Ägypten 1991/92
von
Michael Pophal
Uwe Mechtold
++ In Gedenken an Uwe (2001) ++>>
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Fast ein halbes Jahr hat es gedauert, um alle Vorbereitungen für die große Reise zu
treffen und die Planungen abzuschließen. Die Ausrüstung zusammen zustellen und
dann alles auch zu beschaffen, hat uns etliche Besuche bei der Firma Hein
Gericke und eine Fahrt zum Expeditionsausrüster Därr nach München gekostet.
Bedanken müssen wir uns bei Doc Thümmler, Michels Hausarzt, der uns
großzügig mit wichtigen Arzneimitteln versorgt hat, bei Ingrid Croner für die
alten Gurkenkanister, die uns als Wasserbehälter gute Dienste geleistet haben,
bei Walter Zopf, der uns mit Benzinkanistern ausgestattet hat, bei Angie Nagel
und Silke Donder, die sich in Bonn die Hacken nach unseren Visa für Ägypten
und Libyen abgelaufen haben und bei Miri und Yossi Kolonimos, die uns so
großzügig im Kibbuz Beit Keshet aufgenommen und bewirtet haben. Zu großem
Dank verpflichtet sind wir unseren Motorradstiefeln, die uns des öfteren bei
schweren Stürzen die Knöchel zusammengehalten haben. Ein großes Kompliment an
die Firma Honda für ihre unverwüstlichen Maschinen. Vielen Dank auch an unsere
Eltern und sonstige Personen, die uns nahe stehen, dass sie uns trotz
erheblicher Bedenken moralisch unterstützt haben und uns den Abschied nicht all
zu schwer gemacht haben. Dem neutralen Leser dieses Reiseberichts sei gesagt,
dass viele Bemerkungen über die farbigen Bewohner Nordafrikas aus dem Affekt
gefallen sind und deshalb entsprechend milde beurteilt werden sollten. Allein
die Reisenden, die schon in Ägypten gewesen sind, können verstehen, wie die
Aufdringlichkeit, die fatale Hilfsbereitschaft und das "Laissez
faire" der Einheimischen den Besucher eines anderen Kulturkreises in den
Wahnsinn treiben können. Grundsätzlich distanzieren wir uns von jeglichen
rassistischen Einstellungen.
Die Autoren.
Israelkarte und Ägyptenkarte
Freitag 30.Oktober 1992 Von Ingolstadt nach
Bozen
Mit Heulen und Zähneklappern von Mama Pophal beim morgendlichen Abschied
beginnt unsere Fahrt zum schwarzen Kontinent und für unsere Eltern beginnen
"schwarze" Zeiten. Eingepackt in die Regenkombis brechen wir
gegen 11 Uhr auf und machen die erste Pause am Irschenberg. Mit maximal 100
km/h ziehen wir unsere Bahn, da das Fahrverhalten unserer schwer beladenen
Hondas erst ausgetestet werden muss. Auf der Brenner-Landstraße, an
schneebedeckten Alpen vorbei, düsen wir zur Europabrücke und die Sonne
lacht dabei. Vor der italienischen Grenze werden alle Kanister vollgetankt
und weiter geht`s nach Bozen. Nach einer nervigen Zimmersuche bei Regen und
Dunkelheit, bekommen wir eine super Privatsuite bei Familie Pellegrin mit
Garage für die Motos. Abends gesellen wir uns noch etwas zu den netten
Wirtsleuten und drei Kulmbacher Mädels und erzählen fiebrig von der
Reiseroute, die wir vor uns haben.
- 470 km / 470 km -
Samstag 31.Oktober 1992 Regenetappe nach Ancona
Ausgeschlafen und gut gefrühstückt machen wir uns weiter Richtung Süden.
Es regnet ununterbrochen und so durchqueren wir unsere erste Furt bereits 50
km vor Ancona: mit 70 Sachen brechen wir in eine überflutete Biegung der
Landstraße, wobei uns angesichts dieser Wassermassen fast das Herz stehen
bleibt. Doch das ist kein Problem für unsere grobstolligen Sandreifen. Die
entsetzten Leute am Straßenrand bleiben in einer großen Gischtwolke
zurück. Nach insgesamt 950 km Regenmarathonmit gelegentlichen
Trockenabschnitten kommen wir völlig entnervt und geschafft am Hafen von
Ancona an. Die wenigen Formalitäten sind schnell erledigt und wir schiffen
uns auf der IONIAN GALAXY ein. Die feuchten Metallplanken der Fähre werden
Uwe zum Verhängnis: an der Rampe zum Oberdeck rutscht er weg und gleitet
samt Moped auf der Fußraste wieder nach unten, verbogen! Gegen 21 Uhr
stechen wir in See. Wir genießen die laue Seeluft an Deck, auch wenn der
Schiffsdiesel uns ständig in die Nüstern wabbert. Zum Schlafen ziehen wir
allerdings den Fernsehraum vor.
Mit einem durchschnittlichen Benzinverbrauch von 5l/100km, mit all dem
Gepäck, können wir sehr zufrieden sein.
- 480 km / 950 km -
Sonntag 01.November 1992 Auf See Richtung Patras
Gegen 8 Uhr frühstücken wir Gummibrötchen mit einigen anderen grausigen
Zutaten. Es ist reichlich Verkehr auf dem Meer. Ständig überholen wir und
werden überholt. Fähren, Frachter und Containerschiffe und sogar ein
Aufklärungsflugzeug, das seine Neugier befriedigt. Interessante
Bekanntschaften geschlossen haben wir mit zwei Schweizer Krankenschwestern,
die sich auf dem Pelopones die Füße wundlaufen wollen und einem britischen
Charityhelfer, der für Nahrungsmittel-und Arzneitransporte nach Bulgarien
verantwortlich ist. Die Luft wird mit jeder Seemeile wärmer und versetzt
uns langsam wieder in den Sommer zurück. Nach einem kurzen Anlegen auf
Korfu und Igoumenitsa richten wir unser Nachtlager heute auf offenem Deck,
um wenigstens einmal der gebuchten Deckpassage genüge zu tun.Montag
02.November 1992 Von Patras nach Athen und wieder aufs Boot
Um 7 Uhr früh kommen wir in Patras an und müssen nun ca. 210 km auf der
Autobahn nach Piräus überbrücken. Bei 29°C wühlen wir uns durch das
Verkehrschaos von Athen. Die Fahrt wird zum Überlebenskampf: Autos
überholen rechts und links, wo eben Platz ist.
Unser Dampfer namens Sea Wave von der POSEIDON LINE soll die nächsten
dreieinhalb Tage unsere Heimat bzw. unser "Gefängnis" sein. Die
Kabine dürfte ca. 2 mal 2,5 Meter haben und soll für vier Personen Platz
bieten. Wir haben trotzdem noch Glück und müssen die Kabine nur zu dritt
teilen. Ein Berliner ist noch mit eingezogen. Er ist stolzer Jude, studiert
in Tel Aviv und will nun für immer in Israel leben. Die Sea Wave ist ein
ziemlich alter Pott mit vielen Indonesiern als Besatzung. Was wir beim
Einschiffen unter Deck an Dieselqualm geschluckt haben, dürfte für einen
anständigen Lungenkrebs ausreichen. Nach Verlassen des Hafens werden die
Wellen höher und die Höllenfahrt der Poseidon beginnt. Achterbahnfahren
auf dem Meer! Der Kahn schlingert und schaukelt, dass es uns fast aus den
Kojen wirft. Die Schläge, wenn das Boot aufs Wasser knallt, lassen
Titanic-Stimmung aufkommen. An unserem Bullauge ziehen Wasserfontänen
vorbei. Mit Schaukeln und Bruthitze in der Kabine verbringen wir unsere
erste Nacht auf diesem Seelenverkäufer.
- 210 km / 1160 km -Dienstag
03.November 1992 Langeweile auf hoher See
Irgendwann muss sich die See beruhigt haben, das Toben hat aufgehört. Gegen
10 Uhr rappeln wir uns auf und genießen an Deck die Sonne und den Ausblick
auf das türkische Festland. Der Lorenz brettert und das Wasser ist glatt
wie ein Kinderpo. Wir nutzen die Zeit: es wird Wäsche gewaschen und in der
Kabine aufgehängt. Dann bietet sich ein Bild, das wir in diesem Urlaub noch
öfter zu sehen bekommen sollten: das absolute Chaos im Raum, den wir
bewohnen. Um die Mittagszeit machen wir Zwischenstop auf Rhodos und
schippern dann weiter Richtung Zypern. Nachts stürmt und poltert es wieder.Mittwoch
04.November 1992 Wir schippern nach Haifa
Früh um 9 Uhr hat es jetzt schon 25°C, als am Horizont die weißen
Kalkfelsen von Zypern in Sicht kommen. Drei Stunden später befinden wir uns
bereits auf Landgang in Limassol. Erstens haben wir keine Zyperndollar und
zweitens ist es sehr heiß, deshalb sparen wir uns die Stadt und nutzen die
Zeit zum Ernten von Orangen und Grapefruits. Endlich mit einsetzender
Dämmerung legen wir wieder ab und kaum aus dem Hafen, schaukelt sich die
Nussschale wieder ein. Noch zwölf Stunden müssen wir aushalten!Donnerstag
05.November 1992 Über Haifa und Akko nach Kiriat Shemona
Früh morgens kommen wir in Haifa an und müssen uns einem eingehenden
Interview der israelischen Grenzbehörden unterziehen. Ade SEA WAVE! Unsere
Mopeds sind kaum noch zu halten, sie inhalieren die heiße Luft und setzen
ihre Pirellis in Bewegung. In Akko machen wir halt und schauen uns eine der
ältesten Hafenstädte der Welt an, den Markt und das Treiben in den Gassen.
Bei 30°C fahren wir weiter Richtung Norden und direkt am Grenzzaun zwischen
Israel und der Sicherheitszone zum Libanon entlang: keine Schüsse, keine
Granaten! Wir genießen die herrlichen Ausblicke auf tiefe Schluchten und
die grüne Hügellandschaft. Auf der Suche nach einem Schlafplatz erfahren
wir, dass es hier im Norden keine Campingplätze gibt und dass die
Übernachtungskosten in Kibbuzim und Hotels horrend sind. Nach längerem
Suchen können wir eine Jugendherberge ausfindig machen für 25 NIS. Beim
Versuch das Moped vor unserem Appartement abzustellen, legt Uwe sich zum
zweiten Mal aufs Maul, allerdings ohne Folgen. Unser Benzinbrenner hat sich
bei der heutigen Erstinbetriebnahme bereits zerlegt: das Drehrad aus Plastik
ist gebrochen und Michel hat sich an diesem Wunderwerk Österreicher
Brennertechnik die Griffel verbrannt. Vom Youth Hostel haben wir eine
wunderschöne Aussicht auf das Lichtermeer von Kiriat Shemona und so sitzen
wir bei heißem Tee noch eine Weile in der lauen Abendluft.
- 190 km / 1350 km -Freitag
06.November 1992 Golanhöhen, See Genezareth und Oliver
Zeitig am Morgen fahren wir ins Tal hinab nach Kiriat Shemona. Während
Michel in die Heimat faxt, trifft Uwe eine Jawa-Fahrerin. Sie ist von
unseren Hondas ganz hin und weg und lädt uns auf einen Kaffee ein. Mark und
Franne, wie unsere Gastgeber heißen, sind begeisterte Mopedfreaks und
erzählen uns, dass man unsere Maschinen in Israel für ca. 50000 NIS
verkaufen könnte, weil auf die wenigen importierten japanischen Motorräder
sehr hohe Einfuhrzölle (150% !) gezahlt werden müssen. Sie wollen
demnächst eine Honda-Vertretung eröffnen - die erste überhaupt in Israel
- doch die Genehmigung lässt auf sich warten. Wir machen uns weiter und
treffen des Weges überall auf bis an die Zähne bewaffnete
Soldaten/innen, die hitch-hiken. Bei herrlichem Sonnenschein machen wir
gegen Mittag auf den Golan-Höhen Pause, direkt an der syrischen Grenze
unter den Augen und Ohren eines Lauschpostens auf einem Berg. Kurios finden
wir die mit gelben Schildern gekennzeichneten Luftschutzröhren, die alle
paar hundert Meter die Straße untertunneln und "shelter" bieten
sollen, falls die Luft in dieser unsicheren Region mal wieder zu bleihaltig
wird. An unserem Rastplatz hält plötzlich mit quietschenden Reifen ein
Wagen und ein junger Mann in unserem Alter springt auf uns zu. In einem
herzlichen Fränkisch begrüßt uns Oliver und stellt sich und seine
Gastgeber vor. Er kommt aus Nürnberg, studiert wie wir an der Technischen
Fakultät in Erlangen (man glaubt es kaum!) und macht hier ein
Auslandspraktikum in einem Kibbuz namens Beit Keshet. Miri und Jossi, seine
Gasteltern, laden uns auch gleich in den Kibbuz ein. Wir nehmen die
Einladung an und wollen sie am Abend dort treffen. Kurz darauf setzen wir
unsere Fahrt fort, die sehr bald zu einer orientierungslosen Irrfahrt wird.
Nach einem stuntmäßigen Salto der Afrika Twin samt Fahrer in einen
Dornbusch (nein, kein brennender !), kreist plötzlich ein Dutzend Geier
über uns und wetzt die Schnäbel, um sich an Michels Überresten zu laben.
Motorrad und Fahrer ist jedoch nichts weiter passiert, außer dass ein paar
Dornen aus Michel zu entfernen sind. Zum Glück treffen wir kurz darauf auf
einen sehr netten Israeli, der uns bei der Orientierung hilft und uns sogar
seine Landkarte überlässt, mit deren Hilfe wir endlich zum See Genezareth
finden. Wir baden im heiligen Nass, flicken einem Jungen sein Mofa wieder
zusammen und versuchen auch auf dem Wasser zu wandeln, aber es klappt nur in
Ufernähe. Nach der willkommenen Abkühlung geht`s zum Kibbuz, wo wir uns
vor lauter Gastfreundlichkeit der Familie Kolonimos kaum retten können.
Nachdem wir uns den Ranzen vollgeschlagen haben, gehen wir ins "Pub",
eine Bude mit viel Lärm, schlechtem Bier und merkwürdigem Publikum. Mit
Diskussionen über Israel, Gott und die Welt lassen wir den Tag ausklingen,
derweil die Kojoten rund um den eingezäunten Kibbuz ihr schauerliches
Abendgeheul erklingen lassen.
- 225 km / 1575 km -Sabbat
07.November 1992 Über Jericho zum Toten Meer
Acht Uhr, aufi geht`s! Beim Aufrödeln legt sich Uwes Moped erst mal aufs
Ohr, bevor es sich nach dem opulenten Mahl (Salami, Käse, Eier, Salat
usw.), Proviantieren und Verabschieden in Bewegung setzt. Natürlich haben
wir auch Brot eingesackt, das jedem Kibbuzbewohner (wie auch Milch und Obst)
in schwindelerregender Menge kostenlos zur Verfügung steht. Nach Tiberias,
einer Krokodilfarm, wo wir für 5 "Schenkel" die zukünftigen
Nobelschuhe füttern dürfen, gelangen wir nach Jericho und machen dort
erste Bekanntschaft mit Touristenneppern, die zu absolut überhöhten
Preisen ihren Ramsch anbieten. Hier gilt nur Feilschen, bis der Händler
mürbe ist. Einheimische und Ossis aus Marburg und Leipzig bewundern und
umringen uns wie Außerirdische. Nach Essen und Fotos schießen fahren wir
die Küste des Toten Meers entlang (400 m unter NN!) und müssen
feststellen, dass es durch einen Grenzzaun nach Jordanien hin abgeriegelt
ist. Nur vor En Gedi kommen wir endlich zu der einmaligen Gaudi, im Salzmeer
zu baden. Auf dem Bauch schwimmend wird man unwillkürlich auf den Rücken
gedreht. Der Auftrieb ist so groß, dass wir wie Korken im Wasser dümpeln.
Für diese Nacht lassen wir uns hier nieder und genießen unseren
Gemüseeintopf und ein Bundeswehr-Teextrakt übelster Sorte.
Der Mond scheint helle, das Feuer nicht. Militärstreifen schauen alle
puuplang nach dem Rechten und jagen ein paar Leuchtkugeln übers Wasser
Richtung Grenze. Abends um 20 Uhr hat es noch lauschige 25°C.
Getrübt werden all die schönen Eindrücke ein wenig durch den
Plastikmüll, der vielerorts die Landschaft verziert.
- 202 km / 1777 km -Sonntag
08.November 1992 Die Negev-Wüste
Zum Morgengrauen frühstücken wir, überlassen den Fliegen den Abwasch,
verabschieden uns bei strahlender Sonne vom Toten Meer und fahren in die
Berge nach Massada. Massada ist die Ruine einer alten Festungsanlage hoch
oben auf einem Berg, die nur per Eselspfad oder Seilbahn erreicht werden
kann. Berühmt wurde dieser Ort durch das jüdische Suizidkommando, welches
sich durch hundertfachen Selbstmord dem Zugriff der römischen Belagerer
entzog. Der hohe Fahrpreis und die Schilderungen von Touristen, die oben
gewesen sind, bringen uns vom Aufstieg ab und wir genießen anderswo den
herrlichen Ausblick auf die Salzebenen am Toten Meer. Um halb drei legen wir
beim Römerfort Avdat eine Pause ein. Ein Stück weiter des Weges tut sich
vor uns der gähnend tiefe Ramon-Krater auf. Ein riesiges Oval in Mitten der
Negev-Wüste, umrandet von rotbraunen Sandsteinwänden, die die Hochebene
bilden, auf der wir stehen. Auf der Weiterfahrt hinunter in den Krater
hätten wir beinahe ein Rudel Steinböcke plattgewalzt, das aus dem Nichts
über die Straße gerannt kommt, um in der steilen Bergwand schier zu
verschwinden. Am Nachmittag finden wir unseren Schlafplatz, ein Wadi im
Ramon-Krater. Wir sammeln Holz und beim Sonnenuntergang genießen wir die
Lagerfeuerromantik mit Bratkartoffeln. Es weht ein kräftiger frischer Wind
und so ist das Essen schon kalt, bevor es im Magen landet. Zudem hat Michel
sich einen schönen Schnupfen gezüchtet und wir frösteln ganz anständig
bei dem großen Temperaturgefälle innerhalb weniger Minuten,
nachdem die Sonne verschwunden ist. Jetzt sind wir sehr froh über unser
wärmespendendes "Marlborofeuer". Des Nächtens fliegen Jets,
Helikopter und merkwürdige Irrlichter über unsere Köpfe hinweg, die
wahrscheinlich dieses ständig bedrohte Land bewachen sollen.
- 188 km / 1965 km -Montag
09.November 1992 Der Grenzübertritt nach Ägypten
Um halb acht, bei Klapperkälte und zögerlichem Sonnenschein quälen wir
uns aus den Schlafsäcken. Die erste Nacht in der Wüste haben wir gut
überstanden. In Sand und Staub, umgeben von Sträuchern, dürren Büschen,
vom Wasser zerfurchten Boden, fühlen wir uns wohl - endlich sind wir da,
wovon wir viele Monate gesponnen haben. Michels Nase läuft davon, das
Niesen unterm Helm macht riesigen Spaß! Noch am Vormittag erreichen wir
Eilat. Der beliebte Badeort erfüllt unsere Erwartungen voll: ein
Touristenkaff, wie es im Buche steht, deshalb verschwenden wir auch
keine Zeit und widmen uns den Grenzformalitäten, um endlich ägyptischen
Boden zu betreten. Nach fast dreistündigem Filzen und Kohleabdrücken
(110,-DM pro Mann für die Ausreise aus Israel, Moto-Versicherung, Gebühren
für dies und das, etc.) erreichen wir Taba in Ägypten. Besonders goldig
sind die leuchtenden Augen der ägyptischen Zöllner, wie sie mehr aus
Neugier unser gesamtes Gepäck in Augenschein und in die Griffel nehmen.
Besonders unser Milchpulver hat es einem diensteifrigen
"Drogenfahnder" angetan, der nur mit viel Mühe davon abgehalten
werden kann, das kostbare weiße Pulver zu beschlagnahmen.
Faraun Island, ein kleines Inselchen mit Festung lassen wir links liegen und
suchen einen Schlafplatz am Roten Meer, der auf der Karte als Fjord
bezeichnet ist. Der Strand ist gesäumt vom Müll, der wahrscheinlich aus
Eilat angespült wird. Mit arabischer Musik aus dem
Michel-Mini-Weltempfänger, Vollmond bei angenehmen 25°C, Meeresrauschen
und Linseneintopf lassen wir den Tag langsam ausklingen.
- 174 km / 2139 km -Dienstag
10.November 1992 Camping in Nuweiba
Beim morgendlichen Geschirrspülen beobachten wir, wie die Rückenflossen
von ca. 1 m langen Fischen durchs Wasser spielen, vielleicht auf der
Jagd nach dem Tintenfisch, der sich beim Überschwimmen der vielen schwarzen
Plastikteile selbst immer dunkel verfärbt. Bereits einige Kilometer vor
Nuweiba stechen uns die Betonklötze in die Augen, die ganz offensichtlich
für den Massentourismus aus dem Boden gestampft werden. Nach Teetrinken und
dem Besuch einer deutschen Tauchbasis suchen wir einen Campingplatz und
finden ihn in einem Beduinendorf. Für 10 Pfund bekommen wir eine
Strohhütte mit Matten drin. Wir essen zu Mittag einen Fisch und buchen nach
langem hin und her einen 3-tägigen Kameltrip in die Berge des Sinai. Beim
Schnorcheln am hauseigenen Riff bewundern wir zum ersten mal die Vielfalt
der Unterwasserwelt des Roten Meeres. Wir fühlen uns wie in einem großen
Aquarium, umgeben von unzähligen großen, kleinen, bunten und unscheinbaren
Fischen, Korallen und Pflanzen und leider auch von umhertreibendem Müll. Im
Camp essen wir leckere Pfannkuchen mit Banane, Honig, Kokosflocken, Joghurt
und Schokosauce, einfach genial. Nach einer kalten Dusche treffen wir
deutsche "Taucherbeine", mit denen wir bis in die Nacht hinein
plaudern. Sie empfehlen Dahab
als Tauchrevier.
- 55 km / 2194 km -Mittwoch
11.November 1992 Cameltrip in die Bergwelt des Sinai
7.30 Uhr: Kamelblitzstart in die Wüste. Bergab müssen wir uns gewaltig am
Sattel abstützen, um uns nicht die Juwelen abzuquetschen. Mittags steigen
unsere Beduinen auf dornige
Akazien, brechen mit Steinen trockenes Holz vom Baum und kneten Brotteig aus
Wasser, Salz
und Mehl. Der Brotteig wird ausgebreitet in die Glut gelegt und mit
Holzkohle bedeckt.
Dazu wird ein Muß aus frittierten Zwiebeln,Tomatenmark und Bohnen bereitet.
Ein Pärchen aus Neuseeland reist mit uns zum Canyon Freyä, der sehr nah
mit dem Grand Canyon verwandt sein muß. Eine grandiose Schlucht tut sich
vor uns auf. Den Abstieg in den Krater müssen wir zu Fuß bewältigen, da
die Dromedare genug Schwierigkeiten haben, allein wohlbehalten den steilen
Pfad hinunterzukommen. Drunten erwarten uns ein paar grüne Stauden, die ein
salziges Wasserloch umranden. Während Mubarak Tee und Abendessen
zubereitet, klettern wir mit Farhan zu verborgenen Wasserstellen, die mit
Dattelpalmen gesäumt sind.Donnerstag
12.November 1992 Coloured Canyon
Mit der Sonne aufstehen, Fladenbrot und dänischen Feta-Cheese, Tee und dann folgt ein
schweißtreibender Fußmarsch durch die Hammada ohne Kamele, die das Folgende
nicht bewältigen können: die Schlucht wird immer enger und an manchen
Stellen ist der Durchschlupf nur noch schulterbreit; die Felswände aus
Sandstein steigen immer weiter in die Höhe
und über mannshohe Felsen kletternd und schwitzend bieten sich
atemberaubende Eindrücke, wenn wir zum Himmel hoch sehen. Während Farhan
die Dromedare einen Umweg führt, zeigt uns Mubarak den Weg durch dieses
Canyonlabyrinth und geleitet uns so zum Coloured Canyon, wo der Sandstein
Farben von weiß, rot, gelb bis blau und violett angenommen hat.
Wie in sich verwundene Schlangen ziehen sich schwarze Streifen durch den
roten Fels, der an manchen Stellen aussieht wie ein kunstvoller
Marmorkuchen. Der Weg führt unter herabgestürzten Felsen hindurch über
butterweichen Sand, der den schmalen meanderförmigen Gang bedeckt. Direkt
neben uns steigt der vom Wasser rundgewaschene Fels senkrecht 30 Meter hoch.
Das große Malheur ist nur, daß unser Film fast voll ist und wir einen
Ersatzfilm vergessen haben! Kurz darauf klettern wir aus der Schlucht heraus
und vor uns taucht Farhan mit den Kamelen auf. Eine kleine Echse fängt
Fliegen, die sich am süßen Tee laben. Recht große Libellen gibt es auch
in der Sinaiwüste, eine Wüstenmaus, ein Gecko, große Heuschrecken,
Schlangen- und Fuchsspuren und ein paar zutrauliche Fliegen, die uns
überall einen freudigen Empfang bereiten. Ein Stück Weiterreiten auf
Kamelkosten bringt uns zu einem verdorrten Strauch, der mit Decken beworfen
guten Schatten spendet. Wir dürfen uns in denselbigen legen, während
unsere Beduinen
aufkochen: Zwiebeln, Öl, Tomatenmark und Erbsen gekocht und
selbstgebackenes Brot
und einen Verdauungstee zum Schluß. Uwe führt fleißig das Tagebuch und
der Rest schnarcht
um die Wette. Plötzlich prescht ein Jeep heran, zwei Touri-Tussen hopsen
kreischend
aus dem Auto, knipsen unsere Bedus mit Kamelen, bis die Kameras glühen,
rennen zurück in den Jeep und jagen davon. Zum Schlafplatz sind es nur noch
wenige Kilometer und um vier geht dann die Sonne schon wieder schlafen. Um
sechs ist es bereits dunkel wie im Bärenarsch. Wir genießen die
unglaubliche Stille und das Abendmahl unter dem Sternenzelt.Freitag
13.November 1992 Der dritte Tag auf dem Kamel
The same procedure as last day. Mittags muß eines der Kamele ambulant
operiert werden, weil es sich in seiner unendlichen Gier einen Dorn in die
Zunge gerammt hat. Für unsere Wüstenfreaks ist das kein großes Problem.
