumelnd vom lachenden Hussein und hauen uns aufs Ohr. Nur ab und zu zerreißt das asthmatische Röcheln eines Esels oder das Heulen der Hunde die idyllische Ruhe.
- 202 km / 4425 km -

Montag 07.Dezember Der Kampf um das Tasrih

Die Tempeltölen wecken uns mit lautem Gebell zum Sonnenaufgang. Einer der schlauen Hündchen tut sich an HGs Morgenexkrementen gütlich. Auf offenem Feuer rösten wir Brot und beobachten dabei, wie mehr und mehr Reiher den Tempel bevölkern und sich in der aufgehenden Sonne wärmen. Hussein kommt herüber ans Feuer, läßt sich das Knie salben und lädt zum Shai. Wir spachteln geröstet Brot mit Marmelade, das restliche Müsli und Kakao. Hussein gibt uns seine Adresse und verabschiedet sich, als die ersten Besucher eintreffen. Wir packen zusammen und verschwinden blitzartig, als sich ein Bus voll Österreicher (!) über den Tempel erbricht und die ersten Neugierigen schon auf uns zusteuern. HG beginnt uns langsam aber sicher auf die Nerven zu gehen, allein durch seine Anwesenheit und durch seine idiotische Beharrlichkeit, die augenscheinlich unwissenden Einheimischen mit seinem schlechten Englisch zu peinigen. Jedesmal fruchtlos! Bis in den Nachmittag hinein irren wir durch Kharga wegen eines Tasrih für die Wüstenstrecke Baris-Armant und der auslaufenden Mopedversicherung. Es ist wiedermal zum Faxen kriegen. Die Neger hier haben alle zusammen noch einen IQ unter Normalnull. Keiner kapiert, alle quatschen und keiner weiß eigentlich, was wir wollen bzw. offensichtlich brauchen! Es ist zum Heulen. Schließlich bekommen wir eine Genehmigung für die Strecke, jedoch keine verlängerte Versicherung - Im Gegenteil: das wichtige Versicherungsdokument für ein Motorrad ist einbehalten worden! Auf alle Fälle reichts uns. Ab nach Baris. Unterwegs wird wie immer freundlich gewunken und mit den verschiedensten Gesten darauf hingewiesen, daß unsere Scheinwerfer brennen. In Ägypten fährt man nämlich ohne Licht, auch Nachts! In Baris laufen uns mal wieder Scharen von Kindern hinterher. Hier gibt es weder Restaurant noch Sprit oder Lebensmittel - wir sind knapp vor dem Ende der Welt. Nach hungrigem Umherirren im Dorf werden wir vom Dorflehrer zum Essen in sein Haus eingeladen und mit Rührei, Fetacheese, Datteln, Oliven, Tomaten und Brot verwöhnt. Wir bedanken uns mit Raiffeisenluftballons und grellbunten Stoffviechern für seine Kinderschar, was den Hausherrn sichtlich freut. Auf der Suche nach einem Bir setzt HG seine Kiste mit fachmännischer Präzision auf Grund, bevor wir einen Schlafplatz mitten in der Pampa (kein Bir weit und breit!) finden. Nach intensiver Holzsuche mit magerer Ausbeute und entsprechendem Lagerfeuerchen legen wir uns ins gemachte Strohbettchen. Michel hat heute einen Funkspruch nach Hause abgesetzt.
- 124 km / 4549 km -

Dienstag 08.Dezember Das große Abenteuer

Nach einem göttlichen Schlaf im Strohbett rösten wir unser Brot am Lagerfeuer und gönnen uns Grießnockerln. Jetzt ist es sicher: HG verläßt uns! Wir fahren nach Baris zurück und besorgen einige Lebensmittel (1 kg Orangen 30 Pfg.; 1 kg Tomaten und Paprika je 25 Pfg.; Brot 2,5 Pfg.), während HG seinen gebrochenen Kofferträger erneut schweißen läßt. Derweil werden wir noch zum Tee ins "Rathaus" eingeladen, wo wir von der gesamten Dorfprominenz empfangen werden. Wir verabschieden uns von HG, den netten "Parisern" und ihren hübschen Töchtern und machen uns auf die Piste Richtung Nil, vor der wir sowohl von Reisenden als auch von Einheimischen eindringlich gewarnt worden sind. Papperlapap: es sollte noch viel schlimmer kommen! Falls wir auf der Strecke bleiben, sind dies unsere letzten Zeilen: Sendemast am Ortseingang von Baris bis Abzweig Luxor 14 km; nach 5 km Militärkontrolle, die das nötige Tasrih einbehält und uns ziehen läßt; grober Asphalt; Stufenweise erklimmt die Straße das Plateau, hinter jeder Kuppe befürchten wir das Ende des Asphalts. Sandverwehungen bremsen die Fahrt. Nach 56 km ein Arbeiterlager. Kilometer 62, die Plateauhöhe ist erreicht (Schrottplatz); km 105 trabbiblaue Lehmhäuschen; km 137, Ende der Teerstraße! Wir verlassen den Asphalt und beginnen das Abenteuer, vor dem man uns gewarnt hat. Wir "rasen" mit 30 km/h, dann schneller neben der ausgemergelten Piste her. Der Boden flimmert vor Hitze, sodaß aus dem "Riesensee" am Horizont oft nur die Gipfel der nächsten Hügel zu erkennen sind. Gleich anfangs reicht Uwe beim Nehmen von Unebenheiten dem Boden zweimal das Wasser, das erst nach heftigem Festzurren zum Mitfahren bewegt werden kann. Michel buddelt sein Moped bis aufs Blech ein: Spaten raus und Graben, aber das können wir ja schon! Mit frisch panierter Kette gehts weiter bis halb vier Uhr. Ein größerer Sandhügel, mit vielen trockenen Dornbüschen, Tonscherben und Kamelskelett ist unser Schlafplatz. Wir backen unser drittes Brot, essen Thunfisch dazu und genießen dabei den Sonnenuntergang. Aus dem Sandhügel wird eine Bettstatt getrampelt und eine Feuerstelle gebaut. Der aus Steinen gebaute Grill, der sich schon in Schweden bewährt hat, funktioniert auch in der Wüste gut. Die Sonne ist noch nicht ganz weg, doch der Mond leuchtet - fast wieder voll - schon so stark, daß diese Zeilen in seinem Licht entstehen.
- 149 km / 4698 km -

Mittwoch 09.Dezember Der längste und beinahe "jüngste" Tag

Die Nacht in der Wüste ist schweinekalt und so sind wir um halb sieben Uhr schon auf den Beinen, um die Sonne freudig zu begrüßen und uns an der wiederentfachten Glut aufzuwärmen. Kakao und geröstetes Brot mit Fetacheese zum Frühstück. Gegen 9 Uhr geht es dann weiter ins "middle of nowhere", wie der seelige HG zu sagen pflegte. Ein wenig abseits folgen wir der gut markierten Piste (Pfosten, Fässer, Steinmännchen) auf dem Hochplateau, wobei viel grobes Geröll, große, scharfe Steine und ausgetrocknete Rinnsale das Fahren sehr erschweren. Das Gepäck rüttelt sich durch die ständigen Erschütterungen immer wieder los und will regelmäßig festgezurrt werden. Im Abstand von 50 Metern wird Michel zweimal kurz hintereinander das Opfer des tückischen Tiefsandes, der ihn vom Motorrad schmeißt und ihm einen verstauchten, dick anschwellenden Knöchel beschert. Nach diesem anstrengenden "Herumeiern" sind wir dem Faxen nahe und legen schweißtriefend eine Erholungspause ein. Anschließend treffen wir auf das erste und letzte Fahrzeug auf dieser Strecke: ein Allrad-Unimog von Ibis-Tours, der auf einem Wüstenausflug in die entgegengesetzte Richtung unterwegs ist. Man erzählt uns, daß nur noch vier Dünen vor uns liegen, die leicht zu befahren sind und daß in 10 km Entfernung die Piste wieder asphaltiert ist. Erleichtert machen wir uns weiter, bis bei km 190 das Wadi zusehends enger wird. Große Felder aus perfekt zerfurchtem Weichsand liegen plötzlich vor uns und teilweise vereiteln steile, unpassierbare Felsen am Rand ein Ausweichmanöver. Wenige feste Stellen und unzählige tiefe Spurrillen machen das Fahren fast unmöglich und wir müssen unsere treuen Mopeds meanderförmig drüberprügeln. Das Fahren gleicht jetzt mehr dem Reiten auf einer wilden Kuh. Wir müssen höllisch aufpassen, nicht in eine der unzähligen Spuren zu geraten, was unweigerlich einen Abwurf zur Folge hat. So quälen wir unsere Mopeds kreuz und quer über die Piste, stets bis zur nächsten kleinen Geröllfläche, deren Untergrund fest genug ist, um uns für eine kurze Verschnaufpause zu tragen. Anhalten, ausschnaufen, Luft im Vorderreifen ablassen und den günstigsten Trail zur nächsten "Plattform" erspähen, dann wieder mit Vollgas hinein in den Sand, um nicht zu versinken. Zu unserem Horror werden die Sandfelder immer ausgedehnter und immer zerfurchter. Einmal legt sich Uwe mit seiner Maschine vor Michel in den Sand, doch der muß vorbeifahren und kann erst weit entfernt auf festem Grund anhalten. Uwes Bein ist verdreht unter dem Motorrad eingeklemmt und so plärrt er nach seinem Freund, der allein ihn aus der schmerzlichen Lage befreien kann. Bei km 195 taucht die Erste von vier Dünen im engen Wadi vor uns auf. Mit viel Schwung geht es den Sandberg hoch, wobei keiner weiß, was uns dahinter erwartet. Was wohl! Natürlich tiefer, zerfurchter Sand! Das Rodeo beginnt von Neuem und für uns stellen sich jetzt die eindringlichen Warnungen der Leute vor dieser Strecke als völlig untertrieben heraus. Die von Autos gefürchteten Dünen sind für uns alle problemlos zu überqueren und so nehmen wir Numero 2 und 3 ganz souverän. Irgendwann bei diesem Höllenritt hat Uwe den 5 l Wasserkanister unbemerkt verloren, doch ein Zurück kommt für uns nicht in Frage. Auf der Abfahrt von der dritten Düne legt sich Uwe ein weiteres mal in den Dreck, kommt aber nach Abladen, Schieben und Wiederaufladen selbstständig wieder in Fahrt. Unsere Maschinen müssen mehrmals hohe Sandwälle durchstoßen und dabei großen Felsbrocken ausweichen. Oft schlägt das Bodenblech auf, die Maschinen krachen und ächzen. Das Material wird auf das Höchste beansprucht, genau wie Kraft und Ausdauer der Fahrer. Kurz nach der letzten Düne kommt die Erlösung in Sicht: ein schwarzer streifen Asphalt! Bei km 201 erreichen wir endlich die "Straße", die zu beiden Seiten von hohen Sandwällen gesäumt ist. Mit voller Wucht schießt Michel über die erste Sandbarriere und den Asphalt und bleibt im gegenüberliegenden Hügel stecken. "Asphalt" ist maálos übertrieben: es ist weicher, ebener Dreck, der erst noch gewalzt werden muß. Uwes Kiste nimmt noch eine Bodenprobe vom weichen, schwarzen Untergrund, als der Seitenständer versinkt. Doch das Wichtigste: Wir haben es überstanden! Durch den verminderten Luftdruck hat sich der Vorderreifen der Transalp ein Stück von der Felge geschält, doch mit ein wenig Motoröl und Einsatz der Luftpumpe rutscht der Reifen wieder dahin, wo er hingehört. Nachdem wir all unsere Pneus wieder auf normalen Druck gebracht haben, gönnen wir uns eine Pause und ziehen die durchnäßten T-Shirts zum Trocknen aus. Zur Brotzeit vernichten wir die vom Höllenritt zermatschten Tomaten, Feta und das letzte Fladenbrot. Zu unserer Erleichterung setzt sich die Asphaltpiste fort, bis bei km 230 am Horizont das erste Grün des Niltals auftaucht. Das gelobte Land! Das Wadi wird jetzt breiter und öffnet sich schließlich ganz. Die 40 km neuer Asphalt sind ein unerwartetes Geschenk Allahs, ohne das wir heute wohl kaum mehr in Luxor bzw. am Nil angekommen wären. Freundlich winken die Agrarneger von ihren Feldern und wir vom Motorrad zurück. Die Nebenstraße, die wir gerade "ins Leben zurück" fahren, scheint den hiesigen Anwohnern als Müllhalde zu dienen - dem entsprechend sieht es aus! Jetzt holt uns vieles wieder ein: die Huperei, die Nepper und Schlepper und all die unerfreulichen Begleiterscheinungen des Massentourismus`. Nahe der Hauptstraße verschlingen wir an einem Imbiss einen halben Gummiadler mit sämtlichen Beilagen. In Luxor bzw. Theben West angekommen, schlagen wir die Straße zum Tal der Könige ein und finden nach kurzem Suchen eine mäßige Unterkunft für 30 LE. Nach Kettenfetten und einer Dusche haben wir ein Sahlab verdient, das wir uns auf dem Zimmer zubereiten. Erschöpft sinken wir in die Federn, doch wenig später schrecken wir auf, als von außen unsere Tür zugesperrt wird. Trotz sofortigem und massivem Protest wird nicht wieder geöffnet! Wir müssen natürlich das Schlimmste für unsere Mopeds befürchten, da sie nur durch eine Kette gesichert im Freien stehen. Kurzentschlossen zücken wir unsere Montiereisen und setzen sie - wenn auch zweckentfremdet - das erste mal ernsthaft ein. Sie funktionieren gut und im Nu ist das Schloß aus Tür und Angel rausgesprengt. Ein Blick über den Balkon versichert uns aber der Unversehrtheit unserer besten Stücke und wenig später stellt sich heraus, daß das Ganze ein Scherz oder ein Mißverständnis gewesen sein muß. Auf jeden Fall haben wir noch nie so große Augen gesehen, wie die des Hotelmanagers, als er die Bescherung entdeckt hat!
- 96 km / 4794 km -

Donnerstag 10.Dezember Auf Kultur-Tortour in Luxor

Nach dem Frühstück bekommen wir ein neues Schloß montiert, zu dem wir 10 LE als Entschuldigung besteuern. In Jeans und ohne Helm machen wir uns auf den Kulturtrip. Im Tal der Könige gilt es die Gräber von vielen alten Pharaonen zu entdecken. Wir betreten die Gruften von Tut Anch Amun, Haremhab, Amenophis II und Ramses IX. Danach erklimmen wir den Berg, der das Tal der Könige vom Niltal trennt und genießen den herrlichen Ausblick auf den schmalen Grünstreifen und auf den unter uns liegenden Tempel von Hatschepsut. Ununterbrochen schwirren Souvenirbroker um uns herum, wie unsere lieben Chitinkumpels, und versuchen etwas loszuwerden von ihrem Krempel. Michel kann nach hartnäckigem Ablehnen und Ignorieren eine auf 100 LE angesetzte steinerne Pharaonenrübe für 5 LE erfeilschen! Auf dem Rückweg schießen wir ein Alibifoto vom Ramesseum, kaufen ein und lunchen Spaghetti, Omelette und reichlich Brot bei einer Kissenmanufaktur. Nachmittags besuchen wir Deir el Bahri, wie der Tempel der Hatschepsut richtig heißt. Alle Sehenswürdigkeiten hier in Luxor sind sehr nahe beeinander und an zwei Tagen leicht abzuklappern. Die Sonne prügelt dabei munter auf all uns Touristen herunter. In Deir el Medina gibt es die verfallene Siedlung der Erbauer der Königsgräber und ihre eigenen Gruften zu sehen. In der ersten Grabkammer werden wir trotz Photographierverbot angehalten, eifrig zu blitzen - natürlich gegen Bakschisch. Auch die berühmten Memnonkolosse werden auf den Film gebannt. In einer der vielen Alabasterfabriken lassen wir uns auf einen Besuch ein und feilschen zum Spaß eine Alabasterbüste von 150 auf 30 LE herunter, nur der Gaudi halber.  Der Esel ist hier am Nil noch das Hauptverkehrsmittel, obwohl ihm die japanischen Pickups diese Rolle langsam streitig machen. Diese Autos werden turmhoch überladen und tragen manchmal einen kompletten Hausrat auf der Ladefläche. Die Kinder sind stets um uns und betteln nach Kugelschreibern, Feuerzeugen, Bakschisch und allem, was sie sehen und irgendwie beschreiben können. Vom Hotelbalkon aus genießen wir den Sonnenuntergang über dem benachbarten Tempel von Medinet Habu. Abends lassen wir uns Kartoffelpü mit Gemüsesoße und Bananenmilchreis schmecken. Die Stechmücken pesten uns die ganze Nacht hindurch und halten uns mit ihrem ausdauernden Gesurre wach. Erst nach einem blutigen Waterloo mit hohen Verlusten unter den Blutsaugern können wir den verdienten Schlaf finden.
- 22 km / 4816 km -

