Tunesien-Tagebuch 2003
von
Michael Pophal

Die Tunesienkarte zur Orientierung
oder
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Google Maps <<
15.01.2003, Fürth, EuroMed Klinik
Meine Operation ist überstanden. Gestern wurden die Mittelhandknochen vom Kleinen- und
Ringfinger an meiner linken Hand verplattet und verschraubt. Der Urlaub war
zu Ende bevor er richtig beginnen konnte. Im Chott el Jerid habe ich mich
bei 80-90 km/h mit meiner AfricaTwin überschlagen. Der Sturz sah wohl
recht spektakulär aus, so Holger, mein guter Freund und Reisepartner. Ein
Wunder, dass nicht mehr passiert ist. Die Maschine hat es ziemlich erwischt,
der Inhalt meines Topcase liegt verstreut im Chott, das Topcase ist nur noch
in Teilen, das Vorderrad zeigt ganz woanders hin als der Lenker, den
Heckrahmen hat es möglicherweise auch noch erwischt.
Eigentlich wollten wir unsere
Tunesientour schon im Januar 2002 machen, aber zu dieser Zeit trat in
Holgers Leben sein kleines Töchterchen. So fingen unsere Vorbereitungen
erst im Herbst 2002 an. Holger rüstete sein MuZ Baghira wüstentauglich um.
Meine AfricaTwin bekam eine neue Kupplung, die hat sie sich nach 96.000 km
auch verdient, ein neues Kupplungsseil, Batterie, Kettensatz und die
Karoo-Sandreifen von Metzeler. Weitere Umbauten waren nicht mehr nötig, in
Marokko und Libyen konnte sich meine Twin bereits besten bewähren.
Holger organisierte einen
Motorradanhänger und kam am Abend des 2. Januar 2003 zu mir nach Nürnberg.
Wir verzurrten darauf die Maschinen, machten noch Routenplanung und
fütterten unsere GPS-Geräte. Am nächsten Morgen, so gegen 5:30 setzten
wir uns mit unserem Gespann Richtung Mailand in Bewegung. Dort ließen wir
Auto und Hänger auf einem Firmengelände stehen. Die restlichen 140km bis
Genua legten wir mit den Motorrädern zurück. Zunächst erschwerte dichter
Nebel und kalte Luft die Fahrt, bis die warme Mittelmeerluft die Kälte
wieder aus den Knochen trieb. Auf der Autobahn vor Genau bleibt plötzlich
meine Twin stehen. Ein genialer Platz, keine Beleuchtung, kein Standstreifen
und jede Menge LKWs. Holgers erste Vermutung stimmte, der Tankrucksack
verhinderte die Tankbelüftung meines 45l Tanks von AfricanQueens. Diesen
Fehler habe ich am Hafen endgültig behoben. Unsere Nacht verbrachten wir am
Hafen auf der Kaimauer zwischen unseren Mopeds. Bei selbstgekochtem Tee und
einem ausgiebigen Abendessen genossen wir die milde Meeresluft.
4.1.2003 Genau - Tunis
Den Vormittag des 4. Januar
verbrachten wir bis 15 Uhr mit Warten auf die Fähre. Wir lernten Burkhard
und Klaus, Bodo und Mark kennen. Der Seegang machte mir so zu schaffen, dass
ich mich für ein paar Stunden in meine Koje zurückzog. Schon sehr
angeheitert erwarten mich die Jungs an der Bar. Der feucht fröhliche Abend
hatte für Holger Konsequenzen ... mitten in der Nacht sprang er mit
Stöhnen und dicken Backen aus seinem Bett und verkroch sich in der
Nasszelle unserer Kajüte. Es schlief zwei Stunden auf dem Boden neben der
Schüssel, bis in der Brechreiz übermannte.
5.1.2003 Tunis - Bou Fiche
Mit dem Erledigen der
Einreiseformalitäten und einem ausgiebigen Frühstück beendeten wir die
Fährfahrt. Unsere Maschinen haben endlich tunesischen Boden unter den
Stollen. Nach einer zügigen Grenzabfertigung fuhren wir zu sechst nach
Hammamet zum Kaffee trinken und Einkaufen.