Einer
hält die Kamelrübe fest, sperrt sein Maul auf, der andere zieht die Zunge
einen halben
Meter raus und entfernt den Übeltäter. Unterwegs treffen wir wieder auf
die Kiwis. Mit
einer riskanten Kraxltour, allerdings ohne Camels, beschließen wir den
dreitägigen
Trip. Auf dem Rückritt können wir die "Jungs" sogar zu einem
Galopp überreden,
wobei die Juwelen ganz schön krachen! Am Nachmittag kommen wir endlich am
Beduinencamp an und schenken den zwei Führern ein Taschenmesser. Sie
können es wirklich brauchen:
interessant zu wissen, wie sie die Konservendosen aufbekommen hätten ohne
unser
Taschenmesser zum Abschied. Abends müssen Pancake und Kebab dran glauben.
Übrigens: unser
Libyenvisum ist nur bis zum 22.11. gültig, d.h. wir müssen nach
Kairo und Botschaften abklappern. Hoffentlich
wird es verlängert.Samstag
14.November 1992 Katharinenkloster, Wüstenhorror, Dahab
Um 6 Uhr Aufstehen und Aufrödeln der Mopeds, weil heute das
Katarinenkloster angesagt
ist. Eine einmalige Wüstenlandschaft aus Sand, Felsen und Beduinencamps
bietet sich
unseren Blicken. Das Kloster entpuppt sich als Touristenfalle, ist aber
trotzdem sehenswert.
Einen Sonnenaufgang bzw. Sonnenuntergang auf dem Mosesberg (wo Mose Gottes
Gebote
vor die Füße bekam) sparen wir uns angesichts der Schreckensberichte von
Müll und Fäkalien ausstoßenden biblischen Reisegruppen, die
choräleschmetternd
den heiligen Berg hochjapsen, um oben ihr Seelenheil mit Psalmen zu
ersingen.
Im Kaff selbst bleibt die Frage nach Telefax und libyscher Botschaft in
Kairo offen.
Obwohl hier jeder Ägypter englisch zu können glaubt, versteht keiner
dieser Trottel ein
Wort - no problem! you understand Die Touristpolice ist genauso wenig
zu gebrauchen, wie die Police selbst. Wir lunchen, tauschen 500 Märker und
machen uns
in brütender Mittagshitze weg, querfeldein zur Piste nach Dahab, die jedoch
nach unserer
Karte nicht zu finden ist. Glücklicherweise pickt uns nach längerer
Irrfahrt im Wüstensand eine Militärpatrouile
auf. Sie geleiteten uns wieder aus dem staubigen Terrain, wobei Uwe sich
mit seiner Kiste erst nochmal flach macht. Bei diesem ersten
"längeren" Kontakt
mit der erbarmungslosen Wüste, die ständig versucht, unsere Maschinen in
ihrem
Sand aufzusaugen und uns viel Energie bei Sprüngen und anderen Stunts
abverlangt, sind wir erstmal ziemlich gefrustet und gar nicht mehr so
sicher,
ob wir uns da nicht etwas übernommen haben. Wir fahren erleichtert durch
die
Rettung auf der Straße wieder zurück nach Nuweiba und
weiter nach Dahab.
Dahab ist ein "idylisches kleines Dörfchen", alles andere
als sauber, ruhig und wenig Touristen. Die Tauchpreise variieren gewaltig
und die schönen kleinen Holzhütten wie in Nuweiba gibt es hier auch nicht.
Hier erinnert alles sehr stark an die Costa Brava in Spanien, überall
Nepper und Schlepper.
- 250 km / 2444 km -

Sonntag
15.November 1992 Tauchen, Schnorcheln und Pennen
Die Unterkunft, die wir gestern abend nach langem Gezerre bezogen haben, ist
zwar billig aber mindestens genauso schlecht. Es ähnelt mehr einem
Brutkasten
für Moskitofutter. Die Nacht über plagen uns unzählige Mücken, die
Stiche sind nicht zu zählen.
Michel wird es zu bunt (genauer blutrot!), er zieht aus und pennt am Strand
in einer Liegekuhle.
Am Morgen zählen wir die Opfer: über 20 erschlagene, z.T. vollgesaugte
Moskitos
kleben an Wand und Decke. Nach einem recht guten Pancake geht es zur
Tauchbasis
und dem ersten Tauchgang (50 US$). Michels Eindrücke:
Einmalige Sicht; Fische bunt wie Gemälde, Barrakudas, Rotfeuerfische,
Anemonenfische, Korallen etc., einfach phantastisch
Die Essenspreise erlauben uns richtige Völlereien. Pizzas, Backwaren,
Pancake, Tee, Cola,
Gemüse, Fisch etc. Wir ziehen aus unserem 7 Pfund teuren Zimmer in ein 3
Pfund
teures Loch um, das wir nur als Gepäcklager nutzen und pennen am Strand. Am
Abend werden wir
von einem Rudel Hunde umlagert, die offensichtlich ihre Einsamkeit mit uns
teilen wollen.
- 35 km / 2479 km -Montag
16.November 1992 Tauchen und Schnorcheln am Blue Hole
Zerstochen von Mücken erwachen wir am Strand und machen uns auf zum
Frühstücks-Pancake.
Die Fliegen pesten uns natürlich wieder wie jeden Morgen, was uns dazu
veranlaßt,
ein paar von ihnen zu Fußgängern zu machen. Um 9 Uhr geht's zum 3.
Tauchgang.
Inzwischen geht Uwe ins Pullman Hotel, um Geld zu tauschen, nach der
libyschen Botschaft
in Kairo zu fragen und etwas in der Sonne zu braten. Mittags treffen wir uns
zum
Essen und fahren dann gemeinsam zum Blue Hole:
ein gigantisches, mit Korallen besetztes dunkles Loch, in dem die Taucher
verschwinden.
Fische in allen Farben, Papageifische und Kugelfische tummeln sich dort.
Recht spät kommen wir ins "Hilton" zurück und gehen erstmal
völlern: Somosa, Fruchtsalat
und Sahlab. Prallvoll schlafen wir schon fast im Caf`e ein. Wir kaufen uns
noch eine schlechte Sprite und wenig bessere Chips und fläzen uns an den
Strand. Mitten in
der Nacht werden wir unvermittelt aus den Träumen gerüttelt. Ein zahnloser
Touristpolice-Trottel
steht vor uns. Der Büttel rudert mit den Armen und stammelt ein
unverständliches
Englisch, deutet aufgeregt auf unsere Schuhe! Wir verstecken sie unter
unseren Schlafsäcken
und er gibt sich zufrieden und trollt sich. Dafür läßt der Wind nach und
die
Mücken suchen uns wieder heim.
- 40 km / 2519 km -Dienstag
17.November 1992 Erste Bekanntschaften
Diesmal beginnen wir den Tag mit Sahlab und Omelette bzw. Pancake (öfter
mal was Neues !).
Uwe geht zum Pullman, Brief und Karten schreiben, nachmittags schnorchelt er
am
Hausriff: zwei Rotfeuerfische treiben schief im Wasser liegend und bewegen
ihre federartigen Flossen nur, wenn sie gestört werden. Auf dem Weg zurück
zum Ufer
tut sich im flachen Wasser eine tiefe Ausbuchtung auf, in der sechs kleine
Muränen umherschlängeln, bewacht von einem kofferähnlichen größeren
Fisch. Wir lassen
es jetzt jeden Abend mehr krachen: heute sind Pizza Margharita , fruit salad
mit
vanilla ice schon Standard, Sahlab natürlich auch. Der Abend ist zur
Abwechslung mal ganz
gesellig. Kennengelernt haben wir einen Lebenskünstler aus Kaschmir
(Indien), der bei
Geldnot mit Edelsteinen handelt, dort eine "filmfactory" besitzt
und ansonsten als
Jurist arbeitet. Er macht in Dahab gerade Tauchkurs - ein paar Tage seines
dreijährigen
Urlaubs. Die 6 Jahre Urlaub davor scheinen ihm auch nicht geschadet zu
haben.
Ein Pärchen aus Augsburg, sie Reiseleiterin und er angehender Tauchlehrer,
stürzen uns mit ihren 7 Monaten Sharm el Sheikh vollends in die
Identitätskrise:
sollen wir wirklich mal in unserem Gesellschaftssystem mitmischen und es den
Eltern gleichtun oder soll man sein Leben wirklich so gestalten, wie man es
sich
träumt? Eigentlich lebt man nur einmal, oder!? Arbeiten wenn es nötig ist
und reisen,
wenn man Lust dazu hat.
Um 21 Uhr gibt es eine Diashow von der Unterwasserwelt hier im Golf:
beeindruckende Bilder von Spanish Dancer, farbenprächtigen Riffbewohnern,
Haien und anderen Raubfischen des Roten Meeres. Ein Sahlab rundet den Abend
ab und
dann sind wir Zeuge einer echten Rarität: auch für die Einheimischen kaum
faßbar dringen ein paar Regentropfen zu uns durch. Aber auch sie bringen
keine Abkühlung in dieser windstillen, stickigheißen und mückensurrenden
Nacht.
Um 23.30 Uhr haben wir noch stöhne und schwitze $28^o $C im Mondschatten.
- 17 km / 2536 km -
Mittwoch
18.November 1992 Doc Holchi
Gegen 1 Uhr werden wir vom Regen geweckt, der sich in Strömen über Dahab
ergießt.
Wir wechseln von unserem Schlafplatz am Strand in ein überdachtes Cafe. Der
Mücken
wegen sind wir bis oben hin zugeschnürt und schmoren im eigenen Saft. Am
Morgen werden
wir von den Bestien wieder übel gepeinigt, bis Uwe die Faxen dick hat und
aufsteht.
Während Michel sich beim Tauchen vergnügt, lernt Uwe beim Schnorcheln
Holger kennen, einen
jungen Arzt aus Deutschland.
Jeden Tag gibt es neue Fische zu entdecken: einen blaugetüpfelten Rochen,
der sich voll auf seinen stachelbewährten Schwanz verlassen kann, einen
ultragiftigen
Steinfisch, der seinem Namen alle Ehre macht und Muränen
von rießig bis mittel über braun, grau und weiß und einen
Zitterrochen, um den man ebenfalls am Besten einen großen Bogen schwimmt.
Den Abend verbringen wir diesmal zu dritt, wobei wir intensiv
Urlaubserfahrungen
austauschen und Lebensauffassungen diskutieren.
Donnerstag
19.November 1992 Unterwasserfotos am Lighthouse
Unsere Freunde die Fliegen wecken uns auch heute zum letzten Tauchen
bzw. Schnorcheln im Roten Meer. Michel geht mit seiner Tauchergruppe am
"Canyon" ins
Wasser, einem langgezogenen, 30 Meter tiefen Unterwasserkrater, der am Ende
in eine kleine Höhle mündet, die nach oben führt und an dessen Wänden
sich das
blühende Leben abspielt. Außer einem Skorpionsfisch ist heute nichts
besonderes
zu entdecken, wenn man angesichts dieses Artenreichtums überhaupt so etwas
behaupten darf. Glücklicherweise leiht uns am Nachmittag ein Österreicher
seine
Unterwasserkamera, mit welcher wir am Lighthouse einen ganzen 36er Film
verschießen.
Am Abend treffen wir Holchi im mondänen Pullman Village, wo wir uns von ihm
zu einem ägyptischen Stella-Bier überreden lassen. Den überaus bequemen
Strandliegen
können wir nicht wiederstehen und so schlafen wir wenig später darauf ein.
Doch wie sollte es anders sein: irgendwann rüttelt uns ein Pinguin wach und
verlangt 10 LE pro Nase für die Benutzung der Liegestühle. Dummstellend
und
schulterzuckend verlassen wir das Terrain und genießen stattdessen wenig
später
bei einem Sahlab einen Stromausfall in Dahab, der die lärmende
Touristenmeile
in eine romantische ruhige Bucht am Roten Meer verwandelt.
- 6 km / 2544 km -Freitag 20.November 1992 Durch Minenfelder nach Sharm el Sheik
Bei unerträglich schwüler Hitze verabschieden wir uns von Holchi und Dahab
und
machen uns auf, Richtung Sharm el Sheik, in die Spitze der Sinaihalbinsel.
Auf
halber Strecke verlassen wir die Asphaltstraße und nehmen eine Sandpiste zu
den
Mangroven. Das verrostete Wrackteil eines deutschen Frachters, das hoch auf
dem
Korallenriff thront, zeigt uns, daß wir richtig gefahren sind. Vor
Entzücken
bettet Uwe seinen Knöchel unter sein Motorrad. Auf dem Rücken liegend
genießt
er die sengende Hitze, während Michel ihn ausgräbt. Etwas später treffen
wir
auf einen Militärstützpunkt, dessen Soldaten uns aufgeregt fuchtelnd und
zeternd
zu sich herzitieren. Mit einem verklärten Lächeln auf den Lippen und einem
seltsamen Gefühl von Wiedergeburt lauschen wir dem Offizier, der uns
erklärt,
wir befänden uns in einem sehr gefährlichen Gebiet, das noch mit vielen
Minen
und sonstigen brisanten Überbleibseln vom 6-Tage-Krieg verseucht ist. Ein
kurzes Stück führt uns dann ein Jeep durch das Gebiet, bis er uns
abhängt, als
die Transalp zu spucken und zu klingeln anfängt und kein Gas mehr annimmt.
Ach ja: kurz vorher hat Uwe mehrmahls den Wassersack verloren, doch
ansonsten
klappt heute alles ganz gut!
Ein Schluck 80er Sprit hilft dem spotzenden Moped
wieder auf die Reifen und weiter geht's durch das Minenfeld, über
Stacheldraht
hinweg nach Sharm el Sheik. Dort angekommen müssen wir erfahren, daß die
Fähre nach
Hurghada heute nicht und die nächsten Tage nur vielleicht verkehrt.
Außerdem
scheinen Motorräder noch nie transportiert worden zu sein. Die große
Überfahrt
soll ganze 165 LE pro Nase und Auspuff kosten. Die Stadt ansich ist ein
häßliches
Agglomerat aus vielen Touristenvillages. Der "günstige"
Campingplatz oberhalb
der City macht unverschämte 10 LE und 3 LE extra für eine elektrische
Leuchte,
auf die wir verzichten können.
Aus zwei Wochen alten Israelipotaken brauen wir einen leckeren
Gemüseeintopf
und anschließend einen echten Kakao, bevor wir der Einladung des
mückenfreien
Zelts nicht mehr widerstehen können.
- 145 km / 2689 km -Samstag
21.November 1992 Tauchen und Schnorcheln am Jackson Riff
Nach einer geruhsamen Nacht stehen wir zeitig auf, packen unsere Badesachen
und frühstücken in der "Budenzeile" des Dorfes ein
ölgetränktes Ful mit
Felafel und Shai. Dann gehts zur Tauchschule und zum Boot, das uns zum
Jackson
Riff nahe der Insel Tiran bringt. Michel wird vom Geschaukel recht unwohl
und
sein Tauchgang wird mehr und mehr ein Kampf gegen den Sodbrand. Grandios ist
das Gewimmel
der Fischschwärme um die Korallenstöcke. Zwei große Wracks liegen hier in
knietiefem
Wasser auf dem Riff und hin und wieder ziehen riesige Frachter ihre Bahn
durch
die schmale Straße von Tiran. Die Strömung an dieser Stelle ist recht
heftig
und so hat jeder zu kämpfen, um nicht abgetrieben zu werden und das Boot
wieder
zu erreichen. Inzwischen hat der Bootsmotor seinen Geist aufgegeben, nachdem
eine
Sturmwarnung eingegangen ist. Doch ein nahegelegenes Ausflugsboot erbarmt
sich
unser und schleppt uns in den Hafen. Wir schlafen derweil auf dem Deck ein
und
ernten alle einen sehenswerten Sonnenbrand. Zurück in Sharm erfahren wir,
daß
eine Fähre nach Hurghada aufgrund stürmischer See vorerst nicht zu
erwarten ist.
Was tun? Nach langem Abwägen von Für und Wider beschließen wir, erst nach
Kairo
zu fahren und die libysche Botschaft aufzusuchen.
Der räuberische Aufseher vom Safetyland-Camping verlangt noch einen ganzen
Tagesbetrag von uns, doch er kann auf die Hälfte heruntergefeilscht werden.
Bloß weg von diesem gräßlich' Fleck! So fahren wir in die hereinbrechende
Nacht
bis hinter El Tur, wo wir bei netten Fernfahrern unter ihrer windigen Hütte
aus Stroh und Wellblech mitpennen dürfen.
- 120 km / 2809 km -Sonntag
22.November 1992 Die Leiden des jungen Michel
In der Nacht sinkt die Temperatur auf 16°C, die Ägypter frieren
ganz gewaltig und Michel bekommt die Rache der Pharaonen zu spüren: er muß
etliche
male raus und abreihern. Konsequenterweise begnügt er sich mit Aspirin und
Immodium zum Frühstück, während Uwe sich an Tuna, Tomaten und Shai
gütlich tut.
Derweil Michel in der Wellblechhütte dahinsiecht, nutzt Uwe die Zeit, um El
Tur
zu erkunden: eine für ägyptische Verhältnisse ungewöhnliche Stadt mit
vierspurigen
Straßen, dreistöckigen Wohnblocks und sogar einer richtigen Klinik. Sehr
wahrscheinlich
alles von den Israelis erbaut, während ihres Aufenthaltes auf der
Sinaihalbinsel.
Ein starker Wind mit viel Sand im Schlepp und Michels Krankheit (Kopfweh,
Dünnpfiff,
Übelkeit und Erbrechen) zwingen uns, bei den netten Einheimischen zu
bleiben.
Die kleine "Hütte" bietet guten Schutz vor dem Wind, was sich
auch unter
sämtlichen Fliegen des Sinai herumgesprochen haben muß. Unsere Gastgeber
sind
sehr wißbegierig, testen sogar Jacken und Helme.
Die Leute hier leben von einem 15 m tiefen Loch, in dem sich jeden Tag ein
konstanter
Wasserspiegel einstellt. Das kostbare Naß wird mit Tankwagen zu den großen
Hotels in Sharm el Sheik gebracht. Mit vielen kleinen bewässerten
Pflanzungen
und Zäunen aus Palmwedeln versuchen sie das Vordringen des Wüstensandes
aufzuhalten.
Wir verbringen den ganzen Tag hier und auch die Nacht, die mit stürmischem
Wind
und nur 8°C im Freien ziemlich ungemütlich geworden wäre.Montag
23.November 1992 Kilometerfressen Richtung Kairo
Mit der Sonne stehen hier alle auf, auch wenn nichts zu tun ist. Michel geht
es
relativ besser und so wollen wir heute versuchen weiterzufahren. Als kleines
Dankeschön für die freundliche Unterbringung bekommt der Hausherr einen
wärmenden
Pulli von uns geschenkt. Das Fahren strengt an, bei vollem Gegenwind. Wir
machen
Pause in Abu Rudeis in sengender Mittagshitze, kaufen Wasser, Bananen und
Coke
für Michels Verdauung. Heute werden Kilometer gefressen, wegen der
langweiligen
öden Sandwüste und weil wir morgen in Kairo sein wollen, um neue
Libyenvisa zu
besorgen. Durch den Tunnel unter dem Suezkanal verlassen wir den Sinai,
werfen
einen kurzen Blick auf vorüberziehende Schiffe, die im Sand zu fahren
scheinen,
und lassen Suez hinter uns. Hundert Kilometer nach Suez geht die Sonne
schlafen.
Wir halten bei einer Sanitätsstation an der Autobahn und bekommen von einem
freundlichen Herrn sofort das Krankenzimmer als Nachtstätte gerichtet.
Wiedermal
ein Beispiel der selbstlosen Hilfsbereitschaft in diesem Land, von der sich
Deutschland einen gehörigen Happen abschneiden müßte.
- 295 km / 3104 km -
Dienstag
24.November 1992 Kairo und das ganz normale Chaos
Um halb vier in der Nacht lassen wir uns wecken, um rechtzeitig vor dem
Einsetzen
des großen Verkehrsgewühls in Kairo einzutreffen, doch Michel ist, von
Krämpfen
geschüttelt, noch nicht fahrtüchtig. Um acht Uhr fahren wir dann doch
trotz
Krämpfen und Schmerzen los und erreichen gegen Mittag den
18-Millionen-Moloch.
Trotz nervenaufreibender Fragerei finden wir uns relativ gut zurecht in
diesem
Chaos. Michel wird von einem Bus gerammt und auf die Fahrbahn geschickt.
Fluchend
wird die Africa Twin wieder aufgerichtet und mit Hilfe von Passanten an den
Straßenrand geschoben: Blinker und Kofferträger sind verbogen. Der
Busfahrer
hat das ganze Geschehen mit gelassenem Desinteresse verfolgt und Glück
dabei
gehabt, daß viele Fahrgäste zwischen ihm und dem aufgebrachten
Motorradfahrer
gestanden sind. Malesch, wird er sich gedacht haben. Kurz vor Zamalek
geht Uwe mal wieder der Saft aus und wir sind gezwungen, auf der stark
befahrenen
Nilbrücke nachzutanken. Wenig später finden wir die libysche Botschaft und
Michel verschwindet in ihrem Innern.
Der Verkehr in dieser Stadt ist für unsere Verhältnisse unglaublich. Es
scheint
keinerlei Regeln zu geben und doch gibt es einen gewissen Verkehrsfluß, der
beim Anlegen heimischer Verhaltensregeln bei diesen Automassen wohl schon
längst
zum Erliegen gekommen wäre. Gefahren wird, wo Platz dazu ist, Ampeln sind
reiner
Straßenschmuck und Hupen ist oberste Autofahrerpflicht.
Das Visum für Libyen ist verweigert worden, weil die engstirnigen Araber am
ägyptischen Einreisestempel erkannt haben, daß wir in Israel gewesen sein
müssen.
Basta! Der Schock sitzt tief und wir suchen erstmal eine günstige
Unterkunft in der
Nähe, in der Hoffnung, daß uns die deutsche Botschaft morgen weiterhelfen
kann.
Die Pension Zamalek kostet 30 LE pro Nase und bietet das nobelste Nachtlager
seit Italien: Balkon, Parkettboden und Lampen, die wirklich gehen. Die
Bäder sind ebenfalls 1a und werden sofort ausgiebig getestet. Fast alles
funktioniert
hier, kaum zu glauben. Auf dem Zimmer kochen wir Reis mit Chinapfannensoße
und
spargeln vorher eine Suppe. Morgen erwartet uns ein inclusives Frühstück.
- 120 km / 3224 km -
Mittwoch
25.November 1992 Das Mogamma, Sakara und Gizeh
Nach einem Frühstück mit Marmelade, Kräuterbutter, Käse und über einer
Dieselflamme
geröstetem Toast gehen wir zur deutschen Botschaft und bringen die Mühlen
der
Bürokratie in Gang: mit einem Empfehlungsschreiben der deutschen Botschaft
im
Mogamma-Gebäude ein neues und zugleich verlängertes Ägyptenvisum in den
Ersatzreisepaß
stempeln lassen, mit dem ein neues Libyenvisum zu beantragen ist. Vorher
besuchen
wir einen Arzt, der Michel ein paar Medikamente verschreibt und sein Leiden
-
Allah sei Dank - nur auf das "beautiful egyptian food"
zurückführt. Gleich
darauf stürzen wir uns in das riesige Kairoer Verwaltungsgebäude, welches
jeder
Beschreibung spottet: im Mogamma ist die gesamte zentrale Verwaltung für
alle
möglichen Angelegenheiten von Alexandria bis Abu Simbel untergebracht. Wir
fühlen
uns wie in einem riesigen Termitenhügel, in dem keiner weiß, was der
andere tut.
Es sind mindestens genausoviele uniformierte Bedienstete zu sehen, wie
normale
Bürger, wobei erstere sich auf den Verkauf von Getränken und Apetithappen
spezialisiert haben. Nach langem Hin und Her verlassen wir fluchtartig
diesen
schrecklichen Ort und bauen uns erstmal mit Kebab und Milchshake wieder auf.
Redlich verdient haben wir uns den Taxitrip nach Sakara und Gizeh. Wie ein
Henker bricht der deutschsprechende Taxifahrer durch das allgegenwärtige
Verkehrschaos:
eine gute Bremse, laute Hupe und kräftig gasgeben sind sein Motto. Dabei
erzählt
er gelassen vom Leben in Kairo, während wir um unseres bangen.
In Sakara schauen
wir, belagert von Bakschischhaien, die Stufenpyramide von Djoser an und
pfeifen
dann gleich weiter zum Sonnenuntergang nach Gizeh. Dort bewundern wir die
drei
großen Pyramiden und die Dreistigkeit kleiner Zombis, die 40 LE für ein
paar
Kamelfotos abschöpfen wollen. Mißmutig lassen wir uns 6 Pfund abpressen
und
eilen dann weiter zur Sphinx, die wir in der Dämmerung gerade noch
mitbekommen.
Doch ein "friend" zeigt sie uns noch aus der Nähe, wofür er
natürlich auch
ein entsprechendes Bakschisch erwartet und ebenfalls enttäuscht die
Nüstern
bläht.
Nach dem Besuch eines Papyrusladens führt uns die Nachtetappe der Rallye-
Kairo zurück zu unserer Pension und der Sturzpilot wird mit 80 LE
angemessen
entlohnt.
Morgen ist dann der Tag des "Showdown" in der libyschen
Botschaft, wo es heißen
wird: Libyen und Algerien oder nicht Libyen und nicht Algerien!
Donnerstag
26.November 1992 Der GAU
Gleich in der Früh holen wir für läppische 82 LE unsere
Empfehlungsschreiben
bei der deutschen Botschaft ab und tigern zu den Libyern. Da Michel schon
bekannt
ist, ist nun Uwe dran und verschwindet in der Höhle des Löwen. Kritisch
und
wachsam hört sich der Araber Uwes Anliegen an, läßt ihn Formulare
ausfüllen
und fragt nach Ort und Datum der Einreise, dem Fahrzeug und einem Freund
mit Motorrad! Mit einem bangen Lächeln auf den Lippen läßt er Uwe stehen
und
warten, um ihm nach geschlagenen zwei Stunden mitzuteilen, daß wir ein
Visum
vielleicht in ein bis zwei Monaten bekommen könnten!
Mit dieser Engstirnigkeit der Libyer fällt unser gesamter Urlaubsplan wie
ein
Kartenhaus zusammen. Libyen und Algerien fallen flach!? Das schlägt auf die
Stimmung, besonders bei Michel, der sich schon auf ein Wiedersehn mit dem
Hoggargebirge
gefreut hat. Frustriert und voller Wut auf die blöden Libyer erkundigen wir
uns
am Bahnhof nach einer Zugreise nach Assuan mit den Mopeds: nach endlosem
Suchen
erfahren wir von der zuständigen Person, daß die Motorräder mit einem
anderen
Zug ankommen würden als wir. Das kommt nicht in die Tüte!
Anschließend lassen wir uns zum Khan Kalili Bazar chauffieren und
amüsieren uns
im Getümmel an den krassen Gegensätzen zwischen arm und reich, die hier
aufeinanderprallen.
