Peru-Tagebuch 2003
25.09.2004 bis 17.10.04
von
Michael Pophal
mit
Meike, Eva und Uwe

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Samstag, 25.09.2004, Anreise
Früh aufstehen um 04.15 Uhr, um Eva und Uwe in Hallstadt abzuholen. Die geniale Parkmöglichkeit bei Elke in Eschborn/Frankfurt wird zur Gelegenheit, endlich wieder einmal einen kurzen Verwandtenbesuch zu machen. Wir starten vom Flughafen Frankfurt mit Lufthansa um 10.20 Uhr und machen einen zweistündigen Zwischenstopp um 14.20 Uhr in Caracas, Venezuela. Von dort aus geht es weiter mit Taca nach Peru (Flugpreis insgesamt Euro 790). Wir werden, wie vereinbart, am Flughafen in Lima vom Hoteltaxi abgeholt. Die Luft ist kühl und feucht, die Stadt liegt unter einer immerwährenden Nebelglocke begraben. Zwischen teilweise schrottreifen Autos und Schlaglöchern sucht sich der Taxifahrer seinen Weg in den Stadtteil Miraflores. Gegen 20.30 Uhr erreichen wir das Hostal Torreblanca, ohne einen einzigen Sol in der Tasche. Morgen müssen wir dringend Geld tauschen, ob das am Domingo geht? Im Hotelrestaurant gönnen wir uns noch ein Gute-Nacht-Wasser und verschwinden nach 24 Stunden Reise todmüde in unseren Betten.
Sonntag, 26.09.2004, Lima
Frühstück im Hotel um 08.30 Uhr, danach suchen wir zuerst einen Bancomat, um einheimische Kröten abzuheben. Sogar mit EC Karte kommt man hier weiter! Noch kein Meerschweinchen (cuy) gesehen. Busse und Taxis dominieren den Verkehr. Es macht den Eindruck, als seien Privatautos seltener als öffentliche Verkehrsmittel. Die Fahrt im Collectivo bis ins Zentrum dauert 20 Minuten. Lima als Landeshauptstatdt mit seinen 10 Millionen Einwohnern ist, wie schon im Reiseführer beschrieben, wahrlich nicht sehr sehenswert. Trotzdem gibt´s auch hier ein paar nette Plätze. Vom im Kolonialstil gebauten
Plaza Mayor starten wir unsere Erkundung zu Fuß.
Catedral, Palacio de Arzobispo (Erzbischofspalast),
Municipalidad (Rathaus) und Palacio de Gobierno (Regierungspalast) säumen den Weg. Der
reich verzierte Brunnen in der Mitte des Platzes stellt den Nullpunkt Limas dar, von dem aus alle Entfernungen in Peru gemessen werden. Wir besuchen die Iglesia y Convento San Francisco (Kirche mit Kloster) mit einer wunderschönen alten staubigen Bibliothek. Hier wurden bis Mitte des 20. Jahrhunderts Menschen in den darunter liegenden Katakomben beerdigt. Bis zu 25.000 Tote sollen dort liegen. Tiefe Nischen mit
tausenden menschlichen Gebeinen und Schädeln sind dort zu sehen. In diesem Kloster des Heiligen Franziskus von Assisi lebten einst 200 Mönche, heute sind es noch knapp 50. Auf einem Gemälde vom letzten Abendmahl wird übrigens Meerschweinchen gespeist! Auf dem Kirchplatz fängt sich Eva zum Abschied einen peruanischen Taubenschiss ein. Weiter geht es die Fußgängerzone Jirón de la Unión entlang in eine der zahlreichen Pollerías (Hähnchenbratereien). Zu viert schaffen wir die zwei halben Hendl nicht und kapitulieren. Die Fritten triefen vor Fett, der Salat geht (wegen Durchfallgefahr) wieder zurück. Mit einem Klapper-Collectivo geht´s über Stock und Stein wieder nach Miraflores. Der Innenlärm durch die vielen losen abgebrochenen oder abgefaulten Fahrzeugteile macht eine Kommunikation fast unmöglich. Wir buchen die Busfahrt für morgen nach Nasca. Das Goldmuseum in Lima muss bis zu unserer Abreise warten, heute wird es zu knapp. Im Hotel schlafen wir eine Runde, bis uns Carlos, ein Freund, abholen wird. Carlos kommt wie vereinbart ins Hostal Torreblanca und nimmt uns in seine Wohnung mit, wo zurzeit auch seine Eltern aus Taca wohnen. Dort werden wir
freudig auf
spanisch empfangen und bekommen trotz fehlendem Hunger ein 3 gängiges Menu aufgetischt. Peruanische Küche, ein Lob an die Hausfrau! Das Essen (Artischocken-Quiche, Tamales, Fleischgericht mit Reis, Lucuma-Eis-Bisquit-Törtchen) schmeckt zwar ungewohnt, aber trotzdem exzellent. Uwe hält tapfer durch! Carlos macht noch eine nächtliche Stadtrundfahrt mit uns, erklärt einiges und bringt uns nach Mitternacht zurück zum Hotel. Dass wir unsere Uhren falsch gestellt hatten und deshalb eine Stunde auf Carlos gewartet hatten, erfuhren wir erst anschließend. Ein Besuch des Goldmuseums wäre im
nachhinein also doch noch möglich gewesen.
Montag, 27.09.2004, Fahrt nach Nasca
Unser Hotel in Lima entpuppt sich als doppelt so teuer wie geplant (Euro 43/DZ). Erster erfolgreicher Löffelversuch ;-( Die Abfahrt um 09.30 Uhr verschiebt sich auf 10.30 Uhr. Die vorausgesagte Fahrzeit von 4 Stunden verlängert sich auf 7 Stunden. Wir verlassen Lima Richtung Süden auf der Panamericana. Entlang der Küste säumen kilometerlang
Armutsviertel die Strecke. Dichter Hochnebel gibt den Himmel frei, und wir gelangen in andines Areal. Wie schön wäre es, einen Abstecher mit dem Moped in die Sanddünen zu unternehmen! Inmitten dieser Wüste liegt Nasca, ein wahres Kaff, berühmt durch seine mysteriösen Linien in der Wüstenlandschaft, die, aus der Luft betrachtet, Figuren ergeben. Wir quartieren uns im Hotel mit dem viel versprechenden Namen Alegría (Euro 7/DZ) ein. Unsere Soles werden bereits wieder knapp, und die nächste Wechselgelegenheit gibt es erst morgen. Wir reservieren einen Flug über die Geoglyphen und eine dreistündige Tour über Land zum Cementerio Arqueológico de Chauchilla. Wir essen im Hotelgarten am Pool (!) und lernen Walter und seine Freundin aus Schwaben kennen, aber das kalte Wüstenklima treibt uns bald in die Betten.