Westlich von Bou Fiche fragen wir den Bauern
um Erlaubnis auf seinem Land übernachten zu dürfen. Wir sammeln Holz und
errichten das Lager. Nachdem wir kein Zelt dabei hatten, war das für uns
auch schnell erledigt. Lediglich eine Plane sollte uns bei schlechtem Wetter
vor Wind und Regen schützen. Am Lagerfeuer wird ein Huhn gebraten.
Derweilen besucht uns der Bauer, schenkt uns zwei frische Fladenbrote und
verschwindet wieder. Diese Gastfreundlichkeit habe ich bisher nur in Afrika
erlebt. Etwas später gesellen sich noch zwei arabische Jungs zu uns, bis
sie später von ihrem Vater mit Stockhieben und lautem Geschrei wieder nach
Hause getrieben wurden. Auch die zwei Jungs kamen nicht mit leeren Händen,
Eier und Kekse waren ihr Gastgeschenk. Nach dem Hähnchen,
Globetrottergeschichten und dem Erlöschen des Feuers trieben uns die 10 °C
kalte Luft in die Schlafsäcke. Bereits in der ersten Nacht wurde unsere
Zeltkonstruktion aus Plane und zwei Motorrädern vom Regen getestet.
- 177 km / 177 km -
6.1.2003 Bou Fiche - Sbeitla
Bei 6 Grad tummeln sich schon in aller
Frühe Klaus und Burkhard draußen rum. Sie wollen heute noch nach Djerba
reiten, dort erwartet ein Kumpel sie schon mit einer Fete. Klaus tuckert mit
seiner Harley den Hang hinunter und verschwindet hinter den Bäumen,
während Burkhard mit seiner Pegaso schon etwas sportlicher das Terrain
verlässt. Bald darauf verabschieden sich Bodo und Mark, während wir
erst mal gemütlich Rührei braten und Tee dabei trinken. Mit 4 Wochen Zeit
können wir uns schon etwas Gemütlichkeit erlauben. Gegen 11 Uhr setzen wir
uns in Richtung Kairouan in Bewegung, das Holgi gerade noch mit dem letzten
Tropfen Sprit erreicht. Bei Kaffee planen wir die weitere Route und
entschließen uns weiter nach Sbeitla zu fahren, um dort die römischen
Ruinen zu besichtigen. Es geht auf einer Piste weiter Richtung Süden. Da
die Dämmerung nicht mehr lange auf sich warten lässt und ein starker Wind
aufkommt, machen wir uns auf Schlafplatzsuche. Ein kleines Gemäuer soll
uns genügend Windschutz geben, doch auch diese Idylle ist uns nicht
gegönnt ... Walid taucht auf und bot uns an in dem unweit gelegenem Marabut
zu übernachten. Wie sich später herausstellte, wurde in diesem Marabut
Walids Großvater beigesetzt und wir schliefen also in einer Familiengruft.
Der tosende Wind, der dröhnend die Hohlgasse entlang strich gab dem ganzen
einen noch schaurigeren Anstrich. Nachdem wir uns in dieser
"Grabstätte" häuslich eingerichtet hatten, erschien Walid mit
seinem ganzen Clan. Sie brachten uns Essen, dessen Anblick und Konsistenz
einem Kuhfladen entsprach ... aus Höflichkeit aßen wir das Gericht. Es war
fettes, wabbeliges Hammelfleisch, dass sich leicht mit der Zunge
zusammendrücken ließ. Leider isst das Auge mit und so kostete es sehr viel
Überwindung, dass Mal zu verzehren. Nach langem Palaver mit Händen und
Füssen verabschiedet sich der Clan bis auf Walid und sein Freund Abdallah.
Sie möchten mit uns morgen früh auf die Behörden gehen, damit wir eine
Bürgschaft für deren Deutschlandurlaub übernehmen. Pustekuchen, wir
entschließen uns vor Walids Morgenerscheinung weg zu sein, das heißt also
um 5 Uhr aufstehen.
Mit so einer Bürgschaft übernehmen wir die volle Haftung für die Jungs, sowohl Krankenversicherung, etc.