Nach ordentlicher Touristenmanier schwatzt man uns Parfumöl und einen
Skarabäus
auf und gegen 20 Uhr kehren wir in die Pension zurück, um über den
Fortgang
der Reiseroute nachzudenken und die Heimreise abzuchecken.
Freitag
27.November 1992 Über die Pyramiden in die libysche Wüste
Am Morgen klappern wir einige Reisebüros nach etwaigen Fährverbindungen
Richtung
Heimat ab und landen prompt wieder bei der überteuerten ADRIATICA, es gibt
keine
Alternative. Wir könnten also am 14. und 24. Dezember oder am 3. und 13.
Januar
heimschiffen. Am ägyptischen Museum werfen wir einen entsetzten Blick auf
die
Horden japanischer Kameraträger und lassen uns ins Hotel zurückbringen.
Packen,
Aufrödeln und los geht's hinaus aus Kairo zu den Pyramiden, die wir noch
schnell
bei Tag ablichten wollen und dann ab in die Wüste Richtung Oase Bahariya.
Nach gut 100 Kilometern zwingt uns allerdings die untergehende Sonne zum
Verweilen in einer Bauruine, wo es später reichlich Spaghetti mit
Gemüßesoße
und Sonnenuntergang gibt. Michel scheint es gar sehr zu pressieren und so
unterschätzt er die Tücken des weichen Sandes und macht seine Africa Twin
flach.
Mit reichlich Bauholz läßt sich ein ordentliches Lagerfeuer entfachen, in
dessen
Schein wir unser Nachtlager errichten.
Morgen wollen wir die Oase erreichen.
- 100 km / 3324 km -
Samstag
28.November 1992 Dünenfegen mit dem Motorrad
Schweinekalt weht es ins Gesicht, dem einzigen Körperteil, das aus dem
Schlafsack
herausschaut. Trotz den schützenden Wänden der Bauruine geht die
sternenklare
Nacht durch und durch. Nachdem das traditionelle Morgenwasser abgeschlagen
ist,
wird ein Feuer entfacht, um die Kälte aus den Knochen zu vertreiben.
Müsli und heißer Kaba wecken die Lebensgeister. Bevor wir aufbrechen
können,
schaut ein LKW voller Soldaten an unserem Nachtlager vorbei und jeder nimmt
für sich die Neugier ein. Die Sonne strahlt und der Wind bläst uns in die
Seite,
während wir unsere Bahn ziehen durch die öde Geröllwüste. Würden
wir jetzt weg von der Straße
und schnurstracks nach Westen fahren, kämen wir direkt nach Libyen,
allerdings illegal
und bei der nächsten Militärkontrolle wären wir reif für den Bunker! Mit
Thunfischgemüse
und Brot am Pistenrand vertreiben wir diese Gedanken, tanken ein wenig Sonne
und Benzin in unsere treuen Zweiräder. Nach ungefähr 200 km fällt die
Straße
von der Hochebene hinab in eine weite Senke, die mit Felsresten und
Sanddünen
durchsetzt ist. Angesichts der Sandberge hält Michel nichts mehr auf dem
Asphalt. Er schlägt einen Haken und fährt schnurstracks in die Dünen.
Uwes
Versuch endet vorerst mit einem eingebuddelten Hinterrad am Straßenrand,
doch
drei hilfsbereite Ägypter springen von einem haltenden LKW und befreien ihn
aus seiner mißlichen Lage. Dann kommen beide in den unbeschreiblichen
Genuß, über die Dünen zu pfeifen. Ein phantastisches Gefühl, so
schwerelos über
den Sand zu gleiten, wo man allein an den sich verändernden Konturen merkt,
daß
man eigentlich recht schnell über die Düne fegt. Immer Zug aufs Hinterrad
und
bloß nicht stehenbleiben, wenn man wieder mal in eine Weichsandstelle
eintaucht,
die das Vorderrad verschlingen will. Nachdem wir einen gähnenden Abgrund
hinuntergebraust sind, brauchen wir eine kleine Ruhepause, um unsere
Begeisterung
in den Griff zu kriegen. Den Preis für diese Gaudi zahlt Uwe wenig später,
als
er sich bis zum Bodenblech in weichen Sand eingräbt: Gepäckabladen,
Luftablassen
und schweißtreibender Spateneinsatz sind notwendig, um die Transalp wieder
flott
zu machen. Es wird spät und fürs Erste reicht's - aber auch nur fürs
Erste!
Zurück auf die Straße und wenig später sind wir in einer Siedlung von
Minenarbeitern, an
dessen Eingang wir einen allgemeinen Obulus von 1 LE entrichten dürfen.
Eine
kurze Trinkpause in einer Schule nutzen wir zum Dattelnkaufen, machen uns
aber angesichts der vielen geistig und körperlich Behinderten an diesem Ort
bald wieder auf und davon. Kurz nach dieser seltsamen Siedlung schlagen wir
unser Zelt
hinter einem Hinkelstein in weichem Sand auf. Gestärkt mit Erbsensuppe
schlafen
wir dem neuen Tag entgegen.
- 263 km / 3587 km -
Sonntag
29.November 1992 Die Oase Bahariya und die Löffelprofis
Durch einen enormen Tauniederschlag ist das Zelt patschnaß geworden und so
können
wir erst gegen 9 Uhr aufbrechen. Nach kurzer Fahrzeit nehmen wir bereits den
Steilabfall in die Oasenebene, die 150 m tiefer liegt als die übrige
Wüste.
Ein erster Abstecher führt uns in die Dattelpalmenhaine von El Hara, dem
ersten
Dorf der weit verteilten Oasensiedlungen. Im Nu sind wir umlagert von
frechen
Bälgern, die uns ständig betatschen und anbetteln. Schließlich vertreiben
sie
uns nach Agouz, wo wir die Piste nach Bir Matar einschlagen, einem
Campingplatz
mit Brunnen, der im "Tondok" empfohlen ist. Bei Speis und Trank
bewundern wir
das Wechselspiel von Sonne und Wolken am markanten Pyramidenberg und fahren
anschließend
in den Hauptort Bawiti. Auf einer Sandpiste, entlang blühender Felder,
stoppen wir
an einer riesigen Wasserlache, die nicht umfahren werden kann. Mit flauhem
Gefühl
im Magen bricht Uwe zuerst durchs Wasser und erreicht patschnaß das andere
Ufer.
Schnell die Kamera raus und Michel ablichten, wie er spritzend durch die
Jauche
prescht und dabei einen Schluck vom kühlen Naß abbekommt.Die Mopeds
glänzen wie
neu und wir stehen gut im Saft. Nach einer kurzen Trocknungspause erreichen
wir
Bawiti, wo wir sogleich von etlichen Plagegeistern nach einem "pen"angebettelt
werden. Ein beredter "Touristenfreund" schwatzt uns an, lädt
uns zu einem
Bad in einer heißen Quelle ein und bietet uns eine Jeep-Tour in die Weiße
Wüste an.
Ashraf tut zwar ehrlich und rechtschaffen, scheint aber eher ein Raubritter
zu sein, der
sich auf Touristen spezialisiert hat. Mit dem Jeep pflügen wir zur Quelle
und
nehmen ein Bad im heißen Wasser, belagert von ansässigen Stechmücken, die
dann
auch ihren Tribut fordern. Im Sonnenuntergang ackern wir zurück durch Sumpf
und
Sand, über Stock und Stein zum Campingplatz, wo wir uns 25 LE für den
"Freundschaftsdienst"
abluchsen lassen. Es sind doch alle gleich! Aasgeier allesamt. Wir bleiben
im
staatlichen "Hotel" Bir Matar und nehmen den Kampf mit
Heerscharen von Mücken auf,
kochen Spaghetti Napoli und ein steckendickes Sahlab als Desert. Zum
Tagesausklang
zocken wir 66, bis der Strom abgeschaltet wird. Saustall!
- 60 km / 3647 km -
Montag 30.November 1992 Viele Halsabschneider
Die geflügelten Blutsauger müssen einen separaten Eingang in unser Zimmer haben, sodaß wir kaum zum Schlafen kommen. Am Morgen richten wir dafür ein grausames Massaker an, bei dem viel Blut fließt. Den Tag beginnen wir im Popular Resturent, wo uns Jeep-Touren für 400-900 LE angeboten werden. Wir schlemmen zwei Omelettes, Cokes und Tee für sage und schreib 12 LE! Blutiger Halsabschneider! Den Tag verbringen wir mit Warten auf neue Touristen, die wir für den Wüstentrip gewinnen wollen, um ihn billiger zu machen. Der Jeep soll 400 LE kosten! Achmed verführt uns zu einer Irrfahrt durch die Gärten der Oase und lädt uns zu Tee und Wasserpfeife zu sich nach Hause ein.
Am Abend schaut Max in Bir Matar vorbei und bietet uns einen Trip halb Straße halb Wüste an und meint: "Pay what you want". Zwei Japse fahren mit ihm für horrende 500 LE! Wir wollen morgen früh mit den Moped hinterherfahren. In Bawiti gibt es ein Hotel namens "Alpenblick", das demnächst mit neuem Anbau wiedereröffnet wird. An der einzigen Tankstelle im Ort können wir einen Rest 90-Oktan Sprit ergattern, der von der Ralley Paris-Dakar übrig geblieben ist. Wie beim Wein abfüllen saugt der Tankwart das Benzin mit einem Schlauch aus dem Faß, um es in unsere Mopeds zu lassen. Da er physikalischen Gesetzen nicht mächtig ist, schluckt er dabei mehr von dem kostbaren grünen Saft, als unsere Motorräder abbekommen. Den Chemieingenieuren dreht sich der Magen um!
- 50 km / 3697 km -Dienstag
01.Dezember 1992 Unsere Privatrallye über Stock und Stein
Um 8 Uhr holt uns Max mit den zwei Japanern ab. Bis alle Besorgungen
erledigt sind,
wird es 11 Uhr, bis wir endlich dem Jeep mit unseren "nackten"
Enduros folgen
können. Es geht durch die Oase, hinaus in eine herrliche Wüstenlandschaft,
von
der wir leider - wegen des atemberaubenden Tempos des Toyotas - kaum Fotos
machen
können. Er ist uns einfach zu schnell. Uwe legt sich gleich Anfangs in den
Sand,
kann das leere Moped aber alleine wieder hochbringen. So brechen wir mehr
oder
weniger hinter, neben oder vor dem Jeep her.
Nur nicht in alte Spuren geraten,
sonst schlingert die Kiste gewaltig! Ohne Pause geht es dahin. Nur wenn wir
einmal stecken bleiben, gibt es eine kurze Verschnaufpause. Eine riesige
Düne
entschädigt kurz für die Strapazen. Volle Lotte preschen wir hoch und
stürzen dann in
den Abgrund, wie eine Achterbahn. Unbeschreiblich, nur zu erleben! Langsam
geht
das Gebrettere auf die Nerven. Wir sind sauer und gestreßt. Max verspricht
langsamer
zu fahren, tut aber nichts dergleichen. Die Beschaffenheit der Piste ist
teilweise
mörderisch. Scharfe, kantige Steine, Felsbrocken und butterweicher Sand.
Wir
legen prächtige Sprünge hin, bei denen Hände und Füße auf
Biegefestigkeit getestet
werden. Wir verlassen die Senke und kämpfen uns ein Sandfeld hoch auf ein
Plateau.
Dabei zeigt Michel auf der Africa Twin meisterhaft, wie Bullriding auf dem
Motorrad
aussieht. Wie ein Derwisch fliegt er übers Moped, die Beine mal rechts, mal
links
durch die Luft wirbelnd. Wie durch ein Wunder schafft er die Serie von
kurzen,
tiefen Bodenwellen, ohne daß es ihn abwirft. Nur sein Tankrucksack ist ihm
bei dem Ritt
um die Ohren geflogen. Wenig später rasten wir am Magic Spring, einem
Quell, der
mitten in der Wüste einer kleinen Anhöhe entspringt, die von drei Palmen
eingerahmt
wird. Diese Wasserstelle ist eine von sieben Quellen, die sich in einer
Gerade
über viele Kilometer bis tief in die libysche Wüste erstrecken. Nach einer
kurzen
Erfrischung sägen wir weiter durch den Sand in ein Wadi, wo Holz gesammelt
wird.
Noch ein paar Kilometer und wir sind an unserem Nachtlager in der Weißen
Wüste.
Wir essen Chickenschenkel, Brot und Shai, quatschen mit Max in die
sternenklare
Nacht und sinken irgendwann in den Sand zum Schlafen, gemotorrädert von 160
anstrengenden Wüstenkilometern.
- 160 km / 3857 km -Mittwoch
02.Dezember 1992 Mit Hans-Georg nach Farafra
Wir wollen ohne Jeep weiterfahren und verabschieden Max mit den Japanern,
doch der freundliche Halsabschneider verlangt 300 LE von uns! Erst spielt er
den
Kumpel mit "pay what you want" und jetzt will er uns schröpfen.
Nach nervigem
Diskutieren zieht er mit 200 Pfund f"ur uns beide davon. Wir lassen den
Tag ruhig
angehen, ruhen uns aus, flacken im warmen Sand und schießen Fotos von den
bizarren Kalkskulpturen, in denen eingebackene Muscheln zu erkennen sind.
Von einem Felsen aus ist das Auto der "Käseköppe" zu sehen,
die wir in Bahariya
kennengelernt haben. Gegen Mittag hören wir Motorengeräusche näherkommen
und wenig
später sägt eine BMW schlingernd durch den Sand an unserem Camp vorbei,
unfähig anzuhalten. Dann hat
er uns gefunden: Hans-Georg aus Marburg auf seiner wüstentauglichen BMW R
100
"Paris-Dakar". Er ist als Einzelkämpfer unterwegs auf total
abgewetzten Pirellis
(den gleichen wie wir!), das macht ihn sympathisch. Zum Mittagessen gibt es
das
erste selbstgebackene Glutbrot, das wir brüderlich teilen. Danach wird
aufgerödelt,
um ein Stück weiterzufahren und mehr von der Weißen Wüste zu sehen. Mit
all dem
Gepäck wieder auf dem Moped ist es ungleich schwerer im weichen Sand zu
fahren.
Uwe schmeißt es zweimal hintereinander und HG schafft es wegen seinen
Slicks
nur nach Anschieben, sich in Bewegung zu setzen.
Schließlich erreichen wir die
Hauptstraße und verlassen die Weiße Wüste Richtung Oase Farafra. Entlang
der
Strecke treffen wir auf einen Kontrollposten, der freundlich winkend sein
Faß
beiseite schiebt, als sollten wir gleich weiterfahren. Michel nimmt die
Einladung
an und fährt durch, ohne anzuhalten. Plötzlich reißt der Büttel seinen
Karabiner
von der Schulter und legt auf Michel an. Im gleichen Moment kommt Uwe neben
ihm
zum Stehen und kann den aufgebrachten Wachposten beruhigen. Nachdem das
Mißverständnis
geklärt ist und die Pässe kontrolliert sind, gibt es einen "pen"
zur Versöhnung.
In Farafra angekommen streiten wir mit dem Tankwart um die Farbe bzw. die
Oktanzahl
seines Benzins, essen einen Happen und fahren zur heißen Quelle außerhalb
der
Oase. Zum Sonnenuntergang lassen wir uns in die warmen Fluten gleiten und
schlagen
unsere Zelte außerhalb des Campingplatzes unweit der Quelle auf, was uns
den
Unmut des Campverwalters einbringt. Seine Warnungen vor Polizei und
gefährlichen
Terroristen können uns nur ein belustigtes Grinsen entlocken, da sein
Strohcamp
kaum sicherer ist als unsere Zeltwände. Ein kleines Lagerfeuer gegen die
Moskitos
und Tee gegen die kalte Nacht, die wie immer von vielen Wolken begleitet
wird, die aber
von der Morgensonne weggebrannt werden, bevor sie etwas Feuchtigkeit spenden
können. Hans-Georg hat sich fürs Nächste uns angeschlossen und wir sind
nicht
unglücklich darüber, nicht zuletzt wegen seiner erlesenen Zitronen- und
Apfeltees
und eines vorzüglichen Müslis.
- 50 km / 3907 km -Donnerstag
03.Dezember 1992 Unsere ganz private Düne
In der Früh nehmen wir ein warmes Bad (38°C), futtern Müsli und fahren
dann
nach Farafra zum zweiten Frühstück bei Hussein: Kochfleisch mit Salat,
Nudeln
und Bohnen und vorzüglicher kalter Karkade. Gegen Mittag verlassen wir die
Oase
mit 1 kg Mehl im Gepäck. Die Fahrt verläuft recht langweilig, bis uns nach
dem
Aufstieg auf eine Hochebene plötzlich eine Talsenke verschlingt, die die
Aussicht
über ein riesiges topfebenes Sandmeer freigibt. Wie aus dem Nichts
erscheinen
Luftspiegelungen und auch wieder mal ein Kontrollposten, der die Ausweise
studieren
will. Kurze Pause am angeschlossenen Resthouse, wo wir unter mißbilligenden
Blicken unsere eigenen Happen verzehren und weiter zum Nachtlagersuchen in
die
Dünen. Bevor die Sonne schon wieder verschwindet, speisen wir angebrannte
Sojapampe
mit Potakenfrits und leckerem Apfeltee. Wir lagern am Fuße einer 30 m hohen
Wanderdüne, die wir mit vollen Bäuchen mühevoll bezwingen, um aus
luftiger Höhe
den Sonnenuntergang über dem Sandmeer zu bewundern.
Mitten in der Nacht werden
wir von seltsamen Geräuschen geweckt: scharrende, tapsende und
schnüffelnde Geräusche,
die ihrer Lautstärke nach nur von einem großen Tier stammen können.
Todesmutig
stürzt Michel mit dem Bowiemesser bewaffnet aus dem Zelt, um sich dem
Untier anzunehmen
, doch dem Störenfried ist nicht beizukommen und auch die morgendliche
Spurensuche bleibt erfolglos.
- 121 km / 4028 km -Freitag
04.Dezember 1992 HGs Meistersturz und das Untier
Gegen 8 Uhr rappeln wir uns auf, besiegen den Schweinehund und trotzen der
Morgenkälte. Kaba und Kekse, Müsli und Datteln motivieren, bevor der
fettige
Abwasch angegangen wird. Heute ist Freitag, bei den Negern und auch bei uns,
d.h. die Mopeds bleiben heute kalt und wir machen uns auf der Düne einen
heißen Ruhetag. Knallen uns in die Sonne, lesen, dösen und braten.
Irgendwann
treibt uns der Hunger Nudeln Sojanaise in die Bäuche und danach gibt es die
schwer verdiente Siesta in der Mittagshitze. Wir erledigen gewisse
notwendige
Arbeiten, wie Ketten schmieren, Dreckkrusten entfernen und Ledersachen
froschfetten.
Irgendwann hat HG genug von unserer Schwärmerei vom Dünenfahren, steigt
auf seine
BMW und braust in die Dünen, um es selbst zu versuchen. Wir bleiben am Camp
und
vernehmen nach geraumer Zeit einen dumpfen Schlag, dem wir keine weitere
Bedeutung
zuschreiben. Hans-Georg bleibt eine verdächtig lange Zeit außer
Sichtweite, doch
nach bangen Minuten kommt er wieder zurück. Aus der Ferne scheint alles in
Ordnung,
doch am Lager angekommen zeigt sich die Bescherung: seine R 100 ist ziemlich
demoliert! Wortlos und wutschnaubend steigt er ab und läßt sich erst nach
gutem
Zureden die Wahrheit entlocken: mit 80 Sachen (!) ist er über den Sand
gebrochen,
ins Schlingern geraten und hat sich dann im Freiflug samt Tank und Sitzbank
von seiner sich überschlagenden Maschine verabschiedet. Nach der Landung im
weichen Sand
hat er die verstreuten Teile erst einsammeln und das Motorrad wieder
zusammenbasteln
müssen! Armaturen und Windschutz sind zerborsten, das Topcase und der
Inhalt
auf ein Drittel komprimiert. Angesichts seines ramponierten Mopeds und
seiner
getreuen Schilderung des Husarenrittes fällt es uns schwer, ernste Miene zu
bewahren und nicht in schallendes Gelächter auszubrechen.
Erst nachdem die Dunkelheit hereingebrochen ist, tritt der nächtliche
Störenfried
wieder auf die Bühne. Er ist mitten unter uns und doch nicht zu sehen. Er
gräbt
und buddelt, scharrt und kratzt und flitzt um unsere Beine herum: kein
reißendes
Untier, sondern nur eine süße kleine Wüstenmaus!Samstag
05.Dezember 1992 Durch flirrende Hitze zur Oase Dhakla
Mit der Sonne stehen wir auf. Es ist bitterkalt. Aufrödeln und Abschied von
unserer
Düne gegen 9 Uhr. Beim Fahren ist es noch recht frisch und die Landschaft
ist
nicht sehr aufregend. Ungefähr 120 km fahren wir unter der Abrißkante
einer
Hochebene entlang Richtung Dhakla, bis wir eine erste Pause einlegen. Im
Stand
prügelt die Sonne auf uns nieder und da eine Orange unsere letzte
Erfrischung ist,
halten wir uns nicht lange auf. Kurz darauf wird die Strecke schöner: wir
erreichen
das erste Grün und die erste Siedlung der Oasenkette, wo es bis auf warmes
Wasser
nichts zu ernten gibt. Die Route führt uns nun durch eine sehr
abwechslungsreiche
Wüstenlandschaft, vorbei an Resten eines Hochplateaus aus schwarzbraunem
Fels
inmitten des goldgelben Sandes. Im Westen sind am Horizont schon die
Ausläufer des großen Dünenmeeres
zu sehen. Nachdem uns wieder mal zwei "Fässerrutscher" den Weg
freigegeben
haben, erreichen wir El Qasr, ein Oasenörtchen mit sehenswertem alten
"Stadtkern"
aus brüchigen Lehmhochbauten. Wir tuckern durch die engen Gassen und
speisen zu
Mittag Chicken, Beans, Reis und Brot für nur 7 LE pro Nase. Die
Wasserreserven
werden mit Baraka wieder aufgefüllt. Anschließend kraxeln wir für ein
kleines Entgeld
die enge, frisch gekalkte Wendeltreppe des neuen Minaretts hoch, von dem es
einen
prima Panoramablick über das Kaff und die umgebende Landschaft gibt. Dann
führt
uns die Straße weiter durch grüne Pflanzungen, wo die Wüste in
fruchtbares
Ackerland verwandelt worden ist. Es ist beeindruckend, was ein bisschen
Wasser anrichten kann.
Eine richtige Allee geleitet uns nach Mut, wo wir tüchtig Obst und Gemüse
einsacken.
Am Ortseingang finden wir eine warme Quelle, an der wir mit Verlaub des
ansässigen
Bauern unser Quartier aufschlagen. Als Gegenleistung erhält er ein
VEB-Taschenmesser
von uns, worüber er sich über Gebühr freut. Als ihm dann aber auch
Michels Uhr
gefällt, machen wir dem unverschämten Kerl Beine. Während wir die Quelle
nutzen,
um Wäsche zu waschen, läßt HG im Dorf seinen gebrochenen Kofferträger
schweißen.
Natürlich wird auch gebadet! Ein Feuer wird entfacht und schon wieder ist
ein
Tag vollbracht. - 195 km / 4223 km -Sonntag
06.Dezember Über Dünenfelder nach El Kharga
Es ist Nikolaustag, doch in unseren Stiefeln ist nichts zu finden. Gut
ausgeschlafen - im
Heu, zwischen Mäusen und Ratten - können wir einen morgendlichen
Plünderungsversuch
vereiteln. Eine kleine Gestalt, die zwischen den Motorrädern herumstreicht,
verschwindet in den Feldern. Marmelade und Honig auf dem zweiten, nach
Beduinenmanier
selbstgebackenen Brot.
Weitere "Taschenmesserinteressenten" sprechen vergeblich
bei uns vor. Wir machen uns weiter mit El Kharga als Tagesziel. Der
Großteil der
Strecke ist öde Wüstenei, bis 20 km vor der Oase, wo wir Zeugen werden,
wie
eine große Familie von Wanderdünen die Straße überquert und dabei
rücksichtslos
Strom- und Telefonmasten verschlingt. Wo die Bulldozer den Kampf gegen die
Sandmassen aufgegeben haben, ist eine neue Straße einfach um die Düne
herumgeteert worden.
Wie vor (und nach) jeder Oase warten wieder ein paar Kontrollbüttel auf
uns:
Kennzeichen und Erlaubnis für das Moped überprüfen und weiter. Nach 190
km ist
Kharga erreicht. Es ist ein ziemlich neuer, reizloser Ort ohne den Charme
der
anderen Oasen. Endlich bekommen wir wieder 90er Benzin für unsere
Maschinen.
Wir selbst bunkern einen ganzen Gockel mit Potaken, Brot und Reis mit zwei
"Sport Cola" für umgerechnet peinliche DM 4,25. Da Bank und
Touristoffice
geschlossen sind, nutzen wir die Zeit und schauen uns die Ruinen des
Hibistempels
an, die noch recht deutlich von der künstlerischen Begabung der alten
Ägypter zeugen.
Ein freundlicher, alter Tempelknecht führt uns herum, lädt uns zu Shai und
Shisha ein
und zeigt uns einen Schlafplatz ein paar Schritte neben dem Tempel von Amun
Ris,
wo wir unsere Zelte aufschlagen können.
Weiße Reiher gibt es hier wie Sand auf der
Düne! Zu riesigen Scharen sammeln sie sich in den umliegenden Bäumen zum
Schlafen.
Laut Gerüchten gibt es hier eine Piste zum Nil, über die man die
Fundamentalistenhochburgen
Qena und Asiut umgehen kann. Nach dem Besuch der südlichsten Oase Baris
wollen
wir diesen Weg einschlagen. Der alte Tempelwächter gesellt sich zu unserem
abendlichen
Lagerfeuer dazu, trinkt Tee und Sahlab mit uns und läßt sich sein
geschwollenes
Knie behandeln. Etwas später dreht Hussein den Spieß um und lädt uns in
seine Hütte
zum Essen ein, das ein Junge aus dem Dorf bringt. Wir schlemmen Reis, die
grünen
Blätter eines Rettichgewächses, Datteln, Brot und saure Milch. Danach
macht seine
Wasserpfeife die Runde, bis wir drei zugedröhnt in einer Ecke dösen.
Spät
verabschieden wir uns taumelnd vom lachenden Hussein und hauen uns aufs Ohr.
Nur ab und zu zerreißt das asthmatische Röcheln eines Esels oder das
Heulen der
Hunde die idyllische Ruhe.