Dienstag, 28.09.2004, Rundflug zu den Geoglyphen
Schon um 06.00 Uhr machen wir uns klar für den Rundflug. Um 07.15 Uhr heben wir in einer
4 Mann-Cesna ab und umkreisen die
Geoglyphen (PDF-Datei). Die Hitze im Flieger macht mir etwas zu schaffen. Eva und Meike fühlen sich wie Flying Doctors über dem australischen Outback, nur die Fliegerbrille fehlt. Die Linien von Nasca wurden in den 1950´er Jahren maßgeblich durch die Deutsche Maria Reiche erforscht, die mit dem ersten peruanischen Hubschrauber über die Pampa flog und sich dabei außerhalb der Maschine mit einer Luftbildkamera festbinden ließ. Die Bedeutung der
Geoglyphen, die z. T. aus dem 1. Jahrtausend n. Chr. stammen, ist bis heute noch nicht geklärt. Sie dienten wahrscheinlich als Kalender, auch
"größtes Astronomiebuch der Welt" genannt, und enthalten zahlreiche Tier- und Menschenfiguren sowie Abbildungen von Pflanzen. Kilometerlange schnurgerade Linien weisen den Weg zum Horizont. Eine Theorie besagt auch, dass diese endlosen Linien rituelle Prozessionspfade darstellen. Nach 30 Minuten setzen wir sicher auf und werden zurück zum Hotel gebracht, wo unsere Rucksäcke lagern. Wir fahren zu den antiken Friedhöfen, wo ein paar
gruselige Mumien mit Rastalocken aus der Präinkazeit freigelegt wurden. Unser Reiseführer erklärt kompetent und in gutem Englisch. Die nächsten zwei in der Tour enthaltenen Pflichtveranstaltungen, Pottery und Goldwäscherei, lassen wir über uns ergehen. Es ist Mittag, wir kaufen ein, essen und verbringen dösend den Nachmittag, auf den Schlafbus (Cama) wartend, der uns nach Arequipa bringen soll. Den Abend verbringen wir im Restaurant und probieren einheimische Gerichte: Cebiche (rohe Fischstücke in Limettensaft), Eintopf und Algarrobina-Coctail (Johannisbrot-Sirup mit Pisco, Eigelb, Eis und Sahne).
Mittwoch, 29.09.2004, Arequipa
Nach kaum durchschlafener Nacht erreichen wir gegen 08.30 Uhr Arequipa (700.000 Einwohner, zweitgrößte Stadt Perus). Im Hostal Mansión Dorada, dem Schlepper-Tip unseres Taxifahrers, angekommen, legen wir uns erst einmal für zwei Stunden ins Bett, um das Defizit des
"Pseudoschlafbusses" nachzuholen. Am
Plaza de Armas sehen wir schließlich bunt
geschmückte Tanzgruppen, die einheimische Tänze aufführen. Gesäumt ist der Platz von der Kathedrale und Touristenarkaden. Im Hintergrund schimmern die Schneespitzen des 5821 m hohen Vulkans Misti, des Nevado Chachani sowie des kleineren Nevado Pichu Pichu und sorgen für eine besondere Atmosphäre. Wir besuchen das
Nonnenkloster Santa Catalina mit seinen orange und tiefblau getünchten Wänden. In dem verwinkelten Kloster ergeben sich reichlich Motive für künstlerische Fotos.
Wir entscheiden uns für eine zweitägige Trekkingtour in den Cañón de Colca mit Condor-Beobachtung. Für 40 US$ pro Nase finden wir einen spanisch¬sprechenden Führer. Um 03.30 Uhr am nächsten Morgen soll es losgehen. Wir besichtigen noch zwei Kirchen und gehen anschließend einheimisch essen. Diesmal gibt es gegrillte Rinderherzchen am Spieß (anticuchos de corazón). Gegen 20.00 Uhr verkriechen wir uns in die Betten, nachdem die bevorstehende Tour vorbereitet wurde.
Donnerstag, 30.09.2004, Abstieg in den Colca Canyon
Um 03.15 Uhr reißt uns der Wecker aus dem Tiefschlaf. Unser guía empfängt uns pünktlich mit einem dieser Mini-Quetsch-Taxis vor dem Hotel. Wir hetzen zum Busbahnhof, hechten in den Bus, und schon geht´s los. Erst jetzt erfuhren wir, dass der Bus eigentlich schon um 03.30 Uhr abfahren sollte. Zu unserer Enttäuschung ist das ein öffentlicher Omnibus und nicht, wie erwartet, ein Kleinbus. Uns stehen sechs Stunden Fahrt bevor. Mehr als die Hälfte der Zeit rappelt der Bus auf Schotterpisten durch die Anden. Wie werden durchgeschüttelt, und der Bus
knarrt in allen Ecken. Unterwegs gesellen sich noch viele weitere pasajeros hinzu, u. a. eine Frau mitsamt ihrem Huhn. Da die Sitzplätze nicht reichen, werden einige die ganze Fahrt über stehen. Mit einer stoischen Ruhe und Gelassenheit stehen sie ihre 5-6 Stunden im schaukelnden und hüpfenden Bus. Auf dem Patapampa-Pass in 4900 m Höhe gefrieren die Scheiben, im
Bus wird es kalt. Die Fenster bleiben durch das Geschüttel nicht zu, und es zieht ständig kalte und staubige Pistenluft durch den Passagierraum. Auf dem Hochlandplateau werden wir durch die ersten Kleinkamele entschädigt, die genüsslich am Fuß des schneebedeckten Ampato grasen. Am Rand des Cañón de Colca passieren wir einige pueblos aus Lehmhäusern, es wird zu- und ausgestiegen. Menschen in typischen Trachten der Anden mischen sich unter die Passagiere: Die Männer ziert ein breiter Cowboyhut, die Frauen in bunt bestickten Kleidern und mit ausdrucksvollen Hüten haben bisweilen ihre Kinder geschickt im Indio-Tuch auf den Rücken gebunden. Damit haben sie ihre Hände frei zum Arbeiten. Die Fahrt führt uns vorbei am Mirador Cruz del Condor zu unserem Ziel Cabanaconde. Hier beginnt unsere Trekkingtour. Gegen 10.00 Uhr wandern wir in der gleißenden Sonne, ausgerüstet mit Lichtschutzfaktor 30 und Hut, erst über die terrassenförmig angelegten Maisfelder, welche Teile des
Cañón de Colca säumen, und dann steil bergab in Richtung der
Oase Sangalle. Auf dem Präinka-Weg quälen wir uns Stufe um Stufe nach unten. Die Anstrengung lässt die Knie zittern, trotzdem eröffnen sich grandiose Blicke in den Cañón und auf die gegenüberliegende Seite. Viele Kakteen säumen den schmalen Pfad. Bald fällt der erste Blick auf die tief unten liegende Oase. Von 3300 m müssen wir uns 1200 m in die Tiefe arbeiten. Die Steilheit und die Rucksäcke mit dem schweren Trinkwasser geben uns den Rest. Nach zweieinhalb Stunden erreichen wir völlig fertig unser Ziel, ein grüner Fleck inmitten der Dürre, welche uns den ganzen Weg begleitete. Wir liegen im Gras,
dösen und entspannen. Einen kleinen Rundgang am Río Colca und einen Sprung in den Pool schaffen wir noch, nachdem wir uns in unserer romantischen Bambus-Schilfhütte ausgeruht haben. Unser
guía und seine Begleiterin bereiten uns ein vorzügliches Abendmahl, Spargelcremesuppe von Knorr und Spaghetti mit Pilzen und geriebenem Andenkäse. Uns graust es schon vor dem Aufstieg, aber der weniger steile und längere Umweg scheint uns auch keine bessere Alternative zu sein.
