Reise-Tagebuch 2005

Norwegen/Hardangervidda

24.02.2005 bis 06.03.2005

von
Michael Pophal
mit
Holger und Micha

Vorwort

Nun mache ich seit 1998 mindestens einmal pro Jahr eine Schneeschuh Tour und habe bis zum heutigen Tage noch kein einziges Mal die Reiseerlebnisse niedergeschrieben. So hätte ich doch z.B. für die Hardangervidda Schneeschuh-Tour 2003 meinen Eiseinbruch in den Halne-Fjorden beschreiben können. Damals zog mich Micha aus dem Wasser raus. Die Schneeschuhe und die Trekkingklamotten zogen mich so stark nach unten, dass ich es alleine wahrscheinlich nicht aus dem Wasser geschafft hätte. Wir hatten zudem Glück, dass trotz der Kälte die Sonne genug Energie aufbrachte meine Kleidung inklusive Trekkingstiefel innerhalb der nächsten zwei Tage wieder zu trocknen. So konnten wir die Tour fortsetzen, wo jeder von uns insgeheim schon aufgegeben hatte.

Gewöhnlich gehen wir einmal im Jahr, so um Weihnachten, in den Bayerischen Wald zum 'Ausrüstungscheck'. Wir sind bei diesen Touren immer auf ausreichend Wasser angewiesen, da wir selbst nicht alles mitschleppen können. Mangels Schnee ist deshalb die diesjährige Bayrischer Wald Tour ausgefallen.

Selbst in Norwegen lag bis Geilo/Hardangervidda wenig Schnee und wir befürchteten schon das Schlimmste. In Fagerheim, unserem Startpunkt der diesjährigen Tour, wurden unsere Sorgen entkräftet. Die Tour haben wir diesmal so gelegt, dass wir überwiegend auf Seen laufen. Das hat den Vorteil, dass wenig Höhenmeter zu überwinden sind, was mit der Pulka recht beschwerlich sein kann. Zur Navigation verwendeten wir GPS, wie man hier mit Karte und Kompass navigieren kann ist mir ein Rätsel. Es gibt kaum markante Punkte oder Erhebungen und in einem 'Whiteout' ist selbst die Navigation mit GPS eine Herausforderung.

Technische Daten zu dieser Tour finden sich in der Packliste und bei den GPS Daten.

Donnerstag, 24.02.2005, Anreise

Wegen Unwetterwarnungen in Nord-Deutschland verlegen wir die Abfahrt von 4 Uhr auf Mitternacht. Außerdem soll laut Wetterbericht mit schlechten Straßenverhältnissen gerechnet werden. Die Warnungen stellten sich als falsch heraus und wir kommen gut voran. Selbst nach zwei längeren Pausen erreichen wir Kiel nach 9 Stunden Autofahrt. In Kiel bummeln wir durch die Fußgängerzone. Ich kaufe noch eine Fleecejacke als Ersatz für den vergessen Zweitpullover, Micha gönnt sich eine neue LED-Stirnlampe und Holger schlägt bei den Mützen zu. Mit Kaffee trinken und Verirren kommen wir schließlich noch rechtzeitig eine Stunde vor Ablegen am Norwegenkai an. Die Fähre legt um 14 Uhr ab und fährt, trotz angekündigtem Unwetter, wie auf Schienen. Ich bin froh drum, denn meine Seetauglichkeit lässt mich regelmäßig im Stich. Im Schiffscafè gönnen wir uns Getränke zu norwegisch, verwegenen Preisen. Wir schaffen es bis 22:30 auf zu bleiben.