- 202 km / 4425 km -Montag
07.Dezember Der Kampf um das Tasrih
Die Tempeltölen wecken uns mit lautem Gebell zum Sonnenaufgang. Einer der
schlauen Hündchen tut sich an HGs Morgenexkrementen gütlich. Auf offenem
Feuer
rösten wir Brot und beobachten dabei, wie mehr und mehr Reiher den Tempel
bevölkern
und sich in der aufgehenden Sonne wärmen. Hussein kommt herüber ans Feuer,
läßt
sich das Knie salben und lädt zum Shai. Wir spachteln geröstet Brot mit
Marmelade,
das restliche Müsli und Kakao. Hussein gibt uns seine Adresse und
verabschiedet
sich, als die ersten Besucher eintreffen. Wir packen zusammen und
verschwinden
blitzartig, als sich ein Bus voll Österreicher (!) über den Tempel
erbricht und
die ersten Neugierigen schon auf uns zusteuern.
HG beginnt uns langsam aber sicher auf die Nerven zu gehen, allein durch
seine Anwesenheit und durch
seine idiotische Beharrlichkeit, die augenscheinlich unwissenden
Einheimischen
mit seinem schlechten Englisch zu peinigen. Jedesmal fruchtlos! Bis in den
Nachmittag
hinein irren wir durch Kharga wegen eines Tasrih für die Wüstenstrecke
Baris-Armant
und der auslaufenden Mopedversicherung. Es ist wiedermal zum Faxen kriegen.
Die
Neger hier haben alle zusammen noch einen IQ unter Normalnull. Keiner
kapiert,
alle quatschen und keiner weiß eigentlich, was wir wollen bzw.
offensichtlich
brauchen! Es ist zum Heulen. Schließlich bekommen wir eine Genehmigung für
die
Strecke, jedoch keine verlängerte Versicherung - Im Gegenteil: das wichtige
Versicherungsdokument für ein Motorrad ist einbehalten worden! Auf alle
Fälle
reichts uns. Ab nach Baris. Unterwegs wird wie immer freundlich gewunken und
mit
den verschiedensten Gesten darauf hingewiesen, daß unsere Scheinwerfer
brennen.
In Ägypten fährt man nämlich ohne Licht, auch Nachts! In Baris laufen uns
mal
wieder Scharen von Kindern hinterher. Hier gibt es weder Restaurant noch
Sprit oder
Lebensmittel - wir sind knapp vor dem Ende der Welt. Nach hungrigem
Umherirren im Dorf
werden wir vom Dorflehrer zum Essen in sein Haus eingeladen und mit
Rührei, Fetacheese, Datteln, Oliven, Tomaten und Brot verwöhnt. Wir
bedanken uns mit Raiffeisenluftballons und grellbunten Stoffviechern für
seine
Kinderschar, was den Hausherrn sichtlich freut. Auf der Suche nach einem Bir
setzt HG seine Kiste mit fachmännischer Präzision auf Grund, bevor wir
einen Schlafplatz
mitten in der Pampa (kein Bir weit und breit!) finden.
Nach intensiver Holzsuche mit magerer Ausbeute und entsprechendem
Lagerfeuerchen
legen wir uns ins gemachte Strohbettchen.
Michel hat heute einen Funkspruch nach Hause abgesetzt.
- 124 km / 4549 km -Dienstag
08.Dezember Das große Abenteuer
Nach einem göttlichen Schlaf im Strohbett rösten wir unser Brot am
Lagerfeuer
und gönnen uns Grießnockerln. Jetzt ist es sicher: HG verläßt uns! Wir
fahren
nach Baris zurück und besorgen einige Lebensmittel (1 kg Orangen 30 Pfg.; 1
kg
Tomaten und Paprika je 25 Pfg.; Brot 2,5 Pfg.), während HG seinen
gebrochenen
Kofferträger erneut schweißen läßt. Derweil werden wir noch zum Tee ins
"Rathaus"
eingeladen, wo wir von der gesamten Dorfprominenz empfangen werden. Wir
verabschieden
uns von HG, den netten "Parisern" und ihren hübschen Töchtern
und machen uns
auf die Piste Richtung Nil, vor der wir sowohl von Reisenden als auch von
Einheimischen
eindringlich gewarnt worden sind. Papperlapap: es sollte noch viel schlimmer
kommen! Falls wir auf der Strecke bleiben, sind dies unsere letzten Zeilen:
Sendemast am Ortseingang von Baris bis Abzweig Luxor 14 km; nach 5 km
Militärkontrolle, die das nötige Tasrih einbehält und uns ziehen läßt;
grober
Asphalt; Stufenweise erklimmt die Straße das Plateau, hinter jeder Kuppe
befürchten wir das Ende des Asphalts. Sandverwehungen bremsen die Fahrt.
Nach 56 km
ein Arbeiterlager. Kilometer 62, die Plateauhöhe ist erreicht
(Schrottplatz); km 105
trabbiblaue Lehmhäuschen; km 137, Ende der Teerstraße! Wir verlassen den
Asphalt
und beginnen das Abenteuer, vor dem man uns gewarnt hat. Wir
"rasen" mit 30 km/h,
dann schneller neben der ausgemergelten Piste her. Der Boden flimmert vor
Hitze,
sodaß aus dem "Riesensee" am Horizont oft nur die Gipfel der
nächsten Hügel
zu erkennen sind. Gleich anfangs reicht Uwe beim Nehmen von Unebenheiten dem
Boden zweimal
das Wasser, das erst nach heftigem Festzurren zum Mitfahren bewegt werden
kann.
Michel buddelt sein Moped bis aufs Blech ein: Spaten raus und Graben, aber
das
können wir ja schon!
Mit frisch panierter Kette gehts weiter bis halb vier Uhr.
Ein größerer Sandhügel, mit vielen trockenen Dornbüschen, Tonscherben
und Kamelskelett
ist unser Schlafplatz. Wir backen unser drittes Brot, essen Thunfisch dazu
und
genießen dabei den Sonnenuntergang. Aus dem Sandhügel wird eine Bettstatt
getrampelt
und eine Feuerstelle gebaut. Der aus Steinen gebaute Grill, der sich schon
in
Schweden bewährt hat, funktioniert auch in der Wüste gut. Die Sonne ist
noch nicht ganz weg, doch der Mond
leuchtet - fast wieder voll - schon so stark, daß diese Zeilen in seinem
Licht
entstehen.
- 149 km / 4698 km -Mittwoch
09.Dezember Der längste und beinahe "jüngste" Tag
Die Nacht in der Wüste ist schweinekalt und so sind wir um halb sieben Uhr
schon
auf den Beinen, um die Sonne freudig zu begrüßen und uns an der
wiederentfachten
Glut aufzuwärmen. Kakao und geröstetes Brot mit Fetacheese zum
Frühstück. Gegen
9 Uhr geht es dann weiter ins "middle of nowhere", wie der
seelige HG zu sagen pflegte.
Ein wenig abseits folgen wir der gut markierten Piste (Pfosten, Fässer,
Steinmännchen)
auf dem Hochplateau, wobei viel grobes Geröll, große, scharfe Steine und
ausgetrocknete
Rinnsale das Fahren sehr erschweren. Das Gepäck rüttelt sich durch die
ständigen
Erschütterungen immer wieder los und will regelmäßig festgezurrt werden.
Im
Abstand von 50 Metern wird Michel zweimal kurz hintereinander das Opfer des
tückischen
Tiefsandes, der ihn vom Motorrad schmeißt und ihm einen verstauchten, dick
anschwellenden
Knöchel beschert. Nach diesem anstrengenden "Herumeiern" sind
wir dem Faxen
nahe und legen schweißtriefend eine Erholungspause ein. Anschließend
treffen wir
auf das erste und letzte Fahrzeug auf dieser Strecke: ein Allrad-Unimog
von Ibis-Tours, der auf einem Wüstenausflug in die entgegengesetzte
Richtung
unterwegs ist. Man erzählt uns, daß nur noch vier Dünen vor uns liegen,
die leicht
zu befahren sind und daß in 10 km Entfernung die Piste wieder asphaltiert
ist.
Erleichtert machen wir uns weiter, bis bei km 190 das Wadi zusehends enger
wird.
Große Felder aus perfekt zerfurchtem Weichsand liegen plötzlich vor uns
und
teilweise vereiteln steile, unpassierbare Felsen am Rand ein
Ausweichmanöver.
Wenige feste Stellen und unzählige tiefe Spurrillen machen das Fahren fast
unmöglich und wir müssen unsere treuen Mopeds meanderförmig
drüberprügeln.
Das Fahren gleicht jetzt mehr dem Reiten auf einer wilden Kuh. Wir müssen
höllisch
aufpassen, nicht in eine der unzähligen Spuren zu geraten, was unweigerlich
einen Abwurf zur Folge hat. So quälen wir unsere Mopeds kreuz und quer
über die
Piste, stets bis zur nächsten kleinen Geröllfläche, deren Untergrund fest
genug
ist, um uns für eine kurze Verschnaufpause zu tragen. Anhalten,
ausschnaufen,
Luft im Vorderreifen ablassen und den günstigsten Trail zur nächsten
"Plattform"
erspähen, dann wieder mit Vollgas hinein in den Sand, um nicht zu
versinken.
Zu unserem Horror werden die Sandfelder immer ausgedehnter und immer
zerfurchter.
Einmal legt sich Uwe mit seiner Maschine vor Michel in den Sand, doch der
muß
vorbeifahren und kann erst weit entfernt auf festem Grund anhalten. Uwes
Bein
ist verdreht unter dem Motorrad eingeklemmt und so plärrt er nach seinem
Freund,
der allein ihn aus der schmerzlichen Lage befreien kann. Bei km 195 taucht
die
Erste von vier Dünen im engen Wadi vor uns auf. Mit viel Schwung geht es
den Sandberg
hoch, wobei keiner weiß, was uns dahinter erwartet. Was wohl! Natürlich
tiefer, zerfurchter Sand! Das Rodeo beginnt von Neuem und für uns stellen
sich
jetzt die eindringlichen Warnungen der Leute vor dieser Strecke als völlig
untertrieben heraus. Die von Autos gefürchteten Dünen sind für uns alle
problemlos zu überqueren und so nehmen wir Numero 2 und 3 ganz souverän.
Irgendwann
bei diesem Höllenritt hat Uwe den 5 l Wasserkanister unbemerkt verloren,
doch
ein Zurück kommt für uns nicht in Frage. Auf der Abfahrt von der dritten
Düne
legt sich Uwe ein weiteres mal in den Dreck, kommt aber nach Abladen,
Schieben
und Wiederaufladen selbstständig wieder in Fahrt. Unsere Maschinen müssen
mehrmals
hohe Sandwälle durchstoßen und dabei großen Felsbrocken ausweichen. Oft
schlägt
das Bodenblech auf, die Maschinen krachen und ächzen. Das Material wird auf
das
Höchste beansprucht, genau wie Kraft und Ausdauer der Fahrer. Kurz nach der
letzten
Düne kommt die Erlösung in Sicht: ein schwarzer streifen Asphalt!
Bei km 201 erreichen wir endlich die "Straße", die zu beiden
Seiten von hohen
Sandwällen gesäumt ist. Mit voller Wucht schießt Michel über die erste
Sandbarriere
und den Asphalt und bleibt im gegenüberliegenden Hügel stecken.
"Asphalt" ist
maálos übertrieben: es ist weicher, ebener Dreck, der erst noch gewalzt
werden muß.
Uwes Kiste nimmt noch eine Bodenprobe vom weichen, schwarzen Untergrund, als
der
Seitenständer versinkt. Doch das Wichtigste: Wir haben es
überstanden! Durch
den verminderten Luftdruck hat sich der Vorderreifen der Transalp ein Stück
von der Felge
geschält, doch mit ein wenig Motoröl und Einsatz der Luftpumpe rutscht der
Reifen wieder
dahin, wo er hingehört. Nachdem wir all unsere Pneus wieder auf normalen
Druck gebracht
haben, gönnen wir uns eine Pause und ziehen die durchnäßten T-Shirts zum
Trocknen aus.
Zur Brotzeit vernichten wir die vom Höllenritt zermatschten Tomaten, Feta
und
das letzte Fladenbrot. Zu unserer Erleichterung setzt sich die Asphaltpiste
fort, bis bei km 230 am Horizont das erste Grün des Niltals auftaucht. Das
gelobte Land! Das Wadi wird jetzt breiter und öffnet sich schließlich
ganz.
Die 40 km neuer Asphalt sind ein unerwartetes Geschenk Allahs, ohne das wir
heute wohl kaum mehr in Luxor bzw. am Nil angekommen wären. Freundlich
winken
die Agrarneger von ihren Feldern und wir vom Motorrad zurück. Die
Nebenstraße,
die wir gerade "ins Leben zurück" fahren, scheint den hiesigen
Anwohnern
als Müllhalde zu dienen - dem entsprechend sieht es aus! Jetzt holt uns
vieles wieder ein:
die Huperei, die Nepper und Schlepper und all die unerfreulichen
Begleiterscheinungen des
Massentourismus`. Nahe der Hauptstraße verschlingen wir an einem Imbiss
einen
halben Gummiadler mit sämtlichen Beilagen. In Luxor bzw. Theben West
angekommen,
schlagen wir die Straße zum Tal der Könige ein und finden nach kurzem
Suchen
eine mäßige Unterkunft für 30 LE. Nach Kettenfetten und einer Dusche
haben wir
ein Sahlab verdient, das wir uns auf dem Zimmer zubereiten. Erschöpft
sinken
wir in die Federn, doch wenig später schrecken wir auf, als von außen
unsere
Tür zugesperrt wird. Trotz sofortigem und massivem Protest wird nicht
wieder
geöffnet! Wir müssen natürlich das Schlimmste für unsere Mopeds
befürchten, da sie nur
durch eine Kette gesichert im Freien stehen. Kurzentschlossen zücken wir
unsere
Montiereisen und setzen sie - wenn auch zweckentfremdet - das erste mal
ernsthaft ein.
Sie funktionieren gut und im Nu ist das Schloß aus Tür und Angel
rausgesprengt.
Ein Blick über den Balkon versichert uns aber der Unversehrtheit unserer
besten
Stücke und wenig später stellt sich heraus, daß das Ganze ein Scherz oder
ein Mißverständnis
gewesen sein muß. Auf jeden Fall haben wir noch nie so große Augen
gesehen,
wie die des Hotelmanagers, als er die Bescherung entdeckt hat!
- 96 km / 4794 km -Donnerstag
10.Dezember Auf Kultur-Tortour in Luxor
Nach dem Frühstück bekommen wir ein neues Schloß montiert, zu dem wir 10
LE
als Entschuldigung besteuern. In Jeans und ohne Helm machen wir uns auf den
Kulturtrip. Im Tal der Könige gilt es die Gräber von vielen alten
Pharaonen
zu entdecken. Wir betreten die Gruften von Tut Anch Amun, Haremhab,
Amenophis II
und Ramses IX. Danach erklimmen wir den Berg, der das Tal der Könige vom
Niltal
trennt und genießen den herrlichen Ausblick auf den schmalen Grünstreifen
und
auf den unter uns liegenden Tempel von Hatschepsut. Ununterbrochen schwirren
Souvenirbroker um uns herum, wie unsere lieben Chitinkumpels, und versuchen
etwas
loszuwerden von ihrem Krempel. Michel kann nach hartnäckigem Ablehnen und
Ignorieren
eine auf 100 LE angesetzte steinerne Pharaonenrübe für 5 LE erfeilschen!
Auf dem Rückweg
schießen wir ein Alibifoto vom Ramesseum, kaufen ein und lunchen Spaghetti,
Omelette und reichlich Brot bei einer Kissenmanufaktur. Nachmittags besuchen
wir Deir el Bahri, wie der Tempel der Hatschepsut richtig heißt. Alle
Sehenswürdigkeiten
hier in Luxor sind sehr nahe beeinander und an zwei Tagen leicht
abzuklappern.
Die Sonne prügelt dabei munter auf all uns Touristen herunter. In Deir el
Medina gibt es die verfallene Siedlung der Erbauer der Königsgräber und
ihre
eigenen Gruften zu sehen. In der ersten Grabkammer werden wir trotz
Photographierverbot
angehalten, eifrig zu blitzen - natürlich gegen Bakschisch. Auch die
berühmten Memnonkolosse werden auf den Film gebannt. In einer der vielen
Alabasterfabriken lassen wir uns auf einen Besuch ein und feilschen zum
Spaß
eine Alabasterbüste von 150 auf 30 LE herunter, nur der Gaudi halber.
Der Esel ist hier am Nil noch das Hauptverkehrsmittel,
obwohl ihm die japanischen Pickups diese Rolle langsam streitig machen.
Diese
Autos werden turmhoch überladen und tragen manchmal einen kompletten
Hausrat
auf der Ladefläche. Die Kinder sind stets um uns und betteln nach
Kugelschreibern,
Feuerzeugen, Bakschisch und allem, was sie sehen und irgendwie beschreiben
können.
Vom Hotelbalkon aus genießen wir den Sonnenuntergang über dem benachbarten
Tempel von Medinet Habu. Abends lassen wir uns Kartoffelpü mit Gemüsesoße
und
Bananenmilchreis schmecken.
Die Stechmücken pesten uns die ganze Nacht hindurch und halten uns mit
ihrem
ausdauernden Gesurre wach. Erst nach einem blutigen Waterloo mit hohen
Verlusten
unter den Blutsaugern können wir den verdienten Schlaf finden.
- 22 km / 4816 km -
Freitag 11.Dezember
Von Luxor aus am Nil entlang nach Süden
Mit den Hühnern stehen wir auf und strecken das magere Frühstück mit
Bananen
und Marmelade. Danach fahren wir an das Nilufer, um mit einer motorisierten
Schwimmplattform (LE 1,50) überzusetzen. Ein paar übereifrige
Putznegerlein
können wir nur mit Mühe davon abhalten, mit staubtrockenen Lumpen den
wertvollen
Dreck von unseren Bikes abzuscheuern. Die Fähre pendelt zwischen Theben
West und Luxor und
bringt alles über die Bilharziosebrühe, was sich bewegen kann. Die
Überfahrt dauert 5 Minuten.
Über dem ganzen Niltal hält sich hartnäckig ein grauer Dunstschleier. Der
Karnak-Tempel ist
wegen seiner Säulenhalle (James Bond) sehenswert und so schließen
wir uns einer deutschen Reisegruppe mit Führung an. Man sieht hohe
Pylone, Reliefs, einen Fruchtbarkeitsgott mit prächtigem Gemächt, einen
300-Tonnen-Obelisk
und einen heiligen Pool. Eine Horde Italiener bittet Uwe, ein Gruppenfoto zu
schießen
und so tut er es halt, selbstverständlich nach alter Schwedenmanier: es
wird ein
Portrait ohne Köpfe! Gegen 11 Uhr seilen wir uns ab, essen etwas
und trinken einen Bananenshake in Luxor Stadt. Die Suche nach 90-Oktan-Sprit
bleibt
erfolglos und so brechen wir in Richtung Assuan auf, nachdem wir das Hotel
geräumt haben.
Zum Mopedfahren braucht man hier drei Hände, von denen eine ständig den
Leuten winkt.
Längs der Straße wird Getreide gedroschen und windgesichtet.
Eselsgefährte mit
Zuckerrohr beladen, Tomatenlaster und Hochtransporte aller Art. In einem
Dorf kaufen
wir Marmelade und Eier und sind sofort von einer Schar neugieriger Kinder
umringt.
Sie begaffen und betatschen uns, als kämen wir vom Mond. Irgendwo
hinter einem namenlosen Kaff lassen wir uns an der Straße nieder. Man
begutachtet
uns aus sicherer Entfernung, während wir orientalisch gewürztes Chili
mit knusprigen Bohnen und unseren ersten Shai (Tee) zubereiten. Gegen 22 Uhr
reißen uns etliche dunkle Gestalten aus dem ersten Tiefschlaf. Es ist ein
Polizist
unter ihnen, im landesüblichen Mehlsack und mit mittelalterlichem, mit
Schnitzereien
verziertem altem Karabiner. Sie warnen uns vor dem bösen Mann und bestehen
darauf,
daß wir in ein Hotel fahren. Hier sei es dangerous! Sie hocken um uns herum
und machen
keine Anstalten, ihr Vorhaben aufzugeben. So müssen wir im Mondschatten
aufrödeln und weiterfahren.
Nach kurzer Pause in einer Truckerkneipe legen wir uns etwas weiter in eine
Bananenplantage
und genießen die Nachtruhe: donnernde Züge, LKWs und in aller
herrgottsfrühe der liebe
Muezzin!
- 86 km / 4902 km -
Samstag 12.Dezember
Der Horustempel von Edfu und Assuan
Keine Schlangen, keine Spinnen, aber massig Bananen, mit denen wir einen
Packsack füllen.
Michel hat versäumt seinen Körper abzuriegeln und einige Moskitotreffer
abbekommen.
Kurz vor Edfu machen wir Frühstück mit Karkade. In Edfu sehen wir uns den
besterhaltenen Tempel
von Ägypten an, der mit seinen tiefeingeritzten Reliefs sehr schön
anzusehen ist. In El Alaq besuchen wir den Markt und ziehen bald einen
Rattenschwanz
von Kindern hinter uns her. Es gibt Gewürze, Getreide, Obst, Gemüse,
Geflügel,
Vierbeiner und viele uns unbekannte Sachen. Auf der Straße begegnen uns
immer mehr Pickups mit
bis zu 5 Kamelen oder Rindern auf der Ladefläche. Kom Ombo lassen wir links
liegen und erreichen Assuan gegen 13 Uhr. Eine Affenhitze im Winter! Wir
wohnen im Youth Hostel,
nachdem wir uns Pizza und Spaghetti eingeschoben haben. Eine warme Dusche!
Doch dieser Luxus läßt uns kalt. Es gibt uns nichts, sondern nimmt uns nur
die
schützende Dreckschicht. Die Mopeds haben wir abgeladen und sogar in den
Hostelräumen
abstellen dürfen. Die initiale Ordnung in unserem 2-Bett-Zimmer weicht sehr
bald wieder
dem gewohnten Erscheinungsbild. Ein Einheimischer namens Ihab hat sich
bereiterklärt,
uns Assuan zu zeigen: freundlich und unaufdringlich, was er bis zum Abschied
bleibt.
Wir schlendern über den Markt, trinken Tamarindhi und flanieren auf der
Corniche
am Nil entlang. Dabei sehen wir uns einige Feluken an und holen erste
Angebote
für einen Trip nach Edfu ein. Sie variieren von LE 25 bis LE 65. Beim
Teetrinken
versucht sich Michel gegen einen Einheimischen in Domino und Backgammon. Wir
schlendern weiter
zum ASSUAN MOON, schlabbern Eis und treffen einen Schwarzen, bei dem wir die
morgige Reise zum Tempel von Abu Simbel buchen.
- 134 km / 5036 km -Sonntag
13.Dezember Das Wunder von Abu Simbel
Aufstehen um 3.30 Uhr, damit wir den Tempel von Abu Simbel im Sonnenaufgang
sehen können, wenn er am Besten von
der Sonne ausgeleuchtet wird. Die Moskitos müssen jetzt ohne uns auskommen.
Um 4 Uhr früh gehts los in einem Kleinbus mit insgesamt 11 Mann. Mehr und
mehr Taxis, beladen mit Touristen, überholen uns und so zieht ein Troß Scheinwerfer
Richtung Sudangrenze. Der versprochene Sonnenaufgang vollzieht sich
allerdings nicht in Abu Simbel, sondern schon auf halbem Wege in der Wüste. Alles pennt oder döst,
sogar der Fahrer!
So schleichen wir dahin und kommen erst nach dreieinhalbstündiger Fahrt an,
nachdem
etliche "Fässerrutscher" in Uniform den Weg freigegeben haben.
Zwei Stunden haben wir
Zeit zum Besichtigen. Der Eintritt kostet uns Studenten 12 LE. Dafür lohnt
sich allein der Anblick
der riesigen Statuen am Tempeleingang. Viermal Ramses II., von der Krönung
mit 31 Jahren
bis zum Sterbealter von 99 Jahren. 68 Jahre Regentschaft brachte er zusammen
und
vereinte zum ersten Mal Ober- mit Unterägypten und machte sich hier selbst
zum
Gott, in sicherer Entfernung von Luxor, der Götterhauptstadt. Der große
Tempel
ist sein eigener und der kleinere daneben für seine Lieblingsfrau
Nefertari.
Beide ließ er aus dem Fels hauen. Durch die Versetzung des Tempels vor den
Fluten des Nasser-Stausees
hat sich die Zeit der Ausleuchtung im tiefen Allerheiligsten um einen Tag
verschoben.
Zu Ramses Geburtstag und zu seinem Krönungstag, d.h. zweimal im Jahr,
scheint die Sonne auf
vier Götterfiguren, wovon eine ihn selbst darstellt. Während der Führung
werden die Reliefs
interpretiert, gegen 10 Uhr ist die Besichtigung zu Ende und wir machen uns
auf die Rückfahrt. Mit Peanuts
gefüllte Datteln verkürzen die Schleichfahrt. Mitten im Erg treffen wir
auf eine
Herde Kamele, die aus dem Sudan auf den Markt nach Daraw getrieben werden.
Die inclusive Besichtigung des neuen
Assuan-Staudamms für LE 2 kann man sich getrost sparen, weil nichts
besonderes
zu sehen ist. Um 14 Uhr sind wir wieder in Assuan und ganz schön geschafft!
Der
unsympathische Nubier namens Omar, bei dem wir diese Fahrt gebucht haben,
erscheint
kurz darauf, um die restlichen 25 LE abzufischen. Wir ziehen wieder durch
die
Stadt, kaufen Stamps, lassen uns von Felukabrokern pesten und schlagen uns
mit
Leberhäppchen die Wampe voll. Prall gefüllt besuchen wir das Tourist
Office und führen mit dem Manager
ein interessantes Gespräch über Ägypten und Deutschland. Morgen will er
uns zu einer
neuen Motorradversicherung verhelfen. Abends treffen wir wieder Ihab und
fahren mit dem Moped
zu seinem Freund, der einen kleinen Laden mit grausigen Musikcassetten
betreibt.
Schlechtes Sahlab und schiache Musik treiben uns zu Ihab nach Hause, wo wir
bei Karkade und Datteln seinen Brüdern vorgestellt werden. Dann gehts zum
Nachbarn
Magdi, dem Musikladenbesitzer und Uhrenterminator. Bei Magdi herrscht
Hochbetrieb,
viel Besuch und dann kommen wir auch noch dazu. Doch überall strahlt uns
Herzlichkeit entgegen.
So dürfen wir mal wieder Tee trinken, über Religion, Gott und die
Welt und die Reiseroute diskutieren. Trotz des sehr interessanten Gesprächs
macht sich das frühe
Aufstehen bemerkbar und wir fahren bald zurück ins Hotel.
- 12 km / 5048 km -Montag 14.Dezember
Der Kampf um neue Papiere ist
erfolglos.
- 12 km / 5060 km -Dienstag
15.Dezember Der Feluka-Trip auf der Maradona
Da wir um 8 Uhr ein Date mit Carla, Marcello und Captain Ibrahim haben,
müssen wir
die kurze Nacht schon sehr bald beenden. Trotz Sturmgenerator an der Decke
(Ventilator)
sind wir wieder die ganze Nacht von Moskitos gepeinigt worden. Nachdem wir
eine
Stunde auf den Captain haben warten müssen, schütteln wir ihn auf seiner
Feluka wach.