Freitag, 01.10.2004, Der Aufstieg
Um 03.30 Uhr wirft uns unser
51 jähriger guía aus den Hütten. Nach einem kurzen Tee beginnen wir im Mondschein den Aufstieg auf dem selben Pfad wie am Vortag. Die dünnere Luft und die Steigung jagen schnell den Puls und die Atemfrequenz in die Höhe. Unser guía gibt zu unserem Glück ein sehr gemächliches Tempo vor, sodass wir ganz gut mitkommen. Die Landschaft hat im Mondschein seinen ganz besonderen Reiz. Lange Schatten, Kaktussilhouetten und die Totenstille machen den Aufstieg zu einem faszinierenden Erlebnis. Wir laufen trotz
Sonnenaufgang noch sehr lange im Schutz des Hanges und haben somit wenigstens nicht auch noch gegen die sengende Sonne zu kämpfen. Sehr bald kommen uns die ersten Wanderer entgegen, bald folgen
Maultiere und Esel. In einem Affentempo rasen die Einheimischen den Hang hinab. Eine Frau mit Kind huckepack und zwei Maultieren gleitet scheinbar mühelos vorüber. Wir hangeln uns von einer Biegung zur nächsten, während wir auch noch von nach uns gestarteten Maultieren überholt werden. Den Rest gibt uns der Oasen-Campingplatz-Besitzer, der offensichtlich noch vor uns aufgestiegen war, um
"mal eben" Brötchen zu holen. Jedenfalls kommt er uns mit einem Säckchen Semmeln entgegen und hält ein kleines Pläuschchen mit dem guía. Langsam trifft auch uns die Sonne, der Schweiß trieft. Wir erreichen nach ca. dreieinhalb Stunden unseren Ausgangspunkt Cabanaconde, springen in den Bus, und schon geht´s wieder auf die Piste. Ein kurzer Stopp am Mirador, leider jedoch ohne Condores. Vor der Weiterreise gibt´s für jeden noch einen Coca-Tee, dann geht es nach Chivay. Dort können wir für eine Stunde im blitzblanken
Thermalbad relaxen. 65°C heißes Wasser quillt dort aus dem Boden und speist vier Badebecken. 10 Soles kostet der Eintritt, für Einheimische wohl fast unerschwinglich. Die restlichen drei Stunden Fahrt zurück nach Arequipa werden durch Live-Inka-Musik mit Panflöte verkürzt. Der Künstler, der erst später zustieg, spielt
ein paar sehr schöne Stücke, trotz Busschaukelns, und geht später Karamell-Bonbons verkaufen. Ich hätte ihn auch ohne Bonbons mit Geld belohnt. Die Musik und das vorbeiziehende Andenpanorama harmonieren und wecken Freiheitsgefühle. Diese Kombination rührt mich zutiefst.
Eva und Meike hat die Anstrengung offensichtlich mehr erschöpft als anfangs vermutet. Sie verabschieden sich ins Hotel. Uwe und ich gehen noch einkaufen und kommen dann nach. Meike liegt mit Migräne im Bett. Doch Cola bringt sie wieder auf die Beine. Die mitgebrachten Cornflakes werden unser Abendessen, ein Hauch Westen. Wir gehen früh zu Bett.
Samstag, 02.10.2004, Tag des Meerschweinchens (cuy)
Wir schlafen aus und sind wegen des frühen Schlafengehens schon um 06.00 Uhr fit. Bereits um 08.30 Uhr haben wir gefrühstückt und sind unterwegs in die Stadt. Wir gondeln umher und besuchen den
farbenprächtigen Mercado mit seinen Obst-, Gemüse-,
Fleisch- und Fischständen. Mit zur interessantesten Auswahl gehören die
getrockneten Frösche, die dekorativ auf einer Schnur aufgefädelt herumhängen,
Eidechsen aus dem Apothekenbedarf und einzelne Schafsköpfe, die uns verstohlen von der Seite angrinsen. Wir bestaunen auch die
zahlreichen Kartoffelsorten, für die Peru so bekannt ist. Wir gönnen uns in der Mittagshitze noch ein Stück Europa (Crèpes) in einem Hinterhofcafé mit einem
genialen Ausblick von der Dachterrasse auf Arequipa und den schneebedeckten Misti und buchen die morgige Weiterfahrt nach Puno.
Die senkrecht nach unten brennende Mittagssonne nötigt uns den Kauf von
Schutzkleidung ab. Meikes rote Schultern werden durch ein rotes "Peru"-Shirt geschützt, während meine mittlerweile knusprig gebratenen Ohren unter
meinem neuen Hut verschwinden. Die dünne Luft und die Nähe zum Universum lassen die gnadenlose Sonne alles verbrennen, was nicht bedeckt ist. In einem der zahlreichen Internetcafés senden wir noch einige Emails an Freunde und bereiten uns auf das Abendessen vor. Im "Tradición Arequipeña" lassen wir es uns gut gehen. Bei grandiosem
Panoramablick auf die Bergketten der Anden und Live-Musik gönnen wir uns wieder einmal einheimische Schmankerl:
gegrilltes Meerschweinchen, Seebarsch, palta rellena von pollo (gefüllte Avocado), pisco sour, Arequipeña und queso helado. Das Essen war ausgezeichnet, die Meerschweinchen, die auf dem Teller alle Viere von sich streckten, als würden sie sich gerade entspannen, besonders lecker und sättigend, aber etwas zu fett, die Preisklasse für peruanische Verhältnisse gehoben. Trotzdem haben Vorspeise, Hauptgericht und Nachspeise mit Getränken für uns vier umgerechnet nur ca. 27 Euro gekostet. Für die morgige Weiterreise wird noch tapfer gepackt, obwohl Muskelkater uns bei jeder Bewegung peinigt.