Freitag, 25.02.2005, Fagerheim - Storekrækkja

Wir stehen um 7 Uhr auf, um in aller Ruhe unsere letzte Dusche für die nächste Woche zu genießen und auf Norwegen zu warten. Pünktlich um 9:30 legen wir an und verlassen Oslo nach kurzer Zeit in Richtung Drammen. Eine Stunde später erreichen wir bereits Kongsberg, wo wir wie jedes Jahr, in der Konditorei ein Päuschen einlegen. Nachdem wir uns für etwas Gebäck um 40 € erleichtert haben, geht es weiter nach Fagerheim. Die Strecke hierher war weitestgehend vereist. Ohne Spikes ist bei Steigungen und Gefälle von 7% nicht mehr viel Tempo drin. Um 15:15 (ca. 1000 Auto-km) kommen wir dort bei strahlendem Sonnenschein an. Bei -12°C packen wir die Pulka, ziehen uns um und eineinhalb Stunden später geht's los. Holger und ich ziehen die Pulka auf den See Storekrækkja. Der Sonnenuntergang tüncht die im Osten liegen Hänge in lila Farben. Ein Farbschauspiel, dass nur in dieser weiß verschneiten Landschaft so zur Geltung kommt. Die Strecke auf dem See zieht sich ewig. Fast macht es den Anschein, das Ziel läuft vor einem her. In der Nähe des zweiten Navigationspunktes, auf dem See, bauen wir unser Lager auf. Es hat bereits -16°C. Wie gewohnt graben wir unser 'magic-L' in die Apsis unseres Tunnelzeltes, damit jeder einigermaßen komfortabel sitzen kann. Der Schnee gibt hier leider bereits nach 30 cm das Eis frei. Mein neu erstandener Benzinkocher 'Optimus Nova' wird in Betrieb genommen. Die erste Enttäuschung lässt nicht lange auf sich warten. Der Kocher spuckt und geht wieder aus. Neu zünden lässt er sich auch nicht mehr, wenn er heiß ist. Na prima! Zur Reserve habe ich noch meinen MSR Whisperlite dabei, damit die Küche beim Ausfall des teueren Optimus nicht kalt bleibt. Schwedische Qualität für 160 €. Letztendlich bekommen wir unser Essen doch noch hin.

Samstag, 26.02.2005, Finnsbergvatnet

Bei -22°C mussten wir natürlich alle mal raus zum Blase entleeren. Selbst diese kurze Zeit im Freien reicht zum Auskühlen des Schlafsackes und natürlich des Körpers. Mit klammen Pfoten geht es wieder in den Schlafsack zurück. Wir schlafen bis 9:45. Die Sonne versteckt sich hinter den Wolken. Zum Frühstück gibt es gefrorene Tomaten mit Bolognese Nudeln, Tee, gefrorene Bananen mit Kinder-Grießbrei. Am gefrorenen Apfel sind wir leider gescheitert, er wollte sich nicht mehr zersägen lassen. Natürlich schleppen wir keine frischen Lebensmittel mit uns rum, das sind noch Reste von der Anreise und werden schnellstmöglich verbraucht. Der Brenner macht immer noch Schwierigkeiten. Wir haben ihn zerlegt, Düse ausgebaut und mit Sprit gereinigt. Es kam ganz schön Dreck aus der Leitung. Bei einem so teuren Kocher darf so was nicht passieren, dass in einem nagelneuen Gerät noch Fertigungsrückstände sind, die die empfindliche Düse verstopfen. Die Sonne ist mittlerweile rausgekommen und mit ihr eine steife Prise eiskalten Windes. Das Kondenswasser vom Kochen und vom Atem tropft von der Zeltwand. Weiter hinten im Zelt schneit es bei jeder Bewegung. Wir legen die Schlafsäcke raus in die Sonne zum Trocknen (-8°C). Erst um 14 Uhr kommen wir mit Kochen, Zeltabbauen und Pulka packen los. Holger und Micha ziehen die Pulka. Der eisige Wind zieht ins Gesicht und schmerzt. Die vereisten Hänge glitzern in der Sonne, der Himmel ist strahlend blau. Der Wind treibt Schwaden von aufgewirbeltem Schnee auf dem glänzenden Boden vor sich her. An einer Sommerhütte, auf einer Landzunge am Dragøyfjorden, machen wir eine kurze Pause. Meine beiden Oberschenkel (Hüftbeuger) schmerzen, wie schon die letzten Male. Ich hoffe, das lässt wieder nach. Nach ca. dreieinviertel Stunden bauen wir unser Lager auf dem Finnsbergvatnet nahe dem Navigationspunkt 6 auf (-12°C). Uns begegnet ein Trupp Langläufer, die kopfschüttelnd weiterziehen. Wir kochen Tee, Suppe und Kartoffelbrei mit Würstchen. Trotz der vielen Kleidung kriecht immer wieder Kälte in mir hoch und schließlich setze ich mich mit meinem Schlafsack, umhüllt mit einem Müllsack, in unser 'magic-L'. Diese Konstruktion hat sich schon die letzten Touren sehr bewährt. Im Schlafsack trage ich noch Daunenschuhe, der Schlafsack selbst steht auf meinem Therm-a-Rest Sitzkissen. So ist alles bestens isoliert und nichts wird nass. Leider bin ich wieder der letzte der einschläft und so habe ich wieder gewaltig mit Holgers Schnarchen zu kämpfen.