Freitag 11.Dezember Von Luxor aus am Nil entlang nach Süden

Mit den Hühnern stehen wir auf und strecken das magere Frühstück mit Bananen und Marmelade. Danach fahren wir an das Nilufer, um mit einer motorisierten Schwimmplattform (LE 1,50) überzusetzen. Ein paar übereifrige Putznegerlein können wir nur mit Mühe davon abhalten, mit staubtrockenen Lumpen den wertvollen Dreck von unseren Bikes abzuscheuern. Die Fähre pendelt zwischen Theben West und Luxor und bringt alles über die Bilharziosebrühe, was sich bewegen kann. Die Überfahrt dauert 5 Minuten. Über dem ganzen Niltal hält sich hartnäckig ein grauer Dunstschleier. Der Karnak-Tempel ist wegen seiner Säulenhalle (James Bond) sehenswert und so schließen wir uns einer deutschen Reisegruppe mit Führung an. Man sieht hohe Pylone, Reliefs, einen Fruchtbarkeitsgott mit prächtigem Gemächt, einen 300-Tonnen-Obelisk und einen heiligen Pool. Eine Horde Italiener bittet Uwe, ein Gruppenfoto zu schießen und so tut er es halt, selbstverständlich nach alter Schwedenmanier: es wird ein Portrait ohne Köpfe! Gegen 11 Uhr seilen wir uns ab, essen etwas und trinken einen Bananenshake in Luxor Stadt. Die Suche nach 90-Oktan-Sprit bleibt erfolglos und so brechen wir in Richtung Assuan auf, nachdem wir das Hotel geräumt haben. Zum Mopedfahren braucht man hier drei Hände, von denen eine ständig den Leuten winkt. Längs der Straße wird Getreide gedroschen und windgesichtet. Eselsgefährte mit Zuckerrohr beladen, Tomatenlaster und Hochtransporte aller Art. In einem Dorf kaufen wir Marmelade und Eier und sind sofort von einer Schar neugieriger Kinder umringt. Sie begaffen und betatschen uns, als kämen wir vom Mond. Irgendwo hinter einem namenlosen Kaff lassen wir uns an der Straße nieder. Man begutachtet uns aus sicherer Entfernung, während wir orientalisch gewürztes Chili mit knusprigen Bohnen und unseren ersten Shai (Tee) zubereiten. Gegen 22 Uhr reißen uns etliche dunkle Gestalten aus dem ersten Tiefschlaf. Es ist ein Polizist unter ihnen, im landesüblichen Mehlsack und mit mittelalterlichem, mit Schnitzereien verziertem altem Karabiner. Sie warnen uns vor dem bösen Mann und bestehen darauf, daß wir in ein Hotel fahren. Hier sei es dangerous! Sie hocken um uns herum und machen keine Anstalten, ihr Vorhaben aufzugeben. So müssen wir im Mondschatten aufrödeln und weiterfahren. Nach kurzer Pause in einer Truckerkneipe legen wir uns etwas weiter in eine Bananenplantage und genießen die Nachtruhe: donnernde Züge, LKWs und in aller herrgottsfrühe der liebe Muezzin!
- 86 km / 4902 km -


Samstag 12.Dezember Der Horustempel von Edfu und Assuan

Keine Schlangen, keine Spinnen, aber massig Bananen, mit denen wir einen Packsack füllen. Michel hat versäumt seinen Körper abzuriegeln und einige Moskitotreffer abbekommen. Kurz vor Edfu machen wir Frühstück mit Karkade. In Edfu sehen wir uns den besterhaltenen Tempel von Ägypten an, der mit seinen tiefeingeritzten Reliefs sehr schön anzusehen ist. In El Alaq besuchen wir den Markt und ziehen bald einen Rattenschwanz von Kindern hinter uns her. Es gibt Gewürze, Getreide, Obst, Gemüse, Geflügel, Vierbeiner und viele uns unbekannte Sachen. Auf der Straße begegnen uns immer mehr Pickups mit bis zu 5 Kamelen oder Rindern auf der Ladefläche. Kom Ombo lassen wir links liegen und erreichen Assuan gegen 13 Uhr. Eine Affenhitze im Winter! Wir wohnen im Youth Hostel, nachdem wir uns Pizza und Spaghetti eingeschoben haben. Eine warme Dusche! Doch dieser Luxus läßt uns kalt. Es gibt uns nichts, sondern nimmt uns nur die schützende Dreckschicht. Die Mopeds haben wir abgeladen und sogar in den Hostelräumen abstellen dürfen. Die initiale Ordnung in unserem 2-Bett-Zimmer weicht sehr bald wieder dem gewohnten Erscheinungsbild. Ein Einheimischer namens Ihab hat sich bereiterklärt, uns Assuan zu zeigen: freundlich und unaufdringlich, was er bis zum Abschied bleibt. Wir schlendern über den Markt, trinken Tamarindhi und flanieren auf der Corniche am Nil entlang. Dabei sehen wir uns einige Feluken an und holen erste Angebote für einen Trip nach Edfu ein. Sie variieren von LE 25 bis LE 65. Beim Teetrinken versucht sich Michel gegen einen Einheimischen in Domino und Backgammon. Wir schlendern weiter zum ASSUAN MOON, schlabbern Eis und treffen einen Schwarzen, bei dem wir die morgige Reise zum Tempel von Abu Simbel buchen.
- 134 km / 5036 km -

Sonntag 13.Dezember Das Wunder von Abu Simbel

Aufstehen um 3.30 Uhr, damit wir den Tempel von Abu Simbel im Sonnenaufgang sehen können, wenn er am Besten von der Sonne ausgeleuchtet wird. Die Moskitos müssen jetzt ohne uns auskommen. Um 4 Uhr früh gehts los in einem Kleinbus mit insgesamt 11 Mann. Mehr und mehr Taxis, beladen mit Touristen, überholen uns und so zieht ein Troß Scheinwerfer Richtung Sudangrenze. Der versprochene Sonnenaufgang vollzieht sich allerdings nicht in Abu Simbel, sondern schon auf halbem Wege in der Wüste. Alles pennt oder döst, sogar der Fahrer! So schleichen wir dahin und kommen erst nach dreieinhalbstündiger Fahrt an, nachdem etliche "Fässerrutscher" in Uniform den Weg freigegeben haben. Zwei Stunden haben wir Zeit zum Besichtigen. Der Eintritt kostet uns Studenten 12 LE. Dafür lohnt sich allein der Anblick der riesigen Statuen am Tempeleingang. Viermal Ramses II., von der Krönung mit 31 Jahren bis zum Sterbealter von 99 Jahren. 68 Jahre Regentschaft brachte er zusammen und vereinte zum ersten Mal Ober- mit Unterägypten und machte sich hier selbst zum Gott, in sicherer Entfernung von Luxor, der Götterhauptstadt. Der große Tempel ist sein eigener und der kleinere daneben für seine Lieblingsfrau Nefertari. Beide ließ er aus dem Fels hauen. Durch die Versetzung des Tempels vor den Fluten des Nasser-Stausees hat sich die Zeit der Ausleuchtung im tiefen Allerheiligsten um einen Tag verschoben. Zu Ramses Geburtstag und zu seinem Krönungstag, d.h. zweimal im Jahr, scheint die Sonne auf vier Götterfiguren, wovon eine ihn selbst darstellt. Während der Führung werden die Reliefs interpretiert, gegen 10 Uhr ist die Besichtigung zu Ende und wir machen uns auf die Rückfahrt. Mit Peanuts gefüllte Datteln verkürzen die Schleichfahrt. Mitten im Erg treffen wir auf eine Herde Kamele, die aus dem Sudan auf den Markt nach Daraw getrieben werden. Die inclusive Besichtigung des neuen Assuan-Staudamms für LE 2 kann man sich getrost sparen, weil nichts besonderes zu sehen ist. Um 14 Uhr sind wir wieder in Assuan und ganz schön geschafft! Der unsympathische Nubier namens Omar, bei dem wir diese Fahrt gebucht haben, erscheint kurz darauf, um die restlichen 25 LE abzufischen. Wir ziehen wieder durch die Stadt, kaufen Stamps, lassen uns von Felukabrokern pesten und schlagen uns mit Leberhäppchen die Wampe voll. Prall gefüllt besuchen wir das Tourist Office und führen mit dem Manager ein interessantes Gespräch über Ägypten und Deutschland. Morgen will er uns zu einer neuen Motorradversicherung verhelfen. Abends treffen wir wieder Ihab und fahren mit dem Moped zu seinem Freund, der einen kleinen Laden mit grausigen Musikcassetten betreibt. Schlechtes Sahlab und schiache Musik treiben uns zu Ihab nach Hause, wo wir bei Karkade und Datteln seinen Brüdern vorgestellt werden. Dann gehts zum Nachbarn Magdi, dem Musikladenbesitzer und Uhrenterminator. Bei Magdi herrscht Hochbetrieb, viel Besuch und dann kommen wir auch noch dazu. Doch überall strahlt uns Herzlichkeit entgegen. So dürfen wir mal wieder Tee trinken, über Religion, Gott und die Welt und die Reiseroute diskutieren. Trotz des sehr interessanten Gesprächs macht sich das frühe Aufstehen bemerkbar und wir fahren bald zurück ins Hotel.
- 12 km / 5048 km -

Montag 14.Dezember

Der Kampf um neue Papiere ist erfolglos.
- 12 km / 5060 km -

Dienstag 15.Dezember Der Feluka-Trip auf der Maradona

Da wir um 8 Uhr ein Date mit Carla, Marcello und Captain Ibrahim haben, müssen wir die kurze Nacht schon sehr bald beenden. Trotz Sturmgenerator an der Decke (Ventilator) sind wir wieder die ganze Nacht von Moskitos gepeinigt worden. Nachdem wir eine Stunde auf den Captain haben warten müssen, schütteln wir ihn auf seiner Feluka wach. Die Verhandlungen über den Fahrpreis entflammen von Neuem. Wir bleiben hartnäckig und so gehen wir nach dem Kufta-Breakfast zum Gemüsehändler. Beim Lebensmitteleinkauf für unseren Trip wird ein weiterer vergeblicher Löffelversuch unternommen. Das Gemüse soll statt LE 22 fast das Doppelte kosten! Wir fahren mit dem Eselskarren durch die Stadt zur Feluka und proviantieren. Die Kids vom Eselskarren sind schon richtig harte Geschäftsmänner und kassieren 2 Pfund. Wir stechen in den Nil. Die "Maradona" muß gegen den Wind kreuzend Wasser gewinnen, doch wir legen bereits nach 500 Metern wieder an. Nicht der widrigen Verhältnisse wegen, sondern wegen neuer Geldforderungen des Captain Ibrahim. Trotz prallem Gäste-Referenzbuch und hochheiligen Treueschwüren kann er uns erstmal nur die Hälfte des Fahrpreises abpressen. Den Rest soll er erst am Schluß bekommen. Ibrahim muß anschließend in die Bilharziosefluten steigen, um den Kahn mit Tau im Maul wieder flott zu machen. Das Gebiß des jungen Steuermannes hätte das nicht mehr mitgemacht. Der Wind bläst kalt und schiebt Wolken vor die Sonne. Nach und nach entfernen wir uns doch von Assuan und versägen dabei eine Feluke nach der Anderen. Ibrahim kocht Feta-Cheese, Tomaten und Gurken zum Diner. Trotz der Sonne bläst der Wind so kräftig und frisch, daß wir uns bald alle in die Schlafsäcke verkriechen. Wir genießen die malerische Flußlandschaft und den Anblick von Carla mit ihren Bilderbuchmöpsen. Wenn "Bigfoot" nicht wäre,..., Sacklzement! Wir segeln und segeln und bald melden beide Pförtner, daß etwas ansteht. Doch wir müssen aushalten, bis wir nach Sonnenuntergang endlich anlegen. Im Dunkeln essen wir Makkaroni mit Gemüsesoße, die Ibrahim zubereitet hat, quatschen in die Nacht hinein und legen uns irgendwann auf dem Boot nieder. Den Anker geworfen, dümpeln wir kurz vor Kom Ombo auf dem Nil und verbringen die Nacht unter dem Baldachin, der Abends über uns gespannt worden ist. Ab und zu ist noch ein "nubian telefone" zu hören, dessen Blöken kurz die Nachtruhe zerreißt.

Mittwoch 16.Dezember Impressionen vom Leben am Nil

Kurz vor Sonnenaufgang nutzen wir die Dunkelheit und schlagen unser Nachtwasser von Bord ab in den Nil. Dann rudern uns die Segelneger das kurze Stück zum Tempel von Kom Ombo, wo wir auf etliche weitere Feluken und Ausflugsschiffe treffen. Mit nüchternem Magen gehen wir zum Tempel, haben aber keine Lust reinzugehen, weil es ganze 2 Pfund kosten soll und er von außen schon recht gewöhnlich aussieht. Trotz Verbote dreier Tempelneger erklimmen wir den Hügel, an dem der Tempel liegt und schießen von oben ein Alibifoto. Wie an jedem Kulturdenkmal bieten auch hier wieder zahlreiche Nepper ihren Plunder an, Skulpturen, die teilweise echt den Grauslichkeitspreis verdient hätten. Da lockt doch eher das Frühstück auf der Feluka. Brot, Feta, Tomaten, Jam und Shai. In der Früh ist es nahezu windstill und wir treiben nur mit der Strömung, doch gegen Mittag frischt es wieder auf und es geht schneller voran. Carla fasziniert wieder mit ihrem reizvollen Profil und geizt nicht mit anregenden Posen, ungewollt versteht sich. Nach Kom Ombo erreicht die Wüste den Nil bis auf einen schmalen Grünsteifen von wenigen Metern, wodurch sich wunderbare Kontraste bieten: tiefblaues Wasser, sattgrüne Ufer und goldgelbe Sanddünen. Ab und zu stehen Kingfisher im Wind und stoßen aus geraumer Höhe auf einen Fisch herab. Zum Mittagessen gibt es Reis mit Gemüsesoße und abends das Gleiche mit Makkaroni. Wir fahren und fahren. Stromabwärts, ständig im Zickzack gegen den Wind kreuzend. Ein kurzer Stop an einer der tausend grünen Nilinseln, damit wir unserer Verdauung Platz schaffen können und weiter gehts. Je später der Nachmittag, desto kälter der Wind und die Schlafsäcke drängen sich wieder auf. Touri-Felukas sehen wir jetzt kaum noch, wohl auch eine Auswirkung des Touristenausbleibens durch die Unruhen um Assiut und Qena. Ein paar tiefliegende Frachtfeluken, schwer beladen mit Steinen, fallen auf. So fläzen und dösen wir in den Sonnenuntergang, genießen ihn kurz und pennen weiter in die Nacht hinein. Ibrahim will noch bis Edfu segeln und Mohammed am Steuer grinst dabei mit seinem fauligen Gebiß in den Wind, dessen Kälte ihm nichts auszumachen scheint. Uns friert fast die Nase ab und er sitzt wie ein gefühlloser Android seelenruhig da und bedient das Ruder. Ein paar mal müssen wir vor Dampfern fliehen, die uns mit ihren Suchscheinwerfern aus der Fahrlinie schubsen. Es ist eine sternenklare Nacht und wir segeln, bis uns sogar das Beobachten der Sterne nicht mehr wachhält.