Sonntag, 03.10.2004, Tag der Deutschen Einheit in Puno (3830 m)
Um 08.15 Uhr besteigen wir den Bus in Richtung Puno. Wir erklimmen zunächst die Hochebene, "Altiplano" genannt. Die von uns befürchtete Kälte über 4000 m Höhe hat die Sonne längst vertrieben. Auf der Hochebene sehen wir viele Lama- und Alpaca-Herden, teilweise wild, teilweise gehütet. In den Seen schwimmen Enten, Gänse und stehen Flamingos. Es zieht eine atemberaubende Landschaft an uns vorüber, vielleicht ist es aber auch die dünne Luft, die uns den Atem raubt. Die Höhe macht
Meike jedenfalls etwas zu schaffen, Luftnot und leichte Kopfschmerzen vergällen etwas das Naturerlebnis. Ich beginne langsam
Meikes Kollegen zu bewundern, der in einem dreiwöchigen Urlaub einen südamerikanischen 5000er erklommen hat. Nach fünfeinhalb Stunden Fahrt erblicken wir den Titicaca-See (dreizehn mal so groß wie der Bodensee, 195 x 64 km breit, 304 m tief, der höchste schiffbare See der Welt) und die
100.000-Einwohner-Stadt Puno. Der
Ort liegt direkt am See und schmiegt sich malerisch an die Berghänge der gewaltigen Bucht. Wir gönnen uns als gute Touristen italienische Küche mit Suppe, Knoblauchbrot und Pizza. Ein kleiner Abendspaziergang durch die belebte Innenstadt und den Markt runden den Abend noch ab.
Montag, 04.10.2004, Großeinkauf
Wir frühstücken ein gepflegtes American breakfast mit frisch gepresstem Saft im Hostal Los Uros. Der erste Versuch, unsere Digicam-Flashcards auf CD zu bannen, scheiterte an der Inkompetenz des Ladenchefs, der dem Kartenleser schließlich mit einem Schraubenzieher an den Kragen gehen will. Etwas wütend fordern wir nach 30 Minuten Wartezeit die Cards unverrichteter Dinge zurück und gehen in den nächsten "Computerfachladen". Der Angestellte macht einen deutlich kompetenteren Eindruck, doch auch er scheitert, nachdem ihm nach einem Reboot ein Passwort abverlangt wird. Der Ladenchef nimmt die Sache in die Hand, kann sogar auch noch eine CD brennen, nur leider ist diese unlesbar. Eine Stunde Zeit haben wir für dieses erfolglose Unternehmen investiert. Es geht weiter in die "Banco del Trabajo", ein handcraft market. Schnell werden wir fündig und lassen uns von dem weichen und flauschigen Gefühl der Alpacawolle auf der Haut überzeugen. Schals, ein Poncho und gestrickte
Fingerpuppen wechseln die Seite des Ladentisches.
Gegen 14.00 Uhr werden wir abgeholt, um die
Grabtürme von Sillustani zu besuchen. Die Ruinen der Präinka- und Inkaperiode liegen auf der Anhöhe einer Halbinsel am
Umayo-See, 32 km von Puno entfernt. Das Panorama am sich verdunkelnden Gewitterhimmel mit den Grabtürmen (Chullpas) und dem pfeifenden Wind hat etwas Mystisches an sich.
Lamas und
Alpacas sind zum Streicheln nahe und Einheimische lassen sich für 1 Sol ablichten. Auf der Rückfahrt besuchen wir eine
Bauernfamilie mit Hof. Es ist zwar interessant zu sehen, wie die Einheimischen in dieser Gegend leben, aber das Ganze gleicht einem Zoobesuch und berührt uns peinlich. Die mit Lehmziegel gebauten und mit Stroh gedeckten Hütten sind trotz der unangenehmen Kälte und des kräftigen Winds wohlig warm. Das
Meerschweinchengehege hinter dem Haus liefert den Sonntagsbraten. Ein Lehmofen im Freien und ein Mühlstein schildern die Einfachheit des hiesigen Lebens. Uns werden leckerer Andenkäse und getrocknete Kartoffeln mit essigsaurer Tonerde zum Probieren angeboten. Die Weiterfahrt zurück nach Puno endet mit dem Ausrollen unseres Kleinbusses. Der Wagen hat seinen Dienst aufgegeben, und wir lassen Chauffeur mit Wagen zurück, um die restlichen paar hundert Meter zu Fuß zurückzulegen. Wir gehen geradewegs ins nächste Restaurant, um einem Alpaca die letzte Ehre zu erweisen. Ein anschließender kurzer Besuch bei unserem CD-Verbrenner ist diesmal erfolgreich. Ein Virus hatte sich auf seinem Rechner eingeschlichen und den morgendlichen Fehlversuch verursacht. Für 10 Soles werden beide Flashcards auf CD gebrannt. Der bedrohliche Himmel, der sich schon bei den Grabtürmen angekündigt hatte, macht ernst und entlädt sich in einem Gewitter. Morgen wollen wir mit dem Boot Inseln auf dem Titicaca-See anfahren. Hoffentlich verdirbt uns das Wetter nicht den Spaß. Was die Freunde der hiesigen Bauern, ist das Leid der Touristen!
Dienstag, 05.10.2004, Der nicht empfehlenswerte Tag
Um 08.00 Uhr werden wir vom Hotel zum Hafen gebracht, wo schon der Touristenkahn auf uns und viele andere wartet. Es geht zu den
schwimmenden Inseln der Uros, ein Volk, das es eigentlich schon nicht mehr gibt. Ca. 1958 soll der letzte Uro über den Titicaca-See gegangen sein. Die jetzigen Bewohner sind Mischlinge mit einem Rest Uros-Blut und betreiben diese Inseln überwiegend nur noch der Touristen wegen. Woche um Woche muss frisches Schilf auf den Inseln nachgelegt werden, damit sie nicht untergehen. Die ältesten
schwimmenden Inseln reichen bereits bis zum Grund des Sees und haben dadurch eigentlich das Recht auf ihren Namen verloren. Mit einem Schilfboot werden wir zu einer weiteren schwimmenden Insel übergesetzt, um von dort mit unserem Motorboot die dreistündige Überfahrt zur Insel Amantani zu beginnen. Nach dem Durchfahren des Schilfgürtels, in deren Schutz sich die schwimmenden Inseln befinden, wird der See unruhiger. Trotz Schaukelns, Rollens und Schlingerns überstehen wir die Fahrt gut und legen auf