Sonntag, 27.02.2005,

Bei -12°C ist es bewölkt und windig. Wir frühstücken Thaisuppe, Baby-Grießbrei und Bolognese Nudeln. Ein Motorschlitten stört unsere Ruhe, während er einen Langlaufweg mit Stöcken markiert. Bei Sonne brechen wir gegen 13 Uhr auf, Holger und ich ziehen die Pulka. Windböen treiben Schneeschwaden vor sich her. Der Wind bläst aus allen Richtungen und ist eiskalt. Wir überqueren den Finnsbergvatnet und suchen bei einem Fels Windschutz für ein kleines Päuschen. Micha löst Holger beim Pulka ziehen ab. Die Schmerzen in meinen Oberschenkeln blieben heute Gott sei Dank aus. Die aufgewirbelten Schneeschwaden verraten Windrichtung und -stärke. Das Schneetreiben lässt unsere Füße samt Schneeschuhe im diffusen Licht verschwinden. Mittlerweile laufen wir mit dem Wind und erfreuen uns des grandiosen Wind-Schnee-Schauspieles bei strahlend blauem Himmel. Die Schwaden ziehen die Hänge hinauf, umstreichen Felsen und bewegen sich über die in der Sonne gleißenden Eisflächen. Wir erklimmen eine Anhöhe westlich des Langevatnet mit einem wunderschönen Blick auf ein Tal. Wir beschließen, an diesem schönen Platz unser Zelt aufzuschlagen. Kurze Zeit haben wir noch Sonne, doch bald wird es wieder kalt. Bei -14°C kochen wir im Zelt Tomaten-Mozarella-Suppe mit unseren letzten gefrorenen Tomaten, Chop Suey und Früchtejoghurt-Baby-Brei. Wir nutzen die Zeit, Tee für morgen Früh zu kochen. Der Kocher scheint nach der Generalüberholung von vorgestern endlich fehlerfrei zu arbeiten.

Alles in allem war der heutige Tag traumhaft schön, sowohl vom Wetter als auch landschaftlich. Wir beschließen hier unser Basislager aufzuschlagen und werden die Südroute wegfallen lassen. Diese wäre ein Schleife südlich von Fagerheim gewesen und ausschließlich auf Seen verlaufen. Laut Internet (Anruf bei Meike) sollen die nächsten Tage nicht mehr so schön werden, Schnee und Bewölkung. Wir werden morgen wahrscheinlich unser Iglu bauen, um dort die nächsten Tage verbringen zu können.

Montag, 28.02.2005,

Wir stehen um 10 Uhr auf. Es hat die ganze Nacht geschneit und es schneit immer noch. Die Pulka ist im Schnee fast komplett verschwunden. Wir kochen Spinat-Knoblauch-Suppe und Baby-Brei und bereiten uns für den Bau des Iglus vor. Wasserfeste Kleidung - Hose, Jacke, Handschuhe. Von 12:30 bis 19:30 bauen wir das Iglu, während das Thermometer von -10°C bis +2°C schwankt. Es pfeift ein ordentlicher Wind und es schneit immer noch. Unsere Klamotten sind patschnass vom Tauwetter und vielen Schnee, bzw. jetzt sind sie steifgefroren. Durch das kurzzeitige Tauwetter ist das Zelt jetzt nicht mehr von Schnee sondern von Eisplatten bedeckt. Das Iglu besteht aus 6 Reihen Schneebausteinen, das Dach konnten wir mit 2 extra zugeschnittenen Schneesteinen schließen. Der Radius ist 150 cm, der Eingang ca. 150 cm tief in den Schnee gegraben. Durch den tiefen Eingang wollen wir verhindern, das ständig kalte Luft von draußen einströmen kann. Durch den Iglu haben wir es deutlich komfortabler als im Zelt. Wir schneiden Sitzbänke in den Schnee und können bei absoluter Windstille und ~5°C in aller Ruhe kochen. Draußen pfeift der Wind bei -12°C. Bei stockdunkler Nacht und sternenklarem Himmel scheint das Licht der Kerze an manchen Stellen durch das Iglu und lässt den Eindruck erwecken, man stehe vor einem riesigen glühenden Kohlenhaufen. Kein Geräusch von drinnen dringt nach außen. Die Schneebausteine scheinen Schall komplett zu schlucken. Hinter dem Iglu gähnt ein großes Loch im Schnee, dem wir die Steine mit der Schneesäge abgerungen haben. Hoffentlich fällt da keiner schlaftrunken mal rein.