Die Verhandlungen über den Fahrpreis entflammen von Neuem. Wir bleiben
hartnäckig und so gehen wir nach dem Kufta-Breakfast zum Gemüsehändler.
Beim
Lebensmitteleinkauf für unseren Trip wird ein weiterer vergeblicher
Löffelversuch unternommen.
Das Gemüse soll statt LE 22 fast das Doppelte kosten! Wir fahren mit dem
Eselskarren
durch die Stadt zur Feluka und proviantieren. Die Kids vom Eselskarren sind
schon richtig harte Geschäftsmänner und kassieren 2 Pfund. Wir stechen in
den Nil.
Die "Maradona" muß gegen den Wind kreuzend Wasser gewinnen,
doch wir legen bereits nach
500 Metern wieder an. Nicht der widrigen Verhältnisse wegen, sondern wegen
neuer
Geldforderungen des Captain Ibrahim. Trotz prallem Gäste-Referenzbuch und
hochheiligen
Treueschwüren kann er uns erstmal nur die Hälfte des Fahrpreises
abpressen. Den Rest
soll er erst am Schluß bekommen. Ibrahim muß anschließend in die
Bilharziosefluten steigen,
um den Kahn mit Tau im Maul wieder flott zu machen. Das Gebiß des jungen
Steuermannes hätte
das nicht mehr mitgemacht. Der Wind bläst kalt und schiebt Wolken vor die
Sonne.
Nach und nach entfernen wir uns doch von Assuan und versägen dabei eine
Feluke nach der Anderen.
Ibrahim kocht Feta-Cheese, Tomaten und Gurken zum Diner. Trotz der Sonne
bläst der
Wind so kräftig und frisch, daß wir uns bald alle in die Schlafsäcke
verkriechen.
Wir genießen die malerische Flußlandschaft und den Anblick von Carla mit
ihren
Bilderbuchmöpsen. Wenn "Bigfoot" nicht wäre,..., Sacklzement!
Wir segeln und segeln
und bald melden beide Pförtner, daß etwas ansteht. Doch wir müssen
aushalten,
bis wir nach Sonnenuntergang endlich anlegen. Im Dunkeln essen wir Makkaroni
mit
Gemüsesoße, die Ibrahim zubereitet hat, quatschen in die Nacht hinein und
legen
uns irgendwann auf dem Boot nieder. Den Anker geworfen, dümpeln wir kurz
vor Kom Ombo
auf dem Nil und verbringen die Nacht unter dem Baldachin, der Abends über
uns gespannt worden ist.
Ab und zu ist noch ein "nubian telefone" zu hören, dessen
Blöken kurz die Nachtruhe zerreißt.Mittwoch
16.Dezember Impressionen vom Leben am Nil
Kurz vor Sonnenaufgang nutzen wir die Dunkelheit und schlagen unser
Nachtwasser
von Bord ab in den Nil. Dann rudern uns die Segelneger das kurze Stück
zum Tempel von Kom Ombo, wo wir auf etliche weitere Feluken und
Ausflugsschiffe
treffen. Mit nüchternem Magen gehen wir zum Tempel, haben aber keine Lust
reinzugehen,
weil es ganze 2 Pfund kosten soll und er von außen schon recht gewöhnlich
aussieht.
Trotz Verbote dreier Tempelneger erklimmen wir den Hügel, an dem der Tempel
liegt
und schießen von oben ein Alibifoto. Wie an jedem Kulturdenkmal bieten auch
hier
wieder zahlreiche Nepper ihren Plunder an, Skulpturen, die teilweise echt
den Grauslichkeitspreis
verdient hätten. Da lockt doch eher das Frühstück auf der Feluka. Brot,
Feta, Tomaten,
Jam und Shai. In der Früh ist es nahezu windstill und wir treiben nur mit
der Strömung, doch
gegen Mittag frischt es wieder auf und es geht schneller voran. Carla
fasziniert
wieder mit ihrem reizvollen Profil und geizt nicht mit anregenden Posen,
ungewollt versteht sich. Nach Kom Ombo erreicht die Wüste den Nil bis auf
einen schmalen Grünsteifen von wenigen Metern, wodurch sich wunderbare
Kontraste
bieten: tiefblaues Wasser, sattgrüne Ufer und goldgelbe Sanddünen. Ab und
zu
stehen Kingfisher im Wind und stoßen aus geraumer Höhe auf einen Fisch
herab.
Zum Mittagessen gibt es Reis mit Gemüsesoße und abends das Gleiche mit
Makkaroni.
Wir fahren und fahren. Stromabwärts, ständig im Zickzack gegen den Wind
kreuzend.
Ein kurzer Stop an einer der tausend grünen Nilinseln, damit wir unserer
Verdauung
Platz schaffen können und weiter gehts. Je später der Nachmittag, desto
kälter der
Wind und die Schlafsäcke drängen sich wieder auf. Touri-Felukas sehen wir
jetzt
kaum noch, wohl auch eine Auswirkung des Touristenausbleibens durch die
Unruhen
um Assiut und Qena. Ein paar tiefliegende Frachtfeluken, schwer beladen mit
Steinen,
fallen auf. So fläzen und dösen wir in den Sonnenuntergang, genießen ihn
kurz
und pennen weiter in die Nacht hinein. Ibrahim will noch bis Edfu segeln und
Mohammed am Steuer grinst dabei mit seinem fauligen Gebiß in den Wind,
dessen Kälte
ihm nichts auszumachen scheint. Uns friert fast die Nase ab und er sitzt
wie ein gefühlloser Android seelenruhig da und bedient das Ruder. Ein paar
mal müssen wir vor Dampfern
fliehen, die uns mit ihren Suchscheinwerfern aus der Fahrlinie schubsen. Es
ist eine
sternenklare Nacht und wir segeln, bis uns sogar das Beobachten der Sterne
nicht mehr wachhält.Donnerstag
17.Dezember Edfu und eine abenteuerliche Rückfahrt im Bus
Irgendwann die Nacht müssen wir angelegt haben, wir haben es nicht bemerkt.
Gegen 4 Uhr reißen uns sämtliche Muezzins des Niltals mit
steinerweichendem
Geplärre aus dem Schlaf. Das jämmerliche Geschrei treibt uns fast zum
Freitod
im Nil. Eine gute Zeit später kommt endlich die Sonne. Wir frühstücken,
packen
zusammen und zahlen Ibrahim aus. 10 LE Trinkgeld und das viele Gemüse, das
er
einbehält, sind genug. Unseren Pfeffer muß er auch abgefüllt haben, der
Schlawiner. Auf
alle Fälle ist unsere ganze Urlaubsration in den zwei Tagen verschwunden.
Wir
verabschieden Marcello und Carla am Horustempel, schauen noch ein paar viel
zu teure
Skulpturen an und besteigen gegen halb zehn den Bus zurück nach Assuan.
Dieser ist
proppenvoll und wir passen gerade noch zur Tür rein. Im Stehen zieht
nochmal
das Niltal an uns vorüber und dazu zahlreiche, recht erdige Düfte von
unseren
Mitreisenden. Ein zusteigender Opa prüft mit seinem Gepäck Michels Fuß
auf Quetschfestigkeit.
Nach 2 Stunden erreichen wir Assuan und eilen schnurstracks zum Kufta, das
schon
wartet, von uns verschlungen zu werden. Karkade mit Blick auf zwei
ausnehmend hübsche
Ägypterinnen. Anschließend lassen wir uns vom Händler eine handvoll
Karkade
zur Qualitätsprüfung geben. Der erste selbstgebrühte Karkade ist
ausgezeichnet und wir wollen
4 kg davon kaufen. Mit Datteln und Erdnüssen befriedigen wir erstmal unsere
Freßsucht. Wir flanieren an der Corniche entlang, schlabbern im Hostel
selbstgemachten
Mint-Shai und vergessen natürlich nicht unser Date mit Kufta, dem
Fleischspieß. Beim abendlichen Marktbummel ergattert Uwe eine
Pharaonenrübe
mit Sprung für 13 Pauend. Danach führt Michel mit musikalischer Begeitung
und mit Schellen bewaffnet einen
Bauchtanz vor, bis die Schwarte kracht. Bei Ventilator-Windstärke 5 legen
wir uns im Hostel in den mittlerweile übelriechenden Schlafsack.Freitag
18.Dezember Abschied vom Niltal und ab in die Wüste
Seit 7 Uhr sind wir auf den Beinen, um aufzurödeln und die Herberge zu
bezahlen,
wobei mal wieder keiner zuständig ist. Auf dem Weg nach Daraw werden wir
von
freundlichen Kindern angewunken und mit Zuckerrohr beworfen. Der angeblich
nicht
stattfindende Kamelmarkt beeindruckt uns sehr. Mohammed führt uns herum und
erklärt uns Wissenswertes über die Anreise auf alten Karawanenpfaden vom
Sudan,
Quarantäne und Verkaufspreise, die von tausend Pfund für ein Schlachtkamel
bis zu einer halben Million
Pfund für ein Rennkamel variieren können. Unsere Mopeds hätten jeweils 50
Kamele eingebracht, bloß
was tun mit einer Herde Kamele? Es geht weiter nach Kom Ombo und Edfu. Das
Zuckerrohr
fliegt heute verdammt tief! Ein Pickup mit total verzogenem Rahmen, der nur
noch auf drei
Rädern fährt und LKWs, die mit 80 Sachen
durch die Ortschaften brechen, bringen etwas Abwechslung in den sonst nur
lebensgefährlichen Verkehr. Wir machen Mittagspause in Edfu, wo der
Schlawiner
von Kellner 10 Pauend für das lumpige Essen will (Eier, Brot und Tomaten),
doch
er läßt sich händeringend und grinsend auf 7 Pauend runterhandeln. Sie
versuchen
eben zu raffen was geht, wenn sie einen Touristen erblicken. Von Edfu aus
verlassen
wir gegen Mittag das Niltal Richtung Osten. Schnurstracks führt die Straße
vom lauten Treiben ins "Middle of Nowhere". Nach ein paar
Kilometern sind die
Felder zu Ende und wir fahren durch ein Wadi in die Wüste, in dem nur noch
vereinzelt Akazien und vertrocknete Büsche stehen. Sofort fühlen wir uns
wieder
heimisch und genießen die Einsamkeit. Ein Militärposten, der wie immer ein
Faß beiseite
rollt und uns ohne Kontrolle freundlich passieren läßt, ein paar Neger,
die
auf bessere Zeiten warten und sonst nichts. Eine Stunde vor Sonnenuntergang
finden wir einen Rastplatz am Rand des Wadis hinter einem Felsen, 50 Meter
von der Straße
entfernt, auf der nette LKW-Fahrer laut hupend vorbeidonnern. Ein schöner
Schäfchenwolken-Sonnenuntergang will genoßen werden. Heute Abend gibt es
Nudeln
Napoli mit Mint-Shai. Am Lagerfeuer begrüßen uns wieder alte Bekannte: die
gemeine Wüstenpestfliege, die Gott sei Dank bald schlafen geht, die
silberne
Raubritterameise, die Riesenameise Größe XXL und die Suizidmotte, die es
sich nicht nehmen
läßt, ins Feuer Sturz zu fliegen. Der Versuch, die dürren Wüstenbüsche
in brennende Dornbüsche
zu verwandeln, mißlingt, dafür ist unser Lagerfeuer mal wieder ein echter
Genuß.
Natürlich fehlt auch der unschlagbare Sternenhimmel nicht, der den
ausdauernden
Beobachter mit reichlich Sternschnuppen belohnt.
- 185 km / 5245 km -Samstag
19.Dezember Durch die Wüste ans Rote Meer
Wir warten, bis die wärmende Sonne lacht. Stehen auf, essen Thunfischsalat
mit
geröstetem Brot und Jam und trinken vor dem Aufbruch ein Sahlab. Gegen zehn
Uhr brechen
wir auf und buddeln uns schweißausstoßend aus dem tückisch weichen
Gelände auf die Straße.
Das Wadi wird enger und "wildromantisch", kurvenreich mit Split
auf der Straße.
Urplötzlich explodiert das enge Tal in eine breite, steppenartige Ebene mit
hohen
Felsformationen am Horizont. Ein rotweißer Berg blinkt aus dem schwarzen
Gebirge. Wir fahren
darauf zu. Es ist eine Quarzmine. Der Berg wird nach und nach abgesprengt,
der Fels
zerkleinert und gesiebt. Der Quarz kommt nach Edfu in eine Silikonfabrik.
Wir
bekommen eine Führung, Tee, spielen Backgammon (Daula) und warten auf die
nächste
Sprengung, die zweimal wöchentlich stattfindet. Nach der
100-kg-Dynamit-Sprengung
wird geluncht, geteet, ins Horn gebrochen und aufgestoßen. Nach wenigen
Kilometern
flattert Michel ein Vogel zwischen die Speichen, durch dessen Federnwolke
Uwe wie ein Geist
hindurchschießt. Die Landschaft ist einmalig schön mit ihren schwarzen
Basaltbergen,
sandig-grünen Wadis und den roten Bergketten, denen das Rote Meer seinen
Namen verdankt.
Endlich erblicken wir nach Wochen wieder das blaue Rote Meer. Marsa Alam ist
ein recht
unansehnliches Dörfchen mit Wohnblocks in rauhen Mengen. Nach Tee und
Broteinkauf
machen wir uns auf Schlafplatzsuche. Sieben Kilometer nördlich soll ein
Campingplatz sein, den
wir ansteuern. Unterwegs stürmt Michel mit Karacho ein Militärlager auf
einem Hügel, weil er denkt,
es sei bereits "Safari Beach". Der überrumpelte Soldat kann
beschwichtigt und nach dem
richtigen Weg gefragt werden. "Safari Beach"ist ein schöner,
aber auch schön teurer Campingplatz.
Da uns das Zelten hier zu teuer ist, schickt uns der Besitzer zu seinem
Freund, dem Captain vom
Militär, den wir nach einer Beach-Penn-Erlaubnis fragen sollen. Dieser
lädt uns erstmal auf einen Tee ein, erzählt uns, daß die Straße Richtung
Süden
nur mit Tasrih aus El Quseir passierbar sei und läßt uns am Strand
nächtigen. Nach
der Schlafplatzsuche im Dunkeln legen wir uns in den
meeresfrüchteübersähten
Sand und schlafen schlecht.
- 173 km / 5418 km -Sonntag
20.Dezember An der Küste entlang Richtung Hurghada
Dutzende LKWs brettern knapp an unserem Nachlager vorbei und reißen uns aus
dem
Schlafsack. Wir frühstücken Käsebrot mit Tomaten und Paprika und nutzen
die
Ebbe zum Muschelnsammeln und Schlickrutschen. In Marsa Alam wird eingekauft,
Tee
getrunken und danach der Küste entlang nach Norden gefolgt. Zur Linken
schwarze
und rote Berge und zur Rechten das blau bis azurtürkise Rote Meer. Ab und
zu
unterbrechen bewachsene Wadis, die ins Meer führen, die eintönige
Sand-Kies-Küste.
Die Straße führt knapp am Meer vorbei und wir halten, um einigen Fischern
bei ihrer
Arbeit zuzusehen. Kurzum werden wir beim Netzeinholen eingespannt und holen
die
Fische mit an Land. Die Fischer legen drei Schleifen Netz vom Strand aus,
sodaß am
Ende kaum ein Fisch entkommt. Die Beute ist ansehnlich und wir bekommen acht
Rotbauchfische
und zwei kleine Dürre für 1 LE. Gegen Mittag fahren wir weiter, vorbei an
manch malerischer
Bucht mit türkisblauem Wasser, doch laut Reiseführer werden hier noch ab
und zu Minen gefunden!
Vom Baden ist also abzuraten.
Bald darauf halten wir an einem Wadi mit Büschen, ackern ein paar Meter
durch die
tiefe Erde, weg von der Straße. Bald entsteht eine bärige Glut, über die
wir die Fische
spießen. Viel schneller als zubereitet sind sie weggefressen. Unsere
Freunde, die
Wadifliegen helfen dabei kräftig mit und ärgern uns bis auf Blut. Mit zwei
Kesseln
Shai versuchen wir den Fischbrand zu löschen, während das Lagerfeuer
unwillig
dahinzüngelt. Trotz des starken Landauswindes gefällt es uns im Freien am
Besten.
Der einmalige Sternenhimmel bei Lagerfeuer ist der richtige Ausklang eines
solchen
Traveller-Tages.
- 113 km / 5531 km -Montag
21.Dezember Über El Quseir nach Port Safaga
Mit gestriger Glut gelingt es uns, ein morgendliches Höllenfeuer zu
entfachen. Unser
selbstgebackenes Beduin-Brot schmeckt gut mit Marmelade, bei Kaffee-Extrakt
und Shai.
Barfußabwasch im eiskalten Meerwasser. Zwei Soldaten wollen trotz des
Gepäckberges
auf dem Motorrad mitfahren, sind aber schließlich doch einsichtig, daß
für sie kein Platz ist.
Recht spät kommen wir
los und sind nach etwa 30 km in El Quseir. Auf dem Weg grüßen wir die
zahlreichen
Militäraussichtsposten, die aufzupassen scheinen, daß das Meer nicht
weiter als
Ebbe davonläuft. In Quseir empfängt uns ein alter, gut englisch
sprechender Touriguide,
der uns "zackzack" alles zeigen will. Wir kaufen Obst und
Gemüse, Brot und Wasser.
Süffeln eine Coke und machen einen Abstecher Richtung Westen zu einer
Quelle inmitten
üppiger Vegetation. Wir waschen uns im kühlen Naß und genießen Sonne,
Wind, Mücken und
Fliegen. Wenige Kilometer reichen also, um von Meer und Sand in wildes
Gebirge
zu kommen. Ketten fetten und Essen. Michels Kette nimmt bereits eine
bedenkliche Länge an.
Mittags fahren wir weiter Richtung Port Safaga und müssen gegen einen
starken Seitenwind
ankämpfen. In Safaga gönnen wir uns einen übel scharfen Schlangenfraß,
für den uns der
Wirt auch noch löffeln will. Auch der Teeverkäufer versucht es, aber wir
sind mittlerweile
abgekocht auf diesem Sektor. Derweil beziehen dicke, dunkle Wolken den
Himmel
und es schaut recht bedrohlich und kalt aus. Gegen 16 Uhr verlassen wir
Safaga
in Richtung Kloster Claudianus, kehren aber kurz vor den Bergen wieder um,
als
uns erste Regentropfen aufs Visier klatschen. Verdammte Sauerei! Es stürmt
gewaltig
und schaut nach Weltuntergang aus. Wir fliehen nach Safaga zurück und
finden
ein Doppelzimmer inclusive Frühstück für 30 Pauend. Draußen tobt der
Jochwind.
Safaga wird gut bewacht mit Flugabwehr und zu Kamel berittener
Küstenpatrouille.
Endlich gibt es mal wieder grünes 90-Oktan-Benzin. Natürlich versucht auch
der
Tankneger uns übers Ohr zu hauen. Nach zwei Nächten auf hartem Boden, eben
beduinlike, schätzen wir selbst die schlechten Hotelbetten. Wie in jedem
Hotel sind die Schlösser verkehrt herum eingebaut, d.h. beim Aufsperren
schließt man sich
ein! Als wir unser Abendmal bereiten und die Karotten und Kartoffeln
schnipseln,
meint der Chef, wir dürften die Restaurantküche benützen. So bereiten wir
Karottengemüse
mit Rindfleisch-Dosenchappi in der Großküche und der Küchenjunge hilft
uns dabei.
Dank Großgeschirr und Gasflamme sitzen wir bald im Restaurant und essen
Rindfleischgemüse. Zur Verdauung gibts Daula, jeder gegen jeden, wobei Uwe
gegen
den 1.BC Safaga einen Sieg erringen kann, obwohl er dieses Spiel erst seit
wenigen Minuten kennt. Michel kann ebenfalls ein Auswärtsspiel
gewinnen.
Doch Ägypten verliert fair und ehrlich, wenn auch ungern. Auf dem Zimmer
gibts
noch Sahlab, den Schlechtesten seit eh und je.
- 145 km / 5676 km -Dienstag
22.Dezember Pistebügeln nach Mons Claudianus
Die Adventszeit ist vorbei, ohne daß wir es bemerkt haben und in zwei Tagen
ist
schon Heilig Abend, wobei es in diesem Klima unmöglich ist,
Weihnachtsstimmung zu
erzwingen. Am Donnerstag machen wir uns eben einen "schönen
Abend". Das inclusive
Hotelfrühstück ist das beste bisher: ein ganzes Omelette, frisches Brot,
Butter,
Vitrac-Erdbeerkitt und Kinderkäse mit Tee. Frisch gestärkt gehen wir kurz
Geldausgeben für Alltägliches, dann fahren wir die Straße Richtung
Westen, die
laut Tondok eine der Schönsten hier im Gebirge sein soll. Das stellt
sich aber als übertrieben heraus. Die Strecke von Edfu nach Marsa Alam war
fast
interessanter. Nach 40 km gehts auf die Straße zum Mons Claudianus. Dort
treffen
wir etliche Krauts und schließen uns einer Besichtigung der römischen
Sklavensiedlung an, wo vor 2000 Jahren - zur Zeit von Asterix und Obelix
also -
Quarzdiorit gebrochen wurde für den Bau
des Pantheon und Forum Romanum im fernen Rom! Bei der Besichtigungsfahrt -
heute mal ohne
Gepäck - fegen wir wieder über die Piste. Am nahegelegenen
Beduinencamp machen wir
Brot-und Teezeit und anschließend uns querfeldein, direkt von hier nach
Hurghada,
wo wir Martin den Schweizer treffen wollen, der angeblich gute Detailkarten
von dieser
Gegend hat. Der Untergrund ist Kategorie leicht und zum Schluß gut mit
Wellblech ausgelegt
aber ein wahrer Genuß für Landschaftsliebhaber wie uns. Ein Beduinenköter
bringt Uwe zu
Fall, Michel wühlt im Tiefsand und nach 70 km quer und kreuz durchs Desert
endet die Piste und zerstreut sich. In der Ferne ist bereits Hurghada zu
sehen und
irgendwie schaffen wir es nach langem Tanz über Spurrillen im Weichsand
(das sind übrigens die Überbleibsel der Pharaonen-Rallye), am
Flughafenzaun anzukommen.
Martin hat mit drei Deutschen ein Geschäft namens Special Tours gegründet
und organisiert Wüsten-Trips mit dem Jeep. Er zeigt uns die Route zu den
Rayan-Seen
in der Nähe der Oase Fayum und läd uns schließlich zu einem 250 km
Wüstentrip
für je DM 40,- ein. Vier weitere Pauschalis im Jeep und wir folgen mit den
Mopeds. Am Heilig Abend
soll es losgehen und wir folgen den Spuren der großen Pharaonen-Rallye,
wobei der beste
Fahrer nur 3 Stunden für die Strecke benötigte, die wir in zwei Tagen
schaffen wollen.
Das Wetter ist wieder ungetrübt, nichts ist vom Vortag geblieben. In
Hurghada werden
wir von einem Motorradverleiher zum Tee eingeladen und über alles mögliche
ausgequetscht. Im Dunkeln fahren wir zurück nach Safaga, wobei die Ägypter
am Steuer die
merkwürdigsten Lichtsignale geben. Zeitweise fahren sie sogar ohne Licht!
In Safaga
funkt Uwe nach Nürnberg und danach gönnen wir uns ein ziemlich schlechtes
Kufta,
über dessen Preis wir erbittert handeln müssen. Im Hotel wird wieder Daula
gezockt
und nach dem obligtorischen allabendlichen Mückenklatschen ist pennen
angesagt.
- 214 km / 5890 km -Mittwoch
23.Dezember Die Küste entlang Richtung Hurghada
Mit dem obligatorischen morgendlichen Mückenklatschen beenden wir die
fast schlaflose Nacht. Blutflecken auf den Klatschkissen und an den Wänden
sind stumme
Zeugen des blutrünstigen Treibens der Mücken und unseres Rachefeldzuges.
Die Tapete wird
mit unseren Namen verziert. Mit uns verschwinden die einzigen Gäste aus dem
Ferien-Village.
Nach ca. 25 km Fahrt in Richtung Hurghada machen wir uns auf eine Piste zum
Meer, das mittlerweile
schon einige Kilometer von der Straße entfernt ist. Dort treffen wir auf
einen
Campingplatz mit Tauchbasis und wenige Meter nördlich schlagen wir mit
Erlaubnis
des nahegelegenen Militärpostens unser Lager auf.
Beim Dinner genießen wir erst den Sonnenuntergang und danach wie schon so
oft,
den klaren Sternenhimmel bei Lagerfeuer und Meeresrauschen. Unsere Bäuche
sind
wieder mal prallvoll und nach dem Shai steht es uns bis an der Kauleiste.
Michel flieht vor
dem kalten Wind in die Schlafsäcke und Uwe muß sich dringend noch
erleichtern, um nicht
überzulaufen. Das Lagerfeuer aus reinstem Strandgutholz stinkt gewaltig.
Überhaupt
ist der Strand gut: gut geteert von der letzten Ölpest, Plastik en masse,
Schuhe
und eingelassenes Holz von Schiffswracks.
- 25 km / 5915 km -Donnerstag
24.Dezember Heilig Abend in der Wüste
Um halb sechs schmeißt uns der Wecker aus dem Sack. Während die Sonne
langsam kommt,
puhlen wir uns raus in die Kälte, holen unsere Pässe beim Militärposten
ab und kämpfen
uns auf die Straße nach Hurghada. Bei Special Tours kriegen wir
von Martins Freundin ein Frühstück serviert, daß uns die Augen
übergehen: echte deutsche
Marmelade, Schinken, Käse und Kaffee. Abrödeln für den Wüstentrip und
los gehts
auf die gleiche Piste, die wir gestern gekommen sind. Den zerfurchten
Weichsand
hochbrechen bis zum Rand der Berge ist mittlerweile Routine. Durch schroffe
Berge, enge Passagen, Wellblech und Tiefsand. Links von der Piste ein kurzes
Geröllwadi
hoch, an eine Felswanne, in der sich Wasser befindet, das von den Beduinen
genutzt
wird. Dann schauen wir uns zum zweiten Male Mons Claudianus an, aber diesmal
viel intensiver. Faszinierende Spuren von irrsinnigem Aufwand, den die
Römer
vor zweitausend Jahren trieben, um geeigneten Stein für ihre Prunkbauten zu
gewinnen.