Amantani an. An einem höher gelegenen Treffpunkt, den wir schnaubend erreichen, erwarten uns unsere Gastfamilien. Unsere Bootsgruppe von 20-30 Mann wird auf die Familien aufgeteilt, so trotten nacheinander Dreier- bis Vierergrüppchen in alle Richtungen davon. Auch wir werden abgeholt. Die Einheimischen sprechen nur Quechua (ehemalige Sprache der Inka) und ggf. noch ein paar Brocken Spanisch. Die Familie, bei der wir einziehen, begrüßt uns freundlich und zeigt uns unsere bescheidene Behausung. Etwas später werden wir zum almuerzo geladen. In der Küche, aus der es raucht und dampft, wird serviert. Es gibt eine leckere Gemüsesuppe mit Quinoa und Tortillas mit Reis. Unter dem Holzofen ist ein kleines dunkles Loch, in dem drei Meerschweinchen quieken und auf den Sonntagsbraten warten. Der Himmel zieht sich zu, der Wind wird immer stärker und kälter. Sand wird immer wieder aufgewirbelt und reizt die Augen. Unserem Touriguide folgend erklimmen wir unter größter konditioneller Anstrengung den höchsten Hügel der Insel. Ein Pärchen aus Köln, das seine Reise direkt auf 4000 m Höhe in Puno begonnen hat, gibt bereits auf. Mit Pullover, Regenjacke, Mütze und Sonnenbrille gekleidet erreichen wir den auf der
Spitze des Hügels Llacasiti und auf 4135 m liegenden Tempel Pachamama (Mutter Erde) der Inselbevölkerung. Der Wind ist so stark uns kalt, dass wir nach der Anstrengung zu frieren beginnen und bald darauf den Rückmarsch antreten. Im Schlafsack wärmen wir uns auf und warten auf das Abendessen. Nach der cena erwartet uns noch eine Überraschung im Gemeindehaus. Eva und ich können uns noch aufraffen, diesem Event beizuwohnen. Nach erfolgreicher Abwehr, uns in einheimischer Tracht zu verkleiden, werden wir von unserer Gastfamilie in stockdunkler Nacht zum Gemeindehaus geführt. Hätte ich nicht meine Stirnlampe parat gehabt, unsere Beinknochen hätten diese Wanderung durch ausgewaschenen und steinhart gebackenen Lehmboden nicht schadlos überstanden. Langsam treffen alle Touris, mehr oder weniger verkleidet, ein. Nach kurzem Warten beginnt eine vierköpfige Band Inkamusik zu spielen. Ich komme nicht in den Genuss, der Musik zu lauschen, da werde ich auch schon zum Tanz aufgefordert. Jetzt weiß ich, wie sich die Leute hier abends warm halten. Der Puls und die Atemfrequenz passen sich der Anstrengung und dem Tempo des Tanzes an, Seitenstechen lässt nicht auf sich warten. Ich schwitze! Kurze Pause, nächstes Lied, nächster Tanz. Nach dem dritten Mal verliere ich die Lust, die Klamotten kleben auf der Haut, die Tanzerei reicht. Eva und ich verabschieden uns heimlich von dem wilden Tanzgemenge. Jedoch nicht unbemerkt, unsere Gastfamilie bringt uns unter einem beeindruckenden Sternenhimmel wieder zurück in ihr Haus. Die Nacht wird kalt.
Mittwoch, 06.10.2004, Nicht empfehlenswert, Teil 2
Wir bekommen ein leckeres Frühstück serviert, versuchen, dem etwas indiskreten Klo ohne Spülung etwas Gutes abzugewinnen und werden von einer Tochter des Hauses zum Hafen gebracht. Nach und nach findet sich die Bootstruppe wieder ein und wir legen ab in Richtung
Taquile. Dort geht es 35 Minuten zu Fuß den Hang hinauf zum Dorfplatz. Das wohl einzig Interessante an dieser Insel ist die kommunistische Gesellschaftsstruktur. Zu sehen gibt es nichts, ähnlich Amantani. Es gibt drei Gesetze auf der Insel: nicht stehlen, nicht lügen, nicht faul sein. Das erwirtschaftete Geld landet in dem Gemeindetopf und jeder trägt die gleichen Klamotten, mit Ausnahme kleiner Spezifika. Aus der Kopfbedeckung lässt sich beispielsweise das Alter und der Familienstand ersehen. Die Frauen spinnen, die
Männer stricken den ganzen Tag. Auf dem betonierten Dorfplatz schlagen wir die Zeit tot, bis wir endlich zu unserem ersehnten Mittagessen geführt werden. Weitere 10 Minuten Wandern sind angesagt. Die servierte gegrillte trucha wiegt alle Strapazen auf, einfach formidabel. Der kurze
Abstieg zum Boot lässt die Euphorie auf die bevorstehende vierstündige Rückfahrt ins Grenzenlose ansteigen. Insgesamt scheinen wir einen Großteil der Reise in Bussen, Autos, auf Flughäfen oder Schiffen zu verbringen. Man kommt hier einfach nur sehr langsam vorwärts, was für ungeduldige Europäer manchmal schwer zu verkraften ist. Ich möchte hier gar nicht erst anfangen, die Langeweile und Zeit der Totschlägerei auf dem Boot zu schildern. Durch den starken Dieselgeruch erleben wir jede Minute besonders intensiv. Aber wie es mit der Zeit so ist, ging auch das vorüber. Wir werden in Puno zum Plaza de Armas gebracht. Um unseren zweitägigen Frust zu besänftigen, kehren wir in einem Café mit Cappucino, heißer Schokolade, Käse- und Schokoladentorte ein. Balsam für die Seele! In unserem Hotel "Los Uros" klären wir unser nächstes Hotel in Cusco ab. Dort werden wir Eva und Uwe wieder treffen. Unsere Verkehrsmittelwahl nach Cusco fällt auf den Bus (6 Stunden Fahrzeit plus Zwischenstopps), während Eva und Uwe den Zug wählen (12 Stunden Fahrzeit, aber romantisch).