- 221 km / 398 km -
7.1.2003 Sbeitla - Tozeur
Der Wecker klingerlt, der Wind pfeift. Trotz der ungemütlichen Dunkelheit packen und flüchten wir vor unserem Gastgeber. Um 5:30 wandern unsere Scheinwerferkegel über die staubigen Pisten. Wir fahren über Sbeitla nach Kasserine um dort zu frühstücken. Nach Sonnenaufgang geht es weiter nach Om Laksab. Der permanente Westwind peitsch böig auf uns und unsere Motorräder ein. Das Fahren gleicht dem Gang eines Betrunkenen, der gerade aus der Kneipe stolpert. Wir suchen die Sandpiste nach Tamerza, diese führt jedoch zu nah an die algerische Grenze, so dass wir die Straße Richtung Richtung Tamerza bevorzugen. Gegen
Mittag kochen wir in einem Wadi Milchreis. Es dauert natürlich nicht lange, bis sich der der Erste wieder zu uns gesellt.
In Tamerza besuchen wir die verlassene Altstadt und den Wasserfall. Bei der Weiterfahrt haben wir einen grandiosen Blick in das Tal vor uns. Dromedare sind überall zu finden und es ist in der Tat darauf zu achten, nicht an einem abzuprallen. 40 km vor Tozeur schlagen wir abseits der Straße unser Lager auf. Wir können ungestört unsere Käsesuppe bei sternenklarem Himmel und endlich Windstille genießen.
- 254 km / 652 km -
8.1.2003 Tozeur - Chott el Jerid
Der Tag beginnt und endet mit der Polizei. Erst werden wir von ihnen geweckt, dann eskortieren sie uns zum Hotel. Aber der Reihe nach.
Nach dem Aufstehen um 9.00 bei herrlichem Sonnenschein ist es immer noch sehr kalt. Eine Polizeistreife hat wohl unsere Spuren entdeckt und ist ihnen gefolgt. Nach kurzem Geplenkel verabschieden sie sich aber wieder. Eine Kombination aus Langeweile und Neugier hat sie wohl dazu bewegt uns bis hierher zu folgen. In Tozeur stärken wir uns mit Kaffe und Couscous, das Dromedar schmeckt super. In Nefta befüllen wir erstmals unsere Reservekanister, die anstehende Strecke durchs Chott könnte Sprit kosten. Die störende Halterung des Hecktanks wird von Holgers Baghi abgeflext. Ein komplettes Einfeder des Hinterrades hat diese Halterung verhindert. Eine Stunde später ist alles wieder montiert und das 100-köpfige Serviceteam um TD 10 reicher, woraufhin sie auch gleich ihren Laden schließen. Wir kaufen noch Brot und Wasser, dann geht es endlich los. Erstmal fahren wir noch 11 km Richtung algerische Grenze und biegen dann links in den Chott el Jerrid ab. Nach 500 m erreichen wir einen Originaldrehort von Star Wars, den Wohnort des jungen Luke Skywalker. Wir beschließen, den direkten Weg durch den Chott zum 44 km entfernten Bir Hadj Amor zu nehmen. Der Boden wird feuchter, die Motoren müssen Schwerstarbeit leisten. Schwerer Salzlehm prasselt gegen das Bodenblech und spritzt seitlich am Moped empor. Mehr als 50 kmh bei Vollgas im 3. Gang sind nicht drin. Die Baghi spielt hier ihre Leichtgewichtskarte im Vergleich zur schweren Twin. Jetzt bloß nicht stehen bleiben.
Nach 10 km erreichen wir die eigentliche Piste durch den Chott. Glücklich über das Ende der Viecherei und etwas übermütig preschen wir los. So fahren wir eine Zeit. Plötzlich und völlig unerwartet komme ich auf meiner Twin ins Schleudern und überschlage mich. Ich stehe wieder auf, es scheint alles in Ordnung zu sein. Beim Aufrichten des Motorrades bemerke ich es, meine Hand ist gebrochen. Beim Ausziehen des Handschuhes ist es klar! 16.00 Uhr. Per Mobilfon rufen wir einen Kumpel in Deutschland an, der Hilfe über den ADAC organisiert ... zum Glück haben wir hier noch Mobilnetz!