Donnerstag 17.Dezember Edfu und eine abenteuerliche Rückfahrt im Bus

Irgendwann die Nacht müssen wir angelegt haben, wir haben es nicht bemerkt. Gegen 4 Uhr reißen uns sämtliche Muezzins des Niltals mit steinerweichendem Geplärre aus dem Schlaf. Das jämmerliche Geschrei treibt uns fast zum Freitod im Nil. Eine gute Zeit später kommt endlich die Sonne. Wir frühstücken, packen zusammen und zahlen Ibrahim aus. 10 LE Trinkgeld und das viele Gemüse, das er einbehält, sind genug. Unseren Pfeffer muß er auch abgefüllt haben, der Schlawiner. Auf alle Fälle ist unsere ganze Urlaubsration in den zwei Tagen verschwunden. Wir verabschieden Marcello und Carla am Horustempel, schauen noch ein paar viel zu teure Skulpturen an und besteigen gegen halb zehn den Bus zurück nach Assuan. Dieser ist proppenvoll und wir passen gerade noch zur Tür rein. Im Stehen zieht nochmal das Niltal an uns vorüber und dazu zahlreiche, recht erdige Düfte von unseren Mitreisenden. Ein zusteigender Opa prüft mit seinem Gepäck Michels Fuß auf Quetschfestigkeit. Nach 2 Stunden erreichen wir Assuan und eilen schnurstracks zum Kufta, das schon wartet, von uns verschlungen zu werden. Karkade mit Blick auf zwei ausnehmend hübsche Ägypterinnen. Anschließend lassen wir uns vom Händler eine handvoll Karkade zur Qualitätsprüfung geben. Der erste selbstgebrühte Karkade ist ausgezeichnet und wir wollen 4 kg davon kaufen. Mit Datteln und Erdnüssen befriedigen wir erstmal unsere Freßsucht. Wir flanieren an der Corniche entlang, schlabbern im Hostel selbstgemachten Mint-Shai und vergessen natürlich nicht unser Date mit Kufta, dem Fleischspieß. Beim abendlichen Marktbummel ergattert Uwe eine Pharaonenrübe mit Sprung für 13 Pauend. Danach führt Michel mit musikalischer Begeitung und mit Schellen bewaffnet einen Bauchtanz vor, bis die Schwarte kracht. Bei Ventilator-Windstärke 5 legen wir uns im Hostel in den mittlerweile übelriechenden Schlafsack.

Freitag 18.Dezember Abschied vom Niltal und ab in die Wüste

Seit 7 Uhr sind wir auf den Beinen, um aufzurödeln und die Herberge zu bezahlen, wobei mal wieder keiner zuständig ist. Auf dem Weg nach Daraw werden wir von freundlichen Kindern angewunken und mit Zuckerrohr beworfen. Der angeblich nicht stattfindende Kamelmarkt beeindruckt uns sehr. Mohammed führt uns herum und erklärt uns Wissenswertes über die Anreise auf alten Karawanenpfaden vom Sudan, Quarantäne und Verkaufspreise, die von tausend Pfund für ein Schlachtkamel bis zu einer halben Million Pfund für ein Rennkamel variieren können. Unsere Mopeds hätten jeweils 50 Kamele eingebracht, bloß was tun mit einer Herde Kamele? Es geht weiter nach Kom Ombo und Edfu. Das Zuckerrohr fliegt heute verdammt tief! Ein Pickup mit total verzogenem Rahmen, der nur noch auf drei Rädern fährt und LKWs, die mit 80 Sachen durch die Ortschaften brechen, bringen etwas Abwechslung in den sonst nur lebensgefährlichen Verkehr. Wir machen Mittagspause in Edfu, wo der Schlawiner von Kellner 10 Pauend für das lumpige Essen will (Eier, Brot und Tomaten), doch er läßt sich händeringend und grinsend auf 7 Pauend runterhandeln. Sie versuchen eben zu raffen was geht, wenn sie einen Touristen erblicken. Von Edfu aus verlassen wir gegen Mittag das Niltal Richtung Osten. Schnurstracks führt die Straße vom lauten Treiben ins "Middle of Nowhere". Nach ein paar Kilometern sind die Felder zu Ende und wir fahren durch ein Wadi in die Wüste, in dem nur noch vereinzelt Akazien und vertrocknete Büsche stehen. Sofort fühlen wir uns wieder heimisch und genießen die Einsamkeit. Ein Militärposten, der wie immer ein Faß beiseite rollt und uns ohne Kontrolle freundlich passieren läßt, ein paar Neger, die auf bessere Zeiten warten und sonst nichts. Eine Stunde vor Sonnenuntergang finden wir einen Rastplatz am Rand des Wadis hinter einem Felsen, 50 Meter von der Straße entfernt, auf der nette LKW-Fahrer laut hupend vorbeidonnern. Ein schöner Schäfchenwolken-Sonnenuntergang will genoßen werden. Heute Abend gibt es Nudeln Napoli mit Mint-Shai. Am Lagerfeuer begrüßen uns wieder alte Bekannte: die gemeine Wüstenpestfliege, die Gott sei Dank bald schlafen geht, die silberne Raubritterameise, die Riesenameise Größe XXL und die Suizidmotte, die es sich nicht nehmen läßt, ins Feuer Sturz zu fliegen. Der Versuch, die dürren Wüstenbüsche in brennende Dornbüsche zu verwandeln, mißlingt, dafür ist unser Lagerfeuer mal wieder ein echter Genuß. Natürlich fehlt auch der unschlagbare Sternenhimmel nicht, der den ausdauernden Beobachter mit reichlich Sternschnuppen belohnt.
- 185 km / 5245 km -

Samstag 19.Dezember Durch die Wüste ans Rote Meer

Wir warten, bis die wärmende Sonne lacht. Stehen auf, essen Thunfischsalat mit geröstetem Brot und Jam und trinken vor dem Aufbruch ein Sahlab. Gegen zehn Uhr brechen wir auf und buddeln uns schweißausstoßend aus dem tückisch weichen Gelände auf die Straße. Das Wadi wird enger und "wildromantisch", kurvenreich mit Split auf der Straße. Urplötzlich explodiert das enge Tal in eine breite, steppenartige Ebene mit hohen Felsformationen am Horizont. Ein rotweißer Berg blinkt aus dem schwarzen Gebirge. Wir fahren darauf zu. Es ist eine Quarzmine. Der Berg wird nach und nach abgesprengt, der Fels zerkleinert und gesiebt. Der Quarz kommt nach Edfu in eine Silikonfabrik. Wir bekommen eine Führung, Tee, spielen Backgammon (Daula) und warten auf die nächste Sprengung, die zweimal wöchentlich stattfindet. Nach der 100-kg-Dynamit-Sprengung wird geluncht, geteet, ins Horn gebrochen und aufgestoßen. Nach wenigen Kilometern flattert Michel ein Vogel zwischen die Speichen, durch dessen Federnwolke Uwe wie ein Geist hindurchschießt. Die Landschaft ist einmalig schön mit ihren schwarzen Basaltbergen, sandig-grünen Wadis und den roten Bergketten, denen das Rote Meer seinen Namen verdankt. Endlich erblicken wir nach Wochen wieder das blaue Rote Meer. Marsa Alam ist ein recht unansehnliches Dörfchen mit Wohnblocks in rauhen Mengen. Nach Tee und Broteinkauf machen wir uns auf Schlafplatzsuche. Sieben Kilometer nördlich soll ein Campingplatz sein, den wir ansteuern. Unterwegs stürmt Michel mit Karacho ein Militärlager auf einem Hügel, weil er denkt, es sei bereits "Safari Beach". Der überrumpelte Soldat kann beschwichtigt und nach dem richtigen Weg gefragt werden. "Safari Beach"ist ein schöner, aber auch schön teurer Campingplatz. Da uns das Zelten hier zu teuer ist, schickt uns der Besitzer zu seinem Freund, dem Captain vom Militär, den wir nach einer Beach-Penn-Erlaubnis fragen sollen. Dieser lädt uns erstmal auf einen Tee ein, erzählt uns, daß die Straße Richtung Süden nur mit Tasrih aus El Quseir passierbar sei und läßt uns am Strand nächtigen. Nach der Schlafplatzsuche im Dunkeln legen wir uns in den meeresfrüchteübersähten Sand und schlafen schlecht.
- 173 km / 5418 km -

Sonntag 20.Dezember An der Küste entlang Richtung Hurghada

Dutzende LKWs brettern knapp an unserem Nachlager vorbei und reißen uns aus dem Schlafsack. Wir frühstücken Käsebrot mit Tomaten und Paprika und nutzen die Ebbe zum Muschelnsammeln und Schlickrutschen. In Marsa Alam wird eingekauft, Tee getrunken und danach der Küste entlang nach Norden gefolgt. Zur Linken schwarze und rote Berge und zur Rechten das blau bis azurtürkise Rote Meer. Ab und zu unterbrechen bewachsene Wadis, die ins Meer führen, die eintönige Sand-Kies-Küste. Die Straße führt knapp am Meer vorbei und wir halten, um einigen Fischern bei ihrer Arbeit zuzusehen. Kurzum werden wir beim Netzeinholen eingespannt und holen die Fische mit an Land. Die Fischer legen drei Schleifen Netz vom Strand aus, sodaß am Ende kaum ein Fisch entkommt. Die Beute ist ansehnlich und wir bekommen acht Rotbauchfische und zwei kleine Dürre für 1 LE. Gegen Mittag fahren wir weiter, vorbei an manch malerischer Bucht mit türkisblauem Wasser, doch laut Reiseführer werden hier noch ab und zu Minen gefunden! Vom Baden ist also abzuraten. Bald darauf halten wir an einem Wadi mit Büschen, ackern ein paar Meter durch die tiefe Erde, weg von der Straße. Bald entsteht eine bärige Glut, über die wir die Fische spießen. Viel schneller als zubereitet sind sie weggefressen. Unsere Freunde, die Wadifliegen helfen dabei kräftig mit und ärgern uns bis auf Blut. Mit zwei Kesseln Shai versuchen wir den Fischbrand zu löschen, während das Lagerfeuer unwillig dahinzüngelt. Trotz des starken Landauswindes gefällt es uns im Freien am Besten. Der einmalige Sternenhimmel bei Lagerfeuer ist der richtige Ausklang eines solchen Traveller-Tages.
- 113 km / 5531 km -

Montag 21.Dezember Über El Quseir nach Port Safaga

Mit gestriger Glut gelingt es uns, ein morgendliches Höllenfeuer zu entfachen. Unser selbstgebackenes Beduin-Brot schmeckt gut mit Marmelade, bei Kaffee-Extrakt und Shai. Barfußabwasch im eiskalten Meerwasser. Zwei Soldaten wollen trotz des Gepäckberges auf dem Motorrad mitfahren, sind aber schließlich doch einsichtig, daß für sie kein Platz ist. Recht spät kommen wir los und sind nach etwa 30 km in El Quseir. Auf dem Weg grüßen wir die zahlreichen Militäraussichtsposten, die aufzupassen scheinen, daß das Meer nicht weiter als Ebbe davonläuft. In Quseir empfängt uns ein alter, gut englisch sprechender Touriguide, der uns "zackzack" alles zeigen will. Wir kaufen Obst und Gemüse, Brot und Wasser. Süffeln eine Coke und machen einen Abstecher Richtung Westen zu einer Quelle inmitten üppiger Vegetation. Wir waschen uns im kühlen Naß und genießen Sonne, Wind, Mücken und Fliegen. Wenige Kilometer reichen also, um von Meer und Sand in wildes Gebirge zu kommen. Ketten fetten und Essen. Michels Kette nimmt bereits eine bedenkliche Länge an. Mittags fahren wir weiter Richtung Port Safaga und müssen gegen einen starken Seitenwind ankämpfen. In Safaga gönnen wir uns einen übel scharfen Schlangenfraß, für den uns der Wirt auch noch löffeln will. Auch der Teeverkäufer versucht es, aber wir sind mittlerweile abgekocht auf diesem Sektor. Derweil beziehen dicke, dunkle Wolken den Himmel und es schaut recht bedrohlich und kalt aus. Gegen 16 Uhr verlassen wir Safaga in Richtung Kloster Claudianus, kehren aber kurz vor den Bergen wieder um, als uns erste Regentropfen aufs Visier klatschen. Verdammte Sauerei! Es stürmt gewaltig und schaut nach Weltuntergang aus. Wir fliehen nach Safaga zurück und finden ein Doppelzimmer inclusive Frühstück für 30 Pauend. Draußen tobt der Jochwind. Safaga wird gut bewacht mit Flugabwehr und zu Kamel berittener Küstenpatrouille. Endlich gibt es mal wieder grünes 90-Oktan-Benzin. Natürlich versucht auch der Tankneger uns übers Ohr zu hauen. Nach zwei Nächten auf hartem Boden, eben beduinlike, schätzen wir selbst die schlechten Hotelbetten. Wie in jedem Hotel sind die Schlösser verkehrt herum eingebaut, d.h. beim Aufsperren schließt man sich ein! Als wir unser Abendmal bereiten und die Karotten und Kartoffeln schnipseln, meint der Chef, wir dürften die Restaurantküche benützen. So bereiten wir Karottengemüse mit Rindfleisch-Dosenchappi in der Großküche und der Küchenjunge hilft uns dabei. Dank Großgeschirr und Gasflamme sitzen wir bald im Restaurant und essen Rindfleischgemüse. Zur Verdauung gibts Daula, jeder gegen jeden, wobei Uwe gegen den 1.BC Safaga einen Sieg erringen kann, obwohl er dieses Spiel erst seit wenigen Minuten kennt. Michel kann ebenfalls ein Auswärtsspiel gewinnen. Doch Ägypten verliert fair und ehrlich, wenn auch ungern. Auf dem Zimmer gibts noch Sahlab, den Schlechtesten seit eh und je.
- 145 km / 5676 km -

Dienstag 22.Dezember Pistebügeln nach Mons Claudianus

Die Adventszeit ist vorbei, ohne daß wir es bemerkt haben und in zwei Tagen ist schon Heilig Abend, wobei es in diesem Klima unmöglich ist, Weihnachtsstimmung zu erzwingen. Am Donnerstag machen wir uns eben einen "schönen Abend". Das inclusive Hotelfrühstück ist das beste bisher: ein ganzes Omelette, frisches Brot, Butter, Vitrac-Erdbeerkitt und Kinderkäse mit Tee. Frisch gestärkt gehen wir kurz Geldausgeben für Alltägliches, dann fahren wir die Straße Richtung Westen, die laut Tondok eine der Schönsten hier im Gebirge sein soll. Das stellt sich aber als übertrieben heraus. Die Strecke von Edfu nach Marsa Alam war fast interessanter. Nach 40 km gehts auf die Straße zum Mons Claudianus. Dort treffen wir etliche Krauts und schließen uns einer Besichtigung der römischen Sklavensiedlung an, wo vor 2000 Jahren - zur Zeit von Asterix und Obelix also - Quarzdiorit gebrochen wurde für den Bau des Pantheon und Forum Romanum im fernen Rom! Bei der Besichtigungsfahrt - heute mal ohne Gepäck - fegen wir wieder über die Piste. Am nahegelegenen Beduinencamp machen wir Brot-und Teezeit und anschließend uns querfeldein, direkt von hier nach Hurghada, wo wir Martin den Schweizer treffen wollen, der angeblich gute Detailkarten von dieser Gegend hat. Der Untergrund ist Kategorie leicht und zum Schluß gut mit Wellblech ausgelegt aber ein wahrer Genuß für Landschaftsliebhaber wie uns. Ein Beduinenköter bringt Uwe zu Fall, Michel wühlt im Tiefsand und nach 70 km quer und kreuz durchs Desert endet die Piste und zerstreut sich. In der Ferne ist bereits Hurghada zu sehen und irgendwie schaffen wir es nach langem Tanz über Spurrillen im Weichsand (das sind übrigens die Überbleibsel der Pharaonen-Rallye), am Flughafenzaun anzukommen. Martin hat mit drei Deutschen ein Geschäft namens Special Tours gegründet und organisiert Wüsten-Trips mit dem Jeep. Er zeigt uns die Route zu den Rayan-Seen in der Nähe der Oase Fayum und läd uns schließlich zu einem 250 km Wüstentrip für je DM 40,- ein. Vier weitere Pauschalis im Jeep und wir folgen mit den Mopeds. Am Heilig Abend soll es losgehen und wir folgen den Spuren der großen Pharaonen-Rallye, wobei der beste Fahrer nur 3 Stunden für die Strecke benötigte, die wir in zwei Tagen schaffen wollen. Das Wetter ist wieder ungetrübt, nichts ist vom Vortag geblieben. In Hurghada werden wir von einem Motorradverleiher zum Tee eingeladen und über alles mögliche ausgequetscht. Im Dunkeln fahren wir zurück nach Safaga, wobei die Ägypter am Steuer die merkwürdigsten Lichtsignale geben. Zeitweise fahren sie sogar ohne Licht! In Safaga funkt Uwe nach Nürnberg und danach gönnen wir uns ein ziemlich schlechtes Kufta, über dessen Preis wir erbittert handeln müssen. Im Hotel wird wieder Daula gezockt und nach dem obligtorischen allabendlichen Mückenklatschen ist pennen angesagt.
- 214 km / 5890 km -