Donnerstag, 07.10.2004, Fahrt nach Cusco
Wir werden früh morgens um 07.30 Uhr von dem Busunternehmen "First Class" am Hotel abgeholt und sind von dem Bus positiv überrascht: Er scheint relativ neu, ist komfortabel und zu unserem Glück nur halb besetzt. Wir verabschieden uns für ein paar Stunden von Eva und Uwe und folgen dem Weg nach Cusco. Fast die ganze Strecke werden wir von den Eisenbahnschienen begleitet. Die Busfahrt wird durch einige Sehenswürdigkeiten unterbrochen und macht die 9 Stunden Fahrt damit recht kurzweilig. Der erste Stopp ist in Pukara, einem archäologischen Komplex der Vorinkazeit. Die
Pukaras hatten noch recht handfeste Sitten: So wurde z.B. einmal pro Jahr die hübscheste Frau ausgesucht und den Göttern geopfert. Außerdem scheinen sie dem Kanibalismus nicht abgeneigt gewesen zu sein. Kriegsgefangene oder Feinde wurden mit dem Messer enthauptet. Die Fahrt geht weiter nach La Raya, dem mit
4335m höchstgelegenen Pass unserer Strecke. Hier tummeln sich Herden von Alpacas und Vicuñas. Auf der weiteren Strecke in einem Tal werden wir von
streikenden Bauern aufgehalten. Mit Felsblöcken auf der Straße werden die Fahrzeuge ausgebremst, so auch unseres. Um auf ihren Notstand aufmerksam zu machen, pinselt einer der Beteiligten mit Wandfarbe den Spruch. Es lebe der Aufstand! (Viva el paro!) an die Busfrontscheibe. Wir fahren langsam der Meute hinterher, und nach ca. 30 Minuten geben sie die Straße frei. Immerhin hatte die
streikende Menge durch die bunten Inka-Stoffe und die eigenartigen birnenförmigen Hüte etwas Ästhetisches. In Sicuany machen wir Mittagspause und werden zu einem leckeren Buffet, u.a. mit frittierten Yuca, geladen. Bei einem kurzen Zwischenstopp in einem Haus mit allen Kleinkamelsorten werden uns endlich die Unterschiede zwischen Lamas, Alpacas und Vicuñas deutlich. Mit einer
Milchflasche in der Hand wird Meike von allen gleichermaßen gejagt. Das zierliche Vicuña mit seinem langen, schlanken Hals gewinnt die Jagd und saugt die Flasche leer. In Raqchi besichtigen wir noch eine Tempelanlage, die von den Inkas zu Ehren des Hauptgottes Wiracocha errichtet wurde. Der letzte Halt in Andahuaylillas ist dem Besuch einer Jesuitenkirche aus dem 16./17. Jahrhundert, der
"Sixtinischen Kapelle Amerikas", gewidmet. Die Spanier errichteten auf dem Fundament eines zerstörten Inkatempels dieses Bauwerk. Die Gemälde hierfür wurden in kolonialem Stil von einem Inka erschaffen (sog. Cusqueñer Malschule). Müll und ein paar tote Hunde säumen schließlich die Straßen und kündigen Cusco (260.000 Einwohner) an. Es beginnt zu regnen. Der erste Service unseres Hotels .Euro H. in Cusco klappt hervorragend. Wir werden bereits am Bus erwartet und zu unserer Absteige gebracht. Die Zimmer selbst sind mehr als bescheiden (auslaufende Toilette u.v.m.), die Elektroinstallationen wie aus der Präinka-Zeit, der weitere Hotelservice noch bescheidener und damit seine 5 US$ pro Person nicht wert. Eva und Uwe treffen ein, und prompt werde ich an meine Kamera erinnert, welche noch im Bus liegen muss. Ein Telefonat vom Hotel klärt, dass die Kamera zumindest gefunden wurde. Jetzt sind wir daran, die Kamera zu finden. Trotz des Telefonats schickt uns unser Hotelportier an den falschen Busbahnhof. Mit Meikes Spanischkenntnissen fragen wir uns durch und finden schließlich tatsächlich das (zunächst verschlossene) Busbüro. Die von mir bereits als endgültig verloren geglaubte Kamera ist wieder in unseren Händen. Die Freude ist groß, der Büroangestellte kann sich jedoch ein "Dónde era su cabeza?" nicht verkneifen. Im Regen schlendern wir noch durch die Straßen, kaufen einen Alpaca-Schal und landen schließlich nach erfolgloser Supermarktsuche wieder im Hotel. Wir versuchen zu schlafen, doch das rhythmische
Geknarre, Gequietsche und Gestöhne aus dem Nachbarzimmer hält uns noch einige Zeit wach. Wir haben noch des öfteren den Eindruck, in einem Stundenhotel untergekommen zu sein.
Freitag, 08.10.2004, Touristen-Ausnehmen auf peruanisch
Wir starten den Tag in der gegenüberliegenden Bäckerei. Frisch gestärkt mit
Empanadas lassen wir uns das erste Mal ausnehmen. Das Zugticket zum Machu Picchu kostet 60 US$ pro Person und ist damit so teuer wie ein Inlandsflug. Zum Vergleich: Der gleiche Zug kostet für Einheimische nur 2.50 US$. Für 12 US$ sind Eva und Uwe mit dem Zug von Puno nach Cusco gereist. Der Versuch, eine günstige 2 Tages-Trekking-Tour zu organisieren, scheitert. Die Preisspanne reicht von 55 US$ bis 200 US$. Die ursprüngliche Tour auf dem Inka-Trail zum Machu Picchu stirbt wegen Preisen, die einem Diebstahl gleichkommen. 300 bis 750 US$ sollte diese Tour kosten! Wir kümmern uns als nächstes um den Rückflug nach Lima. Am Donnerstag, den 14.09.2004, wollen wir zurückfliegen und so die lange Busfahrt vermeiden. Taca Air hat nur noch business class-Tickets für 200 Euro Lan Perú ist ausgebucht. Die schlechte Laune kennt kaum noch Grenzen. In einem Reisebüro werden wir mit Glück noch fündig. Der Rückflug kostet jetzt aber nicht mehr 60, sondern 80 Euro Wegen Bargeldknappheit (Evas und Uwes Reisekasse ist bereits ganz leer) zahlen wir mit Kreditkarte. 10% Kreditkarten-Aufschlag, das 3. Mal Touristen schröpfen. Fluchend und unwillig, in Peru noch einen einzigen Sol zu lassen, gehen wir zur
Plaza de Armas, machen Kassensturz und tauschen alle Reserven in Soles. Wir werden ca. 50% mehr Geld brauchen als geplant (> 750 Euro statt 500 Euro und das ohne Inka Trail! Während Eva und Uwe ins Hotel gehen und Meike einen Stadtrundgang macht, bleibe ich an der Plaza de Armas sitzen und genieße das Treiben auf der Straße. Lästig sind die vielen Schuhputzer, Postkartenverkäufer o. ä., die mich immer wieder nerven. Eine Cusqueñerin gesellt sich zu mir, und wir versuchen, mit meinen kaum vorhandenen Spanischkenntnissen eine Kommunikation aufrecht zu erhalten. Um 17.00 Uhr trafen wir uns alle wieder und versüßten uns den Tagesfrust in der besten Konditorei Perus. Dort gibt es Schwarzwälder Kirschtorte und Apfelstrudel. Mit einem Besuch im Mini-Musikinstrumente-Museum beenden wir den Tag. Wir erfahren an der Rezeption, dass die heute morgen abgegebene Wäsche entgegen aller Versprechungen immer noch nicht fertig ist. Frustriert über den bescheidenen Service geben wir noch zwei Stunden Zeit, um die Wäsche aus der Wäscherei zu besorgen. Die Wäsche wird tatsächlich noch rechtzeitig geliefert. Kaum sind wir im Bett, fängt der Musiker nebenan wieder an, auf seiner Gitarre und Mundharmonika für sein nächstes Konzert zu proben. Die Stundengäste dieses Hotels kommen und gehen, Oropax hilft.