Da wir nicht wissen, wie lange die Bergung dauern wird und die Nacht langsam hereinbricht, entfachen wir ein Feuer. Die Topcasetrümmer werden eingesammelt und im Feuer entsorgt. Die Hand und der Schlag auf den Kopf bereitet Schmerzen. Der Bergungstrupp wurde von dem Automobliclub SOS Tunis organisiert und hat unsere GPS-Koordinaten. Am Horizont sehen wir nach geraumer Zeit einen Scheinwerferkegel hin- und herschwenken. Die Polizei hat gar kein GPS hat sich anschließend herausgestellt. Unser Feuer hat sie hergelockt, zum Glück! Kurz danach folgt ein Pickup. Zu viert wird die Africa Twin auf den Pickup gewuchtet. Wir fahren nach Nefta in die 'Klinik'. Das Krankenhaus ist ein Gemäuer mit kaum
medizinischer Ausrüstung, hier ist wirklich noch die Zeit stehen geblieben. Trotzdem, ein Röntgengerät steht zur Verfügung und die Aufnahmen verschafft Gewissheit. Zwei Finger sind gebrochen und müssen geschient werden. Der diensthabende Arzt, ein Franzose oder Belgier, versucht meine gebrochenen Finger wieder gerade zu richten, erfolglos. Meine Schmerzenschreihe quittiert er nur mit einem 'attente'.
Die Polizei bringt uns in das Nobelhotel Karawanserail, wo wir gegen 22 Uhr eintreffen. Wir genießen das warme Bad und sind uns einig, die Bergung hat super geklappt und alle waren supernett und hilfsbereit. Wir sind uns aber auch
einig, dass hier der Urlaub bereits zu Ende ist.
Vor Schmerzen kann ich nicht kaum schlafen, die Tabletten helfen nichts.
9.1.2003 Nefta - Tunis
Holger fährt mit dem Motorrad nach Tunis. Ich werde mit dem Taxi gebracht. Unterwegs treffen wir uns sogar
noch mal zum zufällig zum Mittag essen. In Tunis lotse ich ihn per Handy zum Hotel. Holger, Burkhard und Klaus stehen unten in der Hotelbar und begießen des zufällige Wiedersehen mit einem Bierchen. Wir gehen Fisch essen, einarmig durchaus eine Herausforderung.
Holger demontiert meine Gips, der mich vor Schmerzen nicht schlafen lässt. Es hilft.
10.1.2003 Tunis
Ich werde von SOS Tunis noch mal ins Krankenhaus gebracht, in der Hoffnung Schmerzen zu lindern. Ich bin überrascht von der Klinik, Technik auf dem neuesten Stand. Der Klinikmanager kümmert sich höchstpersönlich um mich und erklärt mir stolz, was sie alles können. Ein kompetenter Handchirurg lässt
noch mal Röntgenaufnahmen machen, da auf den alten kaum was zu erkennen ist. Er bietet mir an, die OP selbst zu machen. - Hätte ich
gewusst, was mich die Krankenhaussuche in Deutschland für Probleme bereitet, hätte ich es machen lassen - . Dieser Arzt hatte mein vollstes Vertrauen, doch der Heimflug war bereits gebucht. Ein 'schmerzfreier' Gips wird angelegt.
Grenzformalitäten sind noch zu erledigen. Das Motorrad, in einem Bretterverschlag verzurrt wie ein verwundetes Raubtier, wird zum Flughafen gebracht. Ein Zöllner prüft das Motorrad: Tank leeren, Reifendruck ablassen, Verzurrung. Die Ausreiseformalitäten sind - nach einigen Stunden - endlich geschafft. Die Mitarbeiter des SOS Tunis sind wirklich sehr nett und hilfsbereit. Ich werde chauffiert und alles nötige wird veranlasst. Mein Rückflug ist morgen. Holger ist bereits auf der Fähre und
muss den Weg zurück nun alleine machen.
11.1.2003 Tunis - Ingolstadt
Auf dem Rückflug sitze ich first class und neben dem deutschen Botschafter aus Tunis. Wir führen ein interessantes Gespräch, u.a. über Ausreiseformalitäten. Er meinte zu meiner Frage: 'Wie kommt man aus dem Land, wenn das Fahrzeug hier bleiben muss und man selbst nicht in der Lage ist die Formalitäten zu erledigen?' - 'Man kommt nicht raus!'. Die Konsequenz ist, schnell heilen oder sterben, das Fahrzeug ist wichtiger!
In Frankfurt werde ich von den Maltesern nach Ingolstadt gebracht. Meine Eltern erwarten mich schon freudig.
Tja, der Urlaub war recht kurz und so richtig erholsam auch nicht. Das müssen wir also
noch mal wiederholen, Holgi!
© 2003 Michael Pophal, Letzte Überarbeitung: 12.07.04