Dienstag, 01.03.2005,

Über Nacht wurde es ziemlich unangenehm, ein starker Wind bei -14°C fordert die ganze Überwindung für die nächtliche Entleerung. Keine Ahnung warum wir nachts immer raus müssen, zu Hause ist das nie so. Der Wind hat unseren Schneesteinbruch fast komplett zugeweht, selbst der Eingang des Iglus ist mit Schnee verweht und in den Iglu ist etwas Schnee eingedrungen. Die Pulka ist fast im Schnee verschwunden. Wir kochen Heidelbeer-Joghurt-Brei, Pasta al Funghi, sauscharfes Thaisüppchen und Tee. Wir sitzen etwas unentschlossen im Iglu, dann im Zelt. Wir versuchen unsere Klamotten und Schlafsäcke in der Sonne zu trocken, doch leider reicht die Sonne nicht aus. Heute wollen wir den Iglu noch mit einem Windschutz versehen, der gestern vor den Eingang gehängte Müllsack hat seinen Dienst nicht zu unser vollsten Zufriedenheit getan. Bei -14°C versuchen wir mit kleinen Wanderungen wieder Leben in die Zehen zu bekommen. Selbst mein Schlafsack vermag nicht meine Füße aufzuwärmen. Holger und Micha haben bereits den Eingang des Iglus noch tiefer gelegt, um weiteren Kaltlufteinbruch zu verhindern. Ich dichte das Iglu von außen noch etwas ab. Im Iglu scheint bereits die Kerze und erhellt den ganzen Raum. Kein zusätzliches Licht ist mehr nötig. Es hat draußen bereits auf -18°C abgekühlt, im Iglu herrschen an den Füssen -10°C, im Kopfbereich -4°C. Wir kochen Nudeln Bolognese mit Parmesan, Sommergemüse-Suppe und Kartoffel-Linsen-Suppe. Der Kocher spuckt wieder und arbeitet unzuverlässig. Da der Kocher im heißen Zustand kaum entzündet werden kann, kühlt natürlich auch das Essen immer wieder etwas ab. Ich werde versuchen diesen 'sauteuren' Kocher wieder an Globetrotter zurück zu schicken.