Mittwoch 23.Dezember Die Küste entlang Richtung Hurghada

Mit dem obligatorischen morgendlichen Mückenklatschen beenden wir die fast schlaflose Nacht. Blutflecken auf den Klatschkissen und an den Wänden sind stumme Zeugen des blutrünstigen Treibens der Mücken und unseres Rachefeldzuges. Die Tapete wird mit unseren Namen verziert. Mit uns verschwinden die einzigen Gäste aus dem Ferien-Village. Nach ca. 25 km Fahrt in Richtung Hurghada machen wir uns auf eine Piste zum Meer, das mittlerweile schon einige Kilometer von der Straße entfernt ist. Dort treffen wir auf einen Campingplatz mit Tauchbasis und wenige Meter nördlich schlagen wir mit Erlaubnis des nahegelegenen Militärpostens unser Lager auf. Beim Dinner genießen wir erst den Sonnenuntergang und danach wie schon so oft, den klaren Sternenhimmel bei Lagerfeuer und Meeresrauschen. Unsere Bäuche sind wieder mal prallvoll und nach dem Shai steht es uns bis an der Kauleiste. Michel flieht vor dem kalten Wind in die Schlafsäcke und Uwe muß sich dringend noch erleichtern, um nicht überzulaufen. Das Lagerfeuer aus reinstem Strandgutholz stinkt gewaltig. Überhaupt ist der Strand gut: gut geteert von der letzten Ölpest, Plastik en masse, Schuhe und eingelassenes Holz von Schiffswracks.
- 25 km / 5915 km -

Donnerstag 24.Dezember Heilig Abend in der Wüste

Um halb sechs schmeißt uns der Wecker aus dem Sack. Während die Sonne langsam kommt, puhlen wir uns raus in die Kälte, holen unsere Pässe beim Militärposten ab und kämpfen uns auf die Straße nach Hurghada. Bei Special Tours kriegen wir von Martins Freundin ein Frühstück serviert, daß uns die Augen übergehen: echte deutsche Marmelade, Schinken, Käse und Kaffee. Abrödeln für den Wüstentrip und los gehts auf die gleiche Piste, die wir gestern gekommen sind. Den zerfurchten Weichsand hochbrechen bis zum Rand der Berge ist mittlerweile Routine. Durch schroffe Berge, enge Passagen, Wellblech und Tiefsand. Links von der Piste ein kurzes Geröllwadi hoch, an eine Felswanne, in der sich Wasser befindet, das von den Beduinen genutzt wird. Dann schauen wir uns zum zweiten Male Mons Claudianus an, aber diesmal viel intensiver. Faszinierende Spuren von irrsinnigem Aufwand, den die Römer vor zweitausend Jahren trieben, um geeigneten Stein für ihre Prunkbauten zu gewinnen. Vorbei an britischen Frontstationen aus dem 2. Weltkrieg zum Lunchpaket an einer Akazie im Wadi Namenlos. Nach einigen mittelschweren Passagen folgt eine kilometerlange, brettlebene Sandfläche, die wir mit über 80 km/h entlangbrettern, immer mit dem Jeep im Kreuz, in dem die Passagiere (Klaus und Ilka aus Großenseebach!) durchgeschüttelt werden. Bis Sonnenuntergang nehmen wir noch ein recht übles Wadi mit gefährlichen Strauchhügeln und Löchern, grobem Geröll und butterweichem roten Saugsand, der gut abbremst. Uwe legt sich und seine Transalp aus Ehrfurcht auf die Seite, wodurch wir den Jeep aus den Augen verlieren. Als dann die Nacht hereinbricht, Schlafsäcke, Sprit, Wasser, Essen und der Einzige, der sich auskennt, weg sind, kommt ein paar Minuten etwas Heimweh auf. Doch nach kurzem Bangen sehen wir wieder die Scheinwerfer des Wagens und folgen noch ein paar Hügel zum Heilig- Abendlichen Lager mitten im roten Sand. Die Weichlinge stellen ihr Zelt auf und wir müssen glücklicherweise mal nicht abrödeln. Das Fahren ohne Gepäck ist eine saugute Sache. Abends gibts Steaks vom Grill, Salat, Brot, Potaken, Coke, Wein und alles, was wir seit Wochen nicht mehr kennen. Der Heilige Abend vergeht mit Erzählen, Lachen und am Feuer sitzen. Ganz und gar unfeierlich, aber auch ungewöhnlich. Stille Nacht mit weihnachtlichem Sternenhimmel und weit und breit kein Tannenbaum.
- 165 km Piste / 6080 km -

Freitag 25.Dezember Pistefegen mit "nackten" Mopeds

Alle haben die Nacht überlebt. Auch von den Weichlingen ist keiner erfroren, nur der Männliche halunziniert ab und zu: er will wilde Kamele gesehen und Tiere heulen gehört haben. Wir pflichten ihm bei. Nach einem kontinentalen Frühstück brechen wir auf. Wir folgen Martin über Stock und Stein in ein wundervolles Tal, bis zu einem Steinbruch, wo wir die Mopeds abstellen. Wir steigen dem Jeep aufs Dach und erleben vom Dachständer aus eine furiose Fahrt durch Tiefsand, den wir mit dem Motorrad nicht geschafft hätten. Das Tal wird stetig enger und die Felsbrocken größer und häufiger. Martin fährt sehr gut und nur einmal hätte er uns fast an einer Akazie abgestreift. Am Ende der Piste heißt es absteigen. Wir wandern tief in den Canyon hinein zu einem Wasserquell mit Schilf. Da es mit Motorradstiefeln bekanntlich gut laufen und bergsteigen geht, kraxeln wir die Wände hoch zu den Einsiedlerruinen, suchen ihre Höhle und die Felsennester bei den Dattelpalmen. Über die andere Seite steigen wir wieder mühsam in die Schlucht hinab und erreichen erst gegen 15 Uhr wieder den Jeep. Nachdem sich die sieben Leute gestärkt haben, fahren wir (es ist mittlerweile klapperkalt geworden) zurück und besteigen die Mopeds. Dem Jeep hinterher über teilweise übles Wellblech, dem kaum auszuweichen ist, bis zu einem Abzweig, wo wir uns von den Anderen trennen. Martin bringt die Passagiere nach Hurghada zurück und wir pisten noch ein paar Kilometer zu einem Brunnen, um dort zu übernachten. Die Sonne verschwindet schnell und die Bäume, selten gesät, geben nur widerwillig ihr Holz her. Mit ein paar Dornbüschen kriegen wir dann doch noch ein wärmendes Feuer zustande, aber der eisige Wind treibt uns bald in die Schlafsäcke.
- 70 km Piste / 6150 km -

Samstag 26.Dezember Aus der Wüste heraus Richtung Norden

Michel wacht nach einem nächtlichen Erstickungsanfall am Morgen doch wieder auf. Er hat sich nachts im Schlafsack verdrillt, um sich vor dem kalten Wind zu schützen und dabei die Schnaufluke nicht mehr gefunden. Uwe hat sich mit Sturmhaube schlafen gelegt. Wir warten die wärmenden Sonnenstrahlen ab und machen uns dann sogleich wieder aufs Wellblech. Plötzlich ist die Piste geräumt und glatt wie ein Kinderpo. Das wird schamlos genutzt und wir brettern mit 80 Knoten über die Piste. Diese Wüsten-Autobahn führt uns bis an den Asphalt nach Hurghada. Die Mopeds total verstaubt und die Ketten zwitschernd, kommen wir bei Martin an, berichten getreu das Geschehene, plaudern noch ein weinig und packen unsere Maschinen wieder auf. Wir bekommen noch einen Eimer Nudeln und beste Wünsche mit auf den Weg. In Downtown fressen wir noch Pizza und Pie, treffen einen Forchheimer (!) und machen uns dann schleunigst weg. Der Dreckswind macht das Fahren fast zum Segeln auf Asphalt. Michel macht sich dabei Jacke und Hose naß: der Faltkanister ist undicht geworden. Nach einer Teepause im Truckstop schlagen wir unser Zelt bei Ras Zeit auf. Am Truckstop müssen wir einem Ami mit Sprit aushelfen, da bis Hurghada keine Tanke mehr kommt. Er ist ganz glücklich, gibt uns 20 Pauend und zwei american beer. Es bläst wie in Alaska. Alles was leichter ist als Blei, fegt der Wind davon, die Helme purzeln umher. Nach Ketten fetten wird das Zelt mit Händen und Füßen fixiert und aufgebaut. Wir kochen Nudeln mit Gemüsesoße im Zelt, köpfen das Bier und essen im Dunklen, da die Taschenlampenakkus leer sind.
- 155 km / 6305 km -

Sonntag 27.Dezember Abschied vom Roten Meer

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind! Die ganze Nacht hat er das Zelt zum Schwingen und Vibrieren gebracht und uns die Zeltwand gegen die müden Köpfe gedengelt. Genug? Aber nicht doch. Erst nachdem wir startbereit sind, frischt es richtig auf. Der Morgenschiß wird ein Akrobatenstück mit dem flatternden Kackpapier. Ganz zu schweigen vom Zeltabbau und dem Abwasch. So viele Flüche wie heute sind in diesem Urlaub noch nie gefallen. Was wir aus der Hand legen, wird im Nu mit fortgerissen. Kurz nach der Abfahrt fliegt auch noch der Deckel vom Nudeleimer auf und davon. Alsdann quälen wir uns pendelnd mit Schlagseite gegen den Sturm nach Norden bis Ras Gharib. Ein Abstecher ins Dorf bringt auch keine Luftverbesserung: die ganze öde Strecke lang liegt ein grausiger Gestank von Schwefelwasserstoff in der Luft, der von den Ölförderanlagen an Land und im Meer freigesetzt wird. Es stinkt fürchterbar, auch im Dorf, doch die Bewohner scheinen an den gefährlichen Gestank gewöhnt zu sein. Wir essen fried potatoes mit Tomaten, kaufen Eier, Butter, Obst und Gemüse. Glücklicherweise können wir auch grünen Saft bunkern, nachdem Uwe 20 km vorher der Sprit ausgegangen ist. Auf der Suche nach der Straße zum Nil steuern wir siegessicher auf einen entfernten Schlagbaum zu. Dort angekommen empfängt uns ein Neger sogleich mit "no" und wir sind schon wieder heiß am diskutieren und bereiten uns darauf vor, unsere Faxen zu kriegen. Doch es erscheint ein Auto und man geleitet uns zurück zur richtigen Abzweigung. Ansonsten wären wir lediglich bei einer Ölfirma gelandet. Also weg jetzt vom windigen, kalten Roten Meer durch ein breites Wadi in die Wüste. Der Gegenwind wird zum Schiebe-Seitenwind. Trotzdem ist es noch arschkalt. Nach einer Aufwärmpause am Straßenrand zieht Michel einen Trumpf gegen die Kälte und fährt in der Regenkombi weiter. Gegen drei Uhr suchen wir ein Nachtlager und finden es am Anstieg zu einer Ebene im weichen Ergsand. Das Zelt wird aufgebaut, jetzt ohne Probleme. Dann gibt es Pancake mit Banane, Honigjam und Joghurt! Es ist ein Schmaus der Extraklasse und füllt den Rest Platz, den die Eiernudelvorspeise gelassen hat. Mit den exzellenten Pfannkuchen wecken wir Erinnerungen an den Anfang des Urlaubs in Dahab. Eine Pracht ist auch wieder die abendliche Feuersbrunst. Shai kochen auf der Glut nach alter Schwedenmanier und über all dem lustigen Treiben lachen abertausend Sterne.
- 226 km / 6531 km -

Montag 28.Dezember Über Beni Suef zur Oase Fayum

Der gestrige Hof um den Mond hat uns heute einen bedeckten, kalten Tag beschert. Ohne wärmende Sonnenstrahlen ist es fast wie im winterlichen Deutschland. Zum Frühstück schauen drei Neger im Pickup bei uns vorbei, schütteln unsere erfrorenen Hände und bieten uns Wasser an, bevor sie wieder verschwinden. Nach einem kleinen Snack gehts wieder auf den Track. Gleiche Einöde wie gestern. Beide fahren wir in der Kombi mit Winterhandschuhen, was wirklich nicht übertrieben ist. Auf halber Strecke arbeitet sich ein Hanomag AL-28 aus der Wüste auf die Straße zu. Wir treffen Deutsche an und tauschen Erfahrungen aus, quatschen eine Weile und fahren die restlichen Kilometer bis ins Niltal. In einem von Allah vergessenen Kaff nehmen wir einen kleinen Imbiss ein, sind dann bald wieder umlagert und werden von einem Dutzend Zombieaugen angegafft. Wie lebende Tote sehen viele der Bälger aus, zerzauste und verstaubt-verfilzte Zotteln, dreckverschmierte Gesichter und zerfetzte Lumpen am Körper. Die vielen kleinen Zombies vertreiben uns schließlich nach Norden, quer durch Pflanzungen, Felder und Felachen zur Hauptstraße. Einige Kilometer vor Beni Suef geht Uwe zum vierten Male der Sprit aus. Die Stadt lassen wir links liegen und machen gleich weiter nach Fayum, entlang dem Nilkanal. Es ist jetzt bedeutend wärmer als an der Küste und bei einem Tee-Stop ziehen wir die Kombis wieder aus. Wieder umringt uns eine Schar neugieriger Zombies, die der Wirt mit Wasser und Stock vergeblich zu vertreiben versucht. LKWs brechen laut hupend durch die Straßen ohne Rücksicht auf Verluste. Gegen vier haben wir in Medinet Fayum das Youth Hostel gefunden, in einem netten Wohnblockghetto, gut dreckig und im 3. Stock. Nachdem wir alles Gepäck hochgeschleppt haben, erweckt uns eine warme Dusche wieder zu neuem Leben. Frische Klamotten und man fühlt sich gleich nicht mehr so wohl, ohne Dreck. Unsere teure Abuskette haben wir wahrscheinlich in Assuan vergessen und suchen jetzt nach einer Möglichkeit, sie wiederzubekommen. Essen Rindfleischsuppe mit Pfannkuchenresten. Nach alter Gewohnheit wird das 6-Bett-Zimmer von uns allein belagert. Aber erst nach Spannen der Wäscheleine und Behängen derselben mit nasser Wäsche, fühlen wir uns richtig wohl. Bei guter Musik, Kerzenlicht (Stromausfall) und Daula genießen wir den Abend bis nach halb zwei.
- 263 km / 6794 km -

Dienstag 29.Dezember Auf Entdeckungsreise in Fayum

Mitten in der Nacht weckt uns der Muezzin mit seinem erbärmlichen Geplärre und gegen acht reißt uns ein anhaltender Schreigesang endgültig aus dem Schlaf. Zum Frühstück gibt es Ei, Jam und Babykäse inclusive Chlorshai. Wir strecken das Essen mit Feta, Honig und eigener Butter. Rein in die Klamotten und auf zur Rundfahrt durch den "größten Garten Ägyptens" über Nazla (Töpfereien und Brennerwerkstätten) und Sanhur zum Quarun-See. Bei Teepausen sind wir stets umlagert von neugierigen Zombies, die wie aus dem Nichts auftauchen und um uns herumschleichen. Die Älteren tun sich schwer, sie zu verscheuchen. Wir spielen Backgammon, trinken Sahlab und Oh Wunder, keiner will uns übers Ohr hauen. Alle verlangen normale Preise! Ansonsten Palmen, Feigenkakteen, Pflanzungen, Wasserbüffel, Schwerlastesel und -kamele und umtriebige Felachen überall auf den Feldern. In einem Nobelcaf'e am See flacken wir uns in die Sonne und gönnen uns zwei Karkade für den Preis von 20 Tees. Weiter am dunstigen Wasser entlang treffen wir auf einen Bus mit deutschen Touristen und stehen kurz wieder im Mittelpunkt. Die Touris erfreuen sich an den "Einheimischen" und deren Bauchtänzen. Original natürlich! Bei untergehender Sonne fragen wir uns zum Youth Hostel durch, das natürlich wieder keiner kennt. In der Hostelküche entpuppt sich der gekaufte Reis als echter Milchreis! Wir sind perplex und stehen fassungslos vor dem Gasherd: wie oft haben wir uns nach einer großen Portion Milchreis gesehnt! Das halbe Kilo verschwindet mit lautem Geschmatze in unseren Wänsten und wir sind glücklich. Zum Nachtisch gehen wir mit Einweckgummis auf Fliegenjagd und richten ein grausiges Gemetzel an. Aber fair! Wie gestern schon fällt der Strom wieder aus und die Kerzen kommen zum Einsatz. Während unseres Backgammon-Trainings pestet uns der Hostel-Neger ständig mit Küchengeldforderungen in lächerlicher Höhe. Es geht dabei nicht um die Pfenningbeträge, sondern daß der Trottel uns stört, so oft es geht.
- 130 km / 6924 km -