Vorbei an britischen Frontstationen aus dem 2. Weltkrieg zum Lunchpaket an
einer Akazie im Wadi
Namenlos. Nach einigen mittelschweren Passagen folgt eine kilometerlange,
brettlebene
Sandfläche, die wir mit über 80 km/h entlangbrettern, immer mit dem
Jeep im Kreuz,
in dem die Passagiere (Klaus und Ilka aus Großenseebach!) durchgeschüttelt
werden. Bis Sonnenuntergang nehmen wir noch ein recht
übles Wadi mit gefährlichen Strauchhügeln und Löchern, grobem Geröll
und butterweichem
roten Saugsand, der gut abbremst. Uwe legt sich und seine Transalp aus
Ehrfurcht auf die Seite,
wodurch wir den Jeep aus den Augen verlieren. Als dann die Nacht
hereinbricht, Schlafsäcke,
Sprit, Wasser, Essen und der Einzige, der sich auskennt, weg sind, kommt ein
paar
Minuten etwas Heimweh auf. Doch nach kurzem Bangen sehen wir
wieder die Scheinwerfer des Wagens und folgen noch ein paar Hügel zum
Heilig-
Abendlichen Lager mitten im roten Sand. Die Weichlinge stellen ihr Zelt auf
und
wir müssen glücklicherweise mal nicht abrödeln. Das Fahren ohne Gepäck
ist
eine saugute Sache. Abends gibts Steaks vom Grill, Salat, Brot, Potaken,
Coke, Wein und alles, was wir seit Wochen nicht mehr kennen. Der Heilige
Abend
vergeht mit Erzählen, Lachen und am Feuer sitzen. Ganz und gar unfeierlich,
aber auch
ungewöhnlich. Stille Nacht mit weihnachtlichem Sternenhimmel und weit und
breit
kein Tannenbaum.
- 165 km Piste / 6080 km -Freitag
25.Dezember Pistefegen mit "nackten" Mopeds
Alle haben die Nacht überlebt. Auch von den Weichlingen ist keiner
erfroren,
nur der Männliche halunziniert ab und zu: er will wilde Kamele gesehen und
Tiere
heulen gehört haben. Wir pflichten ihm bei. Nach einem kontinentalen
Frühstück brechen wir auf.
Wir folgen Martin über Stock und Stein in ein wundervolles Tal, bis
zu einem Steinbruch, wo wir die Mopeds abstellen. Wir steigen dem Jeep aufs
Dach und erleben vom Dachständer aus eine furiose Fahrt durch Tiefsand, den
wir mit dem Motorrad nicht geschafft hätten. Das Tal wird stetig enger und
die
Felsbrocken größer und häufiger. Martin fährt sehr gut und nur einmal
hätte er uns fast
an einer Akazie abgestreift. Am Ende der Piste heißt es absteigen. Wir
wandern
tief in den Canyon hinein zu einem Wasserquell mit Schilf. Da es mit
Motorradstiefeln
bekanntlich gut laufen und bergsteigen geht, kraxeln wir die Wände hoch zu
den Einsiedlerruinen,
suchen ihre Höhle und die Felsennester bei den Dattelpalmen. Über die
andere
Seite steigen wir wieder mühsam in die Schlucht hinab und erreichen erst
gegen 15 Uhr
wieder den Jeep. Nachdem sich die sieben Leute gestärkt haben, fahren wir
(es ist mittlerweile
klapperkalt geworden) zurück und besteigen die Mopeds. Dem Jeep hinterher
über
teilweise übles Wellblech, dem kaum auszuweichen ist, bis zu einem Abzweig,
wo wir
uns von den Anderen trennen. Martin bringt die Passagiere nach Hurghada
zurück
und wir pisten noch ein paar Kilometer zu einem Brunnen, um dort zu
übernachten. Die Sonne
verschwindet schnell und die Bäume, selten gesät, geben nur widerwillig
ihr Holz her.
Mit ein paar Dornbüschen kriegen wir dann doch noch ein wärmendes Feuer
zustande, aber
der eisige Wind treibt uns bald in die Schlafsäcke.
- 70 km Piste / 6150 km -Samstag
26.Dezember Aus der Wüste heraus Richtung Norden
Michel wacht nach einem nächtlichen Erstickungsanfall am Morgen doch wieder
auf. Er hat sich
nachts im Schlafsack verdrillt, um sich vor dem kalten Wind zu schützen und
dabei die
Schnaufluke nicht mehr gefunden. Uwe hat sich mit Sturmhaube schlafen
gelegt.
Wir warten die wärmenden Sonnenstrahlen ab und machen uns dann sogleich
wieder aufs
Wellblech. Plötzlich ist die Piste geräumt und glatt wie ein Kinderpo. Das
wird
schamlos genutzt und wir brettern mit 80 Knoten über die Piste. Diese
Wüsten-Autobahn führt uns bis an den Asphalt nach Hurghada.
Die Mopeds total verstaubt und die Ketten zwitschernd, kommen wir bei Martin
an,
berichten getreu das Geschehene, plaudern noch ein weinig und packen unsere
Maschinen wieder auf. Wir bekommen noch einen Eimer Nudeln und beste
Wünsche
mit auf den Weg. In Downtown fressen wir noch Pizza und Pie, treffen einen
Forchheimer (!) und machen uns dann schleunigst weg. Der Dreckswind macht
das Fahren fast zum
Segeln auf Asphalt. Michel macht sich dabei Jacke und Hose naß: der
Faltkanister
ist undicht geworden. Nach einer Teepause im Truckstop schlagen wir
unser Zelt bei Ras Zeit auf. Am Truckstop müssen wir einem Ami mit Sprit
aushelfen, da bis Hurghada keine Tanke mehr kommt. Er ist ganz glücklich,
gibt
uns 20 Pauend und zwei american beer. Es bläst wie in Alaska. Alles was
leichter
ist als Blei, fegt der Wind davon, die Helme purzeln umher. Nach Ketten
fetten wird
das Zelt mit Händen und Füßen fixiert und aufgebaut. Wir kochen Nudeln
mit Gemüsesoße
im Zelt, köpfen das Bier und essen im Dunklen, da die Taschenlampenakkus
leer sind.
- 155 km / 6305 km -Sonntag
27.Dezember Abschied vom Roten Meer
Der Wind, der Wind, das himmlische Kind! Die ganze Nacht hat er das Zelt zum
Schwingen und Vibrieren gebracht und uns die Zeltwand gegen die müden
Köpfe gedengelt.
Genug? Aber nicht doch. Erst nachdem wir startbereit sind, frischt es
richtig auf. Der Morgenschiß
wird ein Akrobatenstück mit dem flatternden Kackpapier. Ganz zu schweigen
vom Zeltabbau
und dem Abwasch. So viele Flüche wie heute sind in diesem Urlaub noch nie
gefallen. Was wir aus der Hand legen, wird im Nu mit fortgerissen. Kurz nach
der Abfahrt
fliegt auch noch der Deckel vom Nudeleimer auf und davon. Alsdann quälen
wir uns pendelnd
mit Schlagseite gegen den Sturm nach Norden bis Ras Gharib. Ein Abstecher
ins
Dorf bringt auch keine Luftverbesserung: die ganze öde Strecke lang liegt
ein
grausiger Gestank von Schwefelwasserstoff in der Luft, der von den
Ölförderanlagen
an Land und im Meer freigesetzt wird. Es stinkt fürchterbar, auch im Dorf,
doch die
Bewohner scheinen an den gefährlichen Gestank gewöhnt zu sein. Wir essen
fried
potatoes mit Tomaten, kaufen Eier, Butter, Obst und Gemüse.
Glücklicherweise
können wir auch grünen Saft bunkern, nachdem Uwe 20 km vorher der Sprit
ausgegangen
ist. Auf der Suche nach der Straße zum Nil steuern wir siegessicher auf
einen entfernten
Schlagbaum zu. Dort angekommen empfängt uns ein Neger sogleich mit
"no" und wir
sind schon wieder heiß am diskutieren und bereiten uns darauf vor, unsere
Faxen zu
kriegen. Doch es erscheint ein Auto und man geleitet uns zurück zur
richtigen
Abzweigung. Ansonsten wären wir lediglich bei einer Ölfirma gelandet. Also
weg jetzt
vom windigen, kalten Roten Meer durch ein breites Wadi in die Wüste. Der
Gegenwind
wird zum Schiebe-Seitenwind. Trotzdem ist es noch arschkalt. Nach einer
Aufwärmpause
am Straßenrand zieht Michel einen Trumpf gegen die Kälte und fährt in der
Regenkombi weiter. Gegen drei Uhr suchen wir ein Nachtlager und finden es am
Anstieg
zu einer Ebene im weichen Ergsand. Das Zelt wird aufgebaut, jetzt ohne
Probleme.
Dann gibt es Pancake mit Banane, Honigjam und Joghurt! Es ist ein Schmaus
der
Extraklasse und füllt den Rest Platz, den die Eiernudelvorspeise gelassen
hat.
Mit den exzellenten Pfannkuchen wecken wir Erinnerungen an den Anfang des
Urlaubs
in Dahab. Eine Pracht ist auch wieder die abendliche Feuersbrunst. Shai
kochen auf der Glut nach alter Schwedenmanier und über all dem lustigen
Treiben lachen
abertausend Sterne.
- 226 km / 6531 km -Montag
28.Dezember Über Beni Suef zur Oase Fayum
Der gestrige Hof um den Mond hat uns heute einen bedeckten, kalten Tag
beschert.
Ohne wärmende Sonnenstrahlen ist es fast wie im winterlichen Deutschland.
Zum
Frühstück schauen drei Neger im Pickup bei uns vorbei, schütteln unsere
erfrorenen
Hände und bieten uns Wasser an, bevor sie wieder verschwinden. Nach einem
kleinen
Snack gehts wieder auf den Track. Gleiche Einöde wie gestern. Beide fahren
wir in
der Kombi mit Winterhandschuhen, was wirklich nicht übertrieben ist. Auf
halber
Strecke arbeitet sich ein Hanomag AL-28 aus der Wüste auf die Straße zu.
Wir
treffen Deutsche an und tauschen Erfahrungen aus, quatschen eine Weile und
fahren
die restlichen Kilometer bis ins Niltal. In einem von Allah vergessenen Kaff
nehmen wir einen kleinen Imbiss ein, sind dann bald wieder umlagert und
werden
von einem Dutzend Zombieaugen angegafft. Wie lebende Tote sehen viele der
Bälger aus,
zerzauste und verstaubt-verfilzte Zotteln, dreckverschmierte Gesichter und
zerfetzte
Lumpen am Körper. Die vielen kleinen Zombies vertreiben uns schließlich
nach Norden, quer durch Pflanzungen, Felder und Felachen zur Hauptstraße.
Einige
Kilometer vor Beni Suef geht Uwe zum vierten Male der Sprit aus. Die Stadt
lassen wir
links liegen und machen gleich weiter nach Fayum, entlang dem Nilkanal. Es
ist
jetzt bedeutend wärmer als an der Küste und bei einem Tee-Stop ziehen wir
die Kombis
wieder aus. Wieder umringt uns eine Schar neugieriger Zombies, die der Wirt
mit
Wasser und Stock vergeblich zu vertreiben versucht. LKWs brechen laut hupend
durch die Straßen ohne Rücksicht auf Verluste. Gegen vier haben wir in
Medinet Fayum
das Youth Hostel gefunden, in einem netten Wohnblockghetto, gut dreckig und
im 3. Stock. Nachdem wir alles Gepäck hochgeschleppt haben, erweckt uns
eine warme
Dusche wieder zu neuem Leben. Frische Klamotten und man fühlt sich gleich
nicht mehr
so wohl, ohne Dreck. Unsere teure Abuskette haben wir wahrscheinlich in
Assuan vergessen
und suchen jetzt nach einer Möglichkeit, sie wiederzubekommen. Essen
Rindfleischsuppe
mit Pfannkuchenresten. Nach alter Gewohnheit wird das 6-Bett-Zimmer von uns
allein
belagert. Aber erst nach Spannen der Wäscheleine und Behängen derselben
mit nasser
Wäsche, fühlen wir uns richtig wohl. Bei guter Musik, Kerzenlicht
(Stromausfall)
und Daula genießen wir den Abend bis nach halb zwei.
- 263 km / 6794 km -Dienstag
29.Dezember Auf Entdeckungsreise in Fayum
Mitten in der Nacht weckt uns der Muezzin mit seinem erbärmlichen Geplärre
und gegen acht reißt uns ein anhaltender Schreigesang endgültig aus dem
Schlaf.
Zum Frühstück gibt es Ei, Jam und Babykäse inclusive Chlorshai. Wir
strecken das
Essen mit Feta, Honig und eigener Butter. Rein in die Klamotten und auf zur
Rundfahrt
durch den "größten Garten Ägyptens" über Nazla (Töpfereien
und Brennerwerkstätten)
und Sanhur zum Quarun-See. Bei Teepausen sind wir stets umlagert von
neugierigen
Zombies, die wie aus dem Nichts auftauchen und um uns herumschleichen.
Die Älteren tun sich schwer, sie zu verscheuchen.
Wir spielen Backgammon, trinken Sahlab und Oh Wunder, keiner will uns übers
Ohr
hauen. Alle verlangen normale Preise! Ansonsten Palmen, Feigenkakteen,
Pflanzungen,
Wasserbüffel, Schwerlastesel und -kamele und umtriebige Felachen überall
auf den
Feldern. In einem Nobelcaf'e am See flacken wir uns in die Sonne und gönnen
uns zwei
Karkade für den Preis von 20 Tees. Weiter am dunstigen Wasser entlang
treffen wir
auf einen Bus mit deutschen Touristen und stehen kurz wieder im Mittelpunkt.
Die Touris
erfreuen sich an den "Einheimischen" und deren Bauchtänzen.
Original natürlich!
Bei untergehender Sonne fragen wir uns zum Youth Hostel durch, das
natürlich wieder
keiner kennt. In der Hostelküche entpuppt sich der gekaufte Reis als echter
Milchreis!
Wir sind perplex und stehen fassungslos vor dem Gasherd: wie oft haben wir
uns
nach einer großen Portion Milchreis gesehnt! Das halbe Kilo verschwindet
mit lautem
Geschmatze in unseren Wänsten und wir sind glücklich. Zum Nachtisch gehen
wir mit
Einweckgummis auf Fliegenjagd und richten ein grausiges Gemetzel an. Aber
fair!
Wie gestern schon fällt der Strom wieder aus und die Kerzen kommen zum
Einsatz. Während unseres Backgammon-Trainings pestet uns der Hostel-Neger
ständig
mit Küchengeldforderungen in lächerlicher Höhe. Es geht dabei nicht um
die
Pfenningbeträge, sondern daß der Trottel uns stört, so oft es geht.
- 130 km / 6924 km -Mittwoch
30.Dezember Abenteuer Rayan-Seen
Gut geschlafen, Frühstück wie gehabt und auf in einen sauguten Tag. Mit
nackten
Mopeds fahren wir die gleiche Richtung wie gestern los, fragen uns durch
nach Ibshawa und
Abu Gandir. Die Ortsdurchfahrten sind staubig bis schlammig. Überall
schallt ein "Hallo
Mister", "Wher is a go" und "What's your name?"
durch den Helm an unsere
Ohren. Freundlich hupen wir und gondeln durch die Käffer. In Abu Gandir
soll es laut
Martin nur nach Westen gehen, um an die Rayan-Seen zu kommen. Doch es ist
schwierig,
erst mal aus dem Wirrwarr von Feldern, Lehmhäusern, Gassen und Kanälen
herauzufinden.
Statistisch fragen wir Leute und ernten nur wages Richtungshändeschütteln,
aber wir wissen
es natürlich besser und fahren anders. Landen an einer Grundschule, wo
gerade der
Turnunterricht im Staub ausgetragen wird. Durch unser Auftauchen schaffen
wir es, den Unterricht zum Erliegen
zu bringen. Man läd uns zu Tee und Waffeln und versammelt nach und nach die
gesamte Lehrerschaft
im Direktorenzimmer. Sie zeigen uns Schecks über eine Mio Mark von 1923 und
wollen
wissen wieviel Pauend sie dafür bekämen, diese Lehrer! Zu putzig!
Händeringend
und lachend diskutieren wir mit dem Lehrerkollegium und begeben uns dann
wieder
winkend auf den richtigen Weg nach Rayan. Den großen Augen und staunenden
Gesichtern
kann man ablesen, daß hier noch nicht so viele Motorradfahrer
vorbeigekommen
sind. Aus der Asphaltstraße wird Staubpiste entlang des Kanals, der den
Birket Quarun entwässert
und zu den Rayan-Seen führt. Die Piste beginnt, als abrupt das Grün endet
und die
Wüste anfängt. Raus aus dem "größten Garten Ägyptens" ins
"middle of nowhere".
Gut zu fahren, bis auf vereinzelte Steinrüttelplatten. Es macht Laune,
wieder Dreck unter
den Stollen zu haben, zu schlingern und zu driften. Nach etwa 15 km taucht
der erste
See auf. Wasser en masse mitten in der Desert, mit Schilf, Fische(r)n und
Vögeln.
Ein kleines Paradies wohl auch für die Fischer, die auf dem See ihr Glück
versuchen.
Nur die Heere von kleinen, grünen Fliegen, die uns wie eine Wolke umgeben,
trüben
den Sinnesschmauß. Egal. Sie werden eingeschnauft, zerwuzelt und bei der
Brotzeit
mitgefressen (Proteine!). Da landet ein Fischerkahn, entlädt ein paar Neger
und bevor
wir uns versehen, sitzen wir mit ihnen am Seeufer, essen frittierten Fisch
und trinken Shai.
Es ist phantastisch, man kann hinkommen wo man will und stets findet sich
ein
Ägypter, der eine Einladung bringt. Wir könnten mittlerweile ein Buch
schreiben:
"Reise-Know-How: Durchschnorren in Ägypten"von Michael Pophal
und Uwe Mechtold.
Beide Seiten verstehen mal wieder Bahnhof, doch trotzdem wird verarscht und
gelacht. Shokran, mar salam und davon. Am Ufer, immer
am Grünstreifen entlang auf der Suche nach dem zweiten See, den der Erste
über
einen Kanal speist. Glücklich sind wir auch über die Sonne und die Wärme,
die
wir nicht mehr erwartet haben. Am Überlaufkanal treffen wir auf Fischer,
die Netze in die schnelle Strömung gehängt haben und nur ab und zu
entleeren brauchen.
Dabei steigt Uwe beim Halten in eine Felsspalte und Michel beobachtet im
Rückspiegel,
wie zuerst ein Mopedfahrer fällt und dann ein Moped hinterher. Zu dritt
wird es wieder
aufgerichtet, leider ohne Rückspiegel, der im Dreck steckenbleibt.
Ansonsten alles O.K.
Nach einem großen Hügel und skurrilen Kalkgebilden sind wir am zweiten,
noch größeren
See und hören schon den Wasserfall rauschen, der sich aus drei Meter Höhe
herunterstürzt.
Keine Fliegen mehr, dafür ein paar Touris. Doch auf der anderen Seite, was
sehen wir da?
Etliche Motorräder und zwei Jeeps! Wir sind ganz aufgeregt. Uwe springt
ganz kurz
ins eiskalte Naß, um sich die Eier abzuschrecken und dann waten wir auf die
andere
Seite rüber zu den Mopeds. Acht Italiener mit Begleitfahrzeugen und
Satelliten-Navigationsgerät, die gerade Richtung Baharia Oase aufbrechen!
Querwüstein! Und wir können
nicht mit, unser Gepäck liegt noch in Fayum. Es ist zum Heulen und zum
Kotzen!
Jetzt ist die Chance da, auf die wir die ganze Zeit gehofft haben und wir
können sie
nicht nutzen. Der Troß bricht auf und wir brechen fast ab vor Unmut. Zu
Michels
Überdruß ist noch eine 750er Africa Twin dabei. Malesch, würde der Neger
sagen.
Verfaultes Pech. Wir machen uns wieder durch das Eiswasser rüber und werden
von zwei
Neppernegern erwartet, die aus heiterem Himmel horrende Pfundforderungen
stellen. Wofür? Vielleicht fürs
Mopedabstellen und Wasserfallanschauen. Interessiert uns jedenfalls nicht.
Ungehalten geben
wir Gas und stauben die Nepper richtig ein. Unterwegs fischen wir Uwes
verlorenen
Pulli wieder auf und gelangen bis an eine Düne. Dort legt Michel das Moped
auf
den verdrehten Fuß, schaufelt ordentlich Sand ins Motorrad, sprengt einen
Riß in die
Verkleidung und läßt die Kette entgleisen. Die Wüste fordert ihren
Wegzoll. Zum
Sonnenuntergang kommen wir wieder ins Grünland. Hier geht es jetzt zu, wie
es eben nur hier zugehen kann. Einen Vergleich haben wir nicht: alle
Felachen der
riesigen Halboase müssen auf dem Weg nach Hause sein. Der Rückweg wird zum
Hindernisparcours
durch eine rießige Staubwolke. Die Wege wimmeln von Eseln, Kühen, Ziegen,
Schafen,
Kamelen, jedweden Karren und Menschen. Alles was sich bewegen kann ist auf
der Straße,
beladen mit allen Möglichkeiten. Zu den unbeleuchteten Hindernissen kommen
noch die kaum
beleuchteten Autos! Ein perfektes Chaos. Überholen ist lebensgefährlich.
Trotzdem,
dieses Treiben muß man erlebt haben. Heil erreichen wir Fayum bei
Dunkelheit und werden
uns bei je zwei Pizzas einig, daß dies ein gelungener Tag gewesen ist. Die
Suche nach
Coke, sogar mit Kids als Guides, bleibt erfolglos, doch ein Saftladen
spendet Trost
mit Erdbeershake und Guaveshake. Zurück im Hostel erfreuen wir uns wieder
am
Fliegenzermatschen mit den Einweckgummis.
- 139 km / 7063 km -Donnerstag
31.Dezember Sylvester in Fayum
Trotz Muezzingejohle frühmorgens finden wir nochmal Schlaf und
frühstücken gegen
acht Uhr. Wieder beginnt ein sonnigwarmer Tag in Fayum. Heute wollen wir
relaxen und
schlendern durch den urtypischen Suk abseits der Hauptstraße mit verschämt
lächelnden Marktfrauen, die alle - manche sogar sehr hübsch - üppig
gefüllte Blusen zur Schau stellen. An einigen Brüsten dürfen sich
glückliche Babies
laben. Alles Obst und Gemüse wird angeboten und endlich entdecken wir
wieder
Datteln, wenn auch recht schlechte. Sukimpressionen sammeln: Fleischläden
zum
abgewöhnen, Supermärkte mit einer Fläche von sechs Qadratmetern,
Ramschshops
und ein Gewimmel, wie es nur auf arabischen Märkten gibt. Zum neuen Jahr
rufen wir bei unseren "Erzeugern" zu Hauses an. Wir bummeln und
schauen, werden bestaunt, von
Plastiktütenverkäufern gepestet, von Autos auf die Seite gehupt, überall
begrüßt
und riechen da und probieren dort. Den ganzen Tag könnte man so verbringen
im lustigen
Drunter und Drüber auf dem Markt. Neujahrsgrüße und Neujahrsgesänge wie
"heavy
new year" oder "heidi bad day", abgeleitet und frei
interpretiert von "happy
birthday". Letztendlich kaufen wir uns jeder eine Shisha mit Zubehör,
die zu Sylvester
angeschürt wird. Schwer bepackt nach diesem Konsumtaumel kommen wir am
verschlossenen
Hostel an und warten auf den Oberdeppen. Dann wird erst mal relaxt und
geknackt
bis in den späten Nachmittag. Wir bzw. der Muezzin rappelt uns wach, zum
Sylvestereinkauf
in die City. Dort stehen wir zum zweitenmal fassungslos vor einem Neger, der
meint:
"Ah Germany, Hitler, very good!". Uns schwillt der Kamm bei so
viel geistiger
Minderbemitteltheit. Herr, wirf Hirn vom Himmel! Zurück im Zimmer ernten
wir
Fliegen, sportlich und fair mit Gummi natürlich. Wände und Betten sind
übersät
von Leichenteilen unserer Sportskameraden. Danach bereiten wir das
Überessen dieses
Urlaubs. Als Sylvesterschmauß bereiten wir gebackene Leber mit gerösteten
Zwiebeln
und Potakenpüree. Es gelingt hervorragend in der versifften Hostelküche
und
schmeckt saugut. Genau das richtige zum Jahresausklang. Kerzenlicht,
Backgammon
bei Musik und Coke. Dann ist es soweit, wir schmeißen mit Mühe die Shishas
an und
nach ein paar tiefen Schnaufern sind wir erstmal breit. Schwindlig wie nach
reichlich Sekt! Aber die Shisha auf Betriebstemperatur zu halten ist nicht
leicht,
außerdem reichts uns schon. Zum Neujahr wird geprostet und der gute Vorsatz
genommen,
daß dies nicht der letzte Urlaub dieser Art ist. Unglaublich, wo das letzte
Jahr
geblieben ist. Der Abend dauert noch lange.
- 6 km / 7069 km -Freitag 01.Januar
1993 The Day After
Der Herbergsdepp hat es heute wieder geschafft, das Frühstücksei
perfekt zu versalzen. Eigentlich
wollen wir heute nach Baharia aufbrechen, aber uns ist gar nicht wohl im
Magen.
Dünnpfiff, Magenschmerzen, Völlegefühl und Schwindel. Die Shisha hat
Nachwirkungen!
Wir vertagen die Abfahrt und hauen uns wieder aufs Ohr. Über Mittag gehen
wir wieder in die
Stadt, die berühmten Wasserräder begucken, Negermädels anlächeln, Daula
zocken,
Karkade schl?rfen und die Magenschmerzen ausdumpfen. Kurz einkaufen und dann
wieder an der
Matratze horchen bis in die Abendstunden. Ein deutschsprechender Ägypter
mit "Pfanne"
in Bielefeld braucht unseren Rat. Wir hängen ihm dafür unser Problem mit
der
Kette in Assuan an den Hals. Abends schicken wir Postkarten auf ihren Weg,
eine davon an Eihab, mit der Bitte, uns die Kette nach Germany zu schicken.
Wir packen soweit zusammen, in der Hoffnung morgen wieder fit zu sein.

Samstag 02.Januar 1993 Der 530-Kilometer-Marathon nach Bahariya
Um halb sieben stehen wir auf, sind blitzschnell fertig und bereit
abzudampfen.
Aber der Minusneger hat die Hosteltür von außen abgesperrt, im Glauben wir
würden
später fahren. Wieder steigt der Faxenpegel und wir machen Radau, bis der
Wachneger,
der extra wegen unseren Motorrädern Wache schiebt, von unten angerannt
kommt und aufsperrt.
Zur Vergütung der vielen Ruhestörungen im Hostel leihen wir uns das
Backgammonspiel
als kleine Entschädigung aus. Um acht Uhr starten wir Richtung Ibshawi,
wühlen
uns mitten durch einen Straßensuk, hupen was geht, drängeln, fluchen,
rammen Kamele, Esel
und Ochsen und machen Hunde und Gänse platt. Eine gute Stunde eiern wir so
rum, bis wir in Ibshawi sind und uns weiter bis ans Ende des Birket
Quarun durchfragen können. Wieder werden wir vereinzelt von Kindern
beworfen, doch ein
kleiner Zombie wird erwischt und vom Esel gezerrt. Sein eigener
Peinigerstab, mit dem
er wie ein Geisteskranker auf Michels Gepäck eingedroschen hat, wird
ihm selbst zum Verhängnis.