Samstag, 09.10.2004, Aguas Calientes
Noch bevor unser Wecker die Chance bekommt, werden wir von lauten Hotelgästen geweckt. Vor der Tür schläft ein Penner auf dem Sofa. Um 05.00 Uhr machen wir uns fertig für die
vierstündige Zugfahrt nach Aguas Calientes. Mit dem Taxi geht´s zum Bahnhof. Es ist schon erstaunlich viel los auf den Straßen Cuscos. Hunde machen den Bettlern die Reste des Abendmarktes streitig. Händler bauen ihre Stände auf, Touristen werden zum Bahnhof gebracht. Wir wühlen uns durch das Getümmel am Bahnhof und besteigen den letzten Wagon. Der Zug rangiert im Vorwärts- und Rückwärtsgang langsam den Hang hoch. Schnell haben wir den Moloch Cusco von oben im Blick. Wir fahren das
Río Urubamba-Tal entlang, das mit dichten Wäldern bewachsen ist. Inmitten dieses Urwaldes liegt Aguas Calientes, ein kleines Dörfchen, das nur vom Machu Picchu-Tourismus
zu leben scheint. Ein Stand am anderen, ein Restaurant am anderen, ein Hotel am
anderen. Wir beziehen unser "Hostal Quilla" und legen ein Schläfchen ein, während Eva und Uwe bereits zum ersten Mal Machu Picchu besichtigen. Wir raffen uns für eine kleine
Wanderung auf. Die Beschreibung des Reiseführers ist nicht klar genug, und so suchen wir unseren Rückweg zwischen dem
Río Urubamba und Eisenbahnschienen selbst. Diese kleine Urwaldwanderung führt uns an einer Bioanbau-Hotelanlage vorbei, eine Öko-Oase inmitten des wenig umweltbewussten Peru. Von fiesen Blutsaugern gepeinigt, erreichen wir unser Hotel. Nach dem Duschen gönnen wir uns im Restaurant Leckereien: Forelle, Alpaca, Pizza. Für ca. 15 Soles (4 Euro) werden wir satt.
Sonntag, 10.10.2004, Machupicchu
Bereits um 07.00 Uhr hatten wir die halbstündige Busfahrt von Aguas Calientes nach Machu Picchu und unseren Provianteinkauf hinter uns gebracht. Für 9 US$ + 20 US$ (Busfahrt + Eintritt) werden wir in die alte Inkastadt eingelassen. Bis zu 3000 Besucher kommen täglich hierher. Um vor lauter Köpfen, Jacken etc. noch vernünftige Fotos schießen zu können, hechten wir zuallererst zum Mirador. Von hier aus ist die ganze
imposante Anlage zu übersehen. Wir machen unser Pflichtfoto, welches vor uns schon millionenfach aufgenommen wurde. Die Anlage ist beeindruckend und gut erhalten bzw. restauriert. Am faszinierendsten finde ich die
erdbebensichere Architektur. Absolut passgenaue eingeschliffene Felsblöcke werden aneinandergereiht und durch Ecken und Winkel ineinander gekeilt. Das Ganze ohne Lehm oder Beton, da passt nicht mal mehr eine Rasierklinge in die Fugen. Die Conquistadores scheiterten mit ihren auf den Inkastädten errichteten Bauten an den wiederkehrenden Erdbeben. Die Inkafundamente blieben jedoch erhalten, trotz der Beben. Wir unternehmen noch eine kleine Wanderung zum
zweiten Zugang zu Machu Picchu. Einem in die Steilwand angelegten Pfad folgen wir bis zu einer kleinen Brücke. Diese ist heute nicht mehr begehbar und gesperrt. Der weitere Pfad lässt sich nur
noch erahnen und verläuft an der mehr als tausend Meter hohen Steilwand entlang. Nicht mehr als 80 100 cm breit ist der Pfad und erforderte sicherlich viele Opfer zu seiner Errichtung. Gegen Mittag begeben wir uns wieder Richtung Aguas Calientes und warten in einem Restaurant auf den Zug, der uns zurück nach Cusco bringt.
In Peru kann man sich auf eines verlassen, und das ist die Unzuverlässigkeit. So stehen wir in Cusco in unserem Hotel und wollen die reservierten Zimmer beziehen. Es ist nur eines frei. Nachdem wir den Chef sprechen wollen, lenkt der Knabe an der Rezeption ein und gibt uns ein Zimmer ohne Bad für die Hälfte (Hostal Royal Qosqo). Wir sind trotzdem froh, eine Alternative zum Stundenhotel gefunden zu haben.
Montag, 11.10.2004, Trekkingtour
Früh morgens werden wir mit einem Privat-PKW abgeholt und fahren zu fünft, der Chef des Reiseunternehmens, unser Tourguide (Liesbeth), ein Knabe namens Jochen, Meike und ich nach Pukapukara nahe Cusco. Dort startet nahe der gleichnamigen Festung unser Trek, vorbei an Tambomachay, einer weiteren Inka-Anlage. Unser Lastperd "Jolly Jumper" ist noch nicht da. Unterwegs werden wir von Sebastian und Jochen und dem
Pferd mit unserem Gepäck eingeholt. Zu fünft laufen wir den schweißtreibenden Pfad bergauf und ab. Die
hügelige Landschaft erinnert ein wenig an England. Der Wind kühlt die schweißgetränkten Trekkingklamotten, sodass ich ständig schwitze und friere. Die vom Reisebüro versprochenen 14 km für die zweitägige Tour laufen wir bereits am ersten Tag. Unsere Tour führt an zwei Seen, sowie Herden von Lamas und Schafen vorbei, wird durch eine leckere Mittagspause mit Suppe und Spaghetti unterbrochen, und nach ca. 6 h Gehzeit erreichen wir ein kleines Dörfchen. Versteckt in einer Schlucht, ist dieses aus roter Erde gebaute "rote Dörfchen" unser Campingplatz. Unser Zelt, das Kochzelt und Abendessen wird von den drei Führern bereitet. Immer wieder fallen vereinzelt Regentropfen aus dem von Wolken verhangenen Himmel. Der Wind wird immer unangenehmer, und wir frieren. Nach dem mehr als reichlichen und für alle Anstrengungen entschädigenden Abendessen (5-o´clock-tea, Thai-Süppchen, Fleisch/Pommes, Götterspeise aus rotem Mais), das auf einem mehrarmigen Gaskocher zubereitet wurde, verkriechen wir uns in die Schlafsäcke. Neben uns hören wir zum Einschlafen die genüsslichen Kaugeräusche von "Jolly Jumper". Die Nacht wird 7°C kalt und Meike ist von ihrem neu erworbenen Schlafsack begeistert. Unsere Guías sind immer noch beschäftigt. Mit Abspülen, dem Aufbauen ihres eigenen Zeltes und Versorgen des Pferdes verbringen sie noch einige Zeit in der unwirtlichen Kälte. Etwas unangenehm ist uns diese Situation schon, doch angebotene Hilfe wird stets abgewunken.
Dienstag, 12.10.2004, 2. Trekkingtag
Der Nieselregen auf dem Zelt weckt uns. Unsere Guías sind bereits wach. Der Regen wird heftiger und lässt wieder nach. Mit Aufräumen und Frühstück wir es 07.00 Uhr. Im Dorf sind die am Vorabend von den Hängen getriebenen
Lamas und Schafe noch in ihren Gehegen. Ein kleiner Anstieg leitet den ca. 800 bis 1000 m tiefen Abstieg ins Valle Sagrado ein.