Mittwoch 30.Dezember Abenteuer Rayan-Seen

Gut geschlafen, Frühstück wie gehabt und auf in einen sauguten Tag. Mit nackten Mopeds fahren wir die gleiche Richtung wie gestern los, fragen uns durch nach Ibshawa und Abu Gandir. Die Ortsdurchfahrten sind staubig bis schlammig. Überall schallt ein "Hallo Mister", "Wher is a go" und "What's your name?" durch den Helm an unsere Ohren. Freundlich hupen wir und gondeln durch die Käffer. In Abu Gandir soll es laut Martin nur nach Westen gehen, um an die Rayan-Seen zu kommen. Doch es ist schwierig, erst mal aus dem Wirrwarr von Feldern, Lehmhäusern, Gassen und Kanälen herauzufinden. Statistisch fragen wir Leute und ernten nur wages Richtungshändeschütteln, aber wir wissen es natürlich besser und fahren anders. Landen an einer Grundschule, wo gerade der Turnunterricht im Staub ausgetragen wird. Durch unser Auftauchen schaffen wir es, den Unterricht zum Erliegen zu bringen. Man läd uns zu Tee und Waffeln und versammelt nach und nach die gesamte Lehrerschaft im Direktorenzimmer. Sie zeigen uns Schecks über eine Mio Mark von 1923 und wollen wissen wieviel Pauend sie dafür bekämen, diese Lehrer! Zu putzig! Händeringend und lachend diskutieren wir mit dem Lehrerkollegium und begeben uns dann wieder winkend auf den richtigen Weg nach Rayan. Den großen Augen und staunenden Gesichtern kann man ablesen, daß hier noch nicht so viele Motorradfahrer vorbeigekommen sind. Aus der Asphaltstraße wird Staubpiste entlang des Kanals, der den Birket Quarun entwässert und zu den Rayan-Seen führt. Die Piste beginnt, als abrupt das Grün endet und die Wüste anfängt. Raus aus dem "größten Garten Ägyptens" ins "middle of nowhere". Gut zu fahren, bis auf vereinzelte Steinrüttelplatten. Es macht Laune, wieder Dreck unter den Stollen zu haben, zu schlingern und zu driften. Nach etwa 15 km taucht der erste See auf. Wasser en masse mitten in der Desert, mit Schilf, Fische(r)n und Vögeln. Ein kleines Paradies wohl auch für die Fischer, die auf dem See ihr Glück versuchen. Nur die Heere von kleinen, grünen Fliegen, die uns wie eine Wolke umgeben, trüben den Sinnesschmauß. Egal. Sie werden eingeschnauft, zerwuzelt und bei der Brotzeit mitgefressen (Proteine!). Da landet ein Fischerkahn, entlädt ein paar Neger und bevor wir uns versehen, sitzen wir mit ihnen am Seeufer, essen frittierten Fisch und trinken Shai. Es ist phantastisch, man kann hinkommen wo man will und stets findet sich ein Ägypter, der eine Einladung bringt. Wir könnten mittlerweile ein Buch schreiben: "Reise-Know-How: Durchschnorren in Ägypten"von Michael Pophal und Uwe Mechtold. Beide Seiten verstehen mal wieder Bahnhof, doch trotzdem wird verarscht und gelacht. Shokran, mar salam und davon. Am Ufer, immer am Grünstreifen entlang auf der Suche nach dem zweiten See, den der Erste über einen Kanal speist. Glücklich sind wir auch über die Sonne und die Wärme, die wir nicht mehr erwartet haben. Am Überlaufkanal treffen wir auf Fischer, die Netze in die schnelle Strömung gehängt haben und nur ab und zu entleeren brauchen. Dabei steigt Uwe beim Halten in eine Felsspalte und Michel beobachtet im Rückspiegel, wie zuerst ein Mopedfahrer fällt und dann ein Moped hinterher. Zu dritt wird es wieder aufgerichtet, leider ohne Rückspiegel, der im Dreck steckenbleibt. Ansonsten alles O.K. Nach einem großen Hügel und skurrilen Kalkgebilden sind wir am zweiten, noch größeren See und hören schon den Wasserfall rauschen, der sich aus drei Meter Höhe herunterstürzt. Keine Fliegen mehr, dafür ein paar Touris. Doch auf der anderen Seite, was sehen wir da? Etliche Motorräder und zwei Jeeps! Wir sind ganz aufgeregt. Uwe springt ganz kurz ins eiskalte Naß, um sich die Eier abzuschrecken und dann waten wir auf die andere Seite rüber zu den Mopeds. Acht Italiener mit Begleitfahrzeugen und Satelliten-Navigationsgerät, die gerade Richtung Baharia Oase aufbrechen! Querwüstein! Und wir können nicht mit, unser Gepäck liegt noch in Fayum. Es ist zum Heulen und zum Kotzen! Jetzt ist die Chance da, auf die wir die ganze Zeit gehofft haben und wir können sie nicht nutzen. Der Troß bricht auf und wir brechen fast ab vor Unmut. Zu Michels Überdruß ist noch eine 750er Africa Twin dabei. Malesch, würde der Neger sagen. Verfaultes Pech. Wir machen uns wieder durch das Eiswasser rüber und werden von zwei Neppernegern erwartet, die aus heiterem Himmel horrende Pfundforderungen stellen. Wofür? Vielleicht fürs Mopedabstellen und Wasserfallanschauen. Interessiert uns jedenfalls nicht. Ungehalten geben wir Gas und stauben die Nepper richtig ein. Unterwegs fischen wir Uwes verlorenen Pulli wieder auf und gelangen bis an eine Düne. Dort legt Michel das Moped auf den verdrehten Fuß, schaufelt ordentlich Sand ins Motorrad, sprengt einen Riß in die Verkleidung und läßt die Kette entgleisen. Die Wüste fordert ihren Wegzoll. Zum Sonnenuntergang kommen wir wieder ins Grünland. Hier geht es jetzt zu, wie es eben nur hier zugehen kann. Einen Vergleich haben wir nicht: alle Felachen der riesigen Halboase müssen auf dem Weg nach Hause sein. Der Rückweg wird zum Hindernisparcours durch eine rießige Staubwolke. Die Wege wimmeln von Eseln, Kühen, Ziegen, Schafen, Kamelen, jedweden Karren und Menschen. Alles was sich bewegen kann ist auf der Straße, beladen mit allen Möglichkeiten. Zu den unbeleuchteten Hindernissen kommen noch die kaum beleuchteten Autos! Ein perfektes Chaos. Überholen ist lebensgefährlich. Trotzdem, dieses Treiben muß man erlebt haben. Heil erreichen wir Fayum bei Dunkelheit und werden uns bei je zwei Pizzas einig, daß dies ein gelungener Tag gewesen ist. Die Suche nach Coke, sogar mit Kids als Guides, bleibt erfolglos, doch ein Saftladen spendet Trost mit Erdbeershake und Guaveshake. Zurück im Hostel erfreuen wir uns wieder am Fliegenzermatschen mit den Einweckgummis.
- 139 km / 7063 km -

Donnerstag 31.Dezember Sylvester in Fayum

Trotz Muezzingejohle frühmorgens finden wir nochmal Schlaf und frühstücken gegen acht Uhr. Wieder beginnt ein sonnigwarmer Tag in Fayum. Heute wollen wir relaxen und schlendern durch den urtypischen Suk abseits der Hauptstraße mit verschämt lächelnden Marktfrauen, die alle - manche sogar sehr hübsch - üppig gefüllte Blusen zur Schau stellen. An einigen Brüsten dürfen sich glückliche Babies laben. Alles Obst und Gemüse wird angeboten und endlich entdecken wir wieder Datteln, wenn auch recht schlechte. Sukimpressionen sammeln: Fleischläden zum abgewöhnen, Supermärkte mit einer Fläche von sechs Qadratmetern, Ramschshops und ein Gewimmel, wie es nur auf arabischen Märkten gibt. Zum neuen Jahr rufen wir bei unseren "Erzeugern" zu Hauses an. Wir bummeln und schauen, werden bestaunt, von Plastiktütenverkäufern gepestet, von Autos auf die Seite gehupt, überall begrüßt und riechen da und probieren dort. Den ganzen Tag könnte man so verbringen im lustigen Drunter und Drüber auf dem Markt. Neujahrsgrüße und Neujahrsgesänge wie "heavy new year" oder "heidi bad day", abgeleitet und frei interpretiert von "happy birthday". Letztendlich kaufen wir uns jeder eine Shisha mit Zubehör, die zu Sylvester angeschürt wird. Schwer bepackt nach diesem Konsumtaumel kommen wir am verschlossenen Hostel an und warten auf den Oberdeppen. Dann wird erst mal relaxt und geknackt bis in den späten Nachmittag. Wir bzw. der Muezzin rappelt uns wach, zum Sylvestereinkauf in die City. Dort stehen wir zum zweitenmal fassungslos vor einem Neger, der meint: "Ah Germany, Hitler, very good!". Uns schwillt der Kamm bei so viel geistiger Minderbemitteltheit. Herr, wirf Hirn vom Himmel! Zurück im Zimmer ernten wir Fliegen, sportlich und fair mit Gummi natürlich. Wände und Betten sind übersät von Leichenteilen unserer Sportskameraden. Danach bereiten wir das Überessen dieses Urlaubs. Als Sylvesterschmauß bereiten wir gebackene Leber mit gerösteten Zwiebeln und Potakenpüree. Es gelingt hervorragend in der versifften Hostelküche und schmeckt saugut. Genau das richtige zum Jahresausklang. Kerzenlicht, Backgammon bei Musik und Coke. Dann ist es soweit, wir schmeißen mit Mühe die Shishas an und nach ein paar tiefen Schnaufern sind wir erstmal breit. Schwindlig wie nach reichlich Sekt! Aber die Shisha auf Betriebstemperatur zu halten ist nicht leicht, außerdem reichts uns schon. Zum Neujahr wird geprostet und der gute Vorsatz genommen, daß dies nicht der letzte Urlaub dieser Art ist. Unglaublich, wo das letzte Jahr geblieben ist. Der Abend dauert noch lange.
- 6 km / 7069 km -

Freitag 01.Januar 1993 The Day After

Der Herbergsdepp hat es heute wieder geschafft, das Frühstücksei perfekt zu versalzen. Eigentlich wollen wir heute nach Baharia aufbrechen, aber uns ist gar nicht wohl im Magen. Dünnpfiff, Magenschmerzen, Völlegefühl und Schwindel. Die Shisha hat Nachwirkungen! Wir vertagen die Abfahrt und hauen uns wieder aufs Ohr. Über Mittag gehen wir wieder in die Stadt, die berühmten Wasserräder begucken, Negermädels anlächeln, Daula zocken, Karkade schl?rfen und die Magenschmerzen ausdumpfen. Kurz einkaufen und dann wieder an der Matratze horchen bis in die Abendstunden. Ein deutschsprechender Ägypter mit "Pfanne" in Bielefeld braucht unseren Rat. Wir hängen ihm dafür unser Problem mit der Kette in Assuan an den Hals. Abends schicken wir Postkarten auf ihren Weg, eine davon an Eihab, mit der Bitte, uns die Kette nach Germany zu schicken. Wir packen soweit zusammen, in der Hoffnung morgen wieder fit zu sein.

Samstag 02.Januar 1993 Der 530-Kilometer-Marathon nach Bahariya

Um halb sieben stehen wir auf, sind blitzschnell fertig und bereit abzudampfen. Aber der Minusneger hat die Hosteltür von außen abgesperrt, im Glauben wir würden später fahren. Wieder steigt der Faxenpegel und wir machen Radau, bis der Wachneger, der extra wegen unseren Motorrädern Wache schiebt, von unten angerannt kommt und aufsperrt. Zur Vergütung der vielen Ruhestörungen im Hostel leihen wir uns das Backgammonspiel als kleine Entschädigung aus. Um acht Uhr starten wir Richtung Ibshawi, wühlen uns mitten durch einen Straßensuk, hupen was geht, drängeln, fluchen, rammen Kamele, Esel und Ochsen und machen Hunde und Gänse platt. Eine gute Stunde eiern wir so rum, bis wir in Ibshawi sind und uns weiter bis ans Ende des Birket Quarun durchfragen können. Wieder werden wir vereinzelt von Kindern beworfen, doch ein kleiner Zombie wird erwischt und vom Esel gezerrt. Sein eigener Peinigerstab, mit dem er wie ein Geisteskranker auf Michels Gepäck eingedroschen hat, wird ihm selbst zum Verhängnis. Nach einer Tracht Prügel läuft er wie die wilde Angst von dannen. Von friedlichen Bälgern lassen wir uns den Weg zum "Gebel" zeigen, über den eine Piste zur Verbindungsstrecke Kairo-Baharia führen soll. Doch die anfängliche Piste wird immer schmaler und schließlich verschwinden die letzen Spuren im Tiefsand und mit ihnen unsere Hoffnungen, diese Abkürzung nehmen zu können. Wir müssen klein beigeben, drehen enttäuscht um und machen erstmal Mittag am See. Gute 150 km haben wir heute in der Früh gerödelt, für nichts und wieder nichts! Wir müssen zähneknirschend den Umweg über Kairo in Kauf nehmen. Mit 90 Sachen auf die Autobahn nach Kairo, doch halt: da gibt es doch noch eine Abkürzung über die 6. th October City. Gesehen, gefahren und 100 öde Kilometer gespart. Super tanken in der Stadt und gleich weiter nach Baharia, die Strecke kennen wir ja schon. Einige Verschnaufpausen für den Hintern erleichtern den Marathon. Kurz nach der 6. th October City kommt uns der italienische Spaghettisultan auf seiner schwarzen Africa Twin entgegen, den wir auch schon in Rayan getroffen haben. Ein kurzer Plausch und gute Fahrt. Noch 320 km bis Baharia und es tut jetzt schon einiges weh! Wir blockern durch die lybische Wüste, immer mit dem Wind in der Seite. Dementsprechend saufen die Kisten 8 Liter auf 100 km. Wir fahren in den Sonnenuntergang hinein und fallen in die Bahariasenke. Wunderschöne Landschaftsszenen spielen sich vor dem gelbroten Horizont ab. Es wird dunkel und wir können unsere Ketten zwitschern und knarzen hören. Sie schrabbeln, kratzen und schlagen gar garstig und uns wird ganz bang beim Fahren. Um ein Haar donnern wir in eine unbeleuchtete Straßenbaustelle: Neger, die im Stockdunklen die Straße asphaltieren! Ein unbeleuchteter Hänger und ein Truckercamp am Straßenrand mit brennenden Reifen sind die kleineren Gefahren. Der Hintern kneift und die Beine schlafen ein, aber Baharia ist Nahe. Je ein Pauend müssen wir wieder an der Holzschranke bei Menagem abdrücken. Der gleiche Conterganneger wie damals schon ist zum Kassierer auserkoren und schröpft uns grinsend. Vorbei an der Schwachsinnigensiedlung  zum zweiten Steilabfall in die Bahariasenke und spät abends finden wir uns endlich in Bawiti ein. Alles wie gehabt, alte Bekannte, Ahmed der ortskundige Sozius, Orlow vom Paradies Resturent, alle Businessgesichter. Chuk Chuka und Karkade und hinein in eine lange Nacht mit den "Paradiesvögeln" und vier Deutschen. Recht lustig wirds beim Feuer, die Bongo wird angeheizt, gesungen, getrommelt und getanzt bis nach zwei Uhr. Jimmy, der Kampfköter, ist auch mit von der Partie. Im Resturent legen wir uns auch nieder.
- 530 km / 7599 km -