Nach einer Tracht Prügel läuft er wie die wilde Angst von dannen. Von
friedlichen
Bälgern lassen wir uns den Weg zum "Gebel" zeigen, über den
eine Piste
zur Verbindungsstrecke Kairo-Baharia führen soll. Doch die anfängliche
Piste wird
immer schmaler und schließlich verschwinden die letzen Spuren im Tiefsand
und mit
ihnen unsere Hoffnungen, diese Abkürzung nehmen zu können. Wir müssen
klein
beigeben, drehen enttäuscht um und machen erstmal Mittag am See. Gute 150
km haben
wir heute in der Früh gerödelt, für nichts und wieder nichts! Wir müssen
zähneknirschend
den Umweg über Kairo in Kauf nehmen. Mit 90 Sachen auf die Autobahn nach
Kairo, doch halt:
da gibt es doch noch eine Abkürzung über die 6. th October City. Gesehen,
gefahren und
100 öde Kilometer gespart. Super tanken in der Stadt und gleich weiter nach
Baharia, die Strecke kennen wir ja schon. Einige Verschnaufpausen für den
Hintern
erleichtern den Marathon. Kurz nach der 6. th October City kommt uns der
italienische
Spaghettisultan auf seiner schwarzen Africa Twin entgegen, den wir auch
schon in Rayan
getroffen haben. Ein kurzer Plausch und gute Fahrt. Noch 320 km bis Baharia
und es
tut jetzt schon einiges weh! Wir blockern durch die lybische Wüste, immer
mit dem
Wind in der Seite. Dementsprechend saufen die Kisten 8 Liter auf 100 km. Wir
fahren in den
Sonnenuntergang hinein und fallen in die Bahariasenke. Wunderschöne
Landschaftsszenen
spielen sich vor dem gelbroten Horizont ab. Es wird dunkel und wir können
unsere
Ketten zwitschern und knarzen hören. Sie schrabbeln, kratzen und schlagen
gar garstig
und uns wird ganz bang beim Fahren. Um ein Haar donnern wir in eine
unbeleuchtete
Straßenbaustelle: Neger, die im Stockdunklen die Straße asphaltieren! Ein
unbeleuchteter
Hänger und ein Truckercamp am Straßenrand mit brennenden Reifen sind die
kleineren
Gefahren. Der Hintern kneift und die Beine schlafen ein, aber Baharia ist
Nahe.
Je ein Pauend müssen wir wieder an der Holzschranke bei Menagem abdrücken.
Der
gleiche Conterganneger wie damals schon ist zum Kassierer auserkoren und
schröpft uns
grinsend. Vorbei an der Schwachsinnigensiedlung
zum zweiten Steilabfall in die Bahariasenke
und spät abends finden wir uns endlich in Bawiti ein. Alles wie gehabt,
alte Bekannte,
Ahmed der ortskundige Sozius, Orlow vom Paradies
Resturent, alle Businessgesichter.
Chuk Chuka und Karkade und hinein in eine lange Nacht mit den
"Paradiesvögeln"
und vier Deutschen. Recht lustig wirds beim Feuer, die Bongo wird angeheizt,
gesungen, getrommelt
und getanzt bis nach zwei Uhr. Jimmy, der Kampfköter, ist auch mit von der
Partie.
Im Resturent legen wir uns auch nieder.
- 530 km / 7599 km -Sonntag
03.Januar 1993 Die unverschämte Räuberbande
Seltsame Gockel gibt es hier, die alle Stunden in der Nacht losplärren,
vieleicht um Uhrenvergleich
zu machen. Trotzdem haben wir ausgezeichnet gepennt. Am Morgen ist es
schweinekalt
und die Griffel frieren fast am Brot fest. Den Aufenthalt in Bawiti wollen
wir
um einen Tag verlängern, weil wir eine Einladung zu einer original
Dünenparty
mit Bawitimusik haben. Doch nach dem zweiten Frühstück tuckern wir erstmal
auf
Einladung zu Ahmeds Safaricamp. Er hat hübsche Zimmer und eine warme Quelle
zum
Dampfbaden und Wasserstrahlmassieren. Wir lassen uns einweichen und fläzen
im 35°C-Wasser.
Magnifique! Danach werden wir durch Ahmeds Garten geführt: Limonen,
Orangen,
Oliven, Mangobäume, Datteln u. v. m. Es gibt Tee umsonst und wir dürfen
uns wie
zu Hause fühlen. Ahmed ist sehr nett und schon wieder verdächtig
zuvorkommend.
Nachmittags kommen wir zurück nach Bawiti und konsumieren fleißig im
Paradies,
warten auf den Partybeginn. Mit Orlow kehren wir bei Maghdi im
KIMO-Restaurant
ein und unterhalten uns ein wenig über die Touristenmafia in Bawiti. Um
acht
fahren wir zur Party nach Agouz, keine Dünen! Dort trudeln nach und nach
vermummte
Gestalten ein und es wird gebongot und gesungen. Die fiese Schallblase vom
Government
versucht sich vergeblich auf seiner libyschen Tröte. Insgesamt ist es trotz
Lagerfeuer eine recht müde Party und wir fahren bald mit Ahmed und
Dumpfbacke
wieder zurück. Großzügigerweise haben wir den Tee nicht bezahlen müssen,
dafür will die
Fratze vom Government unverschämte 15 LE für den Fahrer, der wiederum gar
nichts
von Geld erwähnt hat. Uwe liegt sofort der Gallensaft auf der Zunge und er
poltert
los. Jedesmal kommen die Aasgeier mit Geldforderungen nachher. Vorher Kumpel
und Einladung, dann eiskalt und unverschämt abzocken. Nicht mehr mit uns!
Am liebsten
würden wir der miesen Fratze die Haut abziehen. Geld bekommt er keinen
Piaster,
auch nicht für die Übernachtung bei Abdallah im Paradies-Resturent, für
die er
gleich noch 20 LE "für die Regierung" abschöpfen will. Später
sitzen wir noch
bei der immergleichen Musik mit anderen Leuten bis spät in die Nacht,
diesmal ohne Geld.
Spät hauen wir uns im Paradies wieder aufs Ohr. Die seltsamen Gockel
plärren
die ganze Nacht und auch Jimmy kläfft, worauf ihm Michel die Ohren
langzieht.
-14 km / 7613 km -Montag
04.Januar 1993 Die geheimnisvolle Strecke nach Siwa
Nach total versalzenem Chuk Chuka, Aufrödeln, Tanken und Einkaufen machen
wir uns
gegen zehn auf unsere Kampfgassocken. Die Entfernungsangaben nach Siwa
variieren
von 350 km bis 480 km. Unterwegs treffen wir Deutsche: ein Wüstengreenhorn
im VW-Bus
erzählt uns von seinen Fahrkünsten und von 500 Meter langen
Weichsandfeldern,
die noch vor uns liegen und ohne graben nicht passierbar wären. Die 500 m
reduzieren
sich später auf 20 m und die unpassierbaren Weichsandfelder sind genau
genommen ein einziges, das wunderbar
über die Dünen umfahren werden kann. Die fünf Militärposten wollen, wie
von
der Oasenstraße schon gewohnt, die Pässe sehen und blöde Fragen stellen.
Bei offensichtlich nur vier Personen im Umkreis von mehreren Kilometern
fragen
uns zwei Intelligenzneger, ob wir mehr als zwei Leute sind, worauf Michel
antwortet, er habe
noch einen Kumpel im Gepäcksack verstaut. Alles in allem ist die Strecke
landschaftlich sehr reizvoll, es ist alles geboten: schwarze und
weiße Wüste, Erg, Hammada, messerscharfe Steine, die senkrecht im Aspalt
stecken,
ein See und Wellblech-Asphalt. Mit mehreren Päuschen kommen wir gegen 18
Uhr
in Siwa an. Sofort empfängt uns Abdallah, dem wir zufälligerweise eine
Botschaft
aus Bawiti mitbringen sollen und organisiert uns nach dem Abendmahl ein
Hotelzimmer.
- 410 km / 8023 km -Dienstag
05.Januar 1993 Regen zerweicht die alte Oase
Ein "nubian telefone" direkt unter unserem Zimmer im
Madina-Hotel sorgt dafür, daß
wir morgens rechtzeitig aufstehen, um den ersten Regen in Siwa seit acht
Jahren
nicht zu versäumen. Richtige Tropfen klatschen auf die Lehmziegelbauten und
die Einwohner bangen um ihre nicht regensicheren Wohnungen. Wir futtern
unser Brot mit Feta und Jam
und bewundern den bedeckten Himmel. Der erste Regen vermiest uns die
Ausflugsfreude und
treibt uns lediglich über die matschige Straße ins Restaurent zu Karkade
und Daula.
Dabei zeigt Michel sich von seiner spendablen Seite und teilt seinen Tee mit
dem Brettspiel. Nach drei Partien läßt der Regen nach und wir schlappen
durch die Stadt
zur turmhohen Altstadt Shali aus dem 17. Jahrhundert. Die Lehmhäuser sind
dicht gedrängt
und übereinander geschachtelt, eng zusammengepfercht als Schutz vor
Eindringlingen.
Wir erklimmen den Fels, an den sich Shali schmiegt und erleben einen
grandiosen
Ausblick über Siwa. Weite Palmenhaine, die Seen, die Zeugenberge und das
große
Sandmeer im Süden Siwas. Weiter schlendern wir durch die Ruinen, die
teilweise
sogar noch bewohnt sind, schießen ein paar Detailfotos und flirten mit
Monika,
einer einheimischen Perle, die aus einem Fenster grüßt. Gegen ein Uhr
machen wir uns
Nudeln Napolium im Zimmer und planen die wenigen uns verbleibenden Tage. Den
Nachmittag vertrödeln wir mit Spielen und Rumgammeln im Umkreis von
fünfhundert Schritten,
die den Stadtkern in Siwa ausmachen. Post und Touristoffice sind wie so oft
geschlossen,
an der Tanke hat die defekte Elektrik den Spritstrom unterbrochen, es soll
erst morgen wieder
Saft geben. In den drei Restaurants sitzen die Touris gut verteilt,
konsumieren
und warten das schlechte Wetter ab. Beim Sahlab-Trinken im
East-West-Restaurant
zeigt uns ein Esel, was ein Gemächt ist - vollautomatisch ein und
ausfahrbar.
Trotz vieler ausgelasteter Lastenesel klappt das Telefonnetz hier gut und
die asthmatisch
röchelnden Nachrichten erfüllen den Äther, ab und zu bereichert vom
Klagegeschrei
der Muezzins. Laut "Tondok" ist Regen in Siwa kein Thema, doch
seit 1985 hat es heute
zum ersten mal wieder richtig gepinkelt. Abends kochen wir mal wieder
selbst: einen gestrichenen
Topf voll Milchreis mit Banane fürs Frühstück und zum Abendessen
probieren wir
selbstgemachtes Chuk Chuka aus Zwiebeln, Tomaten und Eiern. Es schmeckt
anders als
Orlows, doch es ist trotz aller Befürchtungen wieder mehr als genug. Was
solls, schließlich
müssen wir fit (fett) sein für den harten, kalten Rückweg nach good cold
germany.
Mit dem Einweckgummi ziehen wir durch die Hotelgänge und verbreiten Angst
und Schrecken unter
den Fliegen und Mücken, hinterlassen eine Spur der Verwüstung und rächen
uns etwas
verspätet für die Qualen, die wir schon in Dahab erleiden mußten. Die
Mopeds haben heute
ruhen dürfen und wir tun es jetzt.Mittwoch
06.Januar 1993 "Little rain is big problem for Siwa"
In aller Herrgottsfrüh weckt uns das Asthmablöken des Nachbaresels. Beim
Blick
aus dem Fenster fällt es uns wie Fliegen von der Decke: die Mopeds werden
saubergeregnet!
Es ist schon zu spät, der beste Dreck ist schon weg. Niedergeschlagen
schauen wir raus.
Gegenüber blitzen Zucke von den freiliegenden Stromkabeln, Jungs wimmeln
auf ihren
Lehmdächern herum und versuchen die Fluten abzuhalten. Der gestrige
Milchreis füllt
unseren größten Topf randvoll, wird aber im Nu dezimiert. Danach legen wir
uns wieder
ab, verschieben die Ausflugspläne und verdauen in der Horizontale. Später
gehen wir ins triefende
Cafe gegenüber und setzen uns ins Innere, wo es auch schon munter durch
die Decke
piselt. "Little rain is big problem for Siwa", sagt man uns.
Wohl wahr: vereinzelt
schwimmen Lehmhäuser vorüber, andere sind auf ihre halbe Größe
zermatscht und zeigen
große Risse. Die Straßen sind ein Brei und zum Mopedfahren denkbar
ungeeignet.
Also bleiben wir noch einen Tag und warten auf das Ende des großen Wassers.
Wir trinken Karkade und spielen Daula wie eh und essen einen Pancake zu
Mittag.
Irgendwann tun wir die paar Schritte zur Post und zum Tourist Office, das
leer
und verlassen ist. Kaufen Brot in der Bäckerhütte und waten durch den
Schlamm
zurück zum Hotel. Lesen und dösen, während es draußen pausenlos tropft.
Doch dauernd rumhängen liegt uns nicht, wir gehen lieber raus an die
feuchte Luft
und suchen den Bir Tanusi zu Fuß. Durchfragen und durchwaten. Knöcheltief
versinken
wir im Morast, biegen von der Hauptschlammstraße ab in die Palmenhaine und
genießen das Rutschen im Schlick. Endlich finden wir den Bir, ein
kreisrundes,
bodenlos tiefes Becken. Aus der Tiefe sieht man im glasklaren Wasser
Gasblasen
hochsteigen, die das Algen- und Müllagglomerat an der Oberfläche an den
Rand
drängen. Der Bir ist zwar warm, aber der Algenschmadder, die bodenlose
Tiefe und der
Dauerregen reden uns das Baden aus. Viel lieber baden wir unsere Schuhe im
Morast
zurück zum Cafe, wo heißer Karkade auf uns wartet. Im Hotel machen wir
uns nur eine
Suppe, weil wir für heute Diät beschlossen haben. Doch die
Kräuterrahmsuppe
wir recht dick und viel und Brot haben wir ja auch genug. Tagsüber Peanuts,
Datteln
und Orangen. So ist dafür gesorgt, daß auch heute Abend die Bauchdecke
ausreichend
unter Spannung steht.Donnerstag
07.Januar 1993 Im strömenden Regen an die Mittelmeerküste
Heute ist Weihnachten für die Araber, doch weder ihnen noch dem Wetter ist
etwas
davon anzumerken. Wir packen zusammen und rödeln die Mopeds auf, zahlen 18
LE für
drei Nächte und fahren guten Mutes zur Tankstelle. Aber dort: mafisch
benzina! Die
Elektrik ist immer noch im After. Vergebens versuchen wir anderswo Sprit zu
bekommen. Es bleibt nur warten und Kufta fressen. Da auch Abdallah keinen
Rat
weiß, fahren wir nach Fatnaas, einer kleinen Insel im Birket Wasweißich,
die
über einen Damm befahrbar ist. Davor treffen wir noch einen Italiener der
Motorradgruppe von den Rayan-Seen, der von ihren Ausfällen, dem
Liegenbleiben
ihres Jeeps und einer Regenfahrt erzählt. Außerdem entpuppt
sich die seltsam einheimisch gekleidete Weiße als die Bettina Leopoldo, die
seit
acht Jahren mit ihrem Mann hier in Siwa lebt und ein Buch über das Leben
der Frauen
von Siwa schreibt. Mit sämtlichem Gepäck schlittern und spritzen wir durch
den Morast
nach Fatnaas, springen kurzentschlossen in den 25°C-Whirlpool und sitzen
dann
bei Tee und Brotzeit in der Sonne, die sich dank des Windes gegen die Wolken
durchzusetzen
beginnt. Doch nur kurz, denn es zieht sich wieder zu und wir rutschen
zurück nach Siwa.
Die Tanke ist abgeschlossen und so fahren Michel und Abdallah zum Tankwart
nach Hause
und zerren ihn vom Mittagessen weg. Dank Allah gibt es jetzt wenigstens 80er
Sprit.
Wir versorgen die Ketten noch notdürftig mit Altöl und machen uns in den
Regenkombis
auf den Weg nach Marsa Matruh. Gleich nachdem wir die Siwasenke hoch sind,
gewinnt
die Wüste ein ödes Erscheinungsbild, das selbst der Sonnenuntergang nicht
zu verschönern
weiß. Fette schwarze Wolken werden vom kräftigen Wind herangetrieben. Mehr
als
ein paar Spritzer kommen aber nicht. Bei einer zweiten kurzen Pause schafft
es
der verdammte Wind in einem unachtsamen Augenblick, Uwes Moped umzuwerfen
und den
Bremshebel zu verbiegen. Überhaupt bläst uns der Scheißwind dauernd von
der Seite an
und erschwert damit das Fahren sehr. Zwei sinnlose Kontrollen werden
passiert.
Wir sind mittlerweile in kompletter Regenkluft, was sich dreißig Kilometer
vor
Matruh dann richtig lohnt. Es schüttet auf uns nieder und gnädigerweise
geht
Uwe wenige Kilometer vor der Stadt nochmal der Saft aus. In strömendem
Regen
und eiskaltem Wind wird nachgetankt. Marsa Matruh ist nahezu komplett
überflutet,
es gibt fast keine Straße, die nicht unter Wasser steht. Wir waten durch
die
Stadt, fragen verzweifelt nach dem Youth Hostel und kriegen langsam die
Faxen mit
den nixenglischsprechenden Idioten. Ein Laufneger sprintet dann neben
unseren Maschinen
her und führt uns zu einem Hotel am Meer, frech wie der Rotz am Ärmel
verlangt
er dann auch noch 2 LE für seine Führung zum Hotel. Die Mopeds pressen wir
durch
eine enge Tür in den Hotelflur. Der aufdringliche Ägypter ist ein
Paradeexemplar
für die Hohlköpfigkeit der meisten seiner Artgenossen, versteht nur
Bahnhof
statt Englisch und will nur Geld erhamstern. Am Ende einer heißen
Diskussion
wirft Michel ihm ein Pauend zum Balkon runter. Mit Reissuppe und Sahlab
beschließen
wir den beschifften Tag.
- 323 km / 8346 km -Freitag
08.Januar 1993 Am tosenden Meer entlang bis El Alamein
Unser Hotel liegt direkt am tobenden Mittelmeer, der Wind pfeift und
peitscht
die Wellen gegen den Fels. Sonne und Wolken wechseln sich ab, manchmal
regnet es.
Zum Brechfest kochen wir Milchreis, mal wieder mehr als genug. Der
Hotelmanager
bringt uns heißes Wasser und will kein Geld dafür! Kurz vor Mittag
kämpfen wir
gegen den Wind an Richtung Cleopatras Bad, haben etliche tiefe Furten zu
durchqueren.
An der Landzunge entlang, gegen die stürmische Seeluft, über
Sandverwehungen hinweg,
wühlen wir uns durch das "Sandstrahlgebläse". Wir schauen kurz
an die See und bewundern den
"blanken Hans", wie er schäumend und spuckend über die Felsen
spritzt. Zurück in Marsa Matruh
gönnen wir uns einen Gockel und geben den Ketten wieder Altöl, bevor wir
das Weite
suchen. Recht öde Steppenlandschaft hier, die vor 50 Jahren schon deutsche
"Touristen" mit bleispuckenden Fahrzeugen gesehen hat. Nur
hatten sie es weniger
schön, sie versauten sich den schönen Ägyptenaufenthalt, indem sie sich
mit den
Allierten die Köpfe einschlugen. Wir passieren die italienischen und
deutschen
Ehrenmale und kehren zum Sonnenuntergang in ein Hotel bei El Alamein ein.
Der
Hotelkoch bringt ein Omelette zustande. Die Mopeds dürfen wir im Restaurant
abstellen. Dort wird Öl aufgefüllt und die Kette gespannt. Michels Kette
hat sich nach der heutigen Unterwasserfahrt wieder um einige Glieder gedehnt
und ist kaum noch nachzuspannen, ohne Gefahr abzureißen. So reparieren und
ölen wir im Restaurant für die letzten Kilometer auf ägyptischem Boden.
- 214 km / 8560 km -Samstag
09.Januar 1993 Von El Alamein nach Alexandria
Aufstehen gegen sieben und Frühstücken im Hotel von El Alamein, das nur
ein
paar Häuschen ausmacht. Heute ist es fast unvorstellbar, daß vor
50 Jahren viele tausend junge Männer, wie wir, sich trotz der himmlischen
Strände an diesem Ort lieber umbrachten. Nach dem Heavybreakfast
(pfundschweres Blätterteigteil)
gehen wir über die Straße ins El-Alamein-War-Museum für 5 LE pro Kopf.
Das Innere ist
überraschend gut aufgebaut. Wir hören eine deutsche Tonbandstimme, die die
Vorgeschichte,
den Verlauf und die Folgen der Schlacht um El Alamein erläutert. Dazu
blinken zahlreiche Leuchtpunkte
auf einem Diorama. Eine sehr gelungene Show, und das in Ägypten!
Zu sehen sind auch sehr interessante Details und gute Fotos vom Alltagsleben
der
armen "Frontschweine". Die Gestaltung darf als sehr gelungen
bedacht werden.
Außen stehen einige ganz arg mitgenommene Panzerfahrzeuge und Kanonen, von
denen uns ein
Aufpasser in Uniform wegholt, um uns aus dem Gelände heraus zu einer
sandsackbefestigten
Stellung mit Bunker zu führen, wo wir uns kurz umsehen. Danach packen wir
auf und fahren
zum allierten Soldatenfriedhof. Derweil scheint wieder etwas die Sonne über
die mehr
als siebentausend Grabsteine - nicht einmal ein Zehntel der insgesamt 90000
Jungs,
die hier bei diesem Gemetzel ihren Afrikaaufenthalt beendeten. Das
beklemmende Gefühl
unter all den toten Gleichaltrigen treibt uns schließlich weiter. So wie
sie damals gegen Gleichaltrige
aus aller Welt gekämpft haben, treffen wir heute hier ihre potentiellen
Enkel und genießen friedlich
miteinander den Urlaub.Wir fahren die Küste entlang und staunen über den
azurleuchtenden
Badestrand, der sich kilometerlang hinzieht und die sich auftürmenden
pechschwarzen Regenwolken. Gerade noch rechtzeitig schlüpfen wir in die
Kombis,
bevor uns der Himmel auf den Kopf fällt. Der Regen begleitet uns bis nach
Alexandria.
Hier sind viele Straßen in Seen verwandelt, wie schon gehabt. Ein alter
Benz
fährt vor uns mit gesundem Tempo in eine Pfütze und lotet dabei das
ellentiefe
Loch exakt aus, wobei er aufschlägt und der Vorderreifen zerplatzt. Wir
baden uns durch
bis zu einem Hendlgrill und spachteln exzellentes Kufta. Die nette Negerdame
spendiert
uns sogar noch einen heißen Tee. Dann eiern wir lange Zeit in der Stadt
umher und finden endlich das
Youth Hostel. Der Manager wirft uns sofort die Worte "Daula" und
"Fayum"
an den Kopf. Wie auf frischer Tat ertappt stehen wir da, hochrote Birne
unterm Helm, stellen
uns unwissend und nix verstehend. Fluchtartig räumen wir das Terrain und
lassen das
Youth Hostel weit hinter uns. Haben die in Fayum doch tats?chlich ihr
Backgammon vermiát!
Nach langem Suchen enden wir im NORMANDIE-Hotel an der Corniche im 4. Stock.
Ein alter Kauz namens Ali biedert sich uns an. Wir ziehen ein und parken die
Mopeds
vor einem bewachten Luxushotelparkplatz. Der Alte führt uns von einer
falschen Ecke
zur anderen. Dabei erfahren wir, daß die ADRIATICA erst frühestens am
15.Januar ausläuft.
In einem griechischen Restaurant ("cheap") soll dann der
Kalamarifraß mit Minibeilage
statt 10 LE ganze 22 LE kosten, was uns glatt auf die Palme bringt. Wieder
ein Abkochversuch!
Nix da, Dreckbande! Der Pinguin kann sich drehen und wenden, kriegt aber nur
12 Pauend von uns.
Immer noch mehr als genug für den abartig scharfen Schlangenfraß. Danach
schicken
wir den alten Dackel mit 2 LE zum Teufel - er zieht fluchend von dannen. Wir
schlendern
durch die hell erleuchteten Straßen, wo ein Laden am anderen klebt. An
allen Ecken werden wir am
Ärmel gezogen, gehalten und genötigt irgendwelchen Plunder anzuschauen.
"Hello Mister",
"Mister, Mister","What's your name" schallt es im
Chor. Zum Heimwünschen!
Wir verziehen uns in ein proppenvolles Zockercaf'e und klopfen Daula bei
Sahlab und Tee.
Beim Bummel zurück zum Hotel treffen wir ein verrücktes Pärchen
von der Nebelinsel, manchmal auch Großbritannien genannt, die seit sechs
Monaten nur
mit Jeans und Lederjacke und einer 13 Jahre alten Jamaha XT unterwegs sind.
Sie bringen uns auf den Gedanken wieder nach Israel zu fahren, weil von dort
aus jede Woche eine billige Fähre nach Griechenland ablegt. Zurück
im Hotel brüten wir darüber bis spät in die Nacht.
- 134 km / 8694 km -Sonntag
10.Januar 1993 Ein Volk empfiehlt sich
Aufstehen um halb sechs und Abschied von Alexandria zum Sonnenaufgang. Auf
dem Hotelschrank
haben wir das unheilbringende Daula zurückgelassen. Kettenspray ist in ganz
Ägypten wohl
nicht aufzutreiben und so brausen wir davon Richtung Zagazig, fahren falsch
Richtung Kairo
und finden mit Hilfe von uniformierten Idioten wieder auf die Straße nach
Isma'iliya.
Michels laufende Nase hat sich etwas verfestigt, dafür faxt er jetzt mit
Reibeisenstimme.
Ein freundlicher Gastwirt auf der Strecke will uns heute löffeln, verlangt
für das Frühstück
sage und schreibe 22 LE und läßt sich bei der Hälfte zur Raison bringen.
So verstehen es die Neger,
einem ihr Land so allmählich zu vergällen.
Heute ist Kilometerfressen angesagt und so brettern wir auf der vierspurigen
Straße
dahin, jede Lücke nutzend und auf dem Seitenstreifen überholend. Gegen
Mittag versetzt uns
Allah wieder einen Schlag. Michels Reifen macht seine Drohung vom Vormittag
wahr.
Die Schlitze in der Karkasse haben sich vergrößert und den Schlauch
aufgerieben.