Wolken ziehen aus dem Tal hoch und bieten ein einmaliges Schauspiel. Die grandiose Landschaft verschwindet in Minutenschnelle hinter einem weißen Vorhang und wird wieder freigegeben. Der Abstieg steht dem Canyón de Colca sowohl qualitativ als auch quantitativ in nichts nach. Es geht an einem schmalen Pfad schnell ins Tal. An einer alten Inkaruine, "Alt-Cusco" genannt, machen wir Pause. Liesbeth erzählt uns einiges zu Geschichte der Inkas und dieser Anlage. Ein Snack aus Fleischpflanzerln und Pommes wird zubereitet. Hier erfahren wir, dass Sebastian auf seinem Pferd den Rückweg antritt, während wir das ganze Gepäck den restlichen Weg nach Lamay tragen dürfen. Jochen, ein Knabe von vielleicht 16 Jahren, schleppt das größte und schwerste Paket. Liesbeth packt zu ihrem Tagesrucksack noch ein Paket hinzu. Ich nehme meinen Trekkingrucksack, und Meike neben dem Tagesgepäck noch die Brenner für die Gaskochstelle. Von dem Gewicht getrieben rennen wir den Hang hinunter. Die
heißen Quellen von Lamay sollen uns für die Strapazen entschädigen. Das Freibad hat geschlossen, trotzdem kann Liesbeth zur Öffnung des Bades überzeugen. Die heißen Quellen entpuppen sich als eine kalte Quelle, die in einem ca. 4 x 6 m großen Becken gesammelt wird. Das Wasser ist so grün, dass die Unterwassersicht max. 10 cm beträgt und obenauf Algen und andere Flöckchen schwimmen. Rundum, das Bad lädt nicht zum Schwimmen ein. Trotzdem wage ich einen Sprung, um das Salz und den Schweiß auf der Haut loszuwerden.
In einem Schulbus fahren wir zurück nach Cusco. Deutlich bekommen wir mit, wie Perus Jugend an den Umweltschutz herangeführt wird: Fenster auf, Müll raus. Letztendlich macht es keinen Unterschied, beteuert Liesbeth, denn der gesamte Müll wird sowieso in den Río Urubamba gekippt.
Wir beziehen unser Zimmer, diesmal mit Bad, und versumpfen anschließend im Café Perros. Uwe und Eva stoßen dazu. Hier lässt es sich gut aushalten, gute Musik, gute Getränkt, gutes Essen, gute Preise.
Mittwoch, 13.10.2004, Rumhängen in Cusco
Mit einem Cornflakes-Frühstück beginnen wir gemütlich den Tag. Den schweißtreibenden Aufstieg nach
Saqsaywamán, der
Festung Cuscos, unternehmen wir in den Morgenstunden. Für 7 Euro dürfen wir die Anlage besichtigen. Auch hier findet sich wieder die geniale Architektur der Inka. Bis zu 44 Tonnen schwere Blöcke werden passgenau aneinandergefügt. Wir fragen uns, wie dies ohne die Erfindung des Rads oder Sklaven möglich war. Trotzdem war die interessantere Beobachtung, einem
Schlupfwespenweibchen mit der bereits betäubten Wirtsspinne
beim Tunnelbau beizuwohnen. Mit dem Inkamuseum füllen wir die Zeit bis zum
Mittagessen. In der bereits wohlbekannten und .geliebten Konditorei geben wir
uns noch einmal der Völlerei hin. Selbst Apfelstrudel ('strudel de manzana') wird hier angeboten. Den Nachmittag verbringen wir nochmals mit Shopping. Eine Auswahl schöner Schmuckstücke und eine Vase wird unser. Den Abend beschließen wir unweit unseres Hotels für schlappe 10 Soles (2.50 .).
Donnerstag, 14.10.2004, Der Adrenalintag
Heute fliegen wir zurück nach Lima, oder doch nicht?!
Wir packen und sind bereits um 06.00 Uhr am Cuscoer Flughafen. Wir stellen uns an der langen Check-in-Schlange an. Die Flughafengebühr wird brav entrichtet, dann beginnt das Warten. Der Abflug um 07.30 Uhr wird um eine Stunde verschoben. Der verschobene Flug wird dann nochmals um zwei Stunden verschoben. Ab dann gibt es gar keine Information mehr. Wir warten und hoffen. Die ersten Flüge werden storniert. Wir warten weiter, 10 Stunden, 11 Stunden, 12 Stunden. Gerüchte machen sich breit, schlechtes Wetter, Streik, technischer Schaden, nicht ausreichend Flugzeuge. Die Menge wird wütend. Aufgebracht wird eine Glasscheibe zertrümmert, während Meike und ich um eine Flugbestätigung für morgen kämpfen. Eine Bestätigung gibt es nicht, nur mündliche Zusagen ("mañana", wie immer). Unser Flug ist nun endgültig abgesagt. Aussichtslos und der Lügen von Aéro Continente müde, einigen wir uns auf die 20 stündige Busfahrt nach Lima, um überhaupt noch rechtzeitig unseren internationalen Rückflug zu erwischen. Bereits am Flughafenausgang werden wir abgefangen, ein Sonderbus für 25 US$ wurde von einem findigen Reiseveranstalter organisiert. Um 20.00 Uhr soll der Bus seine 16 stündige Reise antreten, so die Schlepperin. Aus 20.00 Uhr wird 21.00 Uhr, aus 16 Stunden werden fast 21 Stunden. Wir haben die Lügen satt.
Freitag, 15.10.2004
Trotz der Lügen erreichen wir gegen 18.00 Uhr Lima. Carlos, der uns bereits in Cusco telefonisch zur Seite stand, hat sich rührend um uns gekümmert und uns vom Bus abgeholt. Wir können die folgende Nacht in seinem
Apartment verbringen. Sogar gekocht hat er für uns. Nach Duschen und Essen lädt er uns noch in eine Bar ein, die europäischen Bars in nichts nachsteht. In einer Stadt, wo in Lumpen gehüllte Bettler genauso zum Straßenbild gehören wie Mercedes-Flagschiffe, verwundert selbst so eine Bar nicht mehr, obwohl ich sehr überrascht bin. Nach mehr als 40 Stunden ohne Schlaf fallen wir nach Mitternacht ins Bett. Doch ohne wenigstens einen richtigen Tanz durften wir die Bar nicht verlassen.
Samstag, 16.10.2004, Der Heimflug
Carlos bereitet uns ein Frühstück und hilft uns am Flughafen. Die Diskussion mit Aéro Continente bleibt fruchtlos, die 77 US$ bereits entrichteten Flugkosten pro Person sind wir vermutlich los. Doch Carlos will dran bleiben.
Wir verabschieden uns von ihm. Er hat sich wirklich aufmerksam um uns und unser Wohlergehen gekümmert. Es bleibt zu hoffen, dass er das Angebot, uns zu besuchen, wahrnimmt. Ich möchte mich gerne für seine Hilfe revanchieren. Der Flug von Lima nach Caracas verläuft reibungslos, ebenso der Weiterflug nach Frankfurt und die Fahrt nach Nürnberg. Die Rückkehr in den Alltag wird nach all den Eindrücken und den vielen schlaflosen Stunden sicher schwer, auf der anderen Seite sind wir aber auch froh, wieder in vertrauten Betten zu schlafen.
© 2004 Michael Pophal, Meike , Letzte Überarbeitung: 30.12.05