Mittwoch, 02.03.2005,

Morgens zeigt das Thermometer -27°C, es könnte nachts also noch etwas kälter gewesen sein. Natürlich mussten wir nachts alle mal wieder raus, bei solch einer Temperatur ist man in kürzester Zeit ausgekühlt. Der Polarschlafsack ist zwar genial, jedoch stößt er hier schon langsam an seine Grenze, vielleicht sollte ich noch ein paar Daunen nachrüsten. Jeder Positionswechsel auf der Isomatte drückt die Kälte der Schlafsackaußenhaut nach innen. Um 9 Uhr scheint die Sonne bereits ins Zelt bei strahlendblauem Himmel. Mit den kalten Füßen müssen wir die -27°C kalten und gefrorenen Wanderstiefel aufwärmen. Als erstes mache ich eine kleine Wanderung, um wieder Wärme in die kalten Glieder zu bekommen. Die Schlafsäcke sind mit Eiskristallen überzogen und werden sofort in die Sonne gelegt. Im Iglu wird erst mal Tee getrunken und Tomaten-Mozarella Suppe gekocht. Um 13 Uhr bei -18°C marschieren wir ohne Gepäck zum nächsten ca. 150 m höheren Gipfel und erreichen ihn nach ca. einer Stunde Aufstieg. Der Wind hört auf zu blasen und so können wir uns im Pullover von der Sonne wärmen lassen. Trotz der -18°C ist es angenehm warm und wir genießen fast eine ganze Stunde lang den grandiosen Ausblick auf das vor uns liegende Tal. Bei einem Blick auf die Karte bemerkten wir, dass die angenommenen 5 km zurück zur Straße nun doch 15 km sind und wir deshalb bereits morgen unser Lager hier aufgeben müssen. Am Iglu hat es bereits wieder -20°C und 15 Minuten später schon -25°C. Dieser rapide Temperaturabfall macht uns etwas Sorgen. Wird es diese Nacht noch kälter? Das morgige Zusammenpacken kann angesichts der niedrigen Temperaturen zu einer ziemlichen Quälerei werden. Wir halten uns deshalb die Option offen, die 15 km in einem Stück zu laufen, um uns eine weitere Nacht zu sparen. Im Iglu gibt's erst mal Kaffee und Kuchen (=Cappuccinopulver + Müsli-Riegel). Beim anschließenden Neustart des Brenners stellte sich heraus, dass die Bajonett-Kupplung zum Pumpenkopf undicht ist. Der Kocher macht mich langsam echt sauer. Mit eiskalten Fingern hantiere ich an der Kupplung rum, während ständig Benzin über die Pfoten läuft. Schließlich ignorieren wir die Undichtigkeit und hoffen, den Iglu nicht in die Luft zu jagen, es gibt Broccoli-Blumenkohl Suppe. Die Kupplung bleibt dicht, solange sie nicht bewegt wird. Der zweite Gang, Straciatella-Baby-Brei schmeckt sehr gut und Chop Suey schließt unser Abendessen ab. Für morgen früh haben wir bereits 2 Liter Tee gekocht und unsere Sigg-Isoflaschen mit noch mal 2 Litern heißem Wasser gefüllt. Diese Flaschen dienen nachts als Wärmflaschen und morgens dann gleich als Suppenwasser. Um 19 Uhr hat es bereits -27°C und es ist sternenklarer Himmel. Hoffentlich hört das Thermometer bald mal auf zu fallen. Wir gehen bald zu Schlafsack. Die befürchtete Kälte bleibt aus, die Temperatur steigt wieder auf -22°C.

Donnerstag, 03.03.2005,

Wir stehen bereits um 8:45 Uhr auf, da wir heute die 15 km laufen wollen. Es hat -18°C, die Sonne kommt manchmal hinten den Wolken vor und leise rieselt der Schnee. Wir kochen im Iglu und bauen parallel unser Lager ab. Es gibt Spinat-Knoblauch-Suppe und Kartoffelbrei mit Würstchen. Für die heutige Strecke steht noch ein ganzer Sack 'Fun' zur Verfügung. Die Sonne verschwindet endgültig. Kurz vor zwölf laufen wir los. Holger und ich ziehen die Pulka. Durch den Neuschnee ist das Ziehen ziemlich beschwerlich. Das Gelände ist sehr hügelig und so ziehen wir die Pulka bergauf und durch den bremsenden Schnee auch wieder bergab. Der Himmel ist weiß in grau und lässt alle Konturen verschwinden. Bei manchen Streckenabschnitten ist überhaupt kein Gelände mehr zu erkennen, jeder Schritt geht ins Ungewisse. Nur noch an der Anstrengung lässt sich erkennen, ob es bergauf oder bergab geht. Navigation mit dem Kompass wäre hier nicht möglich, da wirklich nichts mehr zu sehen ist, kein Horizont, kein Himmel, kein Boden. Der heftige Wind lässt keine Pausen zu und so kommen wir nur zu Atem beim Essen eines Fun-Stückchens, bzw. beim Trinken eines Schluckes Tee. Die Jacke ist steifgefroren und taut erst nach körperlicher Anstrengung wieder auf. Die Haare sind an der Kapuze festgefroren. Irgendwann erreichen wir die Straße nach Geilo. Micha versucht ein Auto aufzuhalten, um nach Fagerheim zu trampen, während Holger und ich noch die Pulka bis Halne ziehen. Micha musste wohl fast das ganze Stück (5 km) nach Fagerheim laufen. Holger und ich versuchen uns in dem Windfang des Cafès aufzuwärmen. Das Cafè ist zwar derzeit nicht bewirtschaftet, aber wegen Servicearbeiten ist die Tür offen. Ein unfreundlicher Arbeiter treibt uns wieder raus in die Kälte. Nass geschwitzt und etwas erledigt stehen wir neben dem Cafè-Thermometer, welches -17°C anzeigt. Merkwürdigerweise zeigt unser Thermometer hier -8°C an. Welches stimmt wohl? Welchen Temperaturen waren wir nun wirklich dort oben ausgesetzt? Nach ca. einer Stunde kommt Micha mit dem Auto. Schnell ist alles verladen. Wir kriechen auf der vereisten Strecke die 48 km nach Geilo. Das altbewährte Hotel wird renoviert. In Geilo Apartments (GA) bekommen wir für 1020 NOK (~125 €) eine Unterkunft. In der Dusche erlebe ich meine Wiedergeburt. Die warme Umgebung erschlägt uns, wir sind fix und fertig. Beim Chinesen gönnen wir uns richtig leckeres Essen für norwegische Preise. Insgesamt lassen wir 100 € für unsere drei Gericht zurück. Hundemüde fallen wir in die Betten.