Ein Plattfuß in Afrika. Doppelscheiße! Mitten auf der stark befahrenen
Landstraße!
Michel baut eine Dreckbrockenburg vor die Mopeds, damit wir nicht
plattgewalzt werden,
doch während der Stunde, die wir reparieren, fetzen Busse und LKWs an uns
vorbei, daß es uns mitsamt
den Mopeds fast wegfegt. Zwei freundliche Helfer halten an, ansonsten nur
gaffende
Affenärsche mit ihrer typisch, provokanten Drehbewegung des Handgelenks,
als wollten
sie gerade eine Glühbirne eindrehen.
Hirnlose, sich durch ihr Gebahren selbst disqualifizierende geistige
Brummochsen.
Die sechs Kilometer nach Isma'iliya schleichen wir dahin, um den geflickten
Reifen zu schonen.
Dort angekommen sucht ein Reifenhändler vergebens nach Ersatz und schickt
uns dann zum Karkassenflicker,
einem "Experten". Ihm bei der Arbeit zuzusehen ist der blanke
Horror. Gänsehäute kriegen
wir, als der Schmied auf der Felge herumkniet und sie fachmännisch mit den
Montierhebeln
zerkratzt. Jeder Versuch seine sinnlosen "Reperaturversuche" zu
stoppen werden
mit einem "one minute" abgeschmettert. Er ist nicht aufzuhalten
und so lassen wir
ihn gewähren. Am Ende ist der Reifen unverändert schlecht aber unser
Geldbeutel um 20
Pfünder leichter. Nichts wie weg, weiter nach El Quatara.
Dort scheint es für uns keinerlei
Unterkunft uzu geben, alle Hotels wimmeln uns ab. Aus Protest stellen wir
die
Mopeds unter einer Restaurantmarkise ab, wo wir schlafen werden!
Umringt
von glotzenden Zombies fühlen wir uns wieder wohl.
Im Cafe sitzend, bei niveaulosen Kampfmovies und ebenso niveaulosen
Kopftuchhaltern,
fristen wir unseren letzten Abend in Ägypten. Zwischen den Mopeds legen wir
uns auf die Fliesen, Radaunix rein und Augen zu. Trotzdem dringen die
"Hallos" der
Volldeppen an unsere Ohren. Aus der ersten Tiefschlafphase reißt man uns
gegen zehn Uhr. Eine Gruppe von Hohlköpfen, angeführt von einem Polizisten
muß überzeugt
werden, daß wir uns nicht vom Fleck rühren werden, auch wenn es verboten
ist, auf der
Straße zu pennen. Das gleiche widerfährt uns um Mitternacht! Gerade hat
sich der Adrenalinspiegel
wieder beruhigt, rüttelt man uns zum zweiten Mal wach. Wir sind beide
fast am
Winseln, die Faxenschwelle ist längst überschritten und die
Hartnäckigkeit dieses
Bullen bringt uns zur Verzweiflung. Gut, daß das Bowieknife nicht greifbar
ist!
Geschlagene 20 Minuten brauchen wir, um ihn endgültig abzuwimmeln.
- 326 km / 9020 km -Montag
11.Januar 1993 Der Grenzübertritt ins gelobte Land
Am Ende schüttelt uns ein Trottel mit Knarre um halb fünf aus dem
Schlafsack, weil wir jetzt
weiterfahren müssen. Er steht da wie gepflanzt und glotzt zu, wie wir uns
schlaftrunken aus den Säcken in
die Kälte quälen, beim mittlerweile einsetzenden Muezzingeplärre packen
und
aufladen. Nachdem uns einige Einheimische in die Irre schicken, finden wir
endlich die
Fähre über den Suezkanal. Drüben auf Sinai setzt dann der strömende
Regen ein,
in dem wir uns mit ganzen 60 km/h bis El Arish durcheiern. Es regnet ohne
Unterbrechung,
etliche Wasserlachen sind zu durchqueren, die Ketten jubeln und tirilieren,
die
Karkasse ächzt. In El Arish ist der Straßenzustand katastrophal: wo keine
Überflutung herrscht, hat der Regen die aufgerissene Straße in eine
Schlammpiste
verwandelt. Wir driften zu einem Imbiss und gleiten weiter auf einen Tee zum
Aufwärmen
in ein Straßencaf'e. Dann weiter nach Rafiah, wo plötzlich schon die
Grenze zu Israel ist!
Völlig überrascht stürzen wir uns sofort in die Abwicklung der
Formalitäten,
ohne an unsere nötigen Einkäufe zu denken. Von nun an beginnt ein Alptraum
im
Hagelregen, der jeder Beschreibung spottet. Nach der Paßkontrolle (gratis!)
lassen wir
je 25 LE fürs Carnetabstempeln, verbringen eine Stunde bei der
Trafficpolice
in Rafiah, um einen
handgekritzelten, mit Briefmarken beklebten und von zig Händen
unterschriebenen
Wisch nachzureichen und streiten völlig umsonst um das Pfand für die
ägyptischen
Nummernschilder, die wir bei der Ausreise wieder abgeben müssen.
Michel rastet
aus und plärrt einen Zöllner an, der stets lacht und nie zuhört, wenn man
was
erklären will. Michel ist stark am Faxen und Uwe beißt sich die
Kauleiste platt. Die Pest auf diese Ägypter! Wir latschen im Regen an der
Grenze umher,
werden von Hammad zu Kemal geschickt, warten und kriegen uns nicht mehr ein.
Die Abgabe der Nummernschilder soll nun auch noch 6 Pfund kosten! Jetzt ist
Uwe auch so
weit, er brüllt den Neger an, der Neger brüllt Uwe an und das Wechselgeld
fliegt zum Fenster raus.
Mit rauchenden Köpfen und Rießenwut im Bauch wollen wir auf die Mopeds
steigen, da tippt uns ein
Mann in Deppenuniform auf die Schulter und führt uns zu einem Schild, auf
dem in
großen Lettern "16 LE" steht. Ein Verzweiflungslacher entfährt
uns. Wir zeigen ihm
Michels leeren Geldbeutel mit nur noch einem Pfund und lügen, das sei unser
letztes Geld.
Warten in einem Büro, ein weiterer Wisch, Stempel, Marken und wir dürfen
die
Grenze passieren, "without any money". Letzte Flüche und
Verwünschungen zum
Abschied und bloß weg ins gelobte Land, in die Zivilisation. Wir sind sehr
erleichtert, obwohl
wir erst jetzt richtig gefilzt werden. Doch die hübschen Mädels am Zoll
erleichtern das Abrödeln und
Auspacken. Alles wird ge-x-rayed, Metallsachen müssen rausgeräumt,
bzw. ausgezogen werden.
Uwe muß gar sechs mal durch die Schleuse, bis er nur noch in T-Shirt und
Hose dasteht:
die Stahlkappen der Motorradstiefel! Die eineinhalb Stunden bei den Israelis
sind ein
Traum gegen die viereinhalb Stunden, die wir bei den "Wilden"
haben warten
müssen. Mittlerweile ist die Nacht hereingebrochen und wir tuckern nur noch
bis zum ersten Kibuzz
(Kerem Shalom) wo wir das Zimmer eines Volunteers bekommen, das uns für
eine Nacht von einem
Schweizer überlassen wird. Der Kibuzz ist ganze 40 Leute stark und so groß
wie ein
Hühnerstall, liegt direkt an der ägyptischen Grenze und am Gaza-Steifen,
in dem es zur Zeit gut
kracht. Abends fressen wir uns im Gemeinschaftsraum die Wampe voll, schauen
"Indiana Jones" und duschen mal wieder.
- 220 km / 9240 km -Dienstag
12.Januar 1993 Tel Aviv und Jaffa
Gut geschlafen und gefrühstückt und das Wetter wird bombig, doch die 40
Shekel, die
wir wider erwarten zahlen sollen, holen uns wieder auf den Boden zurück.
Abschied
von Marcel, der wieder aufs Feld muß zum Trecker fahren. Schnurstracks nach
Tel Aviv,
um einen neuen Vorderreifen für die Africa Twin zu besorgen. Vielleicht
können
wir unsere Motorräder hier verkaufen, trotz geplatztem Vorderreifen,
verbogenem Kupplungshebel, fertiger Kette und bröselndem
Kettenrad - die Transalp mit null Profil auf dem Hinterrad, kaputtem Tacho,
verbogenem Bremshebel
und abgebrochenem Spiegel. Wir knüpfen erste Kontakte (Gadi) beim
Rumgondeln in Jaffa
und ziehen ein im Old Jaffa Hostel. Wir treffen Gadi am Hafen und er
verbreitet
das Gerücht des Motorradangebots in ganz Israel. Er ruft einige Freunde an,
lädt uns
zu Pizza ein und will uns nach Kräften helfen. Das Hostel ist toll: junge
Leute aus aller
Welt, Rumtreiber und Globetrotter, angehende Juden und ehemalige Voluntäre.
Jeden Abend sitzen alle im Salon zusammen, quatschen, spielen, saufen und
hören Musik.
Gekocht wird für alle und für sechs Schenkel kann man auf den Teller
türmen, was drauf geht.
- 130 km / 9370 km -Mittwoch
13.Januar 1993 Wie sollen wir heimkommen?
Der Schlafsaal ist gut gefüllt und kostet 17 Shekel pro Mann und Nase. Den
Tag
verbringen wir mit Adressen abklappern, Händler fragen und einfach
rumschauen.
Stets die gleiche Story: zu teuer, kein HONDA-Händler in Israel
oder nur Paß-zu-Paß Verkauf. Anfragen bei der Jerusalem Post und einem
hebräischen Blatt
wegen eines Verkaufsinserats für die Mopeds bleiben beim Preis stecken.
Für ein 10-Wort-Inserat
sollen wir 100 NIS abdrücken. Der Verleger läßt sogar mit sich feilschen,
doch die
Tiefstpreise sind uns auch noch zuviel und so lassen wir es damit bewenden,
zumal wir
für die Paß-zu-Paß Variante einen hier lebenden Ausländer brauchen, der
unsere
Mopeds kaufen will.
Beim Mittagsimbiß werden kurzerhand Michels
Winterhandschuhe geklaut. In einem Reisebüro wenden wir den potentiellen
Supergau ab
und versichern uns erstmal einer Rückkehrmöglichkeit:
jeden Donnerstag legt eine Fähre nach Griechenland ab. Wir bummeln noch
etwas und
aklimatisieren uns langsam wieder, besonders in Bezug auf die Preise. Abends
sind wir
wieder im Hostel, schauen beim Essen zu, futtern Baguettes und holen drei
Tage im Tagebuch nach,
lesen Lessings Gedichte und quatschen.
- 20 km / 9390 km -Donnerstag
14.Januar 1993 Freudiges Wiedersehen mit alten Bekannten
Ein Hostelvoluntär wirft uns rüde aus den Betten, weil die Mopeds (über
Nacht im
Hosteleingang) aus dem Weg müssen. Wir packen unsere sieben Sachen und
checken aus,
d.h. zahlen 92 NIS für zwei Nächte mit Getränken und Frühstück, wobei
wir großzügigerweise
nur ein Breakfast unterschlagen. Wir fahren in die Chlenovstreet und
klappern nochmal die Händler nach Interessenten ab, kaufen einen
Vorderreifen
für 125 NIS, ein Kettenspray und montieren den Reifen selbst an Ort und
Stelle auf dem
Bürgersteig. Das Interesse an unseren Mopeds ist enorm, das verraten die
vielen
Blicke aus Nah und Fern. Gegen Mittag räumen wir das Hostel, werfen noch
ein Sandwich ein
und fühlen uns mal wieder richtig gut auf dem Bock Richtung Haifa. Mit
gesundem
Speed ist uns sogar der Stadtverkehr wurscht. Wir nehmen die Autobahn bis
Hadrah,
dann ab nach Afula ins schöne Südgaliläa, Richtung Tiberias. Wir erfreuen
uns
an der schönen grünen Hügellandschaft mit kleinen Bergen, an und auf
denen Dörfer
kleben, wie in der Toskana. Gegen vier Uhr kommen wir an dem Wegweiser nach
Beit Keshet
vorbei und ein seltsames Gefühl beschleicht uns: vor neun Wochen sind wir
schon mal hier
gewesen! Der Urlaub, der damals noch vor uns lag ist jetzt vollbracht und
den Ort und die
Leute gibt es immer noch. Das Dejavu-Erlebnis ist perfekt. Wir kennen den
Weg zum Hause
der Kolonimos noch ganz genau. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu
sein, doch den Sohn Nimrod
erkennen wir nicht, als er uns empfängt. Wohl aber Jossi und Miri, die uns
sogleich mit herzlicher
Gastfreundschaft überfluten. Wir bekommen Olivers Bungalow, unsere Wäsche
wird morgen gewaschen
und abends essen wir mit ihnen in ihrem Haus. Wir sollen bleiben und uns
ausruhen
und Miri will uns einen freien Tag widmen. So viel Wärme, Glück und
Hospitality
können wir kaum fassen und danken vielmals. Es ist fast peinlich, wieviel
die Leute für uns
tun und deutsch wie wir sind, fühlen wir uns fast etwas beschämt,
angesichts der selbstlosen
Aufopferung unserer Gastgeber. So viel Glück nach dem Disaster der letzten
Tage
und an der Grenze. Wir rufen kurz zu Hause an, sagen "Bescheid!"und
daß wir
hier ein paar Tage residieren werden, im wahrsten Worte des Sinnesschmauses:
Essensvielfalt,
heißes Wasser, Glotze, gute Musik, komfortable Betten und keine Ägypter
mehr.
- 140 km / 9530 km -Freitag
15.Januar 1993 Zu Besuch bei Freunden in Kiriat Shemona
Um kurz vor acht lassen wir uns wecken, weil wir bis halb neun im
Dinigroom sein müssen, um uns den Wanst vollzuschlagen. Mit Miri gehen
wir zum Frühstück, Yossi ist auf Arbeit und hat bereits unsere Wäsche
abgegeben.
Danach schafft es Miri, die Mopedleute aus Kiriat Shemona telefonisch
auszumachen
und wir fahren gleich darauf los, um sie zu besuchen. Die Sonne lacht uns
an, wie wir von Lower Galiläa
durch die grandiose Bergwelt nach Upper Galiläa pfeifen. Die Landschaft
ähnelt
manchmal der fränkischen Schweiz, felsübersäten grünen Bergwiesen wie in
Wales
oder Landstrichen wie in der Toskana. Nach einer guten halben Stunde
haben wir Mark, den Australier, und Franne wiedergefunden. Nichts hat sich
verändert
rund um die Mopedschmiede. Bis ein Uhr tanzen ein paar Leute an, von denen
sich
viele für unsere seltenen Maschinen interessieren. Es blutet uns
das Herz bei dem Gedanken unsere treuen Maschinen für ein Butterbrot in
diesem
fernen Land zurückzulassen. Bei Kaffee und Plätzchen hocken wir in der
Sonne und
sehen zu, wie ein Probefahrer Uwes Moped umlegt. Über allem wacht der
schneebedeckte
Mount Hermon. Gegen eins brechen wir mit sieben weiteren Mopeds (800er Suzi,
Guzzi,
DR 600 und Jawa-Stinker) zu einer Spritztour in die Berge auf. Die Route
führt auf bekannter
Strecke am Youth Hostel vorbei hoch in die Hügel Galiläas. Viele enge
Kurven in
herrlicher Umgebung, knapp an der Grenze zum Libanon entlang. Gegen drei Uhr
verabschieden
wir uns von den netten Jungs und Mädels und fahren zurück nach Beit Keshet.
Auf
der Strecke liegen einige platte Schakale, Hunde und sogar zwei aufgedunsene
rießige Kühe am Straßenrand. Miri serviert uns einen Snack und wir
genießen den
Sonnenuntergang. Vogelfamilien ziehen vorüber, vor uns im Garten blühen
die Blumen
und auf den Wiesen in den Bergen brüllen die Weideviecher, bevor die
Schakale
ihren allabendlichen Heulgesang anstimmen. Abends sitzen wir vor unserem
Diary
und versuchen uns am Verfassen eines Reports für die Zeitschrift
Tourenfahrer,
was allerdings mehr ein Lacherfolg wird, als ein schriftstellerischer. Angie
ruft
uns an und verstärkt noch ein wenig das Heimweh.
- 207 km / 9737 km -Sabbat
16.Januar 1993 Ausflug nach Tiberias und zum Mount Tabor
Frühstück im Speisesaal. Nach dem Bauchfüllen fahren wir Richtung
Tiberias an
den See Genezareth, auf der Suche nach einem geeigneten Aussichtspunkt über
den
See. Wir finden etwas
außerhalb einen Platz oberhalb der Straße, von dem aus wir auf den Berg
steigen werden, um die Aussicht zu genießen. Wir lassen uns eine Weile die
Sonne auf
den Pelz scheinen und fahren anschließend
zurück und hoch auf den Mount Tabor, oft nur im ersten Gang, um keine der
vielen Spitzkehren
auszulassen. Oben auf dem Gipfel (540m) ist ein Kloster und es bietet sich
ein weiter Ausblick auf
die Hügel im Norden und Osten und die flacher werdende Landschaft
Richtung Afula. Viele Ausflügler am Sabbat bevölkern dieses scheinbar
beliebte
Ausflugsziel und wir ziehen es vor, in den Kibbuz zurückzukehren, um die
Abendsonne
in Ruhe zu genießen. Unsere Schriftstellerversuche stellen wir vorerst ein,
nachdem
das Stückwerk uns zu immer neuen Schenkelklopfern hinreißt. Am Abend kommt
Ofer mit einem
Freund und wir diskutieren und argumentieren über alles mögliche.
Für eine halbe Stunde unterbrechen wir, weil wir die Essenseinladung von
Miri einfach nicht
abschlagen können. Später bieten wir unseren Gästen verpfuschten Shai an
und
reden noch eine Weile über Motorräder und die Probleme, in Israel ein
Gefährt,
wie wir es haben, zu bekommen.
- 99 km / 9836 km -Sonntag
17.Januar 1993 Herumgondeln in Israel
Breakfast as every day. Ein Hin und Her und schließlich fahren wir wieder
nach Kiriat
Shemona zur Werkstatt und treffen Franne, Gai und andere Freunde. Viele
Leute schauen vorbei, aber es ist
kein zahlungskräftiger Käufer unter ihnen und die Angebote fürs Equipment
sind nur ein Lächeln wert.
So fläzen wir in der Januarsonne, lassen uns für eine lokale Zeitung
ablichten
und interviewen, würgen eine zentimeterdicke Rinderschuhsohle runter und
spülen mit Goldstar-Bier nach. Gegen drei Uhr fahren wir zu Ofer, trinken
Tee
und fahren zu einem reichen Knorzen, der Interesse an der Afrika Twin
aber
von Mopeds nicht viel Ahnung hat. Abends gilt es
wieder die Bauchdecke spannen auf Kolonimos' Kosten, Daula spielen mit ihren
Sprössen und etwas plaudern.
- 170 km / 10006 km -Montag
18.Januar 1993 Nocheinmal auf den Golanhöhen
Bis Mittag fläzen wir in der Sonne auf unserer Terasse, nehmen Fisch im
Diningroom
zu uns - unser erstes Mittagsmahl im Kibbuz. Unsere Mopeds führen uns am
See Genezareth
vorbei zu den warmen Quellen an die Grenze von Jordanien. Doch der Eintritt
kostet
selbst für Studenten 23 NIS (ca. 14 DM) und so lassen wir das Baden und
schrauben
uns eine steile Serpentinenstraße hoch auf die direkt angrenzenden
Golanhöhen.
Von oben bietet sich ein überwältigender Ausblick auf den See Genezareth,
Tiberias
und die Hügel von Galiläa und das dunstschwangere Jordantal. Ostwärts
schweift der
Blick bereits weit in das jordanische Bergland. Über Afiq steigen wir
wieder hinab zum
Ostufer des Sees und legen an einem Badeplatz eine Pause ein. In Kinneret
kaufen wir ein Guruguru-Fleisch für abends, weil die Kolonimos sich einfach
vor dem Essenmachen drücken wollen. Die Strecke bzw. die ganze Gegend
kennen wir
jetzt bereits so gut, daß wir uns ohne Landkarte zurechtfinden. Seit langem
machen wir
selbst wieder was zu Essen: Chinapfanne, Champions, Ananas und Reis. Bis in
den
Dienstag hocken wir noch vor der Glotze und lassen uns von schockierenden
Vietnamreportagen beeindrucken.
- 124 km / 10130 km -Dienstag
19.Januar 1993 Der faulste und kürzeste Tag in diesem Buch
Das Wetter ist wie bei uns im Frühling und wir genießen es ausgiebig im
Freien, den
ganzen Tag lang. Dame spielen und Gulasch kochen am Abend. Nebenbei bringen
wir nach zähem Ringen und Feilschen ein Geschäft zum Abschluß.Mittwoch
20.Januar 1993 Der Größte Anzunehmende Unfall
In der Früh fahren wir mit den Mopeds nach Tiberias an den See Genezareth
und steigen einen Berg hoch, um die grandiose Aussicht zu genießen und
Fotos zu
schießen. Als wir unten wieder ankommen, trifft uns fast der Schlag: die
Mopeds, abgeschlossen,
sind verschwunden! Zeuge der Greueltat ist nur die durchgezwickte große
Abuskette
am Boden. Die Motorräder mit Taschen, Koffern und Helmen, einfach weg! Wir
rennen
zur Straße, halten ein Auto an und lassen uns in die Stadt bringen. Der
nette junge
Mann, sein Name ist Ofer, fährt uns gleich zur Polizei und hilft
übersetzen, da
keiner englisch spricht. Doch der zuständige Büttel macht gerade Mittag
und so
nehmen wir auch erst einen Snack auf den Schreck. Der Bericht bei der
Bullerei wird
teilnahmslos hingenommen und wir bekommen einen Diebstahlbericht.
Der junge Mann bringt uns sogar nach Beit Keshet zurück. Total aufgelöst
rufen wir
unsere Versicherungen an und klären ab, was zu tun ist. Abends verscheuern
wir Teile
unserer Ausrüstung, weil wir unmöglich alles mitschleppen können. Die
Kolonimos'
teilen uns mit, daß wir das Zimmer räumen müssen, weil neue Voluntäre
erwartet werden.
In der Nacht finden wir kaum Schlaf, weil unsere treuen Mopeds nun nicht
mehr
unter uns weilen.
- 72 km / 10202 km -Donnerstag
21.Januar 1993 Umzug nach Tiberias
Nach dem Frühstück warten wir vergeblich auf Ofer, der uns seine Hilfe
versprochen
hat, weil wir jetzt ohne Mopeds recht immobil sind. Bis halb zwei warten wir
quälende
Stunden in der Sonne, bis er uns endlich abholt. Bei ihm beraten und
quatschen
wir bis spät in den Nachmittag. Obwohl er versprochen hat, uns nach
Tiberias in ein Hotel zu
bringen, stellt er uns mit einer Ausrede an einer Bushaltestelle ab. Alles
klar und auf
Wiedersehen. Der verwunderte Busfahrer nimmt uns mit all unserem Gepäck nach
Tiberias mit, wo wir ein Taxi
benötigen, um zu einem Hotel zu kommen. Die vielen schweren
Sachen bringen uns zu dem Entschluß, morgen ein Mietauto zu nehmen. Das
Quiet Beach Hotel
ist nicht billig (240 NIS), aber es gibt laut Taxifahrer kaum noch billigere
hier,
wir sind eben an einem Touristenort. Die Zimmer sind allerdings ziemlich
luxoriös, mit Fernsehen,
Supperbetten, Teppich und einem sterilen Bad! Wir lassen es über uns
ergehen,
schließlich haben wir keine andere Wahl. Glücklicherweise haben wir unsere
Tasche
mit sämtlichen Papieren bei Ofer stehenlassen, das gibt wieder ein Gerenne,
bis wir Ofer erreichen! Abends schlendern wir durch die Stadt, kaufen Wurst,
Brot
und setzen uns neben den Luxushotels in die Fußgängerzone zum Futtern.Freitag
22.Januar 1993 Die Heimkehr naht
In all dem dekadenten Embiente haben wir auch nicht besser geschlafen als
sonst, dafür
ist das Frühstücksbuffet erstklassig. Anschließend holen wir einen Fiat
Uno von AVIS für
nur 430 NIS (ca. 290 DM), schlichten unsere Sachen rein und fahren Richtung
Nablus
durch besetztes Araberland. Überall nur noch blaue Nummernschilder, ab und
zu
zerschossene und ausgebrannte Autowracks. Einen israelischen Straßenposten
fragen wir, ob
es gefährlich sei, hier durchzufahren. Er zögert, sagt dann "no, but
drive quickly"!
So pfeifen wir ohne Pause mit gemischten Gefühlen durch ein ganz anderes
Israel:
hier ähnelt es mehr Ägypten. Wo die Araber leben, liegt überall Müll,
die Straßen sind übel
und das ganze Erscheinungsbild der Orte, die wir durchbrausen, ist komplett
anders als in jüdischen Landesteilen: heruntergekommene Häuser, Dreck und
alle
typisch arabischen Eigenheiten. Gegen drei sind wir am Ben Gurion Airport,
kaufen
Michels Ticket nach München und suchen ein Hotel in Tel Aviv. Wir essen im
uns bekannten Old Jaffa beim Bäcker um die Ecke und checken dann im Astor
Hotel ein,
das ebenso "preisgünstig" ist wie unser letztes Hotel, aber
weniger komfortabel.
Michel fliegt morgen um 15.15 Uhr nach München und Uwe um 16.25 Uhr nach
Frankfurt mit Anschluß
nach Nürnberg. Kleine Sorgen machen noch die übrigen Shekel, die wir
tauschen müssen
und unsere "verwundbaren" Souvenire.Samstag
23.Januar 1993 Abschied von Israel
Nach dem Frühstück latschen wir noch etwas am Strand entlang, um die Zeit
totzuschlagen. Es ist so warm, das manche Leute sogar in Badehose rumlaufen.
Ein kleiner Snack noch und ab gehts zum Fluchhafen. Die Sicherheitskontrolle
mit tausend Fragen
müssen wir über uns ergehen lassen, doch die gestohlenen Motorräder
bereiten
überhaupt keine Schwierigkeiten, Gott sei Dank. Wir tauschen unsere
Schenkel in
die beliebte Deutschmark und schlendern an den Gates zur Rollbahn entlang,
als
ein paar mal "Mr. Pophal!" aus den Lautsprechern an unsere Ohren
dringt. "Yes, I am, what's the
matter?" Offensichtlich ist er etwas zu spät, alle anderen Passagiere
sind bereits
an Bord und warten nur noch auf Michel. Hier trennen sich unsere Wege und
jeder fliegt alleine
der Heimat entgegen.Drei Monate und
etwa 10000 km auf dem Motorrad sind gut überstanden und ein wunderschöner
Urlaub ist zu Ende.
© 1998 Michael Pophal, Letzte Überarbeitung: 07.07.04