Sonntag 03.Januar 1993 Die unverschämte Räuberbande

Seltsame Gockel gibt es hier, die alle Stunden in der Nacht losplärren, vieleicht um Uhrenvergleich zu machen. Trotzdem haben wir ausgezeichnet gepennt. Am Morgen ist es schweinekalt und die Griffel frieren fast am Brot fest. Den Aufenthalt in Bawiti wollen wir um einen Tag verlängern, weil wir eine Einladung zu einer original Dünenparty mit Bawitimusik haben. Doch nach dem zweiten Frühstück tuckern wir erstmal auf Einladung zu Ahmeds Safaricamp. Er hat hübsche Zimmer und eine warme Quelle zum Dampfbaden und Wasserstrahlmassieren. Wir lassen uns einweichen und fläzen im 35°C-Wasser. Magnifique! Danach werden wir durch Ahmeds Garten geführt: Limonen, Orangen, Oliven, Mangobäume, Datteln u. v. m. Es gibt Tee umsonst und wir dürfen uns wie zu Hause fühlen. Ahmed ist sehr nett und schon wieder verdächtig zuvorkommend. Nachmittags kommen wir zurück nach Bawiti und konsumieren fleißig im Paradies, warten auf den Partybeginn. Mit Orlow kehren wir bei Maghdi im KIMO-Restaurant ein und unterhalten uns ein wenig über die Touristenmafia in Bawiti. Um acht fahren wir zur Party nach Agouz, keine Dünen! Dort trudeln nach und nach vermummte Gestalten ein und es wird gebongot und gesungen. Die fiese Schallblase vom Government versucht sich vergeblich auf seiner libyschen Tröte. Insgesamt ist es trotz Lagerfeuer eine recht müde Party und wir fahren bald mit Ahmed und Dumpfbacke wieder zurück. Großzügigerweise haben wir den Tee nicht bezahlen müssen, dafür will die Fratze vom Government unverschämte 15 LE für den Fahrer, der wiederum gar nichts von Geld erwähnt hat. Uwe liegt sofort der Gallensaft auf der Zunge und er poltert los. Jedesmal kommen die Aasgeier mit Geldforderungen nachher. Vorher Kumpel und Einladung, dann eiskalt und unverschämt abzocken. Nicht mehr mit uns! Am liebsten würden wir der miesen Fratze die Haut abziehen. Geld bekommt er keinen Piaster, auch nicht für die Übernachtung bei Abdallah im Paradies-Resturent, für die er gleich noch 20 LE "für die Regierung" abschöpfen will. Später sitzen wir noch bei der immergleichen Musik mit anderen Leuten bis spät in die Nacht, diesmal ohne Geld. Spät hauen wir uns im Paradies wieder aufs Ohr. Die seltsamen Gockel plärren die ganze Nacht und auch Jimmy kläfft, worauf ihm Michel die Ohren langzieht.
-14 km / 7613 km -

Montag 04.Januar 1993 Die geheimnisvolle Strecke nach Siwa

Nach total versalzenem Chuk Chuka, Aufrödeln, Tanken und Einkaufen machen wir uns gegen zehn auf unsere Kampfgassocken. Die Entfernungsangaben nach Siwa variieren von 350 km bis 480 km. Unterwegs treffen wir Deutsche: ein Wüstengreenhorn im VW-Bus erzählt uns von seinen Fahrkünsten und von 500 Meter langen Weichsandfeldern, die noch vor uns liegen und ohne graben nicht passierbar wären. Die 500 m reduzieren sich später auf 20 m und die unpassierbaren Weichsandfelder sind genau genommen ein einziges, das wunderbar über die Dünen umfahren werden kann. Die fünf Militärposten wollen, wie von der Oasenstraße schon gewohnt, die Pässe sehen und blöde Fragen stellen. Bei offensichtlich nur vier Personen im Umkreis von mehreren Kilometern fragen uns zwei Intelligenzneger, ob wir mehr als zwei Leute sind, worauf Michel antwortet, er habe noch einen Kumpel im Gepäcksack verstaut. Alles in allem ist die Strecke landschaftlich sehr reizvoll, es ist alles geboten: schwarze und weiße Wüste, Erg, Hammada, messerscharfe Steine, die senkrecht im Aspalt stecken, ein See und Wellblech-Asphalt. Mit mehreren Päuschen kommen wir gegen 18 Uhr in Siwa an. Sofort empfängt uns Abdallah, dem wir zufälligerweise eine Botschaft aus Bawiti mitbringen sollen und organisiert uns nach dem Abendmahl ein Hotelzimmer.
- 410 km / 8023 km -

Dienstag 05.Januar 1993 Regen zerweicht die alte Oase

Ein "nubian telefone" direkt unter unserem Zimmer im Madina-Hotel sorgt dafür, daß wir morgens rechtzeitig aufstehen, um den ersten Regen in Siwa seit acht Jahren nicht zu versäumen. Richtige Tropfen klatschen auf die Lehmziegelbauten und die Einwohner bangen um ihre nicht regensicheren Wohnungen. Wir futtern unser Brot mit Feta und Jam und bewundern den bedeckten Himmel. Der erste Regen vermiest uns die Ausflugsfreude und treibt uns lediglich über die matschige Straße ins Restaurent zu Karkade und Daula. Dabei zeigt Michel sich von seiner spendablen Seite und teilt seinen Tee mit dem Brettspiel. Nach drei Partien läßt der Regen nach und wir schlappen durch die Stadt zur turmhohen Altstadt Shali aus dem 17. Jahrhundert. Die Lehmhäuser sind dicht gedrängt und übereinander geschachtelt, eng zusammengepfercht als Schutz vor Eindringlingen. Wir erklimmen den Fels, an den sich Shali schmiegt und erleben einen grandiosen Ausblick über Siwa. Weite Palmenhaine, die Seen, die Zeugenberge und das große Sandmeer im Süden Siwas. Weiter schlendern wir durch die Ruinen, die teilweise sogar noch bewohnt sind, schießen ein paar Detailfotos und flirten mit Monika, einer einheimischen Perle, die aus einem Fenster grüßt. Gegen ein Uhr machen wir uns Nudeln Napolium im Zimmer und planen die wenigen uns verbleibenden Tage. Den Nachmittag vertrödeln wir mit Spielen und Rumgammeln im Umkreis von fünfhundert Schritten, die den Stadtkern in Siwa ausmachen. Post und Touristoffice sind wie so oft geschlossen, an der Tanke hat die defekte Elektrik den Spritstrom unterbrochen, es soll erst morgen wieder Saft geben. In den drei Restaurants sitzen die Touris gut verteilt, konsumieren und warten das schlechte Wetter ab. Beim Sahlab-Trinken im East-West-Restaurant zeigt uns ein Esel, was ein Gemächt ist - vollautomatisch ein und ausfahrbar. Trotz vieler ausgelasteter Lastenesel klappt das Telefonnetz hier gut und die asthmatisch röchelnden Nachrichten erfüllen den Äther, ab und zu bereichert vom Klagegeschrei der Muezzins. Laut "Tondok" ist Regen in Siwa kein Thema, doch seit 1985 hat es heute zum ersten mal wieder richtig gepinkelt. Abends kochen wir mal wieder selbst: einen gestrichenen Topf voll Milchreis mit Banane fürs Frühstück und zum Abendessen probieren wir selbstgemachtes Chuk Chuka aus Zwiebeln, Tomaten und Eiern. Es schmeckt anders als Orlows, doch es ist trotz aller Befürchtungen wieder mehr als genug. Was solls, schließlich müssen wir fit (fett) sein für den harten, kalten Rückweg nach good cold germany. Mit dem Einweckgummi ziehen wir durch die Hotelgänge und verbreiten Angst und Schrecken unter den Fliegen und Mücken, hinterlassen eine Spur der Verwüstung und rächen uns etwas verspätet für die Qualen, die wir schon in Dahab erleiden mußten. Die Mopeds haben heute ruhen dürfen und wir tun es jetzt.

Mittwoch 06.Januar 1993 "Little rain is big problem for Siwa"

In aller Herrgottsfrüh weckt uns das Asthmablöken des Nachbaresels. Beim Blick aus dem Fenster fällt es uns wie Fliegen von der Decke: die Mopeds werden saubergeregnet! Es ist schon zu spät, der beste Dreck ist schon weg. Niedergeschlagen schauen wir raus. Gegenüber blitzen Zucke von den freiliegenden Stromkabeln, Jungs wimmeln auf ihren Lehmdächern herum und versuchen die Fluten abzuhalten. Der gestrige Milchreis füllt unseren größten Topf randvoll, wird aber im Nu dezimiert. Danach legen wir uns wieder ab, verschieben die Ausflugspläne und verdauen in der Horizontale. Später gehen wir ins triefende Cafe gegenüber und setzen uns ins Innere, wo es auch schon munter durch die Decke piselt. "Little rain is big problem for Siwa", sagt man uns. Wohl wahr: vereinzelt schwimmen Lehmhäuser vorüber, andere sind auf ihre halbe Größe zermatscht und zeigen große Risse. Die Straßen sind ein Brei und zum Mopedfahren denkbar ungeeignet. Also bleiben wir noch einen Tag und warten auf das Ende des großen Wassers. Wir trinken Karkade und spielen Daula wie eh und essen einen Pancake zu Mittag. Irgendwann tun wir die paar Schritte zur Post und zum Tourist Office, das leer und verlassen ist. Kaufen Brot in der Bäckerhütte und waten durch den Schlamm zurück zum Hotel. Lesen und dösen, während es draußen pausenlos tropft. Doch dauernd rumhängen liegt uns nicht, wir gehen lieber raus an die feuchte Luft und suchen den Bir Tanusi zu Fuß. Durchfragen und durchwaten. Knöcheltief versinken wir im Morast, biegen von der Hauptschlammstraße ab in die Palmenhaine und genießen das Rutschen im Schlick. Endlich finden wir den Bir, ein kreisrundes, bodenlos tiefes Becken. Aus der Tiefe sieht man im glasklaren Wasser Gasblasen hochsteigen, die das Algen- und Müllagglomerat an der Oberfläche an den Rand drängen. Der Bir ist zwar warm, aber der Algenschmadder, die bodenlose Tiefe und der Dauerregen reden uns das Baden aus. Viel lieber baden wir unsere Schuhe im Morast zurück zum Cafe, wo heißer Karkade auf uns wartet. Im Hotel machen wir uns nur eine Suppe, weil wir für heute Diät beschlossen haben. Doch die Kräuterrahmsuppe wir recht dick und viel und Brot haben wir ja auch genug. Tagsüber Peanuts, Datteln und Orangen. So ist dafür gesorgt, daß auch heute Abend die Bauchdecke ausreichend unter Spannung steht.

Donnerstag 07.Januar 1993 Im strömenden Regen an die Mittelmeerküste

Heute ist Weihnachten für die Araber, doch weder ihnen noch dem Wetter ist etwas davon anzumerken. Wir packen zusammen und rödeln die Mopeds auf, zahlen 18 LE für drei Nächte und fahren guten Mutes zur Tankstelle. Aber dort: mafisch benzina! Die Elektrik ist immer noch im After. Vergebens versuchen wir anderswo Sprit zu bekommen. Es bleibt nur warten und Kufta fressen. Da auch Abdallah keinen Rat weiß, fahren wir nach Fatnaas, einer kleinen Insel im Birket Wasweißich, die über einen Damm befahrbar ist. Davor treffen wir noch einen Italiener der Motorradgruppe von den Rayan-Seen, der von ihren Ausfällen, dem Liegenbleiben ihres Jeeps und einer Regenfahrt erzählt. Außerdem entpuppt sich die seltsam einheimisch gekleidete Weiße als die Bettina Leopoldo, die seit acht Jahren mit ihrem Mann hier in Siwa lebt und ein Buch über das Leben der Frauen von Siwa schreibt. Mit sämtlichem Gepäck schlittern und spritzen wir durch den Morast nach Fatnaas, springen kurzentschlossen in den 25°C-Whirlpool und sitzen dann bei Tee und Brotzeit in der Sonne, die sich dank des Windes gegen die Wolken durchzusetzen beginnt. Doch nur kurz, denn es zieht sich wieder zu und wir rutschen zurück nach Siwa. Die Tanke ist abgeschlossen und so fahren Michel und Abdallah zum Tankwart nach Hause und zerren ihn vom Mittagessen weg. Dank Allah gibt es jetzt wenigstens 80er Sprit. Wir versorgen die Ketten noch notdürftig mit Altöl und machen uns in den Regenkombis auf den Weg nach Marsa Matruh. Gleich nachdem wir die Siwasenke hoch sind, gewinnt die Wüste ein ödes Erscheinungsbild, das selbst der Sonnenuntergang nicht zu verschönern weiß. Fette schwarze Wolken werden vom kräftigen Wind herangetrieben. Mehr als ein paar Spritzer kommen aber nicht. Bei einer zweiten kurzen Pause schafft es der verdammte Wind in einem unachtsamen Augenblick, Uwes Moped umzuwerfen und den Bremshebel zu verbiegen. Überhaupt bläst uns der Scheißwind dauernd von der Seite an und erschwert damit das Fahren sehr. Zwei sinnlose Kontrollen werden passiert. Wir sind mittlerweile in kompletter Regenkluft, was sich dreißig Kilometer vor Matruh dann richtig lohnt. Es schüttet auf uns nieder und gnädigerweise geht Uwe wenige Kilometer vor der Stadt nochmal der Saft aus. In strömendem Regen und eiskaltem Wind wird nachgetankt. Marsa Matruh ist nahezu komplett überflutet, es gibt fast keine Straße, die nicht unter Wasser steht. Wir waten durch die Stadt, fragen verzweifelt nach dem Youth Hostel und kriegen langsam die Faxen mit den nixenglischsprechenden Idioten. Ein Laufneger sprintet dann neben unseren Maschinen her und führt uns zu einem Hotel am Meer, frech wie der Rotz am Ärmel verlangt er dann auch noch 2 LE für seine Führung zum Hotel. Die Mopeds pressen wir durch eine enge Tür in den Hotelflur. Der aufdringliche Ägypter ist ein Paradeexemplar für die Hohlköpfigkeit der meisten seiner Artgenossen, versteht nur Bahnhof statt Englisch und will nur Geld erhamstern. Am Ende einer heißen Diskussion wirft Michel ihm ein Pauend zum Balkon runter. Mit Reissuppe und Sahlab beschließen wir den beschifften Tag.
- 323 km / 8346 km -

Freitag 08.Januar 1993 Am tosenden Meer entlang bis El Alamein

Unser Hotel liegt direkt am tobenden Mittelmeer, der Wind pfeift und peitscht die Wellen gegen den Fels. Sonne und Wolken wechseln sich ab, manchmal regnet es. Zum Brechfest kochen wir Milchreis, mal wieder mehr als genug. Der Hotelmanager bringt uns heißes Wasser und will kein Geld dafür! Kurz vor Mittag kämpfen wir gegen den Wind an Richtung Cleopatras Bad, haben etliche tiefe Furten zu durchqueren. An der Landzunge entlang, gegen die stürmische Seeluft, über Sandverwehungen hinweg, wühlen wir uns durch das "Sandstrahlgebläse". Wir schauen kurz an die See und bewundern den "blanken Hans", wie er schäumend und spuckend über die Felsen spritzt. Zurück in Marsa Matruh gönnen wir uns einen Gockel und geben den Ketten wieder Altöl, bevor wir das Weite suchen. Recht öde Steppenlandschaft hier, die vor 50 Jahren schon deutsche "Touristen" mit bleispuckenden Fahrzeugen gesehen hat. Nur hatten sie es weniger schön, sie versauten sich den schönen Ägyptenaufenthalt, indem sie sich mit den Allierten die Köpfe einschlugen. Wir passieren die italienischen und deutschen Ehrenmale und kehren zum Sonnenuntergang in ein Hotel bei El Alamein ein. Der Hotelkoch bringt ein Omelette zustande. Die Mopeds dürfen wir im Restaurant abstellen. Dort wird Öl aufgefüllt und die Kette gespannt. Michels Kette hat sich nach der heutigen Unterwasserfahrt wieder um einige Glieder gedehnt und ist kaum noch nachzuspannen, ohne Gefahr abzureißen. So reparieren und ölen wir im Restaurant für die letzten Kilometer auf ägyptischem Boden.
- 214 km / 8560 km -