Freitag, 04.03.2005, Oslo

Wir packen die Pulka aufs Auto und fahren nach Oslo. Diesmal nehmen wir die andere Route von Geilo aus (nicht über Kongsberg). Die Strecke ist zwar schöner zu befahren, da die Straßen besser ausgebaut sind, jedoch schneller kommen auch nicht voran. In der Touristinfo an der Sentral Stasjon lassen wir uns die Pension 'Cochs Pensjonat' in der Parkveien 25 für 795 NOK/Nacht reservieren. Zuerst laufen wir ziemlich plan- und ziellos in der Osloer Fußgängerzone umher, beziehen dann unser Zimmer und verbringen den Abend in einem Cafè. Bei Kaffee, Bier und an die Wand gebeamtem 'Extrem TV' planen wir den nächsten Tag und palavern über Erlebtes und noch zu Erlebendes. Morgen wollen wir noch ein paar Museen anschauen, bis die Fähre um 14 Uhr ablegt. Zur Auswahl stehen das Wikingerschiff-Museum, das Polarschiff-Fram-Museum und das Kon-Tiki-Museum von und über Thor Heyerdahl.

Samstag, 05.03.2005, Heimfahrt

Viel zu früh stehen wir vor den Museen und frieren uns, bei entsprechender Museums- und Heimfahrbekleidung die Zehen ab. Das Fram-Museum ist zu unserer Überraschung auch nicht beheizt und so frieren wir hier weiter. Hier werden die einzelnen Pol-Expeditionen dokumentiert und geben einen Eindruck, was wirklich kalt ist. Die Jungs sind vor hundert Jahren mit deutlich schlechterer Ausrüstung bei deutlich tieferen Temperaturen unterwegs gewesen.

Im Kon-Tiki-Museum werden die Forschungsergebnisse und Erlebnisse des Abenteurers und Weltbürgers Thor Heyerdahl ausgestellt. Es gibt sie also noch, die Abenteurer. 2002 ist Herr Heyerdahl gestorben und hinterlässt eindrucksvolle Bilder seiner Reisen. Mit seinen Schilfschiffen,  RA I+II und Kon-Tiki, bewies er, dass frühere Kulturen damals durchaus zum Kulturaustausch in der Lage gewesen sein könnten. Er überquerte damit den Atlantik, Persischen Golf und Pazifik.

Die Abfahrt der Fähre verspätet sich um 45 Minuten und so erreichen wir Kiel erst am nächsten Morgen um 10:30. Am Sonntag erreichen wir gegen 17:45 Nürnberg.


© 2005 Michael Pophal, Letzte Überarbeitung: 08.03.05