Samstag 09.Januar 1993 Von El Alamein nach Alexandria

Aufstehen gegen sieben und Frühstücken im Hotel von El Alamein, das nur ein paar Häuschen ausmacht. Heute ist es fast unvorstellbar, daß vor 50 Jahren viele tausend junge Männer, wie wir, sich trotz der himmlischen Strände an diesem Ort lieber umbrachten. Nach dem Heavybreakfast (pfundschweres Blätterteigteil) gehen wir über die Straße ins El-Alamein-War-Museum für 5 LE pro Kopf. Das Innere ist überraschend gut aufgebaut. Wir hören eine deutsche Tonbandstimme, die die Vorgeschichte, den Verlauf und die Folgen der Schlacht um El Alamein erläutert. Dazu blinken zahlreiche Leuchtpunkte auf einem Diorama. Eine sehr gelungene Show, und das in Ägypten! Zu sehen sind auch sehr interessante Details und gute Fotos vom Alltagsleben der armen "Frontschweine". Die Gestaltung darf als sehr gelungen bedacht werden. Außen stehen einige ganz arg mitgenommene Panzerfahrzeuge und Kanonen, von denen uns ein Aufpasser in Uniform wegholt, um uns aus dem Gelände heraus zu einer sandsackbefestigten Stellung mit Bunker zu führen, wo wir uns kurz umsehen. Danach packen wir auf und fahren zum allierten Soldatenfriedhof. Derweil scheint wieder etwas die Sonne über die mehr als siebentausend Grabsteine - nicht einmal ein Zehntel der insgesamt 90000 Jungs, die hier bei diesem Gemetzel ihren Afrikaaufenthalt beendeten. Das beklemmende Gefühl unter all den toten Gleichaltrigen treibt uns schließlich weiter. So wie sie damals gegen Gleichaltrige aus aller Welt gekämpft haben, treffen wir heute hier ihre potentiellen Enkel und genießen friedlich miteinander den Urlaub.Wir fahren die Küste entlang und staunen über den azurleuchtenden Badestrand, der sich kilometerlang hinzieht und die sich auftürmenden pechschwarzen Regenwolken. Gerade noch rechtzeitig schlüpfen wir in die Kombis, bevor uns der Himmel auf den Kopf fällt. Der Regen begleitet uns bis nach Alexandria. Hier sind viele Straßen in Seen verwandelt, wie schon gehabt. Ein alter Benz fährt vor uns mit gesundem Tempo in eine Pfütze und lotet dabei das ellentiefe Loch exakt aus, wobei er aufschlägt und der Vorderreifen zerplatzt. Wir baden uns durch bis zu einem Hendlgrill und spachteln exzellentes Kufta. Die nette Negerdame spendiert uns sogar noch einen heißen Tee. Dann eiern wir lange Zeit in der Stadt umher und finden endlich das Youth Hostel. Der Manager wirft uns sofort die Worte "Daula" und "Fayum" an den Kopf. Wie auf frischer Tat ertappt stehen wir da, hochrote Birne unterm Helm, stellen uns unwissend und nix verstehend. Fluchtartig räumen wir das Terrain und lassen das Youth Hostel weit hinter uns. Haben die in Fayum doch tats?chlich ihr Backgammon vermiát! Nach langem Suchen enden wir im NORMANDIE-Hotel an der Corniche im 4. Stock. Ein alter Kauz namens Ali biedert sich uns an. Wir ziehen ein und parken die Mopeds vor einem bewachten Luxushotelparkplatz. Der Alte führt uns von einer falschen Ecke zur anderen. Dabei erfahren wir, daß die ADRIATICA erst frühestens am 15.Januar ausläuft. In einem griechischen Restaurant ("cheap") soll dann der Kalamarifraß mit Minibeilage statt 10 LE ganze 22 LE kosten, was uns glatt auf die Palme bringt. Wieder ein Abkochversuch! Nix da, Dreckbande! Der Pinguin kann sich drehen und wenden, kriegt aber nur 12 Pauend von uns. Immer noch mehr als genug für den abartig scharfen Schlangenfraß. Danach schicken wir den alten Dackel mit 2 LE zum Teufel - er zieht fluchend von dannen. Wir schlendern durch die hell erleuchteten Straßen, wo ein Laden am anderen klebt. An allen Ecken werden wir am Ärmel gezogen, gehalten und genötigt irgendwelchen Plunder anzuschauen. "Hello Mister", "Mister, Mister","What's your name" schallt es im Chor. Zum Heimwünschen! Wir verziehen uns in ein proppenvolles Zockercaf'e und klopfen Daula bei Sahlab und Tee. Beim Bummel zurück zum Hotel treffen wir ein verrücktes Pärchen von der Nebelinsel, manchmal auch Großbritannien genannt, die seit sechs Monaten nur mit Jeans und Lederjacke und einer 13 Jahre alten Jamaha XT unterwegs sind. Sie bringen uns auf den Gedanken wieder nach Israel zu fahren, weil von dort aus jede Woche eine billige Fähre nach Griechenland ablegt. Zurück im Hotel brüten wir darüber bis spät in die Nacht.
- 134 km / 8694 km -

Sonntag 10.Januar 1993 Ein Volk empfiehlt sich

Aufstehen um halb sechs und Abschied von Alexandria zum Sonnenaufgang. Auf dem Hotelschrank haben wir das unheilbringende Daula zurückgelassen. Kettenspray ist in ganz Ägypten wohl nicht aufzutreiben und so brausen wir davon Richtung Zagazig, fahren falsch Richtung Kairo und finden mit Hilfe von uniformierten Idioten wieder auf die Straße nach Isma'iliya. Michels laufende Nase hat sich etwas verfestigt, dafür faxt er jetzt mit Reibeisenstimme. Ein freundlicher Gastwirt auf der Strecke will uns heute löffeln, verlangt für das Frühstück sage und schreibe 22 LE und läßt sich bei der Hälfte zur Raison bringen. So verstehen es die Neger, einem ihr Land so allmählich zu vergällen. Heute ist Kilometerfressen angesagt und so brettern wir auf der vierspurigen Straße dahin, jede Lücke nutzend und auf dem Seitenstreifen überholend. Gegen Mittag versetzt uns Allah wieder einen Schlag. Michels Reifen macht seine Drohung vom Vormittag wahr. Die Schlitze in der Karkasse haben sich vergrößert und den Schlauch aufgerieben. Ein Plattfuß in Afrika. Doppelscheiße! Mitten auf der stark befahrenen Landstraße! Michel baut eine Dreckbrockenburg vor die Mopeds, damit wir nicht plattgewalzt werden, doch während der Stunde, die wir reparieren, fetzen Busse und LKWs an uns vorbei, daß es uns mitsamt den Mopeds fast wegfegt. Zwei freundliche Helfer halten an, ansonsten nur gaffende Affenärsche mit ihrer typisch, provokanten Drehbewegung des Handgelenks, als wollten sie gerade eine Glühbirne eindrehen. Hirnlose, sich durch ihr Gebahren selbst disqualifizierende geistige Brummochsen. Die sechs Kilometer nach Isma'iliya schleichen wir dahin, um den geflickten Reifen zu schonen. Dort angekommen sucht ein Reifenhändler vergebens nach Ersatz und schickt uns dann zum Karkassenflicker, einem "Experten". Ihm bei der Arbeit zuzusehen ist der blanke Horror. Gänsehäute kriegen wir, als der Schmied auf der Felge herumkniet und sie fachmännisch mit den Montierhebeln zerkratzt. Jeder Versuch seine sinnlosen "Reperaturversuche" zu stoppen werden mit einem "one minute" abgeschmettert. Er ist nicht aufzuhalten und so lassen wir ihn gewähren. Am Ende ist der Reifen unverändert schlecht aber unser Geldbeutel um 20 Pfünder leichter. Nichts wie weg, weiter nach El Quatara. Dort scheint es für uns keinerlei Unterkunft uzu geben, alle Hotels wimmeln uns ab. Aus Protest stellen wir die Mopeds unter einer Restaurantmarkise ab,  wo wir schlafen werden! Umringt von glotzenden Zombies fühlen wir uns wieder wohl. Im Cafe sitzend, bei niveaulosen Kampfmovies und ebenso niveaulosen Kopftuchhaltern, fristen wir unseren letzten Abend in Ägypten. Zwischen den Mopeds legen wir uns auf die Fliesen, Radaunix rein und Augen zu. Trotzdem dringen die "Hallos" der Volldeppen an unsere Ohren. Aus der ersten Tiefschlafphase reißt man uns gegen zehn Uhr. Eine Gruppe von Hohlköpfen, angeführt von einem Polizisten muß überzeugt werden, daß wir uns nicht vom Fleck rühren werden, auch wenn es verboten ist, auf der Straße zu pennen. Das gleiche widerfährt uns um Mitternacht! Gerade hat sich der Adrenalinspiegel wieder beruhigt, rüttelt man uns zum zweiten Mal wach. Wir sind beide fast am Winseln, die Faxenschwelle ist längst überschritten und die Hartnäckigkeit dieses Bullen bringt uns zur Verzweiflung. Gut, daß das Bowieknife nicht greifbar ist! Geschlagene 20 Minuten brauchen wir, um ihn endgültig abzuwimmeln.
- 326 km / 9020 km -

Montag 11.Januar 1993 Der Grenzübertritt ins gelobte Land

Am Ende schüttelt uns ein Trottel mit Knarre um halb fünf aus dem Schlafsack, weil wir jetzt weiterfahren müssen. Er steht da wie gepflanzt und glotzt zu, wie wir uns schlaftrunken aus den Säcken in die Kälte quälen, beim mittlerweile einsetzenden Muezzingeplärre packen und aufladen. Nachdem uns einige Einheimische in die Irre schicken, finden wir endlich die Fähre über den Suezkanal. Drüben auf Sinai setzt dann der strömende Regen ein, in dem wir uns mit ganzen 60 km/h bis El Arish durcheiern. Es regnet ohne Unterbrechung, etliche Wasserlachen sind zu durchqueren, die Ketten jubeln und tirilieren, die Karkasse ächzt. In El Arish ist der Straßenzustand katastrophal: wo keine Überflutung herrscht, hat der Regen die aufgerissene Straße in eine Schlammpiste verwandelt. Wir driften zu einem Imbiss und gleiten weiter auf einen Tee zum Aufwärmen in ein Straßencaf'e. Dann weiter nach Rafiah, wo plötzlich schon die Grenze zu Israel ist! Völlig überrascht stürzen wir uns sofort in die Abwicklung der Formalitäten, ohne an unsere nötigen Einkäufe zu denken. Von nun an beginnt ein Alptraum im Hagelregen, der jeder Beschreibung spottet. Nach der Paßkontrolle (gratis!) lassen wir je 25 LE fürs Carnetabstempeln, verbringen eine Stunde bei der Trafficpolice in Rafiah, um einen handgekritzelten, mit Briefmarken beklebten und von zig Händen unterschriebenen Wisch nachzureichen und streiten völlig umsonst um das Pfand für die ägyptischen Nummernschilder, die wir bei der Ausreise wieder abgeben müssen. Michel rastet aus und plärrt einen Zöllner an, der stets lacht und nie zuhört, wenn man was erklären will. Michel ist stark am Faxen und Uwe beißt sich die Kauleiste platt. Die Pest auf diese Ägypter! Wir latschen im Regen an der Grenze umher, werden von Hammad zu Kemal geschickt, warten und kriegen uns nicht mehr ein. Die Abgabe der Nummernschilder soll nun auch noch 6 Pfund kosten! Jetzt ist Uwe auch so weit, er brüllt den Neger an, der Neger brüllt Uwe an und das Wechselgeld fliegt zum Fenster raus. Mit rauchenden Köpfen und Rießenwut im Bauch wollen wir auf die Mopeds steigen, da tippt uns ein Mann in Deppenuniform auf die Schulter und führt uns zu einem Schild, auf dem in großen Lettern "16 LE" steht. Ein Verzweiflungslacher entfährt uns. Wir zeigen ihm Michels leeren Geldbeutel mit nur noch einem Pfund und lügen, das sei unser letztes Geld. Warten in einem Büro, ein weiterer Wisch, Stempel, Marken und wir dürfen die Grenze passieren, "without any money". Letzte Flüche und Verwünschungen zum Abschied und bloß weg ins gelobte Land, in die Zivilisation. Wir sind sehr erleichtert, obwohl wir erst jetzt richtig gefilzt werden. Doch die hübschen Mädels am Zoll erleichtern das Abrödeln und Auspacken. Alles wird ge-x-rayed, Metallsachen müssen rausgeräumt, bzw. ausgezogen werden. Uwe muß gar sechs mal durch die Schleuse, bis er nur noch in T-Shirt und Hose dasteht: die Stahlkappen der Motorradstiefel! Die eineinhalb Stunden bei den Israelis sind ein Traum gegen die viereinhalb Stunden, die wir bei den "Wilden" haben warten müssen. Mittlerweile ist die Nacht hereingebrochen und wir tuckern nur noch bis zum ersten Kibuzz (Kerem Shalom) wo wir das Zimmer eines Volunteers bekommen, das uns für eine Nacht von einem Schweizer überlassen wird. Der Kibuzz ist ganze 40 Leute stark und so groß wie ein Hühnerstall, liegt direkt an der ägyptischen Grenze und am Gaza-Steifen, in dem es zur Zeit gut kracht. Abends fressen wir uns im Gemeinschaftsraum die Wampe voll, schauen "Indiana Jones" und duschen mal wieder.
- 220 km / 9240 km -

Dienstag 12.Januar 1993 Tel Aviv und Jaffa

Gut geschlafen und gefrühstückt und das Wetter wird bombig, doch die 40 Shekel, die wir wider erwarten zahlen sollen, holen uns wieder auf den Boden zurück. Abschied von Marcel, der wieder aufs Feld muß zum Trecker fahren. Schnurstracks nach Tel Aviv, um einen neuen Vorderreifen für die Africa Twin zu besorgen. Vielleicht können wir unsere Motorräder hier verkaufen, trotz geplatztem Vorderreifen, verbogenem Kupplungshebel, fertiger Kette und bröselndem Kettenrad - die Transalp mit null Profil auf dem Hinterrad, kaputtem Tacho, verbogenem Bremshebel und abgebrochenem Spiegel. Wir knüpfen erste Kontakte (Gadi) beim Rumgondeln in Jaffa und ziehen ein im Old Jaffa Hostel. Wir treffen Gadi am Hafen und er verbreitet das Gerücht des Motorradangebots in ganz Israel. Er ruft einige Freunde an, lädt uns zu Pizza ein und will uns nach Kräften helfen. Das Hostel ist toll: junge Leute aus aller Welt, Rumtreiber und Globetrotter, angehende Juden und ehemalige Voluntäre. Jeden Abend sitzen alle im Salon zusammen, quatschen, spielen, saufen und hören Musik. Gekocht wird für alle und für sechs Schenkel kann man auf den Teller türmen, was drauf geht.
- 130 km / 9370 km -

Mittwoch 13.Januar 1993 Wie sollen wir heimkommen?

Der Schlafsaal ist gut gefüllt und kostet 17 Shekel pro Mann und Nase. Den Tag verbringen wir mit Adressen abklappern, Händler fragen und einfach rumschauen. Stets die gleiche Story: zu teuer, kein HONDA-Händler in Israel oder nur Paß-zu-Paß Verkauf. Anfragen bei der Jerusalem Post und einem hebräischen Blatt wegen eines Verkaufsinserats für die Mopeds bleiben beim Preis stecken. Für ein 10-Wort-Inserat sollen wir 100 NIS abdrücken. Der Verleger läßt sogar mit sich feilschen, doch die Tiefstpreise sind uns auch noch zuviel und so lassen wir es damit bewenden, zumal wir für die Paß-zu-Paß Variante einen hier lebenden Ausländer brauchen, der unsere Mopeds kaufen will. Beim Mittagsimbiß werden kurzerhand Michels Winterhandschuhe geklaut. In einem Reisebüro wenden wir den potentiellen Supergau ab und versichern uns erstmal einer Rückkehrmöglichkeit: jeden Donnerstag legt eine Fähre nach Griechenland ab. Wir bummeln noch etwas und aklimatisieren uns langsam wieder, besonders in Bezug auf die Preise. Abends sind wir wieder im Hostel, schauen beim Essen zu, futtern Baguettes und holen drei Tage im Tagebuch nach, lesen Lessings Gedichte und quatschen.
- 20 km / 9390 km -

Donnerstag 14.Januar 1993 Freudiges Wiedersehen mit alten Bekannten

Ein Hostelvoluntär wirft uns rüde aus den Betten, weil die Mopeds (über Nacht im Hosteleingang) aus dem Weg müssen. Wir packen unsere sieben Sachen und checken aus, d.h. zahlen 92 NIS für zwei Nächte mit Getränken und Frühstück, wobei wir großzügigerweise nur ein Breakfast unterschlagen. Wir fahren in die Chlenovstreet und klappern nochmal die Händler nach Interessenten ab, kaufen einen Vorderreifen für 125 NIS, ein Kettenspray und montieren den Reifen selbst an Ort und Stelle auf dem Bürgersteig. Das Interesse an unseren Mopeds ist enorm, das verraten die vielen Blicke aus Nah und Fern. Gegen Mittag räumen wir das Hostel, werfen noch ein Sandwich ein und fühlen uns mal wieder richtig gut auf dem Bock Richtung Haifa. Mit gesundem Speed ist uns sogar der Stadtverkehr wurscht. Wir nehmen die Autobahn bis Hadrah, dann ab nach Afula ins schöne Südgaliläa, Richtung Tiberias. Wir erfreuen uns an der schönen grünen Hügellandschaft mit kleinen Bergen, an und auf denen Dörfer kleben, wie in der Toskana. Gegen vier Uhr kommen wir an dem Wegweiser nach Beit Keshet vorbei und ein seltsames Gefühl beschleicht uns: vor neun Wochen sind wir schon mal hier gewesen! Der Urlaub, der damals noch vor uns lag ist jetzt vollbracht und den Ort und die Leute gibt es immer noch. Das Dejavu-Erlebnis ist perfekt. Wir kennen den Weg zum Hause der Kolonimos noch ganz genau. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, doch den Sohn Nimrod erkennen wir nicht, als er uns empfängt. Wohl aber Jossi und Miri, die uns sogleich mit herzlicher Gastfreundschaft überfluten. Wir bekommen Olivers Bungalow, unsere Wäsche wird morgen gewaschen und abends essen wir mit ihnen in ihrem Haus. Wir sollen bleiben und uns ausruhen und Miri will uns einen freien Tag widmen. So viel Wärme, Glück und Hospitality können wir kaum fassen und danken vielmals. Es ist fast peinlich, wieviel die Leute für uns tun und deutsch wie wir sind, fühlen wir uns fast etwas beschämt, angesichts der selbstlosen Aufopferung unserer Gastgeber. So viel Glück nach dem Disaster der letzten Tage und an der Grenze. Wir rufen kurz zu Hause an, sagen "Bescheid!"und daß wir hier ein paar Tage residieren werden, im wahrsten Worte des Sinnesschmauses: Essensvielfalt, heißes Wasser, Glotze, gute Musik, komfortable Betten und keine Ägypter mehr.
- 140 km / 9530 km -

Freitag 15.Januar 1993 Zu Besuch bei Freunden in Kiriat Shemona

Um kurz vor acht lassen wir uns wecken, weil wir bis halb neun im Dinigroom sein müssen, um uns den Wanst vollzuschlagen. Mit Miri gehen wir zum Frühstück, Yossi ist auf Arbeit und hat bereits unsere Wäsche abgegeben. Danach schafft es Miri, die Mopedleute aus Kiriat Shemona telefonisch auszumachen und wir fahren gleich darauf los, um sie zu besuchen. Die Sonne lacht uns an, wie wir von Lower Galiläa durch die grandiose Bergwelt nach Upper Galiläa pfeifen. Die Landschaft ähnelt manchmal der fränkischen Schweiz, felsübersäten grünen Bergwiesen wie in Wales oder Landstrichen wie in der Toskana. Nach einer guten halben Stunde haben wir Mark, den Australier, und Franne wiedergefunden. Nichts hat sich verändert rund um die Mopedschmiede. Bis ein Uhr tanzen ein paar Leute an, von denen sich viele für unsere seltenen Maschinen interessieren. Es blutet uns das Herz bei dem Gedanken unsere treuen Maschinen für ein Butterbrot in diesem fernen Land zurückzulassen. Bei Kaffee und Plätzchen hocken wir in der Sonne und sehen zu, wie ein Probefahrer Uwes Moped umlegt. Über allem wacht der schneebedeckte Mount Hermon. Gegen eins brechen wir mit sieben weiteren Mopeds (800er Suzi, Guzzi, DR 600 und Jawa-Stinker) zu einer Spritztour in die Berge auf. Die Route führt auf bekannter Strecke am Youth Hostel vorbei hoch in die Hügel Galiläas. Viele enge Kurven in herrlicher Umgebung, knapp an der Grenze zum Libanon entlang. Gegen drei Uhr verabschieden wir uns von den netten Jungs und Mädels und fahren zurück nach Beit Keshet. Auf der Strecke liegen einige platte Schakale, Hunde und sogar zwei aufgedunsene rießige Kühe am Straßenrand. Miri serviert uns einen Snack und wir genießen den Sonnenuntergang. Vogelfamilien ziehen vorüber, vor uns im Garten blühen die Blumen und auf den Wiesen in den Bergen brüllen die Weideviecher, bevor die Schakale ihren allabendlichen Heulgesang anstimmen. Abends sitzen wir vor unserem Diary und versuchen uns am Verfassen eines Reports für die Zeitschrift Tourenfahrer, was allerdings mehr ein Lacherfolg wird, als ein schriftstellerischer. Angie ruft uns an und verstärkt noch ein wenig das Heimweh.
- 207 km / 9737 km -

Sabbat 16.Januar 1993 Ausflug nach Tiberias und zum Mount Tabor

Frühstück im Speisesaal. Nach dem Bauchfüllen fahren wir Richtung Tiberias an den See Genezareth, auf der Suche nach einem geeigneten Aussichtspunkt über den See. Wir finden etwas außerhalb einen Platz oberhalb der Straße, von dem aus wir auf den Berg steigen werden, um die Aussicht zu genießen. Wir lassen uns eine Weile die Sonne auf den Pelz scheinen und fahren anschließend zurück und hoch auf den Mount Tabor, oft nur im ersten Gang, um keine der vielen Spitzkehren auszulassen. Oben auf dem Gipfel (540m) ist ein Kloster und es bietet sich ein weiter Ausblick auf die Hügel im Norden und Osten und die flacher werdende Landschaft Richtung Afula. Viele Ausflügler am Sabbat bevölkern dieses scheinbar beliebte Ausflugsziel und wir ziehen es vor, in den Kibbuz zurückzukehren, um die Abendsonne in Ruhe zu genießen. Unsere Schriftstellerversuche stellen wir vorerst ein, nachdem das Stückwerk uns zu immer neuen Schenkelklopfern hinreißt. Am Abend kommt Ofer mit einem Freund und wir diskutieren und argumentieren über alles mögliche. Für eine halbe Stunde unterbrechen wir, weil wir die Essenseinladung von Miri einfach nicht abschlagen können. Später bieten wir unseren Gästen verpfuschten Shai an und reden noch eine Weile über Motorräder und die Probleme, in Israel ein Gefährt, wie wir es haben, zu bekommen.
- 99 km / 9836 km -

Sonntag 17.Januar 1993 Herumgondeln in Israel

Breakfast as every day. Ein Hin und Her und schließlich fahren wir wieder nach Kiriat Shemona zur Werkstatt und treffen Franne, Gai und andere Freunde. Viele Leute schauen vorbei, aber es ist kein zahlungskräftiger Käufer unter ihnen und die Angebote fürs Equipment sind nur ein Lächeln wert. So fläzen wir in der Januarsonne, lassen uns für eine lokale Zeitung ablichten und interviewen, würgen eine zentimeterdicke Rinderschuhsohle runter und spülen mit Goldstar-Bier nach. Gegen drei Uhr fahren wir zu Ofer, trinken Tee und fahren zu einem reichen Knorzen, der Interesse an der Afrika Twin aber von Mopeds nicht viel Ahnung hat. Abends gilt es wieder die Bauchdecke spannen auf Kolonimos' Kosten, Daula spielen mit ihren Sprössen und etwas plaudern. - 170 km / 10006 km -

Montag 18.Januar 1993 Nocheinmal auf den Golanhöhen

Bis Mittag fläzen wir in der Sonne auf unserer Terasse, nehmen Fisch im Diningroom zu uns - unser erstes Mittagsmahl im Kibbuz. Unsere Mopeds führen uns am See Genezareth vorbei zu den warmen Quellen an die Grenze von Jordanien. Doch der Eintritt kostet selbst für Studenten 23 NIS (ca. 14 DM) und so lassen wir das Baden und schrauben uns eine steile Serpentinenstraße hoch auf die direkt angrenzenden Golanhöhen. Von oben bietet sich ein überwältigender Ausblick auf den See Genezareth, Tiberias und die Hügel von Galiläa und das dunstschwangere Jordantal. Ostwärts schweift der Blick bereits weit in das jordanische Bergland. Über Afiq steigen wir wieder hinab zum Ostufer des Sees und legen an einem Badeplatz eine Pause ein. In Kinneret kaufen wir ein Guruguru-Fleisch für abends, weil die Kolonimos sich einfach vor dem Essenmachen drücken wollen. Die Strecke bzw. die ganze Gegend kennen wir jetzt bereits so gut, daß wir uns ohne Landkarte zurechtfinden. Seit langem machen wir selbst wieder was zu Essen: Chinapfanne, Champions, Ananas und Reis. Bis in den Dienstag hocken wir noch vor der Glotze und lassen uns von schockierenden Vietnamreportagen beeindrucken.
- 124 km / 10130 km -

Dienstag 19.Januar 1993 Der faulste und kürzeste Tag in diesem Buch

Das Wetter ist wie bei uns im Frühling und wir genießen es ausgiebig im Freien, den ganzen Tag lang. Dame spielen und Gulasch kochen am Abend. Nebenbei bringen wir nach zähem Ringen und Feilschen ein Geschäft zum Abschluß.

Mittwoch 20.Januar 1993 Der Größte Anzunehmende Unfall

In der Früh fahren wir mit den Mopeds nach Tiberias an den See Genezareth und steigen einen Berg hoch, um die grandiose Aussicht zu genießen und Fotos zu schießen. Als wir unten wieder ankommen, trifft uns fast der Schlag: die Mopeds, abgeschlossen, sind verschwunden! Zeuge der Greueltat ist nur die durchgezwickte große Abuskette am Boden. Die Motorräder mit Taschen, Koffern und Helmen, einfach weg! Wir rennen zur Straße, halten ein Auto an und lassen uns in die Stadt bringen. Der nette junge Mann, sein Name ist Ofer, fährt uns gleich zur Polizei und hilft übersetzen, da keiner englisch spricht. Doch der zuständige Büttel macht gerade Mittag und so nehmen wir auch erst einen Snack auf den Schreck. Der Bericht bei der Bullerei wird teilnahmslos hingenommen und wir bekommen einen Diebstahlbericht.
Der junge Mann bringt uns sogar nach Beit Keshet zurück. Total aufgelöst rufen wir unsere Versicherungen an und klären ab, was zu tun ist. Abends verscheuern wir Teile unserer Ausrüstung, weil wir unmöglich alles mitschleppen können. Die Kolonimos' teilen uns mit, daß wir das Zimmer räumen müssen, weil neue Voluntäre erwartet werden. In der Nacht finden wir kaum Schlaf, weil unsere treuen Mopeds nun nicht mehr unter uns weilen.
- 72 km / 10202 km -

Donnerstag 21.Januar 1993 Umzug nach Tiberias

Nach dem Frühstück warten wir vergeblich auf Ofer, der uns seine Hilfe versprochen hat, weil wir jetzt ohne Mopeds recht immobil sind. Bis halb zwei warten wir quälende Stunden in der Sonne, bis er uns endlich abholt. Bei ihm beraten und quatschen wir bis spät in den Nachmittag. Obwohl er versprochen hat, uns nach Tiberias in ein Hotel zu bringen, stellt er uns mit einer Ausrede an einer Bushaltestelle ab. Alles klar und auf Wiedersehen. Der verwunderte Busfahrer nimmt uns mit all unserem Gepäck nach Tiberias mit, wo wir ein Taxi benötigen, um zu einem Hotel zu kommen. Die vielen schweren Sachen bringen uns zu dem Entschluß, morgen ein Mietauto zu nehmen. Das Quiet Beach Hotel ist nicht billig (240 NIS), aber es gibt laut Taxifahrer kaum noch billigere hier, wir sind eben an einem Touristenort. Die Zimmer sind allerdings ziemlich luxoriös, mit Fernsehen, Supperbetten, Teppich und einem sterilen Bad! Wir lassen es über uns ergehen, schließlich haben wir keine andere Wahl. Glücklicherweise haben wir unsere Tasche mit sämtlichen Papieren bei Ofer stehenlassen, das gibt wieder ein Gerenne, bis wir Ofer erreichen! Abends schlendern wir durch die Stadt, kaufen Wurst, Brot und setzen uns neben den Luxushotels in die Fußgängerzone zum Futtern.

Freitag 22.Januar 1993 Die Heimkehr naht

In all dem dekadenten Embiente haben wir auch nicht besser geschlafen als sonst, dafür ist das Frühstücksbuffet erstklassig. Anschließend holen wir einen Fiat Uno von AVIS für nur 430 NIS (ca. 290 DM), schlichten unsere Sachen rein und fahren Richtung Nablus durch besetztes Araberland. Überall nur noch blaue Nummernschilder, ab und zu zerschossene und ausgebrannte Autowracks. Einen israelischen Straßenposten fragen wir, ob es gefährlich sei, hier durchzufahren. Er zögert, sagt dann "no, but drive quickly"! So pfeifen wir ohne Pause mit gemischten Gefühlen durch ein ganz anderes Israel: hier ähnelt es mehr Ägypten. Wo die Araber leben, liegt überall Müll, die Straßen sind übel und das ganze Erscheinungsbild der Orte, die wir durchbrausen, ist komplett anders als in jüdischen Landesteilen: heruntergekommene Häuser, Dreck und alle typisch arabischen Eigenheiten. Gegen drei sind wir am Ben Gurion Airport, kaufen Michels Ticket nach München und suchen ein Hotel in Tel Aviv. Wir essen im uns bekannten Old Jaffa beim Bäcker um die Ecke und checken dann im Astor Hotel ein, das ebenso "preisgünstig" ist wie unser letztes Hotel, aber weniger komfortabel.
Michel fliegt morgen um 15.15 Uhr nach München und Uwe um 16.25 Uhr nach Frankfurt mit Anschluß nach Nürnberg. Kleine Sorgen machen noch die übrigen Shekel, die wir tauschen müssen und unsere "verwundbaren" Souvenire.

Samstag 23.Januar 1993 Abschied von Israel

Nach dem Frühstück latschen wir noch etwas am Strand entlang, um die Zeit totzuschlagen. Es ist so warm, das manche Leute sogar in Badehose rumlaufen. Ein kleiner Snack noch und ab gehts zum Fluchhafen. Die Sicherheitskontrolle mit tausend Fragen müssen wir über uns ergehen lassen, doch die gestohlenen Motorräder bereiten überhaupt keine Schwierigkeiten, Gott sei Dank. Wir tauschen unsere Schenkel in die beliebte Deutschmark und schlendern an den Gates zur Rollbahn entlang, als ein paar mal "Mr. Pophal!" aus den Lautsprechern an unsere Ohren dringt. "Yes, I am, what's the matter?" Offensichtlich ist er etwas zu spät, alle anderen Passagiere sind bereits an Bord und warten nur noch auf Michel. Hier trennen sich unsere Wege und jeder fliegt alleine der Heimat entgegen.

Drei Monate und etwa 10000 km auf dem Motorrad sind gut überstanden und ein wunderschöner Urlaub ist zu Ende.


© 1998 Michael Pophal, Letzte Überarbeitung: 07.07.04